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Einzelrezension

Kellmann, Klaus: Dimensionen der Mittäterschaft. Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich, 666 S., Böhlau, Wien u. a. 2019.


Keywords: Review, Kellmann, Klaus, 2019, Täter, Kollaboration, Nationalsozialismus, Krieg, Holocaust

How to Cite:

Friedrich, K., (2020) “Kellmann, Klaus: Dimensionen der Mittäterschaft. Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich, 666 S., Böhlau, Wien u. a. 2019.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00228-z

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-03-27

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Klaus Kellmann bemüht sich um eine Gesamtschau der „europäischen Kollaboration“ mit Hitler-Deutschland. In den Blick gerät somit das französisch-deutsche Verhältnis während des Zweiten Weltkriegs, das den Begriff der (Staats‑)Kollaboration geprägt hat und hier im längsten Kapitel abgehandelt wird. Ferner betrachtet der Verfasser verschieden ausgestaltete Besatzungsregime in Westeuropa (darunter in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg) und im Osten des Kontinents (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Sowjetunion, Ukraine, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Albanien). Außerdem befasst sich Kellmann mit den Verbündeten des Deutschen Reichs – mit Finnland, Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Das wichtigste Motiv, sich dem heiklen Thema zu widmen, war für den Autor die Frage, wie „Auschwitz als emblematischer Gedächtnismittelpunkt […] im Bewusstsein der Europäerinnen und Europäer des 21. Jahrhunderts“ installiert werden könne (S. 30). Als ehemals führender Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holsteins sowie als Kenner west- und osteuropäischer Geschichte erscheint er für diese selbstgestellte Aufgabe hochqualifiziert.

Ein Schwerpunkt der Länderporträts ist stets die Stellung der jüdischen Bevölkerung im Kräftespiel zwischen den Deutschen und ihren ausländischen Partnern – und welchen Anteil die Letzteren am Verfolgungsgeschehen hatten, weil es mehr oder weniger große Schnittmengen zwischen dem von den Besatzern verordneten Antisemitismus und dessen einheimischen Spielarten gab. Die Bandbreite ist groß: von Finnland, wo Juden der Armee angehörten, bis hin zu Ländern, welche Regelungen nach dem Vorbild der Nürnberger Gesetze einführten. Ebenso waren aufseiten der Besetzten die Voraussetzungen grundverschieden. Unter einem eher milden Besatzungsregime gelang es den Dänen, die unter ihnen als Juden Verfolgten – einige Tausend – in einem organisierten Unternehmen nach Schweden in Sicherheit zu bringen. In Polen, wo die jüdische Bevölkerung zehn Prozent der Einwohnerschaft ausmachte und sich nicht nur durch ihre Religion, sondern großteils durch Sprache und Kleidung von Nichtjuden unterschied, war eine solche Rettungsaktion undenkbar. Dies lag nicht nur am rabiaten judenfeindlichen Terror der Deutschen, sondern auch an den antijüdischen Stimmungen in der polnischen Bevölkerung. Zudem brachte es ihr Vorteile im Kampf ums Überleben, wenn sie sich die ökonomischen Chancen zunutze machte, die ihr die Besatzer beließen.

In seinen Länderporträts geht der Verfasser ausführlich auf die Erinnerungskulturen nach 1945 ein: die geschichtspolitische Überhöhung des Widerstands, das damit einhergehende Verschweigen unliebsamer Erscheinungen im Okkupationsalltag. Und er schildert, auf welche Art und Weise solche Verdrängungen überwunden wurden. Im Westen des Kontinents war dies leichter möglich, im Osten stößt der selbstkritische Umgang mit Besatzungsgeschichte auf zähen Widerstand. In der offiziellen Erinnerung Russlands hatte der „Holocaust […] keinen Platz“, und Stalins Nachfolger sehen bis heute keine Notwendigkeit, dies zu ändern, hatte doch der von vielen weiterhin verehrte Diktator drei Jahre nach Kriegsende „eine systematische Judenverfolgung im eigenen Land“ entfesselt (S. 367). Weniger bekannt ist, dass die Griechen „die größte Widerstandsbewegung in Europa“ organisierten (S. 532).

