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Einzelrezension

Lattke, Simon: Vögeln statt Turnen. Neue linke, linksalternative und subversive Bewegungskultur in der Bundesrepublik Deutschland 1968–1989, 416 S., Klartext, Essen 2019.


Keywords: Review, Kramer, Urs/Zaugg, Thomas, 2021, 19. Jahrhundert, Schweiz, Politikerbiografie, schweizerisches Regierungssystem, Außenpolitik, Handelspolitik

How to Cite:

Kreis, G., (2020) “Lattke, Simon: Vögeln statt Turnen. Neue linke, linksalternative und subversive Bewegungskultur in der Bundesrepublik Deutschland 1968–1989, 416 S., Klartext, Essen 2019.”, Neue Politische Literatur 67(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00227-0

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2020-03-25

Peer Reviewed

„Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ – so sah Hitlers Vision einer trainierten Jugend aus. Dass Sport unter vielen Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre nicht gerade en vogue war, ist daher vielleicht keine Überraschung. Und auch die außerparlamentarische Opposition und Akteure der Studentenbewegung der 1960er Jahre waren zunächst skeptisch, lenke der Sport doch von der sexuellen Revolution ab und wirke in Anlehnung an zeitgenössische Auslegungen von Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Herbert Marcuse daher herrschaftsstabilisierend.

Simon Lattke stellt die Sportkritik der Neuen Linken in den Mittelpunkt seiner Diskursanalyse und damit die Debatten um Sport als „Mittel der Revolution“ sowie subversive Bewegungskulturen als Absagen des alternativen Milieus an das Leistungsprinzip einer kapitalistischen Kultur (S. 60). Der Autor geht dabei der zentralen Fragestellung nach, wie sich die Spielräume der linken Utopien einer alternativen Bewegungskultur in Wechselwirkung zu anderen Diskursen entwickelten und die Bundesrepublik Deutschland in den langen 1970er und den 1980er Jahren geformt haben. Die linksalternativen Utopien und Praktiken in ihrer Gegensätzlichkeit zum traditionellen Sport untersucht Lattke in sechs Kapiteln, die einer zeitlichen Chronologie folgen: An die Einleitung schließt sich im zweiten Kapitel eine Auseinandersetzung mit der Genese von Begriffen und Milieus an. Kapitel 3 ist der Entstehung einer linken Sporttheorie von den späten 1960ern bis 1974 gewidmet. Auf das vierte Kapitel mit dem Fokus auf Praktiken der linksalternativen Bewegungskultur von Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre folgen in Kapitel 5 die Diskussion um die Annäherung an den sportlichen Mainstream in der zweiten Hälfte der 1980er und eine Schlussbetrachtung.

Die vor allem in der Kritischen Sporttheorie, in verschiedenen Fachzeitschriften und im Umfeld der Sportpädagogik geführten Diskussionen führten in den 1970er und 1980er Jahren durchaus zu Gegenentwürfen einer hegemonialen Sportkultur. So breitgefächert wie das bundesdeutsche Alternativmilieu waren auch Praktiken einer subversiven Bewegungskultur: Lattke führt uns von den Werner-Seelenbinder-Sportfesten der ML-Bewegung und ihrem Ziel einer Wiederbelebung des Arbeitersports hin zum von den New Games der US-Gegenkultur inspirierten „siamesischen Fußball“, bei dem man die Beine zweier Spieler zusammenband und damit die Regeln traditionellen Fußballs auf den Kopf stellte. Auch die Verbreitung von Yoga, alternativen Sportvereinen, bunten Ligen und Frauensport sieht der Autor in der Tradition linksalternativer Bewegungskulturen seit den 1970er Jahren. Mit den Erosionen des alternativen Milieus in den 1980er Jahren ging auch der Bedeutungsverlust der subversiven Bewegungskultur einher. Verantwortlich seien, so Lattke, die Abschottung der feministischen Bewegungskultur (S. 363), die Anpassung einer postmaterialistischen Bewegungskultur an Prinzipien der sozialen Markwirtschaft, die Abgrenzung zur Tradition der Arbeitersportbewegung, der schwierigere Zugang zu meinungsführenden Medien und nicht zuletzt auch die Anpassung vieler „Hauptfiguren des Gegendiskurses“ an etablierte Strukturen der Sportpolitik. Die in den 1960er Jahren geborene linksalternative Bewegungskultur konnte sich als dauerhafte Alternative zum Leistungssport und zum traditionellen Volkssport nicht durchsetzen. Allerdings sind Slacklining, Yoga und Einradfahren als Trendsportarten aus dem Mainstream heute nicht mehr wegzudenken. Daher resümiert Lattke: Die subversive Bewegungskultur scheiterte letztlich erfolgreich.

In einer Studie, die sich der Diskursanalyse, aber auch der historischen Praxeologie verpflichtet fühlt, hätte ich gerne mehr über Subjektivitäten, Erfahrungen, Aneignungen und Eigensinn der Akteur_innen gelesen. Auch den in der BRD in den 1970er Jahren einsetzenden Yoga-Boom vor allem auf die Bhagwan-Bewegung zuzuspitzen, scheint mir angesichts der vielfältigen Strömungen von Yoga-Schulen und -Stilen sowie den diversen Impulsen von transnational reisenden Gurus und Meditationslehrern nicht ganz gerecht zu werden. Simon Lattke legt jedoch einen eindrucksvollen Text vor, der einen lesenswerten Beitrag leistet zu einem Thema, dem in der Sportgeschichte, der Geschichte der Neuen Linken in der BRD sowie der Kulturgeschichte des alternativen Milieus bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde.