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Rezensionsaufsatz

Kriegsbeendigung ohne Frieden: Neue Literatur zum Ende des Ersten Weltkriegs und zu den Friedensbemühungen nach 1918/19


Abstract

Ending the War without Peace: New Literature on the End of the First World War and on Peace Efforts after 1918/19

The centennial of the end of the First World War has brought forth a number of scholarly contributions which shed new light on some crucial aspects of the well-researched final phase of the Great War and its aftermath. This paper mainly refers to the broadening scope of the literature vis-à-vis the inevitability of the German defeat in 1918 as well as the more and more differentiated view of the merits and failures of the post-war international order established by the Paris Peace Conference in 1919. While the Versailles system has been experiencing a widening perception from a normative and legal as well as a post-colonial perspective in recent years, especially the interpretation of the end of the war in Germany derives considerable benefit from insights from military history and strateg

Keywords: Rezensionsaufsatz, Rotte, Ralph, Erster Weltkrieg, Friedensverhandlungen, Versailler Vertrag, Waffenstillstand 1918, Revolution 1918, Internationale Beziehungen

How to Cite:

Rotte, R., (2020) “Kriegsbeendigung ohne Frieden: Neue Literatur zum Ende des Ersten Weltkriegs und zu den Friedensbemühungen nach 1918/19”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00241-2

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2020-08-05

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Zu den hundertsten Jahrestagen des Waffenstillstands vom 11. November 1918 und der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 ist eine Reihe von Monografien und Sammelbänden erschienen, die sich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und seinen Folgen befassen. Nun könnte man meinen, dass nach einem Jahrhundert wissenschaftlicher Forschung und teilweise erbitterter öffentlicher wie akademischer Debatten bereits alles Wesentliche gesagt sei, doch zwei zentrale Aspekte führen dazu, dass die Befassung mit den Ereignissen von 1918/19 nicht nur in der Geschichtswissenschaft noch immer oder wieder Konjunktur hat. Zum einen ist hier die bleibende Aktualität des Weltkrieges und seiner Folgen zu nennen, sei es hinsichtlich territorialer und ideologischer Konflikte der Gegenwart, die – auch über die Wirkungen des Zweiten Weltkrieges als Folge des Ersten – ohne Kenntnis der politischen Entwicklungen von 1918/19 nicht zu verstehen sind. Hier ist etwa an die russischen Ansprüche gegenüber der Ukraine zu denken, die 1918 unter deutscher Ägide für kurze Zeit ein formal unabhängiger Staat wurde. In diesem Zusammenhang ist auch in den nächsten Jahren mit einigen Veröffentlichungen zu rechnen, wenn es etwa um die Pariser Vorortverträge von 1919/20 und insbesondere ihre Teilrevision im Lausanner Vertrag von 1923 geht, dessen Bestimmungen der gegenwärtige Präsident der Türkei, Recep Erdoğan, offenbar gerne grundsätzlich verändern möchte. Zum anderen liegt eine weitere, wissenschaftsimmanente Motivation der Befassung mit der Zeit von 1918/19 darin, dass sich, auch unter dem Eindruck eines sich wandelnden Zeitgeistes, die Perspektiven auf das Ende des ‚Großen Krieges‘ immer wieder verschieben. Dies gilt sowohl für die Stärkung alltags- und mentalitätshistorischer Betrachtungsweisen seit den 1980er Jahren oder die in den 1990er Jahren zu beobachtende „Militärgeschichte von unten“1 als auch für die immer wieder stattfindenden Revisionen der klassischen Politikgeschichte.2 Im Folgenden sei vor diesem Hintergrund auf einige, aus historischer wie sozialwissenschaftlicher Sicht mehr oder weniger bemerkenswerte Werke verwiesen, die sich mit der Niederlage der Mittelmächte 1918, dem innenpolitischen Umsturz in Deutschland 1918/19 sowie den Leistungen und Problemen der Versailler Friedenskonferenz und ihren längerfristigen Folgen befassen. Auch wenn damit die Konsequenzen des Ersten Weltkrieges für die deutsche und europäische Politik beziehungsweise die globale Ordnung insgesamt im Fokus des folgenden Literaturberichts stehen, soll in diesem Zusammenhang die globalhistorische Dimension nicht unterschlagen werden, welche in der geschichtswissenschaftlichen Forschung ebenfalls zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Dies wird auch in einigen der besprochenen Titel sichtbar. Dazu gehören insbesondere die Rolle des Versailler Systems bei der Aufrechterhaltung der imperialistisch geprägten Weltordnung bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit den daraus resultierenden schmerzhaften Problemen der Entkolonialisierung und der postkolonialen Welt sowie die von den Beschlüssen der Pariser Konferenz ausgehenden Wirkungen für zeitgenössische wie aktuelle Konflikte in Asien oder im Nahen Osten.

Eine denkbar knappe Entscheidung des Krieges?

Das wohl spannendste und zugleich vielleicht provokativste Buch zur deutschen Niederlage 1918 stammt von dem in Leeds lehrenden Historiker Holger Afflerbach.3 Er wendet sich ähnlich wie Christopher Clark gegen die in Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“ erstmals aufgestellte These eines systematischen Willens des militaristisch-imperialistischen Deutschen Reiches zum expansionistischen Großkrieg und zum anderen gegen die wohl noch stärker etablierte Auffassung, dass Deutschland den Weltkrieg nur verlieren konnte. Schließlich entspricht es der gängigen Interpretation, dass Deutschland mit seinen eher schwachen Verbündeten und aufgrund seiner immensen demografischen und wirtschaftlichen Unterlegenheit gegenüber den vereinten Kräften von drei, ab 1917 sogar von vier Großmächten, darunter den globalen ökonomisch-finanziellen Führungsmächten Großbritannien und USA, gar nicht das materielle Potenzial hatte, sich in diesem industriellen Krieg zu behaupten. Ungeachtet einzelner Gegenstimmen wie derjenigen von David Stevenson4, findet sich diese Perspektive nicht zuletzt ganz deutlich in der angelsächsischen Geschichtsschreibung, welche im Hinblick auf die Kriegs- und Militärgeschichte traditionell ein wesentlich höheres Gewicht auf logistische und kriegswirtschaftliche Aspekte legt, als dies lange Zeit in der deutschen Forschung der Fall war. Der Entschluss zum Krieg und seine Fortführung nach dem Scheitern des vorgeblichen ‚Siegesrezepts‘ des Schlieffen-Plans erscheinen damit je nach Position des Betrachters als Resultat irrationalen Wunschdenkens, politisch-diplomatischer Fehlkalkulation, militaristisch-chauvinistischer Hybris oder resignativer Flucht nach vorne durch eine vom gesellschaftlichen und wirtschaftlich-technologischen Wandel überforderte politisch-militärische Elite. Man denke nur an das berühmt-berüchtigte Diktum des preußischen Kriegsministers Erich von Falkenhayn zu Beginn des Krieges 1914: „Und wenn wir darüber zugrunde gehen – schön war’s doch!“. Seine zentrale Motivation umschreibt Holger Afflerbach vor diesem Hintergrund und den eingangs erwähnten stark sozialhistorisch orientierten Trends der letzten Jahrzehnte dahingehend,

dass die Standardinterpretation der deutschen Politik und Strategie im Ersten Weltkrieg […] in die Irre geht und einer Korrektur bedarf […]. […] Forschungen [seit den 1970er Jahren, R. R.] haben eine Reihe interessanter und innovativer Studien hervorgebracht […]. Doch sie liefern in zunehmender Ausschließlichkeit die Geschichte von „Opfern“ des Krieges. Was die „Verantwortlichen“ angeht, die politischen und militärischen Entscheidungsträger, leben wir von Forschungen, die inzwischen fast sechzig Jahre alt sind. (S. 11 f.)

Aus einer über den Kontext der Geschichtswissenschaft hinausgehenden sozialwissenschaftlichen Perspektive möchte man zustimmend ergänzen, dass diese Tendenz gerade im deutschsprachigen Raum auch als Ausdruck einer breiteren, grundsätzlichen Abneigung gegenüber strategischen und militärpolitisch geprägten Fragestellungen interpretierbar ist. Schließlich befassen sich diese letztlich mit Kriegführung im Clausewitz’schen Sinne als Instrument der Politik, einer lang verpönten Sichtweise, die erst in jüngster Zeit allmählich wieder stärker rezipiert wird.5

Afflerbachs zentrale These lautet: „Dieser Krieg hätte als Remis enden können und […] fast müssen, und die deutsche Führung musste schwere Fehler begehen, um ihn zu verlieren“ (S. 12 f.). Um diese These zu untermauern, führt der Verfasser auf eine sehr lesenswerte Tour de Force der politischen und militärischen Geschichte des Ersten Weltkriegs, in der praktisch alle klassischen Streitfragen der Kriegführung 1914 bis 1918 angesprochen und kritisch zugespitzt werden. So wird das politische Entscheidungschaos in der deutschen Führung in der Julikrise, ganz im Gegensatz zur Vorstellung eines systematisch vorbereiteten Aggressionskriegs zur Unterwerfung Europas, dahingehend charakterisiert, dass die „Militärs […] ihr Können unter Beweis stellen [wollten]. Die Politiker und Diplomaten sahen, dass ihre Politik katastrophal entgleist war, und suchten das Beste aus der Situation zu machen. Der Kaiser wusste nicht, worum es ging […]“ (S. 42). Die Bedeutung des ‚Wunders an der Marne‘ (und damit des Schlieffen-Plans) wird in dem Sinne relativiert, „dass die Marne gar kein wirklicher Wendepunkt war, an dem ein guter Plan jämmerlich scheiterte und der sichere Sieg den deutschen Händen entrissen wurde. Sie war aber der Punkt, an dem die eklatanten Schwächen des deutschen Angriffsplans offensichtlich wurden und auch nicht mehr durch den unvergleichlichen Elan der deutschen Truppen […] überdeckt werden konnten“ (S. 72). Dem umstrittenen Chef der zweiten Obersten Heeresleitung (OHL), Erich von Falkenhayn, wird attestiert, dass er schneller „als seine alliierten Gegenspieler und auch als seine Generalstabskameraden […] die Kampfbedingungen des Ersten Weltkrieges verstanden“ habe (S. 186), woraus Afflerbach für die Planung des ‚Ausblutens‘ der französischen Armee durch den Angriff auf Verdun folgert, dass die „Idee […] von zynischer Gefühlskälte, aber militärisch nicht ohne eine gewisse Genialität“ (S. 195) gewesen sei. In ähnlicher Weise wird die Grundüberzeugung der 3. OHL, insbesondere Erich Ludendorffs, angesichts der mangelnden Verhandlungsbereitschaft der Entente auf einen militärischen Erfolg zu setzen, als „gar nicht so falsch“ (S. 194) charakterisiert, denn die