Die Kapitel sind – angefangen bei „Österreich“ – durchweg nach Ländernamen geordnet. Ist aber der Drang der Österreicher_innen ins (‚Dritte‘) Reich tatsächlich als Kollaboration zu begreifen? Oder das italienisch-deutsche Verhältnis unter Hitlers Vorbild Mussolini? Gleichermaßen fragwürdig erscheint, dass Kellmann hier auch die militärisch neutralen Staaten Schweiz und Schweden einbezieht, deren Politiker, wenngleich bedrängt, doch ungleich größere Handlungsspielräume hatten als jene der besetzten oder gar unterjochten Länder. Was fehlt, ist somit eine die „europäische Kollaboration“ systematisierende politikwissenschaftliche Analyse, wobei sich bestimmte Länder zusammenfassen, aber auch Unterschiede – und deren Ursachen – hervorheben ließen.

Zu bemängeln ist ferner, dass neben gut ausgearbeiteten und stimmigen Darstellungen – etwa zu Dänemark und Frankreich – Kapitel stehen, die sich auf die Publizistik oder einen engen Ausschnitt der Forschungsliteratur berufen und nur geringen analytischen Tiefgang aufweisen, so im Beitrag über die Schweiz. Der Beitrag über Polen ist oberflächlich, tendenziös und teils irreführend – wenn etwa für das Nachkriegs-Pogrom in Kielce 1946 ein vermeintlich allmächtiger und alles durchdringender sowjetischer Geheimdienst verantwortlich gemacht wird. Darüber hinaus ist es in der Zusammenfassung am Bandende unangebracht, die Judenräte pauschal zu verunglimpfen. Die szmalcownicy, die jüdische Landsleute mit der Drohung erpressten, sie an die Deutschen zu verraten, sind von jenen zu unterscheiden, welche die Verfolgten versteckten und dafür Geld nahmen (S. 551 f.).

Im Schlusskapitel „Europäisches Gedächtnis und europäische Identität“ spitzt der Verfasser seine Thesen über die jeweilige länderspezifische Nähe zum Nationalsozialismus noch einmal zu, stellt unter anderem fest, dass „Österreich […] die Schuld an der Ermordung von drei Millionen Jüdinnen und Juden“ trage und „neben Deutschland die Kollaborations- und Täternation schlechthin“ sei. Zwar konnte sich „Dr. Kurt Österreicher […] auf seine Waldheimer verlassen, die wählten, wen sie wollten“ (S. 543), so Kellmann, doch begann mit der Waldheim-Affäre der Abschied vom österreichischen Opfermythos. Dem Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit wird zugutegehalten, Fluchtpunkt für jene gewesen zu sein, die vor Antisemitismus aus ihrer Heimat in Polen flohen (S. 552); tatsächlich ging es diesen Flüchtlingen aber darum, sich unter den Schutz der westlichen Alliierten zu stellen und zugleich ein Stück Weg hinter sich zu bringen bei der Auswanderung in ein ersehntes neues Leben.

Hitler glaubte, bei der deutschen Beherrschung Europas ohne Kollaboration zurande zu kommen. Nicht zuletzt deswegen war der „europäische Widerstand“, wie Kellmann meint, schwach und erbärmlich (S. 562). Er wurde in den Jahren des Wiederaufbaus zum Mythos, aber mit der allgegenwärtigen Kollaboration könne er sich keineswegs messen. Daher müsse deren „schonungslose Aufarbeitung […] das eigentliche identitätsstiftende Fundament des Europas von Morgen“ (S. 563) sein. Und zwar unter der Voraussetzung, dass sich nationale und europäische Identität ergänzen. Zumindest innerhalb der EU dürfte ein gemeinsamer Erlebnis- und Erfahrungsraum immer mehr Platz greifen, um übernationale Identitätsmuster zu fördern. Für den Beitrag, den die auf den Umgang mit Zeitgeschichte ausgerichtete Erinnerungsforschung dazu leisten kann, hat Kellmann dank einer beeindruckenden jahrelangen Forschungsarbeit wichtige Grundlagen gelegt. Die Defizite, die seinem europaweiten Überblick anhaften, sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die kritische Aufarbeitung der Kollaboration im Rahmen der jeweiligen Nationalgeschichten vernachlässigt wurde (und wird).