In den letzten zwei Jahrzehnten sind so viele Publikationen über Korruption erschienen, dass jedes neue Werk fast schon einer Rechtfertigung bedarf. Dementsprechend betiteln Richard Rose und Caryn Peiffer das Vorwort ihrer neuen Monografie: „Why This Book Is Important“ (S. v). Ein Alleinstellungsmerkmal von „Bad Governance and Corruption“ sei der Fokus auf die Erfahrungen gewöhnlicher Menschen mit Korruption und anderen Formen schlechter Governance im Zusammenhang mit öffentlichen Dienstleistungen. Diese Perspektive ist in der Tat bemerkenswert, wird meines Erachtens aber nicht durchgängig eingehalten. Als einzigartigen methodischen Ansatz nennen die Autoren die Verwendung zahlreicher Umfragen, die mehr als 175.000 Personen auf der ganzen Welt erfassten. Das ist in der Tat ebenfalls bemerkenswert, allerdings stützt sich die Argumentation in manchen Abschnitten auf Befragungen in einigen wenigen Ländern.
Das erste Kapitel „Setting Standards for Good and Bad Governance“ hat einführenden Charakter und setzt sich unter anderem mit den unscharfen Begriffen „Korruption“ und „Governance“ auseinander. Im folgenden Kapitel „Getting What you Want from Governance“ führen Rose und Peiffer eine im Buch vielfach verwendete Unterscheidung ein: „by the book“ (nach den Vorschriften), „by hook“ (durch informelle Praktiken, etwa Beziehungen) und „by crook“ (durch klaren Regelverstoß mit unzulässiger Bereicherung). Das dritte Kapitel „Exploiting National Government“ befasst sich unter anderem mit der Messung von Korruption und der Erklärung unterschiedlicher nationaler Korruptionsniveaus. Hier und an weiteren Stellen werden ausländische Hilfszahlungen (etwa Entwicklungshilfe) wohl etwas einseitig als klar korruptionsbegünstigender Faktor dargestellt. Erst im letzten Kapitel thematisieren die Autoren, dass ausländische Hilfsleistungen unter bestimmten Bedingungen auch positive Governance-Wirkungen haben können.
Im vierten Kapitel („Exploiting People at the Grass Roots“) wird die Sicht der Bevölkerung auf die Erbringung öffentlicher Dienstleistungen und das Zahlen von Bestechungsgeldern in den Blick genommen. Im Anschluss untersuchen die Autoren, wer wann für welche Dienstleistungen besticht. Interessant ist hier der Befund, dass Personen, die der Auffassung sind, gewöhnliche Menschen könnten einen Unterschied im Kampf gegen Korruption machen, durchaus auch auf Korruptionsforderungen eingehen. Rose und Peiffer schreiben im fünften Kapitel: „From an anti-corruption perspective, the ideal system of good governance would be found in a country that began bureaucratization early, that is fully democratic today, receives not foreign aid and has never been subject to Communist rule“ (S. 92). Das ist für viele Länder dieser Erde keine gute Nachricht, sollte aber wohl auch nicht überbetont werden.
Das sechste Kapitel „Politicians Behaving Badly“ beschäftigt sich mit nicht-korruptivem, aber nachteiligem Politikerverhalten und stützt sich primär auf Studien zu Großbritannien, Frankreich und Spanien. Gründe für diese Begrenzung werden nicht genannt. Das nachfolgende Kapitel „The Impact of Corruption on Citizens“ gehört sicherlich nicht zu den stärksten Teilen des Werks. Die Untersuchung beschränkt sich hier fast nur auf das Wahlverhalten – beziehungsweise die Neigung, überhaupt zu wählen – und das Vertrauen in politische Institutionen. Die Feststellung, dass Korruption Politikverdrossenheit tendenziell fördert, ist ein Allgemeinplatz.
Im achten Kapitel „Making Government Transparent“ wird die korruptionssenkende Funktion transparenzschaffender Maßnahmen diskutiert. Hier schließen sich die Autoren (übrigens ohne Seitenangabe) einem wörtlichen Zitat von Ben Worthy und Robert Hazell an, nach dem Informationsfreiheitsregelungen nur funktionierten, wenn fast niemand von ihnen Gebrauch mache. Diese These ist sicher diskussionswürdig. Das Abschlusskapitel „Reducing Corruption“ präsentiert unter anderem neun Empfehlungen zur Korruptionsbekämpfung, die teilweise recht innovativ und bedenkenswert sind. Einige Vorschläge greifen auf Potenziale der Digitalisierung zurück. Andere Maßnahmen sehen Rechts- beziehungsweise Marktanpassungen vor, um Korruptionsanreize zu verringern. Mögliche Schattenseiten der Empfehlungen, etwa Datenschutzrisiken und sozialpolitische Nachteile, werden eher vernachlässigt.
Das Buch deckt etliche Bereiche von Korruption und Korruptionsbekämpfung im öffentlichen Sektor ab. Es eignet sich meines Erachtens eher für Leserinnen und Leser mit einem einschlägigen Grundwissen. Rose und Peiffer schreiben im Vorwort, ihr Buch sei auch für „readers engaged in the political process“ (S. xi) geeignet, aber ohne sozialwissenschaftliche Methodenkenntnisse dürfte das Verständnis mancher Tabellen und Abbildungen nicht einfach sein. Etliche Informationen, Konzepte und Argumente sind nicht neu, fassen aber den Forschungsstand gut zusammen. In manchen Bereichen – etwa bei den Vorschlägen zur Korruptionsbekämpfung – beschreiten die Autoren teilweise auch neue Wege. Nicht immer wird die nahezu durchgehend schlüssige Argumentation durch die eingangs hervorgehobenen großen Umfragen gestützt. Künftige Studien, die auf die Erfahrungen gewöhnlicher Menschen mit Korruption zielen, könnten auch qualitative Forschungsansätze verstärkt in den Blick nehmen.