In den letzten Jahren sind im deutschsprachigen Raum mehrere Sammelbände erschienen, die sich aus einer theoretisch-analytischen und zugleich gegenwartsdiagnostischen Perspektive der Konzeptionalisierung von Macht widmen. Dabei geht es darum, den Begriff der Macht in Absetzung von – aber auch im Verhältnis zu – analogen Konzepten wie Gewalt, Herrschaft und Autorität zu schärfen sowie klassische und neuere Machttheorien für die Analyse gegenwärtiger Machtpraktiken nutzbar zu machen und weiterzuführen. Der vorliegende Sammelband folgt diesem Ansatz auf weiten Strecken. Er präsentiert unter anderem Aufsätze, in denen es – nicht nur, aber vorrangig – um die Machttheorien von Michel Foucault (Nikos Psarros, Jörg Bernardy, Heike Kämpf), Hannah Arendt (Dirk Tänzler), Judith Butler (Katrin Felgenhauer), Friedrich Nietzsche (Kurt Röttgers) und Gilles Deleuze (Marc Rölli) geht, in denen allgemeine Konzeptionen von Macht (Georg Lohmann, Martin Saar, Kurt Röttgers) entwickelt und konkrete Machtformationen, wie etwa das ‚ständisch-feudale‘ Spielfeld universitärer Berufungsverfahren (Michael Wolf), in den Blick genommen werden.
Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf eine interdisziplinäre Tagung in Leipzig von 2016 zurück, die mit einem Philosophie-Performance-Festival verbunden war. Der Versuch, Kunst und Theorie sowie Fachpublikum und interessierte Öffentlichkeit in einen Dialog zu bringen, setzt im Band einzelne inspirierende Akzente – so etwa der schöne Text von Veronika Reichl über „Das Gefühl zu Denken“ oder ein selbstkritischer Dialog zwischen einem Performer und zwei Philosophinnen (Rainer Totzke) –, ist aber zugleich für eine gewisse Heterogenität der Beiträge verantwortlich. Nicht alle Aufsätze sind wissenschaftlich überarbeitet; mehrheitlich dominiert ein essayistischer Duktus mit vielen Thesen und wenig Textreferenzen. Vielfältig bleiben auch die behandelten Themen trotz des Versuchs der Herausgeber_innen, die Publikation durch eine übergreifende Perspektive zu rahmen.
So rücken Katrin Felgenhauer und Falk Bornmüller in ihrer Einleitung vor allem zwei Themenstränge in den Vordergrund: das Spannungsverhältnis zwischen einer „relationalistischen“, auf die Dynamik von Verhältnissen, und einer „substantialistischen“, auf das Wirkungsvermögen von Instanzen abhebenden Machttheorie einerseits und das Verhältnis zwischen sichtbar verkörperten und unsichtbaren anonymen Machtinstanzen und -prozessen andererseits (S. 19). Felgenhauer und Bornmüller schlagen vor, den vermeintlichen Gegensatz beider im Begriff der Performativität zu überbrücken, indem dieser nicht nur als Vollzug einer Kommunikation, sondern auch als Inszenierung einer sinnlichen Performance zu deuten ist und derart die sichtbar-materiellen und die unsichtbar-dynamischen Aspekte von Macht konzeptionell zusammenbringen kann. Diesen Gedanken greift Felgenhauer in ihrem eigenen Beitrag nochmals auf. Sie schlägt vor, Butlers performatives Machtkonzept, in dem die Sichtbarkeit von Macht eine Leerstelle bleibt, durch eine anthropologische Perspektive zu erweitern, die dem Körper und der exzentrischen Positionalität des Menschen (mit Helmuth Plessner) mehr Gewicht gibt und „Expressivität und Performativität“ als sich wechselseitig bedingend ausweist (S. 192).
Auch im Beitrag von Kurt Röttgers geht es darum, sein Konzept der modalen Macht, das er in seinen früheren Schriften als „Handlungskontinuitätssicherung“ (S. 63) entwickelt und stärker subjektzentriert ausgerichtet hat, neu auf ein relationales Verständnis von Macht zu beziehen. Modale Macht bedeutet dementsprechend die Sicherung der „Kontinuität der Relation von Selbst und Anderem […] im sozialen Prozeß des kommunikativen Textes“ (S. 67).
Um einen ontologisch weit gefassten Begriff von Macht geht es auch im kurzen Text von Martin Saar, der Macht mit Bewegung in Verbindung bringt und daraus drei Bestimmungen für einen allgemeinen Machtbegriff ableitet: „Dynamik“ im Sinne eines Wirken-Könnens, „Topik“ als Lokalisierung von Bewegungen im Raum sowie „Transformation“ im Sinne des Formgebens und -veränderns. Die ‚Substanz‘ von Macht erscheint in dieser Perspektive als „ein Etwas, das bewegt, sich bewegt, sich verändert und Veränderungen hervorruft“ (S. 81) und das als Bewegung nur in ihren Gestalten und Wirkungen, nicht aber in sich selbst sichtbar ist.
Die politische Bedeutung von Machtkonzepten wird vor allem in jenen Aufsätzen explizit, in denen Macht mit staatlicher Herrschaft verbunden wird. So setzt etwa Pirmin Stekeler-Weithofer in seinem Beitrag zu einer hegelschen Verteidigung des Staates an und geißelt den „politischen Kitsch“ (S. 48) jener basisdemokratischen Rhetorik, die suggeriert, dass es eine Macht der Massen außerhalb staatlicher Institutionen geben könne.
Bedenkenswert ist auch Ludger Schwartes These, dass die „Performanz der Gewalt“ ein „Strukturelement der Repräsentation von Macht“ sei (S. 217). Dabei entwirft er allerdings eine problematische Analogie, wenn er schreibt, „die Palette der Phänomene, in denen sich die Macht gewaltsam in Szene setzt“, reiche vom „Staatstreich über die Revolte und den Terrorismus bis zur Demonstration und zum Hungerstreik“ (S. 218). Aus dem Blick gerät dabei, dass gerade der Hungerstreik nicht Ausdruck von Macht, sondern vielmehr von Ohnmacht ist, insofern sich die Handlungsfähigkeit – etwa von politischen Gefangenen – darauf reduziert, ihrem eigenen Körper Gewalt anzutun.
Generell fällt schließlich auf, dass im Sammelband die Frage nach dem emanzipatorischen und gemeinschaftsbildenden Potenzial performativer Macht wenig Raum einnimmt. Es dominiert eine kritische Perspektive auf performative Macht als einer, wie es Heike Kämpf formuliert, „unterwerfenden Macht“ (S. 171), und auf Formen widerständiger Macht, etwa im Sinne des deleuzeschen „Minoritär-Werdens“ (Marc Rölli). Dabei rückt Macht auch im Medium des Denkens in den Blick (Falk Bornmüller) – als Reflexion auf die Macht des Denkens, das seinen eigenen Gegenstand konstituiert und performativ vollzieht.