Hardliner auf beiden Seiten konnten sich […] auch deshalb durchsetzen, weil sie auf ihresgleichen in den Feindstaaten verweisen konnten. Ludendorff brauchte jemanden wie Lloyd George, um immer wieder die Unnachgiebigkeit der Gegenseite […] nachweisen zu können, und dieser brauchte Ludendorff als die Verkörperung des preußischen Militarismus, den es zu vernichten gelte. Ludendorff hatte in dieser Situation nicht ganz Unrecht, wenn er feststellte, dass für das Deutsche Reich militärische Erfolge das realistische Gegenmittel waren und die Alternative dazu eine Art freiwilliger Kapitulation. Worin er sich katastrophal irrte, war, wie diese militärischen Erfolge erreicht werden sollten. (S. 247)

Hier spricht der Autor den aus seiner Sicht zentralen Aspekt des Krieges und Kriegsausgangs an: das Zusammenspiel der leichtsinnigen und verantwortungslosen Inkaufnahme des Krieges durch die Mittelmächte und die Kompromisslosigkeit der Entente, die den Krieg bis zur Niederkämpfung des als fundamental aggressiv und den eigenen Expansionsplänen im Weg stehend wahrgenommenen Deutschlands weiterführen wollte: „Der Kriegsausbruch ging eher auf das Konto der Zentralmächte und Russlands; die überlange Kriegsdauer eindeutig auf das der Westmächte und Italiens“ (S. 521). Dass es so lange ein strategisches Patt in diesem Krieg gab, war trotz der deutschen Versäumnisse und Fehler bei der Kriegsvorbereitung und der Mobilisierung der deutschen Wirtschaft durch das Hilfsdienstgesetz von 1916 nicht zuletzt auch der höheren militärischen Effizienz der Mittelmächte geschuldet, die sich etwa in dem von Afflerbach zitierten „extrem zynischen“ Maßstab Niall Fergusons ablesen lässt, dass die Mittelmächte rechnerisch 11.345 US-Dollar aufwenden mussten, um einen feindlichen Soldaten zu töten, die Entente umgekehrt jedoch 36.485 US-Dollar (S. 513). Dieses Ergebnis einer durchgängig höheren combat effectiveness der deutschen Armee wird übrigens in der empirischen Kriegsforschung deutlich bestätigt; so betrug das militärische Verlustverhältnis der Westalliierten gegenüber den Deutschen in beiden Weltkriegen relativ konstant im Durchschnitt 3 zu 2; dasjenige der russischen beziehungsweise sowjetischen Armee ein Vielfaches davon.6

In dieser Situation führten laut Afflerbach zwei fundamentale Fehler der deutschen Führung dazu, dass ein eigentlich vorgezeichnetes ‚Remis‘ in Form eines Verhandlungsfriedens nicht zustande kam. Zum einen agierte sie im Dezember 1916 angesichts der Friedensinitiative von US-Präsident Woodrow Wilson, der die Ablehnung des deutschen Friedensangebots durch die Alliierten unmittelbar vorausgegangen war, ausgesprochen ungeschickt, indem sie nur ausweichend antwortete. Damit wurde die Chance vertan, den US-Präsidenten dazu zu bewegen, seine beträchtlichen wirtschaftlichen und finanziellen Druckmittel gegenüber Großbritannien und Frankreich dazu einzusetzen, um sie zu einem „peace without victory“ zu zwingen (S. 291). Der zweite Fehler war laut Afflerbach die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U‑Boot-Krieges Anfang 1917, der in völliger Verkennung der seestrategischen Situation und des militärischen Potenzials der USA den amerikanischen Kriegseintritt in Kauf nahm und die Chance auf einen Verhandlungsfrieden zerstörte:

Mit nur geringer Übertreibung könnte gesagt werden, dass die deutsche Führung, trotz ihrer radikalen Methoden, einen begrenzten oder normalen Krieg im Sinne Clausewitz’ führen, die Entente hingegen bis zum Sieg kämpfen wollte, und dass dies schon seit 1914 so war. Falkenhayn wollte, dass den Gegnern durch Angriffsoperationen „eingehämmert“ werde, „wie wenig sie imstande seien, den Preis für unsere Überwältigung zu zahlen.“ Das Vokabular war aggressiv, aber dem Gedankengang lag die Hoffnung zugrunde, die Gegner würden eine nüchterne Kosten-Nutzenanalyse betreiben und sie würden deshalb irgendwann einsehen, dass sie ein Sieg über Deutschland viel zu teuer zu stehen käme. […] Der „Sieg“, auf den die Entente setzte, war eine unreflektierte Zielsetzung. […] Stattdessen dominierte das Faktum, dass sich die Entente den am Krieg schuldigen Mittelmächten moralisch weit überlegen fühlte. Ab dem April 1917 nahm niemand diese Haltung entschiedener ein als Präsident Wilson […]. (S. 319 f.)

Mit der folgenden zusätzlichen Ideologisierung des Krieges als Kampf der Demokratien gegen Militarismus und Autokratie (spätestens seit dem faktischen Ausscheiden Russlands) war das ‚Remis‘ demnach endgültig verspielt. Gerade dieser Aspekt der Wandlung des Krieges zum Weltanschauungskrieg kommt in der gängigen Interpretation des Ersten Weltkriegs als Auseinandersetzung zwischen den führenden Mächten des Hochimperialismus oft zu kurz. Denn der Konflikt erfuhr tatsächlich spätestens mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten eine quasi-religiöse ideologische Überhöhung, die letztlich aus einem Machtkampf imperialistischer Staaten einen existenziellen Weltanschauungskonflikt zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘ machte, für dessen unverrückbare ideologische Freund-Feind-Wahrnehmung der US-Präsident, geprägt durch seine Ambitionen, erst als Friedensvermittler, dann als ‚Retter‘ Europas und der Welt zu wirken, stand. Dieser Kompromisslosigkeit entsprach auf deutscher Seite die stark religiös anmutende, pathetisch-nationalistische Überhöhung des Krieges in Folge der Radikalisierung der ‚Ideen von 1914‘ zum historischen, interkulturellen „Weltringen.“7 In einer solchen Konstellation einer Armageddon-artigen Interpretation des Krieges war offensichtlich für ein auf rationalem Verhandlungsweg zustande gekommenes Remis kein Platz.

Holger Afflerbach greift auf Einsichten zurück, die bereits in der Zwischenkriegszeit intensiv und kontrovers diskutiert wurden8; man denke hier beispielhaft an die Debatten über die Chancen eines ‚Durchkämpfens‘ der Marne-Schlacht, über die nach 1918 Unmengen von Tinte vergossen wurde, oder um die Möglichkeiten einer Fortführung des Krieges im Herbst 1918.9 In diesem Sinne sind die Ergebnisse des Buches nicht wirklich neu, wobei anzumerken ist, dass die Argumentation in keiner Weise die Perspektive eines deutschnationalistischen Revisionismus à la Dolchstoßlegende stützt. Gerade Afflerbachs Verbindung von innen- und außenpolitischen sowie militärischen Perspektiven im Sinne einer strategic history nach Colin Gray verdeutlicht klar, dass eine Vernachlässigung operativer und genuin strategischer Aspekte oder der innenpolitisch beschränkten und ideologisch verzerrten Interaktion zwischen den Kriegsgegnern allzu leicht zu unterkomplexen Erklärungen des Kriegsverlaufs führt. Vielleicht stand der Kriegsausgang letztlich nicht ganz so deutlich „auf Messers Schneide“, wie der Verfasser etwas sehr plakativ formuliert, weil auch er die ideologische Dimension des Konflikts noch unterschätzt. Aber synoptisch aufzuzeigen, dass der Kriegsausgang weit weniger klar vorbestimmt war, als es der gängigen Wahrnehmung entspricht, ist unzweifelhaft ein Verdienst des Buches.

Militärische Mittelmäßigkeit auf allen Seiten

Dass der Kriegsausgang auch aus alliierter Sicht bis weit in das Jahr 1918 keineswegs eine ausgemachte Sache war, vor allem aus einer militärischen Warte und unter Berücksichtigung eines rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls, wird auch anhand einer Reihe englischsprachiger Beiträge zum letzten Kriegsjahr deutlich. Hierzu gehören etwa das wiederaufgelegte, zuerst 1968 erschienene Buch des 1986 verstorbenen britischen Militärhistorikers und Journalisten Gregory Blaxland über die deutschen Frühjahrsoffensiven von März bis Juli 1918 und die alliierte Gegenoffensive von Juli bis November 1918, oder die Monografien von Peter Hart und David Zabecki sowie der von Matthias Strohn (Royal Military Academy Sandhurst und Universität Buckingham) herausgegebene Sammelband zum gleichen Thema.10 Während sich Blaxlands Darstellung in quasi klassischer Manier angelsächsischer Kriegshistoriografie um die Erfassung der zeitgenössischen Wahrnehmung der Kriegsereignisse insbesondere von den Subalternoffizieren bis zu den höchsten Kommandeuren bemüht – ohne freilich die atmosphärische Dichte der Darstellung etwa John Tolands zu erreichen11 –, untersucht das Buch von Zabecki die operative Führung auf beiden Seiten. Blaxlands Werk, ein Reprint der ursprünglichen Ausgabe von 1968, ist insofern typisch für die traditionelle (britische) Weltkriegshistoriografie, als sie zum einen betont, dass das Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensiven 1918 in erster Linie den kapitalen strategisch-operativen Fehlern Ludendorffs zuzuschreiben gewesen sei: „Two principles of war, long taught to every cadet at Sandhurst, were violated here – Maintenance of Object and Concentration of Force – and the fact that so renowned and highly professional a soldier as Ludendorff lapsed into such elementary error throws revealing light on the distortions, expectations, and seductive spectre of opportunity confronting a commander at the moment of decision“ (S. 69). Zum anderen unterstreicht er selbstredend die zentrale Rolle der britischen Armee bei der Abwehr der letzten deutschen Offensiven und bei der alliierten Gegenoffensive bis zum Waffenstillstand vom 11. November 1918: „[…] the army […] achieved something unique in British history by becoming, for those last three months of war, not only the best in the world but the most powerful.“12 Im Unterschied dazu nähern sich die neuen Beiträge wesentlich differenzierter der Frage nach den entscheidenden Aspekten des militärischen Kriegsausgangs an. So unterstreicht Hart, seines Zeichens langjähriger oral historian am renommierten Imperial War Museum in London, in seinem – ebenfalls mit zahlreichen Augenzeugenberichten aus der ganzen Bandbreite von Dienstgraden und kriegführenden Parteien illustrierten – Narrativ des Kriegsjahrs 1918, dass „British and French hopes rested on the deployment of the millions of enthusiastic American soldiers that would be arriving on the Western Front during the summer of 1918“ (S. 267). Neben der essenziellen Rolle der USA betont er trotz aller Verdienste der Briten und der Commonwealth-Einheiten auch die weiterbestehende Bedeutung der französischen Kriegsanstrengungen:

