Skip to main content
Einzelrezension

Gassert, Philipp: Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, 308 S., Kohlhammer, Stuttgart 2018.


Keywords: Review, Gassert, Philipp, 2018, Protestgeschichte, soziale Bewegungsforschung, Neue Soziale Bewegungen

How to Cite:

Reichardt, S., (2020) “Gassert, Philipp: Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, 308 S., Kohlhammer, Stuttgart 2018.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00221-6

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

4 Views

2 Downloads

Published on
2020-03-24

Peer Reviewed

Die äußerst lesenswerte Überblicksdarstellung des Mannheimer Zeithistorikers Philipp Gassert besticht durch ihre Thesenfreudigkeit. Neben zahlreichen Deutungsangeboten in neun chronologisch unterteilten Einzelkapiteln wartet diese Studie mit zwei übergreifenden Thesen auf. Erstens versteht Gassert Proteste als eine Form der politischen Kommunikation, die „weniger als Motor denn als Resonanzraum gesellschaftlichen Wandels“ (S. 273) zu begreifen ist. Zugleich verweist er darauf, dass dem Protest als gesellschaftlichem Kommunikationsmedium eine „Indikatorfunktion“ (S. 279) zukomme, welche die „Wahrnehmung gesellschaftlicher Defizite und Fehlentwicklungen“ (S. 279) besonders prägnant erfasse. Ob damit Proteste nun als Früh- oder doch eher als Spätwarnsysteme der Gesellschaft verstanden werden können, bleibt in dieser doppelten Perspektivierung offen. Weniger wichtig ist jedenfalls, so der Autor, die „Problemlösungskompetenz“ (S. 21) von Protesten im Vergleich zu der von ihnen ausgelösten gesellschaftlichen Resonanz. Ihre wichtigste Funktion sei es demnach, auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen, ohne zugleich die dafür praktikablen Lösungen anbieten zu können.

Seine zweite Generalthese lautet, dass der Protest, der ursprünglich im linken Spektrum beheimatet gewesen sei, seit den 1980er Jahren „für bürgerlich-konservative Kreise sowie schließlich für Rechtsradikale und Nationalisten salonfähig wurde“ (S. 263). Für das konservative und gebildete Bürgertum kann man die These von der „Normalisierung und Veralltäglichung“ (S. 11, 21, 159, 164 f.) des Protestes nachvollziehen, da dieses von der Friedensbewegung der 1980er Jahre bis hin zu den Demonstrationen gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ tatsächlich vermehrt im Protestgeschehen auftaucht. Weniger einleuchtend ist die These für die Rechtsradikalen. Denn diese hatten schon deutlich früher, spätestens mit ihren Aufmärschen in den 1960er Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Seit den 1970er Jahren wurde dabei das klassisch rechtsradikale Repertoire des Straßenaufmarsches nochmals modernisiert (man denke dabei etwa an die Demonstrationen der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ um Michael Kühnen).

Der Verfasser bedient sich immer wieder der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätze der sozialen Bewegungsforschung, indem er sowohl nach politischen Gelegenheitsstrukturen für Proteste, nach dem diskursiven framing und Darstellungsformen als auch nach den notwendigen Ressourcen für Protestaktivitäten fragt. So werden die Veränderungen im politischen System und in den sozialen Lagen, zum Teil auch in der medialen Öffentlichkeit, systematisch mit Protest und sozialen Bewegungen verbunden. Dabei werden sowohl gewerkschaftliche Protestformen als auch die Neuen Sozialen Bewegungen vorgestellt.

Einleuchtend ist Gasserts rein analytische Verwendung des Terminus der „Sozialen Bewegung“, da er darunter einen Begriff mittlerer Reichweite versteht, der schwach institutionalisierte Netzwerke meint, die mit der Zielsetzung gesellschaftlichen Wandels dauerhafte Mobilisierungen ermöglichen. Soziale Bewegungen müssen nicht per se auf die „Demokratisierung der Demokratie“ beziehungsweise auf gesellschaftliche Gleichberechtigung oder Partizipation abzielen. Seine Kritik am normativen Überschwang mancher Protestforscher ist durchaus nachvollziehbar (S. 24, 26, 136–139), da soziale Bewegungen auch rechtsradikale Ziele verfolgen können. Auch die Beobachtung, dass wichtige Bausteine für das Theoriegebäude der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung mit der Neuen Linken der 1970er Jahre verbunden sind (S. 119) und mit ihren „theoretischen Prämissen direkt an das Selbstverständnis von Bewegungsaktivisten“ (S. 137) anschlossen, ist eine wissensgeschichtlich sehr instruktive Historisierung der Bewegungsforschung, die man gerne genauer erläutert bekommen hätte.

