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Einzelrezension

Adi, Hakim: Pan-Africanism. A History, 312 S., Bloomsbury, London/New York 2018.


Keywords: Review, Adi, Hakim, 2018, Afrikastudien, Panafrikanismus, Diaspora, 20. Jahrhundert

How to Cite:

Sonderegger, A., (2020) “Adi, Hakim: Pan-Africanism. A History, 312 S., Bloomsbury, London/New York 2018.”, Neue Politische Literatur 65(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-020-00217-2

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2020-02-13

Peer Reviewed

Der britische Historiker Hakim Adi hat kürzlich eine umfassende Geschichte des Panafrikanismus vorgelegt. Das Phänomen selbst entzieht sich, wie er einleitend klar macht, aus mehreren Gründen jeder einfachen Definition (S. 2–5). Zunächst liegt das daran, dass es sich durch die Zeiten hindurch in vielfältigen Formen von Aktivitäten und Organisationsweisen äußerte und eine Menge unterschiedlicher und mitunter widersprüchlicher Ideen produzierte. So ist Panafrikanismus auch wegen seiner Reichweite nur schwer zu fassen, spannt er doch einen Bogen über (mindestens) drei Kontinente hinweg und eröffnet einen riesigen ‚schwarzen‘ atlantischen Raum. Schließlich erschwert nicht nur die lange Existenzdauer, die dem Panafrikanismus zugeschrieben wird (seit dem 18. Jahrhundert), eine allseits akzeptable Definition, sondern vor allem die Tatsache, dass er ein emanzipatorischer und damit politischer Kampfbegriff ist, eingebettet in jeweils verschiedene, partikulare historische Umstände, auf deren Umgestaltung panafrikanische Bemühungen abzielen. Vor diesem Hintergrund umreißt Adi den Panafrikanismus kurz als ein Phänomen, das „in der modernen Ära entstand und dem es um die soziale, ökonomische, kulturelle und politische Emanzipation afrikanischer Völker, einschließlich derer aus der afrikanischen Diaspora, geht“ (S. 2), weist jedoch auch darauf hin, dass man Panafrikanismus als „einen Fluss mit vielen Verästelungen und Strömungen betrachten“ sollte (S. 4).

Diesen Verästelungen geht Adi in seinem Buch in insgesamt zehn Kapiteln nach, die von einer kurz gehaltenen Einleitung (S. 1–5) und einer Schlussfolgerung (S. 221–224) umrahmt sind; es folgen der Endnotenapparat, eine Auswahlbibliografie und ein hilfreicher Index; außerdem sind einige Abbildungen und Fotografien zur Illustration beigefügt. Das erste Kapitel ist mit „The forerunners“ (S. 7–23) überschrieben und nennt Akteure und Netzwerke, die panafrikanisch avant la lettre sind (die Bezeichnung tauchte erst um 1900 auf), vom 18. Jahrhundert an bis zur sogenannten Ersten Panafrikanischen Konferenz in London (es gab keine zweite). Die Kapitel 2 bis 7 behandeln „Pan-Africanism and Garveyism“ (S. 25–41), „Du Bois and the Pan-African congresses“ (S. 43–59), „Pan-Africanism and Communism“ (S. 61–79), „From Internationalisme Noir to Négritude“ (S. 89–105), „From Ethiopia to Manchester“ (S. 107–127) und „Pan-Africanism returns home“ (S. 129–155). Hier erzählt der Autor die klassische Geschichte des um politische Durchschlagskraft bemühten und zunehmend organisierten Panafrikanismus nach, von Jahrhundertbeginn bis in die 1960er Jahre. Die zahlreichen Protagonisten, Organisationen, ihre unterschiedlichen Auffassungen, Vorstellungen und Zielsetzungen werden durchaus solide zur Sprache gebracht, wenn auch ein additiver Duktus die Präsentation beherrscht. Positiv hervorzuheben ist, dass Adi die oft unterbelichtete Rolle von Frauen in der Bewegung betont und zahlreiche namentlich in Erinnerung ruft. Dies sollte weitere Forschungen anregen, die mehr über sie in Erfahrung bringen.

Dem Buch ist Aufmerksamkeit garantiert, denn eine Gesamtgeschichte des Panafrikanismus ist seit rund 50 Jahren nicht mehr vorgelegt worden. 1968 ist das Buch „Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation“ des deutschen Historikers Imanuel Geiss erschienen, seitdem hat sich niemand mehr um eine dermaßen umfassende Synthese bemüht. Wenig verwunderlich erweist sich Adis Werk darum insbesondere für die Erhellung der Geschichte der panafrikanischen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart als ausgesprochen nützlich – wenn auch nicht vollends befriedigend. Besagte Entwicklungen behandelt er in den Kapiteln 8 bis 10: Unter der Überschrift „Black Power“ (S. 163–184) bespricht er Malcolm X und die Black Panthers, aber auch die Verhältnisse in Kanada, im karibischen Raum, in Südafrika und in Großbritannien (dies gebündelt unter der Zwischenüberschrift „Global Black Power“). Schließlich endet dieses Kapitel mit den Ereignissen rund um den Sechsten Panafrikanischen Kongress, der 1974 in Tansania stattfand; mehr als ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen allein aus den USA angereist. Sowohl der akzentuierte diasporische Konnex als auch die ideologische Radikalisierung, die Adi hier beispielhaft vorführt, setzten sich auf dem Feld künstlerischer Produktion nicht nur fort, sondern führten dort zu einer ganzen Reihe neuer Organisationen und Initiativen. Überaus kursorisch breitet der Autor diese im 9. Kapitel aus, das er mit einem Zitat überschreibt, das einem anlässlich des Panafrikanischen Kulturfestivals in Algier 1969 entstandenen Manifest entnommen ist: „African culture is revolutionary or it will not be“ (S. 185–206).