It is […] important to note that, while the British Army had probably reached peak efficiency as a military force in 1918, this was not necessarily the most important factor on the Western Front. The French Army, although understandably more cautious after its excruciating casualties earlier in the war, was still a huge force that had developed a method of fighting that maximised the objectives at the minimum possible cost in casualties. (S. 328)

Ähnliches findet sich in dem Beitrag Jonathan Boffs, einem profilierten Militärhistoriker, der an der Universität Birmingham lehrt, in Matthias Strohns Sammelband:

[…] a huge range of factors underpinned British success. Much of it was the result of mistakes and institutional weaknesses by and within the German Army. Historians, often because they were seeking answers to the urgent questions of their day, have tended to downplay those. This has led in turn to an overestimation of the British Army’s capabilities by this stage of the war. (S. 126)

Diese differenzierte Sichtweise, welche letztlich die Notwendigkeit der gemeinschaftlichen Anstrengungen der Alliierten zur Niederkämpfung der deutschen Armee betont, deren Führung zudem 1918 fundamentale Fehler beging, ist auch für David T. Zabecki kennzeichnend. Selbst ehemaliger Militär (Generalmajor a. D. der U. S. Army) und Militärhistoriker unter anderem an der Universität Birmingham und der United States Naval Academy Annapolis, der sich bereits verschiedentlich mit klugen militärhistorischen Studien hervorgetan hat13, unterzieht Zabecki die alliierten und die deutschen Befehlshaber in den Kämpfen von 1918 (Ferdinand Foch, Philippe Pétain, Douglas Haig und John Pershing beziehungsweise Paul von Hindenburg und vor allem Erich Ludendorff) einem systematischen Vergleich ihrer Führungsqualitäten und ihres Entscheidungsverhaltens. Aus seiner Sicht verlor die deutsche Seite mit dem Scheitern der Michael-Offensive (März 1918) jede Aussicht auf einen militärischen Sieg. Hier trifft sich seine Analyse offenbar mit derjenigen von Holger Afflerbach, auch wenn man – folgt man Michael Epkenhans’ (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam) marinestrategischer Perspektive in Strohns Sammelband – weiter einschränkend hinzufügen muss, dass „the Germans eventually had no chance of winning the war, unless they were powerful enough to improve their strategic position by either occupying the doors into the open Atlantic – Brest and Bergen – or […] by enlarging their continental basis“ (S. 213 f.). Ludendorffs entscheidende Fehler bestanden 1918 vor allem im Nichtausarbeiten eines operativen Konzepts, dem Verzicht auf einen eindeutigen Schwerpunkt und ein einheitliches Kommando, dem fehlenden Verständnis für die Fragilität der Logistik beider Seiten und der Verzettelung in den Angriffszielen. In seinem Beitrag zur deutschen Armee im Jahr 1918 subsumiert Zabecki diese Aspekte lapidar unter „tactical virtousity“, „operational ineptitude“ und „strategic bankruptcy“ (S. 43, 50 und 61). Hinzu kam „political chaos“ (S. 62) im Rahmen einer fehlgeleiteten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mobilisierung unter den Auspizien der politischen Gesamtleitung durch die OHL: „The combined efforts of all these ill-fated socio-political-economic initiatives probably did at least so much to weaken the German Army of 1918 as did Haig’s ‚wearing-out battle‘. […] The virtual dictatorship of Germany was a function for which both Hindenburg and Ludendorff had absolutely no competence“ (S. 65).

Obwohl Zabecki den wichtigen Beitrag der US-amerikanischen Expeditionsarmee im September 1918 (Meuse-Argonnen-Offensive) zur Verhinderung eines geordneten deutschen Rückzugs und einer potenziellen Verlängerung des Krieges ins Jahr 1919 hinein unterstreicht, betont auch er, dass „in the end, the mighty German army fell to the overwhelming manpower superiority of the Allies – all the Allies“ (S. 276). Die letztlich erfolgreiche Koordination der alliierten Gemeinschaftsbemühungen führt ihn schließlich zu dem Urteil, dass „as far as operational-level generalship, Foch – with significant input from Haig and Pétain – outgeneraled Ludendorff“ (ebd.). Einschränkend fügt er im Hinblick auf die sechs betrachteten Kommandeure jedoch hinzu: „None of them will ever go down in history as ‚Great Captains‘“ (S. 313). Dies verdeutlicht er nicht zuletzt auch dadurch, dass er – eher ungewöhnlich für den US-amerikanischen Kontext – zu Pershing süffisant feststellt, dass „there never would have been an AEF on the 1918 battlefield without Pershing, despite his lack of understanding of the war’s tactical realities and his blind refusal to learn anything from the Allies“ (S. 315).

Waffenstillstand und Revolution

Aus deutscher Sicht sind das Ende des Krieges und der Waffenstillstand von Compiègne natürlich untrennbar mit der Novemberrevolution und dem Ende des Kaiserreichs verbunden. Im Rahmen einer Biografie des letzten Kanzlers des Kaiserreichs, Prinz Max von Baden (1867–1929), der vom 3. Oktober bis zum 9. November 1918, dem Tag der Abdankung Wilhelms II., amtierte, zeichnet Lothar Machtan, pensionierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen, detailliert die Vorgänge der deutschen Innenpolitik und insbesondere innerhalb der politisch-gesellschaftlichen Elite nach, die zum Ende des Ersten Weltkrieges führten.14 Interessant sind in diesem Kontext weniger die ohnehin bekannten innen- und außenpolitischen Maßnahmen, die Max von Baden ergriff, etwa die Absendung des Waffenstillstandsangebots an US-Präsident Wilson, die Durchsetzung der Entlassung Ludendorffs, die Realisierung der Verfassungsreform zur Parlamentarisierung des politischen Systems oder die eigenmächtige Verkündung des Thronverzichts Wilhelms II. und Kronprinz Wilhelms. Vielmehr zeichnet Machtan ein überaus spannendes Bild der Persönlichkeit Prinz Max’ und des Intrigenspiels, welches zu seiner Berufung zum Kanzler führte, seine kurze Amtszeit beeinträchtigte und schließlich sein „epochales“ Scheitern nach sich zog. Das Fazit des Biografen ist vernichtend: Danach war Max von Baden, geprägt durch seinen – nunmehr überholten – hocharistokratischen Hintergrund und die „außerordentlich peinliche“ (S. 525) Erfahrung seines völligen Versagens im Stab eines Armeekorps an der Westfront am Anfang des Krieges, „übermotiviert, aber praktisch-politisch auf seine konkrete Aufgabe überhaupt nicht vorbereitet, und dann auch kaum mehr lernfähig. […] Weil er nicht wagte, was zu erreichen war, konnte er weder seine eigentliche Stunde erkennen noch die schmale, aber realhistorisch durchaus gegebene Chance nutzen, der Monarchie ein Überleben zu sichern“ (S. 526 ff.). Letzteres hätte laut Machtan in Form seiner Reichsverweserschaft für den minderjährigen Enkel des Kaisers, Wilhelm, geschehen können und „den Möglichkeitsspielraum für einen charismatischen Führer vom Schlage Hitlers ganz sicher begrenzt“ (S. 532). Entsprechend wurde der „Volksaufstand vom 9. November 1918 […] allein deshalb unumgänglich, weil ihn die alten Machtinhaber durch eine Art Insolvenzverschleppung und durch andauernde Bilanzfälschung geradezu herausgefordert haben. Die […] Alternative hierzu war eine monarchisch gelenkte Demokratie, die spätestens Ende Oktober machtbewusst auf den Plan treten musste, um das katastrophale Schicksal des Kaiserreichs noch abwenden zu können“ (S. 533). Aus Machtans Perspektive war am Nichtzustandekommen freilich nicht nur Max von Baden schuld, sondern auch der mangelnde Mut Friedrich Eberts: Dessen Vorgehen in der Krise vom Oktober und November 1918 war demnach „durchweg pragmatisch und verfassungstreu, aber auch übervernünftig und angstgetrieben“ (ebd.).

