Skip to main content
Einzelrezension

Görtemaker, Heike B.: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, 528 S., Beck, München 2019.


Keywords: Review, Görtemaker, Heike B., 2019, Hitler, Elite, Nationalsozialimus

How to Cite:

Schieder, W., (2020) “Görtemaker, Heike B.: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, 528 S., Beck, München 2019.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00233-2

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

7 Views

4 Downloads

Published on
2020-04-20

Peer Reviewed

Es gehörte zum Führerkult des Nationalsozialismus, dass Adolf Hitler als ‚einsamer Wolf‘ dargestellt wurde, der kein Privatleben und keine Freunde gehabt, sondern sich rastlos allein im Dienste des deutschen Volkes verzehrt habe. Diese Mär vom einsamen ‚Führer‘ hat sich großenteils auch in der wissenschaftlichen Hitlerbiografik fortgesetzt, die sich allerdings bisher kaum für die persönlichen Beziehungen Hitlers zu anderen Menschen interessiert hat. Dem will Heike Görtemaker mit ihrem bemerkenswerten Buch gegensteuern. Sie geht sogar so weit zu fragen, ob Hitler in der Zeit der Weimarer Republik nicht eigentlich „der zur Macht Verführte“ gewesen sei, dem „seine Mäzene geradezu einredeten, er habe die Begabung zum Herrscher“ (S. 87). Das ist eine steile These, die sich letzten Endes nicht aufrechterhalten lässt. Görtemaker kann mit ihrem Buch jedoch den Beweis führen, dass Hitler entgegen der bisherigen Forschungsmeinung von seinem Einstieg in die Politik bis in seine letzten Tage von einem Kreis bedingungslos Getreuer umgeben war, der ihn als eine Art von Ersatzfamilie gestützt hat. Das ist eine neue Sicht auf den Menschen Hitler, welche dem Buch wissenschaftliche Bedeutung verschafft.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. In einem ersten untersucht Görtemaker die Formierung des von ihr als „Hofstaat“ bezeichneten inneren Kreises und dessen Verfestigung bis 1933 und darüber hinaus. Im zweiten Teil wird von der Autorin beschrieben, wie „aus dem Kreis für Hitler der Kreis um Hitler“ wird (S. 151). Im dritten eher diskursiv dargestellten Teil verfolgt sie schließlich die Weiterexistenz des „Kreises ohne ‚Führer‘“ nach dem Ende des ‚Dritten Reiches‘ (S. 323).

Die gesamte Darstellung beruht auf einer enormen Fülle zwar im Einzelnen häufig bekanntem, in der Summe jedoch nicht erschlossenem biografischen Material, das Görtemaker mit bewundernswerter Akribie zusammengeführt hat.

Wie die Verfasserin im ersten Teil des Buches zeigt, bildete sich der innere Kreis um Hitler schon um 1920 heraus. Die „Getreuen der ersten Stunde“ (S. 36) werden von ihr in vier Gruppen eingeteilt: die eigentlich politische Entourage mit Dietrich Eckardt, Ernst Röhm, Herrmann Esser, Alfred Rosenberg, Max Amann, Herrmann Göring und anderen, die Leibwächter mit Christian Weber und Emil Maurice, den „Stoßtrupp Hitler“ (S. 67) als Keimzelle der SA sowie die mäzenatischen Sympathisanten mit den drei Ehepaaren Bruckmann, Bechstein und Wagner. Alle Mitglieder dieser vier Gruppen werden in ihrer individuellen Bedeutung für Hitler sorgfältig charakterisiert. Es entsteht dadurch ein personales Panorama von Bewunderern Hitlers, ohne die, wie die Verfasserin betont, Hitlers Aufstieg nicht möglich gewesen wäre. Was den heterogenen ‚Hofstaat‘ zusammenhielt, wird von Görtemaker jedoch nicht systematisch analysiert. Sicherlich spielte die antisemitische Grundeinstellung dabei eine große Rolle, aber Antisemiten gab es viele. Dass alle „überzeugte, fanatische Nationalsozialisten“ waren (S. 120), versteht sich von selbst. Dass etliche in dem Kreis sozial entwurzelt waren und deshalb nach einer sozialen Bindung in einer ‚Gemeinschaft‘ suchten, ist offensichtlich, jedoch wäre zu fragen, inwieweit es individuell war. Sehr auffällig ist, was die Verfasserin nicht besonders hervorhebt, dass dem Kreis besonders viele Frauen angehörten. Wenn das Männerbündische für den Nationalsozialismus charakteristisch war, dann nicht für Hitlers ‚Hofstaat‘. Wie die Verfasserin zeigen kann, spielte schließlich in zahlreichen Fällen eine Rolle, dass Personen in den inneren Kreis fanden, weil sie in der unmittelbaren Nähe des ‚Führers‘ sein wollten. Das konnte eher emotionale Ursachen haben, konnte aber auch dem berechnenden Kalkül entspringen, den ‚Zugang zum Herrscher‘ kontrollieren zu können.

