Der Unterscheidung zwischen „‚rückwärtsgewandter‘, diktatorischer Wissenschaftspolitik und ‚moderner‘, einem liberalen Geist verpflichteter Wissenschaft“ (S. 378) widerspricht der Historiker Andrés Antolín Hofrichter in seiner 2018 erschienenen Studie über Wissenschaftspolitik, Geschichtswissenschaft und nationale Narrative im franquistischen Spanien. Es handelt sich um die Druckfassung seiner 2016 von der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angenommenen Dissertation.
Hofrichters Studie besteht aus drei Teilen, denen eine längere Einleitung (S. 1–32) vorangestellt ist, in der er den Untersuchungsgegenstand und die Fragestellung definiert, seinen methodischen Ansatz darlegt und den Forschungsstand sowie die Quellenlage rekapituliert. Im ersten Teil (S. 35–157) behandelt der Autor die Wissenschaftspolitik des Obersten Forschungsrats – Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC) – in den 1940er und 1950er Jahren. Im zweiten Teil (S. 161–318) fokussiert Hofrichter auf das Wirken des katalanischen Historikers Jaume Vicens Vives in den 1950er Jahren. Im dritten Teil (S. 321–373) möchte Hofrichter „die wichtigsten Argumentationsstränge seiner Arbeit nochmals zusammenführen“ (S. 31). Seine Studie endet mit einem kurzen Schlusswort (S. 374–386).
An den Beispielen des CSIC, des Historikers Vicens und verschiedener Narrative verbindet Hofrichter Institutionen‑, Wissenschafts- und Ideengeschichte. Er folgt der historisch-soziologischen Institutionentheorie, nach der Institutionen auch symbolische Ordnungen sind. Folglich analysiert er nicht nur die politische Funktion des nach dem Sieg Francisco Francos 1939 gegründeten CSIC, sondern auch das quasiliturgische Zeremoniell wichtiger Sitzungen und Veranstaltungen des CSIC sowie den Wandel der in seinen Verlautbarungen verwendeten Sprache, die seit Spaniens Neutralitätserklärung 1943 von faschistischen Begriffen bereinigt wurde. Die Aufgabe des CSIC bestand darin, am Aufbau des ‚Neuen Staates‘ mitzuwirken und aus Spaniens nationalkatholischer Tradition sowie den „‚Erfordernissen der Moderne‘“ (S. 35) ein wissenschaftspolitisches Programm abzuleiten.
Zu den Erfordernissen der Moderne gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg die wirtschaftliche Öffnung. Europas wissenschaftlich-technologischer Fortschritt galt den nationalkatholischen Eliten und den tendenziell technikskeptischen Geisteswissenschaften als „‚fremde Moderne‘“ (S. 97), die Chancen wie Risiken barg „und deshalb selektiv adaptiert werden musste“ (S. 95). Diese Adaption führte in den 1950er Jahren zu einer wissenschaftspolitischen Prioritätsverschiebung zugunsten der Natur- und Technikwissenschaften. Hatte die Historiografie im ersten Jahrzehnt der Diktatur als Legitimationswissenschaft fungiert und die These eines nationalkatholischen „Sonderwegs“ (S. 81) abseits der Industrialisierung Westeuropas verfochten, gelang es ihr nun nicht, „den Aufbruch in die technisch-industrielle Moderne historisch zu artikulieren“ (S. 380).
Der Wohlstand Westeuropas war der Maßstab für das wirtschafts- und wissenschaftspolitische Aufholen Spaniens. Unter dem Schlagwort „Entwicklung (desarrollo)“ (S. 324) opferte das Regime nicht nur das nationalkatholische Narrativ, sondern sogar den CSIC, dessen „Funktion als Symbolinstitution der spanischen Wissenschaft“ (S. 378) in den 1960er Jahren von der 1958 gebildeten „Beratenden Kommission für wissenschaftliche und technische Forschung“ – Comisión Asesora de Investigaciones Científica y Técnica (CAICYT) – übernommen wurde.
Der katalanische Historiker Jaume Vicens Vives (1910–1960) nutzte die Sinnkrise der spanischen Historiografie, so Hofreiter, um die wirtschaftliche ‚Moderne‘ mit Blick auf das industrialisierte Katalonien nicht als ‚fremd‘ darzustellen, sondern in die Nationalgeschichte zu integrieren. Damit rückte er von der Sonderwegthese ab und pries das katalanische Industriebürgertum als technologische Avantgarde mit „gesamtspanischer Mission“ (S. 298), die jedoch scheiterte. Zu Recht betont Hofrichter, dass Vicens’ „konservativer Katalanismus“ (S. 302) weder das Regime ablehnte noch auf eine katalanische Autonomie zielte. Vielmehr war sein Denken „in einen gesamtspanischen Zusammenhang“ (S. 302) eingebettet. Die Moderne wurde sowohl vom CSIC als auch von Vicens „zuallererst als ‚europäischer‘ Weg imaginiert“ (S. 376). Folglich lässt sich die komplexe Situation der spanischen Wissenschaft nicht auf eine Dichotomie zwischen Vicens’ modern-europäischer Forschung und einer antimodern-nationalen Wissenschaftspolitik reduzieren. Dieser Erkenntnisgewinn von Hofreiters Studie lässt über einige Ungenauigkeiten hinwegsehen, wenn er etwa „Arriba“, das publizistische Organ der Falange, eine „Tageszeitung“ (S. 102) nennt.
Der „Topos des ‚Rückstands‘“ (S. 68) Spaniens, der schon in den nationalkatholischen Wissenschaftsdiskursen aufschien, trat im Zuge der Aufwertung von Naturwissenschaft und Technik in den Vordergrund. Um aufzuholen, forcierte der CSIC, wie Hofreiter nachweist, entgegen den dieser Einrichtung oft unterstellten isolationistischen Tendenzen die internationale Zusammenarbeit.
Nicht nur außen-, sondern auch wissenschaftspolitisch war der Franquismus flexibel genug, sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen und teilweise zu modernisieren, sofern dies die Herrschaftsstruktur nicht berührte und der Nation nützte. Das galt für die partielle Förderung moderner Kunstrichtungen in den Jahren von 1939 bis 1953, wie die 2016 gezeigte Ausstellung „Campo Cerrado“ des Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia dokumentiert hat, sowie für den Massentourismus ab Ende der 1950er Jahre, der Investitionen ankurbelte. Hofrichter legt dar, dass auch die Modernisierung der Wissenschaft dem Schema der selektiven Adaption folgte, war es doch „die Wissenschaftspolitik des Franco-Regimes selbst, die sich einer neuen ‚Wissenschaft‘ verschrieb, die aus ihrer Sicht die ‚Moderne‘ repräsentierte“ (S. 378).