Das subjektiv-kollektive Interesse, auf vielfältige Weise artikuliert und aggregiert, determiniert die Sichtweisen auf das Textsortenmaterial, das (politische) Ideengeschichtsschreibung konstituiert. Konkret lässt sich dieses Dilemma am Grundwiderspruch von Kontextualisierung und Aktualisierung deutlich machen, von Geschichtlichkeit und Vergegenwärtigung. Die epistemologisch-methodologischen Bemühungen und Versuche haben bis heute Dimensionen erreicht, die kaum zu ermessen sind. Der einführende Beitrag von Ellen Thümmler dieses höchst anspruchsvollen, aus einer deutsch-französischen Tagung hervorgegangenen Sammelbandes gibt einen eindrucksvollen Beweis für diese Differenziertheit, mit der dieser komplexen Problematik Herr zu werden versucht wird (S. 23–42). Das Herzstück aller Beiträge stellt die Korrespondenz oder Komplementarität von Autorschaft-Rezipient-Verhältnis und Kanonisierung klassischer Texte dar. Im Grunde läuft dies auf eine Personalisierung der politischen Ideengeschichte hinaus: Das auf Vernunftgründen aufliegende politische Denken bewegt sich in einer Aura von Originalität, geistiger Frische, Weitsicht, argumentativer Kraft und ist die Quelle, aus der die Vorbilder für eigene Interessen genommen werden. Davon bietet der Band einiges.
Die Herausgeber Gérard Raulet und Marcus Llanque nehmen, so ihre Erläuterungen in der knappen Einleitung, einen originellen und überzeugenden Standpunkt ein. Sie wollen wegkommen von der eingefahrenen, eigentlich platten, weil schematischen Vorgehensweise, die politischen Theoretiker in Vergangenheit und Gegenwart sozusagen in für vorherrschende politische Ideen oder Ideologien „vorzeigbar“ beziehungsweise „weniger vorzeigbar“ bis „untragbar“ zu klassifizieren. Daraus speist sich die ideenpolitische Instrumentalisierung der Denker im Sinne einer bequemen Legitimationsgrundlage. Es gibt berühmte Beispiele von Niccolò Machiavelli über Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, Georg Wilhelm Friedrich Hegel – der bedauerlicherweise ausgeklammert bleibt – bis zu dem unvermeidlichen Carl Schmitt und manchen anderen, die zu widersprüchlichen bis entgegengesetzten Interpretationen geführt haben. Die Herausgeber interessiert aber weniger die Authentizität des jeweiligen Werkes, das zur Auslegung ansteht, als vielmehr die „diskursiven Strategien“, die der Interpret hinsichtlich seines Gegenstandes einschlägt. Das zeige sich insbesondere in epochalen politischen und zivilisatorischen Veränderungen, die sich in den Kategorien Kontinuität versus Diskontinuität auf den Begriff bringen lassen (S. 16, auch schon S. 10, 14). Das lehrreiche Beispiel ist Leo Strauss, vor allem der ‚frühe‘ Strauss, nicht derjenige, den die Neocons der Bush-Ära vor Augen hatten. In jener Phase sei Strauss weder konservativ noch liberal gewesen. Der Strauss der Weimarer Republik habe in den 1920er und 1930er Jahren in seinen Interpretationen, auch in esoterischer Form, auf die „Notlage der Weimarer Republik“ einerseits und auf „das Scheitern des historischen Modells der Judenemanzipation“ (S. 12) andererseits reagiert. Strauss suchte der konservativen Gegenaufklärung eine aufklärerisch rationalisierte Basis zu verschaffen (S. 12).