So interessant die These sein mag, im Herbst 1918 habe es die Chance gegeben, eine – letztlich den Aufstieg des Nationalsozialismus hemmende – deutsche Monarchie zu bewahren, so schwer haltbar erscheint sie, wenn man sich andere Publikationen zum Umbruch der Revolution von 1918 und seiner Vorgeschichte ansieht. Die Eigendynamik, welche die wachsende Versorgungsnot, die nach der Euphorie der März- und Apriltage im Sommer zusammengebrochene Moral von Front und Heimat, der Schock des faktischen Bekenntnisses der Niederlage durch die OHL im September 1918 und die zunehmende linke Agitation mit der Meuterei der Matrosen und so weiter nach sich zogen, macht es zusammen mit der angesprochenen ideologisch verhärteten Position Wilsons schwer vorstellbar, dass vor einem vollständigen Umsturz des politischen Systems noch rechtzeitig eine Abdankung der ersten Reihe der Hohenzollern unter Bewahrung der Monarchie möglich gewesen wäre. Dies wird ganz deutlich in der Anthologie zeitgenössischer Zeugnisse zum Kriegsende, die Gerhard Hirschfeld, Honorarprofessor am Historischen Institut der Universität Stuttgart, Gerd Krumeich, Professor emeritus für Neuere Geschichte an der Universität Düsseldorf, und Irina Renz, Leiterin der Sammlung „Lebensdokumente“ der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, herausgegeben haben. Nicht nur wird hier offenbar, dass die „deutsche Revolution im November 1918 […] die Reaktion einer kriegsmüden Bevölkerung auf die Unfähigkeit respektive Unwilligkeit des Militärs und der konservativen Eliten, den Krieg zu beenden“15 war; die Durchsicht der vielfältigen Äußerungen zeigt nicht zuletzt, wie weit die Wahrnehmung der Situation durch die gesellschaftlichen, politischen und militärischen Eliten mit ihrem Bestreben nach maximaler Erhaltung des Status quo und derjenigen der Masse der Bevölkerung mit ihrer Sehnsucht nach einem Ende der Leiden und der Ungerechtigkeiten des kriegführenden Systems auseinanderklafften. In einer Situation, in welcher der äußere und der innere Druck durch die grundlegenden Forderungen Wilsons und den Zusammenbruch der Verbündeten beziehungsweise den faktischen Kollaps und die wachsenden Unruhen unaufhaltsam zunahmen, war eine Lösung in Form einer parlamentarischen Monarchie mit Reichsverweserschaft durch einen Vertreter der alten Eliten schlichtweg undenkbar. Nicht umsonst beeindruckte die Beteiligung der SPD an der Regierung im Oktober 1918 die revolutionären Kräfte der Linken wenig; nicht umsonst bereitete Ludendorff schon in seinem briefing für die höheren Offiziere am 1. Oktober mit der Dolchstoßlegende eine „der erfolgreichsten Verschwörungstheorien der Weltgeschichte“ vor, welche laut Joachim Käppner („1918 – Aufstand für die Freiheit“) gegenwärtige fake news weit in den Schatten stellte.16

Dass ein tatsächlich fundamentaler Umsturz der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland Ende 1918 dann doch nicht erfolgte, führt der renommierte Journalist Käppner auf die mangelnde Entschlossenheit der Mehrheits-Sozialdemokraten zurück. Diese hätten im November 1918 die ihnen zugefallene, auch militärische Macht nicht dafür genutzt, um „die Kräfte des ancien régime [zu] überwinden und die Blutdürstigen im eigenen Lager oder jenseits dessen Randes [zu] zügeln“, sondern vielmehr aus Angst vor der Macht „Hilfe bei den alten Gewehren“ (S. 455) gesucht, welche die Demokratie verabscheuten, und so die Revolution der extremen Linken und ihre Niederschlagung der weißen Konterrevolution überlassen. Durchaus ähnlich, jedoch vorsichtiger im Hinblick auf die tatsächlichen machtpolitischen Spielräume Friedrich Eberts und der SPD im November 1918 argumentiert Andreas Platthaus17, seines Zeichens Redakteur bei der FAZ, der zudem die Verbindung zwischen der innenpolitischen Lage in Deutschland und den Grundproblemen des Waffenstillstandes und der beginnenden Verhandlungen in Versailles herstellt. Hierfür identifiziert er fünf Dilemmata, welchen sich die siegreichen Verhandlungspartner ebenso wie das besiegte Deutschland gegenüber sahen: (1) dem Völkerbund als globale Friedensorganisation und Widerspruch zur faktischen Hegemonie der Siegermächte und zur Diskriminierung Deutschlands, (2) den deutschen Gebietsabtretungen als Ergebnis des alliierten Sieges und Widerspruch zum proklamierten Prinzip der Selbstbestimmung, (3) analog dazu dem Anschlussverbot Deutsch-Österreichs, (4) der Rückgabeverpflichtung für eine Vielzahl von Gütern, wissenschaftlichen Artefakten und Kunstschätzen, deren Besitz durch Deutsche in keinem Zusammenhang mit dem Weltkrieg stand, sowie (5) die Kriegsschuldthese, welche einer friedlichen Verständigung aus Sicht der Deutschen massiv entgegenstand.

Das Ringen um einen Frieden: Die Pariser Konferenz und ihre Bewertung

Vor dem Hintergrund der bekannten Probleme der Versailler Nachkriegsordnung in der Zwischenkriegszeit und ihres Kollapses Mitte der 1930er Jahre liegt es nahe, die Friedensschlüsse der Pariser Vorortverträge als grundsätzlich verfehlt und kontraproduktiv, möglicherweise sogar als Schlüssel für die Schrecken des Zweiten Weltkriegs anzusehen. Michael Neiberg, Professor für Geschichte und Sicherheitsstudien am United States Army War College in Carlisle, Pennsylvania, fasst die bekannten Fehler der Versailler Konferenz und der führenden Siegermächte in einem knappen Überblick im Wesentlichen zusammen.18 Er konstatiert, dass die Nachkriegsordnung von 1919 die ökonomischen Grundlagen für ihre nachhaltige Stabilisierung unterminierte, indem sie Deutschland hohe, wenngleich nicht mit etwa den Bestimmungen des Vertrags von Brest-Litowsk zu vergleichende Reparationslasten aufbürdete (und dabei das neue demokratische politische System materiell wie ideologisch diskreditierte), eine Allianz der Paria-Staaten wie Deutschland und der Sowjetunion provozierte, wichtige unzufriedene Mächte wie Japan, China oder Italien marginalisierte, und die neue Institution des Völkerbundes aufgrund der Uneinigkeit von Briten und Franzosen und insbesondere dem Fernbleiben der USA von Anfang an weitgehend machtlos bleiben ließ: „Even on its own terms […] the treaty looked bad to contemporaries and looks little better with the passage of time. Built on far too many narrow compromises and a flawed vision of a world still governed by a small number of great powers, it failed to reflect or take into account the massive changes that the war had unleashed“ (S. 98).

Allerdings ist bei aller Kritik an den Fehlern der Versailler Konferenz und ihren Folgen in den neueren Arbeiten zu den Friedensschlüssen von 1919/20 ein zunehmendes Verständnis für die besonders schwierigen Umstände der Friedensverhandlungen festzustellen sowie die Ablehnung eines Quasi-Automatismus Richtung 1939 als „Sog einer Kontinuitätserzählung, welche die Gewalt von zwei Weltkriegen zusammenbindet und aus dem belasteten Nachkrieg eine Zwischenkriegszeit entstehen lässt, so als enthielten die Jahre von 1918 bis 1923 bereits den Keim zum nächsten Krieg.“19 In diesem Sinne zeichnet sich die wissenschaftliche Betrachtung der Friedensschlüsse ebenso wie diejenige des Kriegsausbruches und des Kriegsendes mittlerweile durch eine hohe Differenzierung und das Vermeiden einfacher Schuldzuweisungen aus. Exemplarisch hierfür sind drei voluminöse Untersuchungen, welche die Vorgeschichte, die Verhandlungen und die Ergebnisse der Friedenskonferenz detailliert nachzeichnen.20 Margaret MacMillan, die an der Universität Oxford Neuere Geschichte lehrt, zeichnet in ihrer nunmehr auch auf Deutsch vorliegenden, vielfach prämierten Untersuchung das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Charaktere und Präferenzen der Verhandlungspartner nach, die zu einem intensiven Feilschen um die Konturen und die Details einer neuen Weltordnung führten. Sie betont neben den schwierigen Verhandlungen um die Neugestaltung Ost- und Südosteuropas sowie die Behandlung Deutschlands vor allem die „beiläufige Behandlung der nichteuropäischen Welt […], für die der Westen noch heute zahlt“ (S. 639), etwa die Anlage des Nahost-Konflikts durch die Nachkriegsregelungen. Durchaus nicht als germanophil bekannt, stellt sie hinsichtlich der Frage der deutschen Reparationen fest, dass diese „sicherlich kein Fass ohne Boden“ (S. 266) waren und unterstreicht recht verständnisvoll gegenüber der französischen Position, dass die Hauptschwierigkeit der Friedensbedingungen für Deutschland weniger systematischer oder legitimatorischer Art war, sondern vielmehr „stets die Durchsetzung sein [würde]. Wie Clemenceaus Nachfolger […] feststellten, konnte Frankreich ohne britische oder amerikanische Unterstützung wenig erreichen“ (S. 280). Auch MacMillan betont, dass „Hitler […] den Krieg [von 1939] nicht wegen des Versailler Vertrages vom Zaun [brach], auch wenn er ihn unter Propagandagesichtspunkten für ein Gottesgeschenk hielt. […] Möglicherweise wäre alles anders gekommen, wenn Deutschland deutlicher besiegt worden wäre. […] Die Friedensmacher hatten es jedoch nicht mit einer möglichen Realität zu tun, sondern mit dem, was sie vorfanden“ (S. 638 ff.).

Ähnlich äußert sich Eckart Conze, Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg, wenn er festhält, dass die „emotional so aufgeladene Wahrnehmung des Friedensschlusses und seines Zustandekommens […] schon in den Jahren 1918 den Blick auf die Möglichkeiten versperrt [hat], die der Vertrag bot. […] In der Tat enthielt der Vertrag für das Deutsche Reich und für eine friedliche internationale Ordnung Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. […] Der Versailler Vertrag war zweifellos ein Diktatfrieden, die Deutschen hatten bei seiner Ausgestaltung keinerlei Mitspracherecht, aber er war kein ‚karthagischer Frieden‘ […]“. (S. 378). Dass das Versailler System letztlich kläglich scheiterte und bis in die 1990er Jahre weitgehend diskreditiert blieb, lag laut Conze letztlich daran, dass die Größe und Komplexität der Aufgabe die zeitgenössischen Akteure einfach überforderte: „[…] die Pariser Konferenz [war] Ausdruck einer globalen Konnektivität.“21 Jörn Leonhard, der als Professor für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg tätig ist, verdeutlicht die inneren Widersprüche der überforderten Friedensverhandlungen und Friedensordnung von 1919 am Ende seines magni operis anhand von sieben Dichotomien: „Universalismus vs. Partikularismus“ (institutionalisierte liberale Weltordnung gegenüber lokalen Nationalismen und alternativen politischen Ideologien), „Friedensvisionen vs. Handlungsgrenzen“ (Erwartung einer umfassenden, prinzipiengeleiteten Friedensordnung gegenüber machtpolitischen, demografischen und ideologischen Realitäten), „Recht vs. Emotion“ (Frieden nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen gegenüber moralisch-ideologischen Forderungen und Erwartungen), „Sieger vs. Besiegte“, „Internationalismus vs. Nationalismus“ (offene liberale Gesellschaften gegenüber nationalistischen Abschottungsbestrebungen), „Friedensordnung vs. Sicherheitsversprechen“ (Völkerbund gegenüber traditionellen territorial-strategischen Orientierungen) sowie „Erfahrungsumbruch vs. Erwartungssicherheit“ (im Sinne einer Revolutionierung etablierter Erfahrungshorizonte durch den Krieg und eine fundamentale Glaubwürdigkeitskrise in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft).22 Mit diesen Begriffspaaren gelingt es ihm sehr überzeugend, die strukturellen Probleme des resultierenden Versailler Systems auf den Punkt zu bringen und seine inneren Widersprüche aufzuzeigen, welche schließlich zu seinem Scheitern führten.

