Heinrich Best (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und John Higley (University of Connecticut) haben mit dem knapp 700 Seiten umfassenden Handbuch eine bemerkenswerte Bestandsaufnahme der Forschung zu politischen Eliten vorgelegt. Beide Herausgeber haben sich über mehrere Jahrzehnte hinweg mit diesem Thema beschäftigt. Politische Eliten sind dabei nicht in einem engen Sinne ausschließlich als politische Entscheidungsträger zu verstehen, sondern werden weiter definiert als alle Personen, die Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben. Zu ihnen gehören somit neben den bekannten Machteliten (Wirtschaft, Regierung, Militär) auch Personen, die wichtige Positionen in Parteien und Parlamenten, großen Interessenorganisationen und Verbänden, bedeutenden Medienunternehmen oder der Kirche innehaben. Im Einzelfall können dies auch Personen sein, die formal keine herausgehobenen Positionen innehaben, die aber dennoch großen Einfluss ausüben. Wesentlich ist, dass es sich gesamtgesellschaftlich gesehen um eine relativ kleine, aber besonders einflussreiche Gruppe von Menschen handelt. Mit dem Handbuch verfolgen die Herausgeber das Ziel, einerseits einen Überblick über Fakten, empirische Ergebnisse, Methoden und Theorien zu politischen Eliten zu geben. Andererseits möchten sie ganz explizit auch umstrittene Themen ansprechen und damit Anregungen zur Weiterentwicklung des Forschungsfeldes geben.
Das Handbuch spiegelt nicht nur die umfassende Auseinandersetzung mit dem empirischen Forschungsgegenstand wider, sondern zeugt auch davon, dass die zentralen Fragestellungen und Herangehensweisen sozialwissenschaftlicher Forschungsfelder nicht unabhängig von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen sind. Wurde die Elitenforschung in den 1970er Jahren insbesondere von der politischen Linken skeptisch beäugt, handelt es sich heute um ein wenig umstrittenes und weit akzeptiertes Forschungsfeld, welches ungeachtet der Tatsache, dass die beiden Herausgeber Soziologen sind, vor allem in der Politikwissenschaft eine Heimat gefunden hat. Nicht ohne Grund spielt das 1972 gegründete Research Committee on Political Elites (RC 02) der International Political Science Association (IPSA) eine wesentliche Rolle für das Zustandekommen dieses Bandes: Die 35 Autorinnen und Autoren sind mehrheitlich in diesem Forschungsnetzwerk aktiv. Anders als manch anderes Handbuch hat dieses Werk eine klar durchdachte Struktur, die sich innerhalb der verschiedenen Sektionen in den einzelnen Beiträgen niederschlägt. Dass dies so realisiert werden konnte, ist vor allem auch den Sektionsherausgeberinnen und -herausgebern zu danken: Neben Best und Higley haben Maurizio Cotta, Jean-Pascal Daloz/Ursula Hoffmann-Lange, Jan Pakulski und Elena Semenova diese Aufgabe übernommen. Die sechs Sektionen des Handbuchs beschäftigen sich mit den Theorien politischer Eliten, Forschungsmethoden, den Mustern politischer Eliten in verschiedenen Weltregionen, der Differenzierung und Integration von Elitensektoren, den Charakteristika und Ressourcen von Elitenmerkmalen sowie mit Elitendynamiken und Dilemmata. Jede Sektion beginnt mit einem einführenden Artikel der jeweiligen Sektionsherausgeberin beziehungsweise des jeweiligen Sektionsherausgebers.
So wird etwa in der von Pakulski herausgegebenen Theoriesektion einleitend deutlich gemacht, dass es ‚die‘ Elitentheorie heute nicht gibt. Theoriearbeit findet eher „im Kleinen“ statt – etwa in Form der Entwicklung von Typologien (wie in dem sehr systematischen und lesenswerten Beitrag von Hoffmann-Lange dargestellt) oder in Form der Entwicklung von Hypothesen, die dann empirisch überprüft werden. In diesem Punkt unterscheidet sich die Elitenforschung nicht von anderen sozialwissenschaftlichen Forschungszweigen, wo häufig in ähnlicher Form beklagt wird, dass die Theorieentwicklung in den letzten Jahren nicht mit der empirischen Entwicklung mitgehalten hat. Für wissenschaftlich Arbeitende wenig überraschend, für Studierende – die ja oft zu Handbüchern greifen, um sich in Themen einzuarbeiten – ist es aber vielleicht etwas enttäuschend, dass gerade die Beiträge in der Theoriesektion mehr Fragen aufwerfen, als sie Antworten geben. Gerade für die Studierenden, aber auch für Forschende, wäre in der Theoriesektion eine systematischere Aufarbeitung des in empirischen Studien verwendeten positiven Theoriespektrums schön gewesen (also etwa eine Klärung der Frage, welche Rolle bekannte Theorieansätze wie die Principal-Agent-Theorie, der Rational-Choice-Ansatz oder die Humankapitaltheorie für die Erforschung politischer Eliten spielen), ähnlich wie dies der Beitrag von András Körösényi für ausgewählte demokratietheoretische Ansätze in sehr lesenswerter Form macht. Auch eine klarere Unterscheidung zwischen normativer und positiver Theorie würde Einsteigern die Orientierung in der Theoriesektion erleichtern.