Zur Sprache bringt er den ersten und zweiten World Congress of Negro Writers and Artists in Paris (1956) und Rom (1959), die Gründung der American Society of African Culture (1957) und zahlreiche Kulturveranstaltungen (unter anderem das First World Festival of Negro Arts, Dakar 1966; das Second World Black and African Festival of Arts and Culture (FESTAC) in Nigeria 1977). Nur kurz Erwähnung findet die Gründung eines Afrikastudienzentrums in Lissabon durch Menschen aus Portugals afrikanischen Kolonien und aus Brasilien (1950), zu der ich gerne Näheres erfahren hätte. Schließlich behandelt Adi noch das Black Arts Movement, die Rastafari-Bewegung sowie die Afrocentricity-Denkschule im Rahmen dieses Kapitels. Obwohl der Autor hier eine Fülle interessanten Materials ausbreitet, begnügt er sich bedauerlicherweise weitgehend damit, es zu referieren, anstatt es kritisch zu interpretieren. So wären das aus meiner Sicht allesamt Beispiele für die Aneignung Afrikas durch diasporische Akteure und ihre Beanspruchung von Meinungsführerschaft und als solche zu diskutieren. Denn Afrika spielt in diesen Zusammenhängen keinerlei eigentätige Rolle, sondern tritt nur als Bühne und Kolorit für die Selbstdarstellung sich radikal gerierender Protagonisten aus relativ privilegierten Schichten in Erscheinung, unabhängig davon, wo sie geboren sein mögen. Realpolitisch haben sich all diese Initiativen und Organisationen denn auch immer als ineffektiv und ohnmächtig erwiesen, und organisationstechnisch als meist kurzlebig.

Den Bemühungen, den Panafrikanismus neuerlich zu einer effektiven politischen Kraft zu machen, geht Adi im zehnten Kapitel – „The road to a new African Union“ (S. 207–220) – nach, in dem er die Entstehungsumstände des Siebten Panafrikanischen Kongresses in Kampala 1994 und der Umformung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in die Afrikanische Union 2002 nachzeichnet, bespricht aber zum Ende das diasporisch inspirierte „Reparations movement“. Auch hier leidet seine Darstellung meines Erachtens darunter, dass ein kategoriales Problem, das dem Panafrikanismus zugrunde liegt, nicht ausreichend reflektiert wurde, weshalb er durchwegs versucht, unter ein und denselben Hut zu bringen, was einfach nicht darunter passt. Dass ‚schwarzer‘ (diasporischer) Nationalismus und ‚afrikanischer‘ (kontinentaler) Nationalismus zwei wesentlich distinkte Dinge sind, hatte schon Kwame Nkrumah 1957 in aller Deutlichkeit formuliert, und dasselbe gilt hinsichtlich ‚schwarzer‘ und ‚afrikanischer‘ Internationalismen. Die Einheit von Kontinentalafrikanern und Menschen aus der afrikanischen Diaspora in eins zu setzen und als Gegebenheit vorauszusetzen, ist das Erbe des Rassismus, und die Geschichte des Panafrikanismus wurde in zentraler Hinsicht durch diesen geprägt. Es ist höchst an der Zeit, damit grundsätzlich zu brechen und die Lehre aus Nkrumahs Unterscheidung zu ziehen: Die Einsicht, dass Panafrikanismus in Afrika und für Afrikanerinnen und Afrikaner heute (und schon seit Langem) nicht dasselbe bedeuten kann wie in der Diaspora. Treffen kann man sich, jenseits der illusionären rassischen Einheit, wenn beide Seiten es für wichtig und richtig erachten, in einer internationalistischen Ausrichtung; und dann stehen die Türen eines so verstandenen Panafrikanismus allen offen, die sich dem emanzipatorischen Anspruch verbunden fühlen, den das politische Projekt stellt – ganz unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.

Hieran zeigt sich, dass Hakim Adi trotz seiner ernsthaften Bemühung, seine Geschichte des Panafrikanismus möglichst unparteiisch anzulegen, grundsätzlich diasporisch denkt. Die daraus resultierende Parteilichkeit wird allerdings weder offengelegt noch als Problem erkannt. Das beeinträchtigt bedauerlicherweise den Wert, den ein Buch aus der Feder dieses kenntnisreichen Mannes hätte entwickeln können. So bleibt es eine neue herkömmliche Geschichte des Panafrikanismus, die frühere Arbeiten zur Thematik, darunter die von Geiss, in keiner Weise ersetzen, nur ergänzen kann.