In diesem Zusammenhang ist auch die bereits genannte globalhistorische Perspektive zu erwähnen, die sich in den drei genannten großen Werken deutlich wiederfindet. So verweist Wolfgang Leonhard auf die Unsicherheiten und Hoffnungen in den Kolonialgesellschaften Afrikas und Asiens, in denen der nicht zu vernachlässigende materielle und personelle Beitrag der Kolonien zur Kriegführung der Alliierten zu sozioökonomischen Umbrüchen tradierter Herrschaftsstrukturen und zunehmenden Unabhängigkeitsbestrebungen geführt hatte. Trotz der (ansatzweise) gewonnenen „Ebenbürtigkeit mit dem weißen Mann“ (S. 523) in Teilen der Militärhierarchie, erwiesen sich die Hoffnungen, welche die Vertreter der Kolonialvölker, wie beispielsweise der spätere Ho Chi Minh, in die Pariser Friedenskonferenz setzten, als illusorisch. Exemplarisch hierfür war die unter dem Etikett der Mandatsgebiete erfolgende imperialistische Aufteilung des Nahen Ostens unter Frankreich und Großbritannien zuungunsten des angestrebten großarabischen Nationalstaates. Auch panafrikanische Vorstellungen wurden von den Siegermächten trotz einer gewissen öffentlichen Aufmerksamkeit ignoriert. Dabei ist bemerkenswert, dass die antikoloniale Sache zugleich auch deshalb nicht aussichtsreicher wurde, weil für die „indigenen Eliten […] lokale Interessen und nicht das Programm eines dezidierten Antikolonialismus im Vordergrund“ (S. 851) stand.

Margaret MacMillan zeichnet ausführlich den vergeblichen Kampf der japanischen Delegation um die Aufnahme einer Rassengleichheitsklausel in die Präambel der Völkerbundsatzung nach. Diese scheiterte schließlich vor allem am grundsätzlichen Widerstand der Briten, die sich um den Bestand des Empire sorgten, und der Verhandlungsführung Woodrow Wilsons, der die innenpolitischen Verhältnisse in den USA im Blick hatte: Obwohl die Mehrheit der Völkerbundkommission den japanischen Antrag befürwortete, erklärte der US-Präsident ihn „aufgrund der vorhandenen starken Bedenken“ (S. 425) kurzerhand für nicht annehmbar und setzte sich damit durch. Die vor den Kopf gestoßenen Japaner suchten dann eine Kompensation durch die Sicherung von Territorien auf dem chinesischen Festland. Schließlich erhielten sie die Provinz Schantung (Shandong) mit dem ehemals deutschen Kiautschou zugesprochen, was laut MacMillan einem „Dolchstoß in Chinas Herz“ (S. 427) gleichkam und weder zu friedlichen chinesisch-japanischen Beziehungen noch zu einem positiven Verhältnis der asiatischen Nationen zum Westen beitrug. Die Regelungen von Versailles für den Raum des ehemaligen Osmanischen Reiches fasst MacMillan mit Blick auf die folgende Konfliktgeschichte pointiert unter der Überschrift „Der Nahe Osten wird in Brand gesteckt“ (S. 457) zusammen.

Für Eckart Conze stellte das in Paris beschlossene Mandatssystem des Völkerbundes geradezu ein zynisches diplomatisches Meisterstück im Spannungsfeld von proklamiertem Selbstbestimmungsrecht der Völker, imperialen Machtinteressen und paternalistischen Zivilisierungsideologien dar. Denn in „ebenso genial-schöpferischer wie perfider Weise sorgte das Mandatssystem dafür, dass das insbesondere von den USA vertretene Ziel eines nichtannexionistischen Friedens nicht beschädigt wurde und doch zugleich territoriale Expansion möglich blieb. […] Der Weg zur nationalen Selbstbestimmung, so ließ sich argumentieren, er führte über die Mandate. So rettete die Pariser Konferenz die europäischen Imperien, denen der Völkerbund gleichsam eine neue Legitimität schenkte“ (S. 275).

Teilweise methodisches Neuland betreten Leonard Smith und Klaus Schwabe mit ihren Beiträgen zum Versailler Vertrag, versuchen sie doch, die Perspektiven der Geschichtswissenschaft mit der sozialwissenschaftlichen Interpretation der Internationalen Beziehungen (IB) und Politikwissenschaft zusammenzuführen. Leonard Smith, Professor für Geschichte am Oberlin College, Ohio, tut dies durch den Rückgriff auf das Konzept der Souveränität, das er zum Leitmotiv der Friedensverhandlungen macht. Auf der Basis von Carl Schmitts Verständnis als Entscheidungsmacht über den Ausnahmezustand interpretiert er es im Wilson’schen Sinne dahingehend, dass dessen radikaler Liberalismus das internationale System nicht durch eine Schwächung des Staates, etwa durch den Völkerbund, umgestalten, sondern durch eine neue Fundierung und eine neue moralische Ausrichtung des Staates umgestalten wollte. Wilsons Souveränitätsbegriff orientierte sich damit „at the level of the individual, through a global community of commensurable, self-sovereign citizens. The task of peacemaking after the Great War thus lay in constructing institutions that would properly express this sovereignty. […] Wilsonian liberalism was about the inclusion of those eligible for inclusion, not everyone“ (S. 11 ff.). Durch die Anwendung dieses modellhaften Leitgedankens auf die Pariser Friedenskonferenz mit ihren juristischen, territorialen, demografischen und institutionellen Konsequenzen bemüht sich der Verfasser durchaus erfolgreich um eine angemessene Mischung historischer und IB-Perspektiven, um die gegenseitigen Schwächen in der Wahrnehmung internationaler Strukturen und Akteure abzumildern: „IR seeks truth through conceptual consistency and sophistication. […] this approach to IR shows little interest in history at all. Flesh-and-blood people staggering through confused times are largely absent. Historians, on the other hand, embrace the sticky and often incoherent details of actual human behavior […]. We often sacrifice consistency in doing so, and fall back on expansive narrative forms such as tragedy“ (S. 267). Das vielleicht zentrale Ergebnis der Studie ist es, „to restore agency to the conference itself“ (ebd.) und klarzumachen, dass das Scheitern des Versailler Systems keineswegs so eindeutig vorprogrammiert war, wie dies etwa aus der klassischen Sicht einer internationalen Anarchie (neo-)realistischer Provenienz erscheint.

Der Bezug des emeritierten Professors für Neuere Geschichte an der RWTH Aachen, Klaus Schwabe, zu den Internationalen Beziehungen besteht im Rückgriff auf das liberale Modell des ‚Demokratischen Friedens‘. Auch er betont, dass das „Friedenskonzept des amerikanischen Präsidenten […] den moralischen und politischen Kompass [lieferte], zugleich den völkerrechtlichen Rahmen für die Friedenskonferenzen – bis zum Frieden von Lausanne“ (S. 8), der dahingehend eine Zäsur bildete, dass er als „pragmatischer Friedensschluss ohne Sieger“ (S. 233) wieder auf ideologisch-moralische Prägungen verzichtete. Auch Schwabe kommt zu dem vorsichtigen Ergebnis, dass der Versailler Vertrag „besser als sein Ruf“ und keineswegs von vorneherein „ein ‚Friede ohne eine Chance‘“war (ebd.). Als grundlegende Widrigkeiten, die dann eben doch der Realisierung eines dauerhaften Demokratischen Friedens entgegenstanden, macht er neben der ideologischen Fixierung der Deutschen auf die als ehrenrührig empfundenen Vertragsbestimmungen (Kriegsschuld, Auslieferung der Kriegsverbrecher) und der mangelnden Begeisterung für den Vertrag in der Öffentlichkeit der Mächte vor allem drei Punkte aus: die Nichtbeteiligung der Sowjetunion und der USA als Garanten des Friedens mit der Verständigung der ausgeschlossenen Staaten UdSSR, Deutschland und Türkei; den Nichtbeitritt der USA zum Völkerbund; sowie eben die ideologisch-psychologische Prägung des Versailler Vertrags durch die USA und Großbritannien, deren moralische Kriegsdeutung zu unüberbrückbaren, weil wiederum selbst moralisch geprägten Gegensätzen zu Deutschland führte.