Die exempla classica sind unter der Überschrift „Lehren von Weimar: Diskursstrategien“ (S. 113–395) versammelt im ausführlichen zweiten Teil des Bandes. Den Einzelstudien ist gemeinsam, dass sie sozusagen von einem Zwei-Ebenen-Kanon ausgehen. Die primäre Ebene umfasst Klassiker der politischen Ideengeschichte, die der Kategorie ‚Höhenkamm-Literatur‘ zugeordnet werden müssen. Diese ‚Auserwählten‘ sind allerdings zusätzlich mit der Besonderheit behaftet, bis auf den heutigen Tag einem interpretatorischen ‚Freibeutertum‘ ausgeliefert zu sein, das je nach politischer Sachlage seine eigene Richtung wählt: Machiavelli, Baruch de Spinoza, Immanuel Kant, aber vor allem Hobbes und Rousseau (zu letzterem gleich vier Beiträge). Die sekundäre Ebene ist gekennzeichnet durch eine kleine Anzahl von Interpreten, die selbst wiederum zu Klassikern der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts aufgestiegen und Kanon-Status erlangt haben: Schmitt und Strauss sind die Hauptprotagonisten, die in den Beiträgen allgegenwärtig sind. Hannah Arendt steht ihnen kaum nach. Dazu gesellen sich Hans Freyer, Martin Heidegger, Helmuth Plessner, Georg Jellinek, Ernst Cassirer, Vertreter des theologisch-politischen Denkens wie Martin Buber, Franz Rosenzweig, Eugen Rosenstock-Huessy, sowie der Theorie des Republikanismus in der Weimarer Republik wie Hans Barion, Felix Gilbert, Fritz Hartung, Hedwig Hintze.
Raulet neigt zu der Annahme, dass die genannten ‚Höhenkamm-Klassiker‘ immer dann mobilisiert würden, wenn es um die Legitimation von imagined communities gehe und diese Autoritäten eine diskursive Funktion erfüllten, die „strategische Weichen und strategische Ecksteine im Selbstbehauptungsprozess der politischen Ideengeschichte“ (S. 280) darstellten. Es bezeichnet die sich aus der Dauerkrise der Weimarer Republik ergebende Rolle des modernen Liberalismus, mit dem Interpreten wie Schmitt, Strauss oder Max Horkheimer jeweils ihre unterschiedlichen Antworten zu geben versuchen unter Inanspruchnahme der Theorien von Hobbes, Rousseau und Spinoza. Für Horkheimer beispielsweise sind Hobbes wie Spinoza zu den Begründern des okzidentalen Liberalismus zu rechnen, aber unter bürgerlichen Vorzeichen. Hobbes habe sich für die „grundsätzliche Willensfreiheit“ (S. 131, 141 ff.) ausgesprochen. Über die scharfen Divergenzen zwischen den Positionen von Schmitt und Strauss hinsichtlich der Hobbes-Lektüre hat Strauss von nur einem „bedingten“ Gehorsam des Individuums gegenüber der staatlichen Souveränität gesprochen, denn Sicherung des Lebens sei „der letzte Grund des Staates“. Schmitt hingegen ist Hobbes’ Leviathan nicht total genug. Erst der nationalsozialistische Staat löse diese theoretische Bestimmung ein (Manfred Gangl, S. 197, 185 f.). Die liberale Rezeptionsgeschichte habe es nach Schmitt erst ermöglicht, den Sinn des Leviathan als Symbol von Totalität wegretouschiert zu haben (Reinhard Mehring, S. 214).
Bruno Quélennec führt an der Verwendung des antiken Thymos-Begriffs durch Strauss vor, wie dieser eine Konzeption gegen den realen Faschismus konzipiert habe, in der die martialische Tugend durch elitären Vernunftgebrauch in die Schranken gewiesen werden könne (S. 249). Die Konnotation des Thymos mit Heroentum und Maskulinität als Grundtugenden, wie sie später von Autoren wie Francis Fukuyama oder Peter Sloterdijk betrieben wurde (S. 237–242, 245–248), war gegen Verweichlichungstendenzen des Liberalismus gerichtet – sozusagen als „antiliberale ‚Gegenideengeschichte‘“ (S. 223 f.) Die Neue Rechte – beispielsweise der Sloterdijk-Schüler Mark Jongen – kaschiert strategisch ihre Zwecke nicht durch Verweise auf Schmitt oder Strauss, sondern auf Fukuyama et cetera, um so den Weimarer Kontext völlig auszublenden, um die Schmitt’sche Position verdeckt zu halten (S. 251 f.).
