Die Studie von Richard Devetak untersucht in revisionistischer Intention die Fundamente der sogenannten Critical International Theory, die innerhalb der International Relations (IR) der Politischen Wissenschaft den exklusiven Anspruch kritischer Theoriebildung vertritt. Devetak sichtet hier in beeindruckender Weise ein komplexes Forschungsfeld, das er wie wohl nur wenige beherrscht. Ihm gelingt es in dieser überzeugenden Interpretation nicht nur, ein differenziertes Bild der verschiedenen Strömungen innerhalb der Critical International Theory zu zeichnen, sondern darüber hinaus die verschiedenen Einflüsse auf die unterschiedlichen Protagonisten aufzuzeigen. Insbesondere die Einwirkungen von Immanuel Kant, Karl Marx und der Frankfurter Schule werden hier konstatiert. Der Autor will nicht den Wert der Critical International Theory infrage stellen, aber seine erklärte Absicht ist es, „to deflate their [der Critical International Theory] pretentions to being the highest form of theoretical reasoning about international relations“ (S. 188).
Das erste Kapitel gibt einen knappen Überblick über die IR vor dem Einfluss der Critical International Theory auf dieses Forschungsfeld. Kenneth Waltz’ 1979 erschienene Studie „Theory of International Politics“ wird dann als die wichtigste Arbeit hervorgehoben, die die Bedeutung und Legitimität kritischer Theorie in den IR verankert habe (vgl. S. 40–45). Das sei auf Kosten eines empirischen und historischen Verständnisses der Internationalen Beziehungen geschehen. Die Critical International Theory sei zunehmend durch höchst abstrakte philosophische Konzepte geprägt worden, was letztlich dazu geführt habe, den Eindruck zu erwecken, „theory must abjure the empirical and historiographical, and submit to philosophical oversight – something this book seeks to resist“ (S. 45). Damit hat Devetak die Stoßrichtung seiner Interpretation und Argumentation unmissverständlich benannt.
Die Critical International Theory vertritt einen emanzipatorischen Anspruch. Gegenüber den anderen Ansätzen wird von ihren Vertretern behauptet, dass nur durch eine Emanzipation von den „ideologically imposed restraints of traditional modes of theorizing“ (S. 124) eine Position gewonnen werden könne, die es erlaube, die Welt zum Besseren zu verändern. Mit dieser durch den Duktus Kantischer Aufklärungsphilosophie und Marx’scher Ideologiekritik geprägten emanzipatorischen Forderung geht ein Alleinvertretungsanspruch einher, der von Devetak zu Recht infrage gestellt wird. Allerdings hätte man durchaus noch weiter kritisch fragen können, ob nicht auch die Critical International Theory selbst wieder „ideologically imposed restraints“ schaffe. Es ist ja durchaus zutreffend, dass – wie die Critical International Theory kritisiert – politische Theorie und Analyse auch immer interessengeleitet sind. Aber es müsste erst noch gezeigt werden, dass dies nun gerade bei der Critical International Theory nicht der Fall sei. Devetak verweist darauf, dass sich diese Theorie ausdrücklich nicht als neutral verstehe und darauf insistiert, sich explizit gegen all jene Theorien zu wenden, die die bestehende Ordnung legitimierten. Stattdessen werden von ihr „progressive alternatives that promote emancipation“ (S. 129) offensiv vertreten. Nun wird sich wohl kaum jemand gegen fortschrittliche Alternativen und Emanzipation aussprechen wollen. Aber – und das hat Devetak durchaus treffend festgestellt – es ist alles andere als einsichtig, warum ein solcher Anspruch auf Fortschritt und Emanzipation eo ipso bereits zu einer überlegenen Theorie führen sollte. Zunächst müsste einmal konkret bestimmt werden, was denn tatsächlich mit diesen Begriffen gemeint ist. Der Autor zeigt zumindest implizit, dass die Critical International Theory selbst auch ein von bestimmten Interessen geleiteter Diskurs ist, der die Interpretationshoheit für sich reklamiert.
Devetak kritisiert diesen absoluten Interpretationsanspruch der Critical International Theory und offeriert seine alternative Interpretation der Internationalen Beziehungen mit dem Verweis auf einen historical mode. Innerhalb der IR komme Robert W. Cox (vgl. passim und insbesondere S. 194) eine bedeutende Rolle zu. Der Autor zeigt, inwiefern bereits im Humanismus (unter anderem von Niccolò Machiavelli und Francesco Guicciardini) über die Säkularisierung des Naturrechts (durch Samuel Pufendorf, Emer de Vattel und andere) und ein besonders von Ian Hunter nachdrücklich betontes „Rival Enlightenment“, in dem Pufendorf erneut eine maßgebliche Rolle spielte (vgl. S. 171), alternative Interpretationen zur Verfügung gestanden hätten. Devetak stützt sich hier ausdrücklich auf die zahlreichen Studien von Hunter und anderen (wie zum Beispiel David Saunders oder Knud Haakonssen). Sein revisionistischer Ansatz ist durch diese Forschungen inspiriert. Allerdings wird nun Giambattista Vico als einer der bedeutendsten Gewährsmänner für Cox besondere Aufmerksamkeit geschenkt: „Vico provided a historical mode of knowledge that recognizes, and is capable of comprehending, the constitutive role played by ideas, myths, and culture in history“ (S. 185). Diese historische Analyse, die sich auf alternative und konkurrierende Ideen und Theorien bezieht, könne durchaus für sich in Anspruch nehmen, ebenfalls kritisch zu sein. Devetak verwahrt sich gegen das behauptete Monopol der Critical International Theory, die diesen Begriff exklusiv für sich reklamiere. Der von ihm vertretene ideengeschichtliche Ansatz verfolgt das Ziel, „past utterances as historically situated statements made by real individuals engaged in intellectual battle“ (S. 197) zu bewerten. Das trifft nun nicht nur für die rivalisierenden Aufklärungsphilosophien zu, sondern gilt mit gleicher Berechtigung auch für die Critical International Theory, die bemüht war, den intellectual battle der 1970er und 80er Jahre zu dominieren und für sich zu entscheiden. Devetaks kontextualistische Ideengeschichte entzaubert insofern erfrischend und kompetent die emanzipatorische Rhetorik der Critical International Theory.