Versailles als Motor des Völkerrechts

Auffällig ist bei alledem, dass sich der differenzierte Blick auf die Pariser Friedenskonferenz und das resultierende Versailler System damit von der lange üblichen zivilisationspessimistischen Interpretation „einer verlorenen Kunst“ des Friedensschlusses aufgrund der durch totale Kriegserfahrungen und umfassend ideologisierte Massengesellschaften geprägten „Krankheiten des Friedens“ entfernt, wie sie etwa Hans von Hentig prominent vertreten hat.23 Auch wenn die Massendemokratie angesichts der Ausweitung der kriegsbedingten Staatstätigkeit und permanenten Mobilisierung der Kriegsgesellschaften insbesondere in den besiegten Staaten als anfällig für antiliberale Ideologien charakterisiert wird 24, wird die Friedenskonferenz zunehmend als „Markstein für die Entwicklung des Völkerrechts“ wahrgenommen.25 Dies wird unmittelbar ersichtlich im von Gilbert Gornig, vormals Lehrstuhlinhaber für öffentliches Recht, Völker- und Europarecht an der Universität Marburg, und Adrianna Michel, wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenda, herausgegebenen Sammelband über die rechtlichen Regelungen der Friedensverträge und deren dynamischen Kontext. In einem überaus gelungenen Beitrag fasst der ehemalige Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Marburg, Winfried von Bredow, die verschiedenen Lesarten der Ursachen und des Beginns des Ersten Weltkriegs präzise und prägnant zusammen (S. 13–35). Adrianna Michel gibt einen konzisen Überblick über die Pariser Vorortverträge und ihre wesentlichen Bestimmungen (S. 55–80). Sieben weitere lesenswerte Aufsätze befassen sich mit der Entwicklung des humanitären Kriegsvölkerrechts und des Völkerstrafrechts unter dem Eindruck des Weltkrieges sowie mit dem rechtlichen Schicksal verschiedener deutscher Grenzregionen, die im Zuge des Versailler Vertrags vom Deutschen Reich abgetrennt wurden (Nord-Schleswig, Elsass-Lothringen, Danzig, Memelland). Aus völkerrechtshistorischer Sicht ist dabei die häufig kaum wahrgenommene und hauptsächlich als politische Farce interpretierte Ahndung von Kriegsverbrechen durch die Leipziger Prozesse 1920 bis 1927 von Bedeutung. Wie Wolfgang Form (Forschungs- und Dokumentationszentrum für Kriegsverbrecherprozesse der Universität Marburg) in seinem Aufsatz herausarbeitet, war vor allem die Reichsgerichtsentscheidung zum Fall der Versenkung des Lazarettschiffs „Llandovery Castle“ und der Beschießung eines seiner Rettungsboote durch ein deutsches U‑Boot 1918 bahnbrechend, in der praktisch erstmals der Grundsatz des Befehlsnotstands („Befehl schützt vor Strafe“) aufgehoben wurde: „Soldaten konnten in Ausübung von Befehlen strafrechtlich belangt werden, wenn ‚der Befehl sich offenkundig, für jedermann, auch den Untergebenen, zweifelsfrei erkennbar als verbrecherisch darstellt‘“ (S. 207). Ungeachtet der innen- und außenpolitisch motivierten Winkelzüge und Unzulänglichkeiten stellten die Reichsgerichtsprozesse damit eine nicht zu unterschätzende „‚Geburtsstunde‘ des Völkerstrafrechts“ dar (S. 209). Ähnlich verhält es sich mit den Bemühungen um die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofes gemäß Artikel 227 (und ergänzend Art. 228) des Versailler Vertrages, vor dem Wilhelm II. für Verstöße gegen das Völkerrecht zur Verantwortung gezogen werden sollte (was nie geschah). Wie in dem Beitrag von Paul Mevis (Erasmus-Universität Rotterdam) deutlich wird, nahm der Versailler Vertrag damit wesentliche Aspekte der Nürnberger und Tokioter Prozesse von 1945 bis 1948 vorweg, indem er (unter Aussetzung der traditionellen völkerrechtlichen Immunität von Staatsoberhäuptern) faktisch den Straftatbestand des Angriffskrieges postulierte und den Bruch der belgischen Neutralität 1914 als strafwürdig ansah. Indem Mevis detailliert die zeitgenössische politische und juristische Würdigung des Ansatzes eines internationalen Tribunals gegen den Kaiser nachzeichnet, verdeutlicht er, dass „das internationale Recht mit wesentlichen Rechtsfragen zu einer derartigen internationalen strafrechtlichen Gerichtsbarkeit später im 20. Jahrhundert bei den Nürnberger Prozessen eigentlich keinen Schritt weiter gekommen war als zur Zeit des Versailler Vertrags“ (S. 235).

Die darin aufscheinende völkerrechtliche Aktualität der Beschlüsse der Pariser Friedenskonferenz ist auch Thema der umfangreichen Studie Marcus Payks.26 Ebenfalls ausgehend vom Stand des Völkerrechts und der Völkerrechtslehre der Jahrhundertwende als im Laufe des 19. Jahrhunderts etabliertem Narrativ zivilisatorischen Fortschritts zeichnet der Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr Hamburg zunächst die Herausbildung des vor allem alliierten Bildes des Weltkrieges als Kampf um das Recht nach. Ergänzend wäre darauf hinzuweisen, dass auch die deutsche Seite – zumindest offiziell beziehungsweise in der Selbstwahrnehmung – für sich in Anspruch nahm, einen Kampf um die Rechtsprinzipien nationaler (und kultureller wie sozioökonomischer) Selbstbestimmung und Gleichberechtigung unter den Nationen zu führen. Sodann zeigt Payk die Interaktion von Politik und Recht in der Friedenskonferenz mit ihren unterschiedlichen, nicht zuletzt in den Experten der Delegationen deutlich werdenden Rechtstraditionen und Interessenlagen, die Ausgestaltung der fünf Hauptverträge mit den besiegten Mittelmächten (Versailles, Saint-Germain, Neuilly-sur-Seine, Trianon und Sèvres) sowie die zentralen Elemente der Pariser Völkerrechtsordnung auf. Vier zentrale Aspekte des Versailler Systems aus völkerrechtlicher Sicht werden identifiziert: Erstens stand die Pariser Konferenz durchaus in der Tradition der Entwicklung eines globalen Normensystems, welches geprägt wurde „von einer neuartigen fortschrittsoptimistischen Selbstgewissheit [der disziplinären Völkerrechtslehre] […], in der sich Humanitarismus und wohlwollender Paternalismus, kosmopolitische Ideale und imperiales Sendungsbewusstsein amalgamierten“ (S. 656). Zweitens standen die Siegermächte vor dem machtpolitisch-praktischen Problem, dass die moralisch-rechtliche Überhöhung des Krieges und die „eminent vertragspositivistische, normativ aufgeladene Gestalt des Friedens“ (S. 659) dazu führten, dass letztlich ihr genuin politischer Handlungsspielraum eingeengt wurde: „Weder war ihnen jemals eine flexible, kompromissorientierte Einbindung der Kriegsgegner möglich, wozu etwa die schrittweise Akzeptanz Frankreichs auf dem Wiener Kongress 1814/15 als Modell hätte dienen können, noch sahen sie sich zu einer rigorosen machtpolitischen Niederwerfung des Gegners in der Lage, wie es für den Umgang mit Deutschland und Japan nach 1945 kennzeichnend werden sollte“ (ebd.). Damit wird nicht nur klar, wie das Beharren auf rechtstheoretischen Erwägungen und Prinzipien selbst einen ideologischen und letztlich kontraproduktiven Beitrag zur Organisation internationaler Beziehungen haben kann, sondern illustriert auch den grundlegenden Konflikt zwischen rechtstheoretischer Rigidität und politisch-diplomatischer Flexibilität im Sinne „einer geschmeidigen Staatskunst“ (S. 661), welcher drittens auch in Paris noch zu grundsätzlichen Friktionen zwischen Juristen und Politikern führte. Viertens war das langfristig und rechtssystematisch wesentliche Ergebnis der Pariser Friedensschlüsse, dass „der staatszentrierte Internationalismus des europäischen Völkerrechts nunmehr endgültig zur dominanten, oft einzig vorstellbaren Ordnungsform des Planeten avancierte“ (S. 662), wobei der dabei unterstellte Souveränitätsbegriff einerseits trotz der Gründung des Völkerbunds „unabhängige Institutionen auf überstaatlicher Ebene, gar […] eine super-souveräne Erzwingungsmacht“ (S. 663) ablehnte. Andererseits wurde „Souveränität nicht nur mehr ex negativo – als Abwesenheit einer höheren und äußeren Gewalt – definiert […], sondern […] der innere Zustand eines politischen Verbandes [wurde] zum Maßstab seiner äußeren Akzeptanz, wobei die Bewertung im weiten, wenngleich nicht unbegrenzten Ermessen der dominierenden Großmächte stand“ (ebd.).

Ähnlich wie Leonard Smith demonstriert Marcus Payk damit ebenfalls die große Ambivalenz des Strebens nach einer liberal geprägten globalen Rechtsordnung, welche letztlich auch die so hochgehaltene staatliche Souveränität im Sinne demokratischer Grundrechte transzendieren sollte, auf der einen, und der machtpolitischen Interessenvertretung durch die Siegermächte auf der anderen Seite. Diese Ambivalenz führte nicht nur zu inneren Widersprüchen unter den Konferenzzielen der Alliierten, sondern – ungeachtet etwaigen Wohlwollens – auch zu Akzeptanz- und Legitimationsproblemen bei den ehemaligen Mittelmächten und allen anderen, von den Regelungen der Friedenskonferenz betroffenen Gesellschaften. Letztlich war die neue Ordnung eben nicht völlig egalitär beziehungsweise geprägt von der völligen Selbstbestimmung von Völkern und Staaten. Sie konnte es angesichts der Prägung durch die Kriegserfahrung (und deren humanitäre und materielle Kosten) und den universalen ethisch-moralischen Anspruch der westlichen Siegermächte auch gar nicht sein. Damit verweisen die Pariser Vorortverträge auch in völkerrechtlicher Hinsicht weit über das Ende des Ersten Weltkriegs oder sogar das 20. Jahrhundert hinaus, ist in ihnen doch bereits eines der rechtlichen und politischen Probleme der internationalen Beziehungen der Gegenwart präsent: die Frage nach dem Verhältnis des Westens zu und dem friedlichen Umgang mit bedeutenden aufstrebenden Akteuren des außereuropäischen oder nichtabendländischen Raums – etwa Chinas – mit zumindest teilweise kulturell und historisch völlig anders geprägten, womöglich dezidiert antiwestlich ausgerichteten Wertvorstellungen, Grundüberzeugungen und Interessen in einer internationalen Gesellschaft, die im Sinne Hedley Bulls für das eigene friedliche Funktionieren weiter auf einen selbstorganisierten (völker-) rechtlichen Grundkonsens angewiesen ist.27