Die Beiträge zu Rousseau dechiffrieren den Genfer Philosophen wie Hobbes aus dieser antagonistischen Zwiespältigkeit heraus, die sich zwischen den Prinzipien ‚liberal‘ und ‚totalitär‘ bewegt. Alfons Söllner problematisiert die Rousseau-Lektüre philosophischer Paradigmen im frühen 20. Jahrhundert: Neukantianismus (Rousseau als Vorbereiter von Kant, S. 149), Inkubationszeit der Frankfurter Schule, Leo Strauss („keine Spur von totalitarismustheoretischer Teleologie“, S. 165), Cassirer (S. 147–174). Es ergeben sich für ihn drei Alternativen: historisierend-philosophiegeschichtlich, soziologische Ideologienlehre, „Rettung“ im antiken Denken (S. 174). So reflektiert Raulet den vermeintlichen Gegensatz von Sentimentalismus und Rationalismus, der Rousseau auszeichne. Er setzt dagegen zustimmend die Rousseau-Interpretation von Cassirer: Ethisches Verhalten und echte Politik stützen sich nicht auf „erklügeln und errechnen“, sondern sind eingefasst in eine Art „Unmittelbarkeit“, die nicht gefühlsbeladen, sondern von Vernunft getragen ist (S. 297 f.). Strauss sieht in Rousseaus Auffassung des Naturrechts, die sich „normativ an der offenen Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit des Naturzustandes orientiert“ (Daniel Schulz, S. 307). Martin Oppelt greift zu der Vokabel von den „Rezeptionsblockaden“, die die Interpretationsgeschichte der Rousseau’schen Theorien ausgezeichnet hat: Liberalismus versus Totalitarismus (S. 326). Oppelt meint in einer Diskussion mit den Hauptvertretern des Kommunitarismus, dass ein Rückgriff auf Rousseau’sche Theoreme nichts bringe, solange Rousseau weiterhin zu den Ahnherren des Liberalismus gezählt werde (S. 343).
Der Sammelband enthält natürlich auch diverse Überlegungen zum Stand einer Ideengeschichtsschreibung, die hier lediglich erwähnt werden. Ellen Thümmler schreibt über Historisierung von Ideengeschichte und Intellectual History (S. 23–42). Über „Diskontinuität als Paradigma“ handelt der Beitrag von Frauke Höntzsch (S. 43–68). Einen sehr interessanten Aspekt stellt Rieke Trimçev heraus: Produktive Erkenntnisfehler, die aus interpretatorischen Anachronismen resultieren (S. 69–91). Das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Politikwissenschaft thematisiert Benjamin Pinhas. Seine Hauptthese: In den 1950er Jahren hätten beide Wissenschaften sich als Integrationswissenschaft empfunden, was im Falle der Historiografie nicht ganz stimmig ist (S. 111). Quélennec konzentriert sich auf den Streit zwischen den US-amerikanischen Straussianern und der Cambridge-Schule. Schließlich ein „Entwurf“ einer „Republikanischen Ideengeschichte“, vorgelegt von Raulet (S. 482–492).
Der Sammelband enthält noch die eine oder andere Preziose bereit, beispielsweise über die Aristoteles-Interpretationen des jungen Heidegger im Lichte seiner NS-konformen Haltung (Daniel Meyer, S. 347–365). Zwei Fragenbereiche seien noch unter Analyse-Vorbehalt zu stellen: Neben dem in der Tat wichtigen Rezeptionsaspekt sollte der Intentionsaspekt nicht vernachlässigt werden. Sich situationistisch wandelnde Diskursstrategien sind auch immer begleitet von wandelnden Intentionen hinsichtlich zeitdiagnostischer Beurteilungen. Das implizierte immer das Nachdenken über Kontinuitäten beziehungsweise Diskontinuitäten. Mir erscheint dies ein wenig leichthin festgestellt. Denn die Verwendung beider Begriffe leidet unter einem Mangel an Operationalisierungsfähigkeit. Wie sind sie als Einzelfall näher zu bestimmen? Hinzu tritt die Frage nach der Kohärenz eines Denkens. Kohärenz oder ihr Gegenteil wird meist nur aus Sicht des Betrachters diagnostiziert. Das Selbstbild des Autors, der dies gar nicht wahrgenommen hat und meist von innerer Geschlossenheit seines Denkens ausgeht, wird dabei aber oft ausgeblendet. Und stellt nicht auch jegliches Modifizieren oder Relativieren des eigenen Ideenbestandes auch eine Art Lernen dar?