François Furet (1927–1997) zählt zu den einflussreichsten Historikern des späten 20. Jahrhunderts. Seit den 1960er Jahren hatte er in scharfen Auseinandersetzungen mit marxistischen Historikern eine Revision der Historiografie zur Französischen Revolution und eine Neuinterpretation des Ortes der jakobinischen Gewalt in der französischen Geschichte vorangetrieben. Mit seinem späten Hauptwerk „La passé d’une illusion. Essai sur l’idée communiste au XXe siècle“ (1995) legte er schließlich eine Geschichte der Anziehungskraft der kommunistischen Idee im 20. Jahrhundert vor, die heftige Debatten auslöste, weil Furet an den ideologischen Grundfesten der französischen Linken rüttelte. Furet selbst war nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der französischen Kommunistischen Partei gewesen, trat aber nach der „Krise von 1956“ aus und bemühte sich in den 1990er Jahren mit seinem Buch zu erklären, wie ganze Generationen (und nicht zuletzt er selbst) in gläubiger, leidenschaftlicher Hingabe der „Illusion“ des Kommunismus hatten anheimfallen können. In den Kontext der zeitgenössischen Debatten über dieses Werk gehören die Texte, die in dem hier rezensierten Band (in einer vorzüglichen Übersetzung von Paul Maercker) publiziert worden sind. Es handelt sich um die überarbeiteten und ergänzten Beiträge zu einer nur in Transkriptionen vorliegenden Diskussion, die Furet mit Paul Ricœur geführt hatte. Zu einer Publikation der Diskussionsbeiträge kam es aufgrund des plötzlichen Todes von Furet 1997 nicht mehr. So darf es als Verdienst des Furet-Biografen Christophe Prochasson gelten, die Texte von Furet aus dem Nachlass (allerdings ohne die nicht mehr fertiggestellten Beiträge von Ricœur) herausgegeben und dabei die Funktion als „eine Art diskreter Textregisseur“ (S. 84) übernommen zu haben. Auch wenn es etwas übertrieben erscheint, wenn Prochasson die Texte in seinem Nachwort als „intellektuelles“ und „politisches Testament“ (S. 83) charakterisiert, bieten die „Inventare des Kommunismus“ dennoch Einsichten in die politische Ideenwelt und die historiografische Werkstatt des späten Furet.
Dies gilt zunächst für den ersten Abschnitt des Bandes, in dem Furet seinen in „Le passé d’une illusion“ zentralen Begriff der „Illusion“ erläutert, die er als Ergebnis einer sich der Erkenntnis der wahren Geschichte entziehenden Glaubenshaltung versteht, die demokratisches Denken gefährde. Das Streben nach Enthüllung der „Illusion“ (des Kommunismus) wird insofern von einem aufklärerischen, rationalen Impuls angetrieben: „Die Geschichte, die ich schreiben möchte, ist jene der politischen Vorstellungskraft des demokratischen Menschen im 20. Jahrhundert, das heißt, der intellektuellen und empfindungsmäßigen Vermittlungen, durch welche Individuen Politik machen“ (S. 15). Aus dieser Warte interpretiert Furet auch die „Nation“, die er nach wie vor als unverzichtbaren Handlungsrahmen betrachtet, da der „Universalismus“ keine „Rahmenbedingungen für das Handeln“ (S. 29) darstelle. Um diese These zu untermauern, befasst er sich etwa mit der II. Internationale, die 1914 zu keinem Gemeinschaftshandeln in der Lage gewesen sei. Die Gefahren einer solchen „Illusion des Universalismus“ (S. 61) macht er freilich bei dem „Humanitarismus“ (S. 29) oder dem Umgang mit den „Menschenrechten“ aus, welche die Form einer „zivilen Religion“ (S. 59) angenommen hätten, die im späten 20. Jahrhundert einer unvoreingenommenen Analyse realer Kräfteverhältnisse und der Erkenntnis der Bedeutung der Nation eher entgegenwirkten. Weitere Abschnitte befassen sich mit dem Zusammenhang von französischer und bolschewistischer Revolution oder dem Begriff des Totalitarismus, den Furet für wichtig hielt, um in „Le passé d’une illusion“ zeigen zu können, dass der kommunistische Antifaschismus dazu gedient habe, die „Trennlinie von Kommunismus und Demokratie“ (S. 53) zu überdecken. Von Interesse sind auch die Ausführungen zu Furets öffentlich geführten Diskussionen mit Ernst Nolte oder seine Haltung zum Werk des Faschismus-Historikers Renzo De Felice, die er keineswegs unkritisch einschätzte. Gleichwohl brachte ihm namentlich die ‚Nähe‘ zu Nolte am Ende seines Lebens selbst bei einigen seiner Freunde den Ruf eines Konservativen ein.
Im Zentrum der Textabschnitte, die nicht immer bruchlos ineinander übergehen, steht die Frage der Demokratie, die laut Furet nur dann Bestand haben konnte, wenn der Bürger ein aufgeklärtes Verhältnis zur Vergangenheit und damit die Fähigkeit entwickeln könne, politische Konflikte zu erkennen und diese auszuhalten: „Und wenn man ein Individuum von der Tradition und von seiner Geschichte abschotten will, dann bewegt man sich in Richtung einer Welt, in der nur noch Individuen leben, die Gefangene der Technik, des Aberglaubens, bestimmter Lebensweisen und so weiter sind. Infolgedessen ist die historische Erfahrung der modernen Demokratie, und die ist nicht alt, zwei- oder dreihundert Jahre, heute, am Ende des 20. Jahrhunderts absolut grundlegend für das Lernen des kollektiven Lebens. Anders gelangen wir nicht zu einem Denken der politischen Demokratie“ (S. 59). Obwohl viele Überlegungen dieser Art bereits in „Le passé d’une illusion“ zu finden sind, bieten besonders Furets Lehren für die Zukunft aus der Geschichte vielfältige Aufschlüsse über das Denken eines Historikers, der wie kein anderer die Gegenwartsrelevanz der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert unterstrichen hat.