Wie Görtemaker überzeugend nachweisen kann, konnte sich Hitler nur schlecht von seinen Vertrauten trennen, er hielt an den „Getreuen der ersten Stunde“ fest (S. 36). Der ‚Hofstaat‘ veränderte sich daher bis zur ‚Machtergreifung‘ von 1933 personell nur wenig. Welche Rolle seine Mitglieder für Hitler spielten, fasst Görtemaker in einem Satz sehr schön zusammen: „Sie begleiteten ihn zu öffentlichen Auftritten, Treffen mit Geldgebern aus der Industrie, aber auch privaten Reisen, ins Kino, ins Theater, in die Oper oder ins Restaurant. Niemals ging Hitler alleine aus“ (S. 100).

Selbstverständlich verschweigt die Verfasserin nicht, dass im inneren Kreis um Hitler schon vor der Machtübernahme Hitlers nicht große Harmonie bestand, sondern „kaum gezügelte Rivalität“ und „Buhlen um die Gunst des Führers“ (S. 216) an der Tagesordnung waren. Sie weist beispielsweise auf die Rolle von Magda Goebbels hin, die für den latecomer Joseph Goebbels ein „Vorteil im Machtzirkel um den Führer“ gewesen sei (S. 116). Hier wäre zu fragen, ob nicht dies polykratische Element schon früh den inneren Kreis am stärksten bestimmt hat, also gegenseitige Profilierungen gegenüber dem ‚Führer‘ im ‚Hofstaat‘ am wichtigsten gewesen sind.

Der zweite Teil des Buches ist mit „Die Berghofgesellschaft“ überschrieben (S. 153). Görtemaker behandelt tatsächlich auch fast nur den Kreis um Hitler auf dem ‚Berghof‘ in Berchtesgaden. Die Kreise in der Reichskanzlei und in der ostpreußischen ‚Wolfsschanze‘ werden nur am Rande behandelt. Das ist durchaus einleuchtend, da es der Verfasserin ja um den privaten Hitler geht, nicht um den politischen oder den militärischen. Manche der von Görtemaker eindringlich beschriebenen Rituale auf dem ‚Berghof‘ lassen sich jedoch auch für die ‚Wolfsschanze‘ nachweisen, auch wenn es sich dort um eine reine Männergesellschaft handelte.