Besser gelungen ist der systematische Überblick in der Methodensektion des Handbuchs, wenngleich hier aufgrund des begrenzten Raums auf die einzelnen Methoden oft nicht im Detail eingegangen werden kann. Gerade die Methodensektion verdeutlicht, wie sich Fragestellungen und methodische Zugänge der Elitenforschung über die Zeit verändert haben. Standen vor einigen Jahrzehnten noch primär biografische Studien zum Familien- und Klassenhintergrund, der Ausbildung und den Karrieren politischer Eliten im Vordergrund, die – wenn sie quantitativ ausgerichtet waren – primär mit Mitteln der deskriptiven Statistik analysiert wurden, sind heute aufwendigere Analyseverfahren und andere Zugänge der Datenerhebung (etwa Surveys) verbreitet. Dies hat dazu geführt, dass zunehmend Fragen der Selektion und Deselektion von Eliten, aber auch deren Einstellungen, deren Verhalten und deren Beteiligung an Entscheidungen im Zentrum des Erkenntnisinteresses stehen. Darüber hinaus ist – wie von Hoffmann-Lange in Kapitel 6 herausgearbeitet – der Grad der Elitenintegration (also der Grad an Konsens und Kooperation bei politischen Entscheidungen) ein wichtiges Forschungsinteresse der heutigen Zeit. Von hoher Bedeutung sind in diesem Zusammenhang informelle persönliche Verbindungen und Netzwerke, die allerdings empirisch schwer zu erfassen sind. Einen ersten methodischen Einstieg hierzu bietet der Überblicksartikel von Franziska Barbara Keller zur Analyse von Elitenetzwerken in Kapitel 11 des Handbuchs.
Aus verwaltungswissenschaftlicher Perspektive überrascht, dass Verwaltungseliten in diesem Handbuch kaum Aufmerksamkeit erfahren. Diese haben teils erheblichen Einfluss auf die Gestaltung von Politikinhalten und gehören somit zur politischen Elite nach der hier verwendeten Definition. Nur an wenigen Stellen im Handbuch findet der interessierte Leser relevante Informationen. Schade ist, dass die von Juan Rodríguez-Teruel und Jean-Pascal Daloz erstellte Übersicht aktueller ländervergleichender Surveys verschiedener Teileliten in Kapitel 9 des Handbuchs die großen länderübergreifenden Befragungsstudien von Verwaltungseliten wie etwa den COCOPS (Coordinating for Cohesion in the Public Sector of the Future) Executive Survey on Public Sector Reform in Europe ausspart und dass auch der Artikel von Luca Verzichelli zu „Executive Elites“ nicht näher auf Verwaltungseliten eingeht. Ähnliches ist für Militäreliten oder für den kirchlichen Bereich zu konstatieren; zu allen drei Teileliten wären eigene Beiträge in der fünften Sektion des Handbuchs, die sich mit der Differenzierung und Integration von Elitesektoren beschäftigt, schön gewesen. Allerdings sind diese Lücken vor dem Hintergrund des Umfangs und breiten Themenspektrums des Handbuchs verständlich – alle Theorien, Methoden, Elitesektoren und Ländergruppen gleichermaßen abzubilden, ist ein nicht einzulösender Anspruch.
Insgesamt enthält das Handbuch zahlreiche aufschlussreiche und viele sehr systematisch angelegte Übersichtsbeiträge. Dass einzelne Beiträge etwas schwächer sind als andere – etwa der Überblick von John Higley zu „Political Elites in the West“, für den nur wenige aktuelle Veröffentlichungen verarbeitet wurden – ist zu verschmerzen und sollte nicht davon abhalten, diese notwendige und längst überfällige Bestandsaufnahme zu politischen Eliten immer wieder zur Hand zu nehmen. Für Studienanfänger mögen viele der zum Teil sehr anspruchsvollen Beiträge eher nicht geeignet sein, für fortgeschrittene Studierende, Lehrende und Forschende stellen sie aber einen großen Wissensschatz bereit, den es zu nutzen und weiterzuentwickeln gilt.
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