Krieg nach dem Krieg

Bei alledem darf nicht vergessen werden, dass die Pariser Konferenz tatsächlich nicht in einem Kontext allgemein beendeter Feindseligkeiten oder auch nur militärisch abgeschlossener Konfliktaustragung stattfand, sondern im Angesicht einer Unzahl weiterer gewaltsamer Auseinandersetzungen vor allem in Ost- und Südosteuropa mit seinem „chaos by every standard of our thinking“ (Payk, S. 165). Wer ist sich heute beispielsweise dessen bewusst, dass im Zuge der Wirren des Lettischen Unabhängigkeitskrieges zwischen November 1919 und Juli 1920 sogar ein formaler Kriegszustand zwischen Deutschland und Lettland bestand? Robert Gerwarth, Direktor des Centre for War Studies des University College Dublin, gibt in seinem Buch, respektive der deutschen Übersetzung der englischsprachigen Ausgabe von 2006, einen eindrucksvollen Überblick über die gewaltsamen Konflikte nach dem offiziellen Ende des ‚Großen Krieges‘. Zwei Trends fallen dabei unmittelbar ins Auge: Erstens führte die innere Destabilisierung der ehemaligen Kaiserreiche beziehungsweise ihrer Nachfolgestaaten unter den Vorzeichen einer großen Zahl für politische Zwecke verfügbarer Bewaffneter unmittelbar nach Kriegsende fast überall zu Versuchen einer kommunistischen Machtübernahme, etwa in Österreich, Ungarn, Polen, Bulgarien oder im Baltikum, welche jedoch – durchaus mit Wohlwollen der alliierten Siegermächte – angesichts der damit verbundenen Ängste des Bürgertums relativ schnell von konterrevolutionären, oftmals antisemitischen und faschistoiden Milizen niedergeschlagen wurden, die damit ganz analog zum Fall der jungen Weimarer Republik eine echte Demokratisierung der Gesellschaften verhinderten.28 So wandelten sich innerhalb weniger Jahre etwa Polen und Ungarn unter Marschall Józef Piłsudski beziehungsweise Admiral Miklós Horthy zu autoritären Militärregimes, und in Italien übernahm 1922 Benito Mussolini die Regierung. Die auch bei den Siegermächten verbreitete Angst vor einem Ausgreifen der bolschewistischen Revolution nach Westen führte dabei nicht nur zur Intervention in den russischen Bürgerkrieg oder zur militärischen Unterstützung Polens im Krieg gegen die Sowjetunion (1919–1921), sondern auch dazu, dass die Alliierten Ende 1918 das geschlagene Deutschland aufforderten, den Rückzug seiner Truppen aus dem Baltikum zu beenden und die neue lettische Regierung gegen sowjetische Angriffe zu schützen. Das Ergebnis war neben der Behauptung der neuen baltischen Staaten gegenüber sowjetischen Wiedereingliederungsversuchen auch eine massive Verstärkung der Bürgerkriegszustände mit ihrer extremen Brutalität, vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Dazu trugen maßgeblich die deutschen Freikorps bei, die im April 1919 sogar die lettische Regierung stürzten und erst Ende 1919 zur endgültigen Räumung der besetzten Gebiete gezwungen werden konnten.

Gewalt und identitätsstiftende Effekte des Krieges sind auch das Leitthema von Tomas Balkelis’ (Lithuanian Institute of History, Vilnius) Analyse des nation-building in Litauen zwischen 1914 und 1923. Hier spielten neben der Erfahrung der rücksichtslosen Behandlung und Ausbeutung der Litauer sowohl durch die Russen als auch insbesondere durch die deutschen Besatzer in „Oberost“ nach 1916 vor allem die Diskreditierung der etablierten Eliten und die kriegsbedingte Herausbildung eines eigenen nationalen Selbstbewusstseins im Kampf gegen innere und äußere Feinde der neuen Republik eine zentrale Rolle.29 Die Vielzahl der durchaus verwirrenden Gewaltkonflikte in Ost- und Nordosteuropa mit ihrer diversen deutschen Beteiligung nach dem offiziellen Waffenstillstand wird auch von Prit Buttar, einem inzwischen durchaus als Historiker respektierten britischen praktischen Arzt und ehemaligen Militärchirurgen, im zweiten Teil seines dritten Bandes über die Ostfront im Ersten Weltkrieg und danach kenntnisreich aufbereitet, wenn er die „pygmy wars“ um Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen schildert.30

Der zweite Trend der unmittelbaren Nachkriegszeit war die „Strategie, mit gewaltsamen Landnahmen den alliierten Entscheidungen zuvorzukommen […]. Bis Sommer 1919 – und in manchen Fällen sogar darüber hinaus – suchten sämtliche Nachfolgestaaten des Habsburgerreichs ihre Grenzen mit militärischen Mitteln zu erweitern und auf diese Weise neue ‚Realitäten‘ zu schaffen.“31 Entsprechend kam es nicht nur zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Sowjetunion und den baltischen Staaten sowie Polen oder zwischen Litauen, Polen und der Ukraine, sondern auch etwa zwischen Österreich und Ungarn (Burgenland), Österreich und der Tschechoslowakei (Sudetenland), Österreich und dem SHS-Staat/Jugoslawien (Kärnten), Ungarn und der Tschechoslowakei (Slowakei) oder Ungarn und Rumänien (Siebenbürgen). Nimmt man noch den Griechisch-Türkischen beziehungsweise Türkischen Unabhängigkeitskrieg 1919 bis 1922/23 sowie diverse Auseinandersetzungen im Nahen Osten hinzu, so wird deutlich, dass mit dem 11. November 1918 (Waffenstillstand) beziehungsweise 28. Juni 1919 (Unterzeichnung des Versailler Vertrags) der Erste Weltkrieg keineswegs beendet war und die übliche deutsche Wahrnehmung hier entschieden zu kurz greift.

Weltmacht durch Weltkrieg: Die USA nach 1918

Schließlich sei noch auf zwei Bände verwiesen, welche sich mit der eigentlich kriegsentscheidenden und zumindest teilweise den Friedensprozess nach 1918 prägenden, neuen Weltmacht USA befassen. William Still, ehemaliger Direktor des Maritime Studies Program der East Carolina University, North Carolina, legt mit seiner Detailstudie über die Rolle der U. S. Navy in Europa zwischen 1919 und 1924 eine Untersuchung vor, welche einerseits verdeutlicht, wie sich die Vereinigten Staaten auch nach dem Waffenstillstand zunächst noch in Europa engagierten, beispielsweise auf humanitärem Gebiet32 oder als Ordnungsmacht in der Ostsee, im Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Andererseits traten sie mit einem neuen selbstbewussten Anspruch auf, welcher sie praktisch unmittelbar in Opposition zu den übrigen Alliierten brachte. Still zeigt insbesondere den britisch-amerikanischen Gegensatz auf, der vor allem im März und April 1919 zu einer ernsthaften Krise der Verhandlungen in Paris führte. Ursächlich hierfür waren neben einer Woodrow Wilson attestierten antibritischen Grundhaltung – aufgrund seines Misstrauens gegenüber den imperialistischen Ambitionen und in eigener Sache wenig idealistischen Völkerrechtshaltung des Vereinigten Königreichs – etwa die Versuche der US-Amerikaner, die Monroe-Doktrin in der Satzung des Völkerbundes festzuschreiben (S. 33–39). Zentraler Streitpunkt waren jedoch die US-amerikanischen Flottenbauprogramme von 1916 und 1918, welche den Ausbau der US-Flotte zu einer „navy second to none“ (S. 36) vorsahen und damit das Grundcredo britischer Außen- und Sicherheitspolitik, nämlich die Bewahrung der Seeherrschaft der Royal Navy fundamental gefährdeten: „The British had long believed that their navy ‚ruled the waves‘ and found it inconceivable that its supremacy would once again be challenged, this time by an ally. […] In time that revulsion would lessen, in tune with economic reality, but the decisions concerning capital ships of the Washington Naval Conference in 1922 were to come as a profound shock to the Royal Navy’s officer corps“ (S. 246).

Die außen- und innenpolitische sowie gesellschaftliche Prägung der USA durch den Ersten Weltkrieg ist der Gegenstand des von Thomas Zeiler (Professor für Geschichte, University of Colorado), David Ekbladh (Professor für Geschichte, Tufts University, Massachusetts) und Benjamin Montoya (Lecturer für Geschichte und Internationale Beziehungen, University of Colorado) herausgegebenen Sammelbands. Hier findet sich unter anderem ein Aufsatz von Klaus Schwabe zur Entstehung der Dolchstoßlegende und der Wirkung der von den Vereinigten Staaten ausgehenden Weltwirtschaftskrise auf den Aufstieg Adolf Hitlers. Dabei betont der Verfasser, dass „World War I was a necessary, but not a sufficient, cause for the advent of Hitler to power and the collapse of the Weimar Republic“ (S. 261). Hatsue Shinohara (Waseda University, Tokio) betont in ihrem Beitrag ebenfalls die grundlegende Bedeutung der Pariser Friedenskonferenz mit dem von Präsident Wilson forcierten Konzept eines „Friedens durch Recht“ (S. 266–282), während sich etwa Michael Adas (Rutgers University, New Jersey) kritisch mit der militärischen Intervention der USA in den Weltkrieg und – insgesamt etwas verständnisvoller als David Zabecki – der Performanz des US-Befehlshabers John Pershing auseinandersetzt (S. 85–105). Sein über den Kontext des Weltkrieges und des Friedensschlusses hinausreichendes Fazit lautet:

In contrast to leading European intellectuals and the emerging leaders of the colonized peoples […], Americans embraced a new wave of innovation and machine-driven social transformations. Rapid economic growth and America’s emergence as the world’s financial center and engine of commercial expansion were seen to confirm long-standing convictions of United States exceptionalism at a time when Europeans were increasingly ambivalent, if not profoundly skeptical, of their mission to civilize. Further affirmation of the United States as a „redeemer nation“ with reference to comparable outcomes […] in a second global war redoubled these certitudes […]. (S. 102 f.)

Die resultierende Mischung aus humanitärem Impuls und ideologischem Sendungsbewusstsein wird schließlich durch die Aufsätze von Julia Irwin (University of South Florida) zum umfassenden Engagement von US-Regierung, NGOs und Freiwilligen für die Versorgung und Betreuung von Millionen von Hungernden, Flüchtlingen und Vertriebenen in Europa (einschließlich der ehemaligen Mittelmächte) und im Nahen Osten sowie von Andrew Preston (Universität Cambridge) zur religiösen Komponente des Ersten Weltkriegs in den USA unterstrichen (S. 122–155). Zwar erwies sich das staatliche Hilfsprogramm der American Relief Administration (ARA) als verhältnismäßig kurzlebig, wurde es doch im Februar 1919 von Präsident Wilson per Executive Order ins Leben gerufen und nach dem Ende der Finanzierung (in Höhe von 100 Millionen US-Dollar) durch den US-Kongress bereits Ende Juni 1919 zunehmend Opfer isolationistischer „calls to ‚Return to Normalcy‘ and to put ‚America First‘“ (Irwin, S. 135). Doch nach ihrer Umwandlung in eine Nichtregierungsorganisation durch ihren Leiter Herbert Hoover blieb die ARA als zentrale Hilfsorganisation noch bis 1922 in Europa und bis 1923 in der Sowjetunion aktiv. Dabei waren die humanitären US-Maßnahmen „never purely altruistic, neutral, or apolitical, nor could they be. Foreign aid certainly helped suffering, but it simultaneously served diplomatic and military agendas“ (dies., S. 137). Ähnlich ambivalent beurteilt Andrew Preston die religiös-spirituelle Wirkung des Krieges auf die US-Gesellschaft: „By rallying nearly all Protestants to a righteous banner of peace-through-strength and redemptive violence, and by offering Catholics and Jews a platform for assimilation, the war infused politics with religion and embedded patriotism and citizenship with the prerequisite of faith. […] American Christians set a lasting standard of perceiving war as a normative, moralistic crusade to right the wrongs in other lands. More than anything else, the war launched America’s errand to the world“ (Preston, S. 152).