Die empirisch gesättigten und thesenreichen neun Kapitel der Darstellung spannen einen weiten Bogen, der in den ersten drei Kapiteln von den frühen Hungermärschen und Teuerungsunruhen der späten 1940er Jahren über die großen Arbeiteraufstände in der DDR am 17. Juni 1953 bis zu der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ in der Bundesrepublik der 1950er Jahre reicht. Die Kapitel 4 und 5 widmen sich linken Protestformen, beginnend bei der Studentenbewegung um 1968 bis zu den Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er Jahre. Das siebte und achte Kapitel behandeln die Massendemonstrationen in der DDR im Jahr 1989, die mit der Vorgeschichte der Friedensproteste („Schwerter zu Pflugscharen“) lose verwoben werden. Die Geschichte unserer Gegenwart wird im achten Kapitel über Protestaktivitäten der globalisierungskritischen Linken behandelt, die insbesondere in den 1990er und 2000er Jahren gegen den hegemonialen Wirtschaftsliberalismus agitierten. Im Schlusskapitel werden dann die migrationsfeindlichen Proteste von Rechtsradikalen und Rechtspopulisten untersucht. Besonders innovativ sind Abschnitte im sechsten und neunten Kapitel, die sich mit migrantischem Aktivismus beschäftigen. Das Spektrum reicht hier von der aus den jeweiligen Herkunftsländern mitgesteuerten Diaspora-Protestpolitik über Gastarbeiterstreiks bis hin zu dem Protest von gut ausgebildeten „emanzipatorischen Migranten“ (S. 255), die gegen Diskriminierungen und Marginalisierungen seitens der Mehrheitsgesellschaft protestierten (besonders S. 242–257).

Was in dieser durchaus gelungenen Darstellung fehlt, ist der konsequente Einbezug von kulturwissenschaftlichen Perspektiven zur Bedeutung von Emotionen, von Körperlichkeit und medialen Arrangements (Presse, Fernsehen, Internet). Diese finden in der Darstellung leider nur verstreut Erwähnung. Letztlich kann der Versuch einer deutschen Protestgeschichte angesichts der vielfältigen und bereits im 19. Jahrhundert entwickelten Transnationalisierung von Protesten und sozialen Bewegungen nicht ganz überzeugen. Zwar streut der Autor am Rande immer wieder Beobachtungen über Protestmobilisierungen an anderen Orten ein, wenn er etwa im Zusammenhang mit der Digitalisierung die „Arabellion“ erwähnt oder die US-amerikanische Tea Party im Kontext rechtspopulistischer Proteste. Auch wird klar, dass Occupy und attac keine deutschen Phänomene sind, aber das galt natürlich auch schon für die Studentenbewegungen um 1968 oder die Frauen- und Ökologiebewegung der 1970er Jahre, die international breit vernetzt waren und sich wechselseitig beeinflussten. Im nationalen Container allein lassen sich Themen wie Protest und soziale Bewegungen nicht hinreichend erfassen.

Gleichwohl fasst das Buch den Forschungsstand mehr als nur gekonnt zusammen. Ganz und gar überzeugend ist die gute Auswahl der konsultierten Literatur, die in diese Darstellung aufgenommen und überzeugend eingepasst wird. Dieser erste geschichtswissenschaftliche Gesamtüberblick zur gesamtdeutschen Protestgeschichte ist zudem sehr gut und flüssig zu lesen. Der Band kann neben anderen Einführungsbüchern wie der von Dieter Rucht herausgegebenen Darstellung „Protest in der Bundesrepublik“ (2001) oder dem von Rucht und Roland Roth herausgegebenen Handbuch „Soziale Bewegungen in Deutschland seit 1945“ (2008) als Standardwerk gelten und ist insbesondere für Studierende der Geschichts- und Sozialwissenschaften sehr zu empfehlen.