Die ‚Berghofgesellschaft‘ ist schon häufig, auch unter Auswertung von Filmen und Fotos von Eva Braun, dargestellt worden, fast durchweg jedoch auf einem oberflächlichen Niveau. Dabei wurden die problematischen Informationen von Albert Speer fast durchweg als glaubhaft angesehen. Görtemaker liefert demgegenüber die erste wirklich wissenschaftlich zuverlässige Darstellung. Ihr geht es weniger um den allmählichen Ausbau des ‚Berghofs‘ zu einem riesigen „Führersperrgebiet“ (S. 156), obwohl sie diesen auch beschreibt. Ihr Thema ist vielmehr das „Leben auf dem Berghof“ (S. 203). Es geht ihr um den streng abgeschlossenen Kreis von Vertrauten, den Hitler auf dem ‚Berghof‘ um sich hatte und um die Beziehungen dieses Kreises zu Hitler. Nach den Recherchen der Autorin waren es nicht mehr als zehn bis 20 Personen, die sich auf dem ‚Berghof‘ um Hitler scharten, die Hälfte davon Frauen. Sie bildeten einen „Schutzraum um den Führer, den sie als politisches Genie bewunderten“ (S. 215). Daraus ergab sich die „Atmosphäre einer geschlossenen Gesellschaft“ (S. 175), die vollständig auf Hitler fixiert war. Als zentrale Figur dieses geschlossenen Kreises hat Görtemaker bemerkenswerterweise Albert Speer ermittelt, dessen verlogene Selbstdarstellung nach dem Krieg sie ebenso zerpflückt wie schon sein Biograf Magnus Brechtken. Als besonderes Ergebnis kann die Erkenntnis der Verfasserin angesehen werden, dass Hitler seinerseits eine deutliche Distanz zu seinem Kreis hielt und diesen nach Belieben benutzte, wenn es ihm danach war.

Auch wenn nicht nachzuweisen ist, was bei den abendlichen Kamingesprächen mit Hitler besprochen wurde, lässt Görtemaker keinen Zweifel daran, dass die ‚Berghofgesellschaft‘ über Einzelheiten der von Hitler angeordneten Verbrechen bis hin zum Holocaust informiert gewesen sein muss. Eindeutig nachweisen kann sie, dass der ‚Hofstaat‘ über den Judenpogrom vom 9. November 1938 informiert war, weil Hitler sich zu diesem Zeitpunkt vorübergehend nach Berlin in die Reichskanzlei begeben hatte. Der Kreis auf dem ‚Berghof‘ diente nicht nur der Zerstreuung Hitlers, er war auch eine Art Resonanzboden für seine Wahnideen.

Besonders hervorzuheben ist, dass Görtemaker ihr Buch nicht mit dem Verhalten des ‚Hofstaats‘ beim Ende des ‚Dritten Reiches‘ abgeschlossen hat, sondern im dritten Teil ihres Buches auch noch den „Kreis ohne ‚Führer‘“ (S. 320) in der Zeit danach darstellt. Sie kommt zu einem im Grunde nicht erstaunlichen, aber gleichwohl deprimierenden Fazit, dass keiner aus Hitlers engerem Kreis sich von Hitler losgelöst hat. Der Kreis blieb unbelehrbar, alle fühlten sich als Opfer einer ungerechten Siegerjustiz. Sie hielten dem toten Hitler mehr oder weniger ihr weiteres Leben lang die Treue, sich gegenseitig darin bestärkend, trotz ihrer privilegierten Verhältnisse zu Hitler zu Unrecht angeklagt worden zu sein.

Es ist keine Frage, dass es sich bei dem Buch von Heike Görtemaker um ein bemerkenswertes, zudem sehr gut geschriebenes Buch handelt, das einen ganz neuen Blick auf Hitler ermöglicht. Auch wenn man der Verfasserin nicht in allem folgen muss, weist sie doch unwiderlegbar nach, dass Hitler ein eher unsicherer und ängstlicher Mensch war, der in höchstem Maße von persönlichen Beziehungen abhängig war, die ihn stützten und ihm einen „sicheren Rückzugsraum“ (S. 374) von der Politik boten. Es konnte nicht die Aufgabe der Verfasserin sein, Hitlers private Vernetzungen mit seinem fatalen politischen Handeln in Beziehung zu setzen. Die künftige Hitlerforschung wird aber nicht an den Erkenntnissen des Buches von Görtemaker vorbeikommen.