Damit reiht sich die Analyse der soziopolitischen Effekte des Ersten Weltkrieges auf die USA nahtlos in den Gesamtbefund ein, der sich aus der Synopse der vorgestellten Neuerscheinungen ergibt: Weder war der Ausgang des Ersten Weltkriegs so klar determiniert, wie das in der historisch-politischen Literatur der vergangenen Jahrzehnte häufig impliziert wurde, noch waren die Resultate der Pariser Friedenskonferenz und des Versailler Systems so fundamental unbefriedigend wie dies zumindest in den Internationalen Beziehungen und der Internationalen Politischen Ökonomie angesichts des weiteren Weges zum Zweiten Weltkrieg oft wahrgenommen wird.33 Obwohl es nicht gelang, nach 1918 den Frieden in Europa und darüber hinaus tatsächlich zu sichern, wird aus der Literatur ersichtlich, dass das Erbe von 1918/19 wesentlich vielschichtiger zu beurteilen ist, als es eine einfache logische Abfolge von 1914 über 1918 und 1933 bis nach 1939 und 1945 nahelegt. Damit erscheint auch das beliebte Narrativ des „Zweiten Dreißigjährigen Krieges“ im Sinne Arno Mayers differenzierungsbedürftig34, so wie der Verlauf und die Folgen des Ersten Weltkrieges und der brüchigen Friedensordnung danach in politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht offensichtlich weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus bis in die Gegenwart und Zukunft des 21. Jahrhunderts verweisen. Gleiches gilt für die hier nur gestreifte zunehmend globalhistorische Ausrichtung der Forschung zum Versailler System, etwa im Hinblick auf das unmittelbare wie längerfristige Schicksal der Kolonien und Kolonialvölker und die postkolonialen Strukturen des internationalen Systems. In methodischer und wissenschaftsimmanenter Hinsicht zeigen die neueren Arbeiten, etwa Holger Afflerbachs und David Zabeckis, schließlich deutlich die Potenziale einer verstärkten Einbeziehung der Militärgeschichte und der strategic history in die Historiografie sowie einer disziplinübergreifenden Perspektive, etwa von Geschichte und Politikwissenschaft, auf. In diesem Sinne – das wird in den angeführten Beiträgen zweifelsfrei klar – bleibt der Erste Weltkrieg mit seinen Konsequenzen als epochale Zeitenwende des internationalen Systems weiterhin nicht nur als historisches Forschungsobjekt, sondern auch als Referenzpunkt für die Internationalen Beziehungen insgesamt hochaktuell.

Auswahlbibliografie

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Notes

  1. Vgl. etwa Ulrich, Bernd/Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1994; Ziemann, Benjamin: Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern 1914–1923, Klartext, Essen 1997; Wette, Wolfgang (Hrsg.): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, Piper, München/Zürich 1998.
  2. Vgl. Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Pantheon, München 2015 (engl. 2013).
  3. Afflerbach, Holger: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor, Beck, München 2018.
  4. Vgl. Stevenson, David: With Our Backs to the Wall. Victory and Defeat in 1918, Penguin, London 2011.
  5. Vgl. Rotte, Ralph: Das Phänomen Krieg. Eine sozialwissenschaftliche Bestandsaufnahme, Springer VS, Wiesbaden 2019, S. 69–72.
  6. Vgl. Dupuy, Trevor N.: Numbers, Predictions, and War. Using History to Evaluate Combat Factors and Predict the Outcome of Battles, Hero Books, Fairfax, VA 1979; ders.: Attrition: Forecasting Battle Casualties and Equipment Losses in Modern War, Nova Publications, Falls Church, VA 1995; Lawrence, Christopher A.: War by Numbers. Understanding Conventional Combat, Nebraska UP, Lincoln, NE 2017.
  7. Bley, Fritz: Deutschland oder die Angelsachsen! Der Türmer, 20 (1918), S. 289–295, hier: S. 289/295.
  8. Vgl. z. B. die noch immer sehr lesenswerten Betrachtungen von Kabisch, Ernst: Streitfragen des Weltkrieges 1914–1918, Bergers Literarisches Büro und Verlagsanstalt, Stuttgart 1924.
  9. Vgl. etwa Köster, Adolf: Konnten wir im Herbst 1918 weiterkämpfen?, Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin 1921, und Kuhl, Hermann Josef: Die Kriegslage im Herbst 1918. Warum konnten wir weiterkämpfen? Eine Entgegnung auf die Schrift von Adolf Köster: Konnten wir im Herbst 1918 weiterkämpfen?, Dob-Verlag, Berlin 1922.
  10. Vgl. Blaxland, Gregory: Amiens 1918. Victory from Disaster, Pen and Sword Books, Barnsley 2018 (orig. 1968); Strohn, Matthias (Hrsg.): 1918. Winning the War, Losing the War, Osprey, London/New York 2018; Zabecki, David T.: The Generals’ War. Operational Level Command on the Western Front in 1918, Indiana UP, Bloomington, IN 2018.
  11. Vgl. Toland, John: No Man’s Land. 1918, The Last Year of the Great War, Doubleday, New York 1980.
  12. Blaxland: Amiens (wie Anm. 10), S. 267.
  13. Vgl. z. B. Zabecki, David T.: Steel Wind: Colonel Georg Bruchmuller and the Birth of Modern Artillery, Praeger, Westport, CT/London 1994; ders.: The German 1918 Offensives. A Case Study in the Operational Art of War, Routledge, London/New York 2006.
  14. Vgl. Machtan, Lothar: Der Endzeitkanzler. Prinz Max von Baden und der Untergang des Kaiserreichs, Theiss, Darmstadt 2018.
  15. Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irina (Hrsg.): 1918. Die Deutschen zwischen Weltkrieg und Revolution, Links, Berlin 2018, S. 48.
  16. Vgl. Käppner, Joachim: 1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen, Piper, München/Zürich 2017, S. 152–156.
  17. Vgl. Platthaus, Andreas: Der Krieg nach dem Krieg. Deutschland zwischen Revolution und Versailles 1918/19, Rowohlt Berlin, Berlin 2018, S. 78–106.
  18. Vgl. Neiberg, Michael S.: The Treaty of Versailles. A Concise History, Oxford UP, Oxford u. a. 2017.
  19. Leonhard, Jörn: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, Beck, München 2018, S. 1258.
  20. Vgl. MacMillan, Margaret: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte, Propyläen, Berlin 2015 (engl. 2001); Conze, Eckart: Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt, Siedler, München 2018; Leonhard: Frieden (wie Anm. 19).
  21. Conze: Illusion (wie Anm. 20), S. 495 f.; die Fiume-Frage betraf die ehemals ungarische Hafenstadt Fiume (heute Rijeka), die im Vertrag von Trianon von Ungarn abgetreten wurde und trotz italienischer Ansprüche und Mehrheitsbevölkerung ebenso wenig Italien zugesprochen wurde wie dem neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat) als gemeinsamer Staat der Südslawen (Jugoslawien) gemäß dem Prinzip des Uti possidetis. Stattdessen wurde auf Betreiben Woodrow Wilsons beschlossen, einen internationalisierten Freistaat Fiume als Puffer zwischen Italien und Jugoslawien zu gründen (1920), der jedoch bereits 1922 faktisch und 1924 (Vertrag von Rom zwischen Italien und Jugoslawien) formal von Italien annektiert wurde. Die Provinz Shandong mit der ehemaligen deutschen Kolonie Kiautschou wurde 1919 auf Betreiben Großbritanniens und Frankreichs ebenfalls entgegen dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung nicht der Republik China, sondern Japan zugesprochen.
  22. Vgl. Leonhard: Frieden (wie Anm. 19), S. 1261–1277.
  23. von Hentig, Hans: Der Friedensschluss. Geist und Technik einer verlorenen Kunst, dtv, München 21965, S. 252.
  24. Vgl. Leonhard: Frieden (wie Anm. 19), S. 1237–1253.
  25. Ebd., S. 813; vgl. auch Conze: Illusion (wie Anm. 20), S. 383–407.
  26. Vgl. Payk, Marcus M.: Frieden durch Recht? Der Aufstieg des modernen Völkerrechts und der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg (Studien zur Internationalen Geschichte, Bd. 42), De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2018.
  27. Vgl. Bull, Hedley: The Anarchical Society: A Study of World Order in Politics, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 32002.
  28. Vgl. Gerwarth, Robert: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, Siedler, München 2017, S. 167–191, S. 241–254.
  29. Vgl. Balkelis, Tomas: War, Revolution, and Nation-Making in Lithuania, 1914–1923, Oxford UP, Oxford u. a. 2018.
  30. Vgl. Buttar, Prit: The Splintered Empires. The Eastern Front 1917–21, Bloomsbury, London/New York 2017, S. 294–306, 347–430.
  31. Gerwarth: Besiegten (wie Anm. 28), S. 249.
  32. Vgl. Still, William N.: Victory Without Peace. The United States Navy in European Waters, 1919–1924, Naval Institute Press, Annapolis, MD 2018, S. 39–43.
  33. Vgl. z. B. die kritischen Beiträge von Rasmussen, Mikkel Vedby: The History of a Lesson: Versailles, Munich and the Social Construction of the Past, in: Review of International Studies 29 (2003), H. 4, S. 499–519; Graebner, Norman A./Bennett, Edward M.: The Versailles Treaty and Its Legacy. The Failure of the Wilsonian Vision, Cambridge UP, Cambridge 2011; Anievas, Alexander: International Relations between War and Revolution: Wilsonian Diplomacy and the Making of the Treaty of Versailles, in: International Politics 51 (2014), H. 5, S. 619–647; Eichengreen, Barry: Versailles: The Economic Legacy, in: International Affairs 95 (2019), H. 1, S. 7–24.
  34. Vgl. Mayer, Arno J.: Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die „Endlösung“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989 (engl. 1988).