Nach dem lingustic turn, dem iconic turn und noch einigen anderen ‚turns‘ erleben die Kultur- und die Geschichtswissenschaft nun seit einigen Jahren den material turn. Im Kern geht es dabei darum, wie menschliches Wissen in künstlich geschaffenen beziehungsweise kulturell angeeigneten Objekten wirkt und welche Bedeutung diese dadurch erhalten.
Im vorliegenden Sammelband suchen die Herausgeberinnen Leora Auslander und Tara Zahra diesen Ansatz für den Themenkreis Krieg und Zwangsmigration im 19. und 20. Jahrhundert nutzbar zu machen. Im Einleitungskapitel äußern sie die Überzeugung: „We cannot truly understand the dynamics and consequences of war without considering the centrality of material culture to violent conquest, […]. Material culture offers, furthermore, a particularly rich and unique form of access to the emotional and social dimensions of war and forced displacement“ (S. 7). Wie sich bei der weiteren Lektüre zeigt, werden die zehn Aufsätze des Bandes diesem Anspruch in sehr unterschiedlichem Grade gerecht.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste – „States of Things: The Making of Modern Nation-States and Empires“ – betrachtet die materielle und symbolische Aneignung von Kulturgütern durch staatliche Akteure. Die Beiträge des mit „People and Things: Individual Use of Things in Wartime“ überschriebenen zweiten Teils untersuchen Bedeutung und Aussagekraft persönlicher Artefakte von Soldaten und Lagerinsassen, während der dritte Teil „Afterlives: From Things to Memories“ den Bedeutungswandel von Objekten im Rahmen von Erinnerungskulturen erörtert.
Vor allem die drei Aufsätze der ersten Sektion verdeutlichen den problematischen Konstruktionscharakter der Dingbedeutsamkeit. Alice Goff verfolgt die Geschichte einer während der Napoleonischen Kriege aus Preußen nach Paris verbrachten Bronzeplastik. Bonnie Effros zeichnet die Bemühungen der französischen Regierung nach, die in Algerien vorgefundenen Überreste aus der Zeit des Römischen Reiches für die Legitimation der französischen Kolonialherrschaft zu instrumentalisieren. Schließlich erzählt Cathleen M. Giustino die Geschichte der Kunstgegenstände in einem böhmischen Schloss unter vier verschiedenen Regimen zwischen 1938 und 1958.
Insbesondere bei Goff und Giustino wird nicht recht klar, inwieweit sich die Bedeutung der besprochenen Artefakte durch den Wechsel ihrer Besitzer tatsächlich verändert hat. Stattdessen begeben sie sich in die seitliche Arabeske von Werksgeschichte beziehungsweise Bildbeschreibung, während der zugeschriebene Bedeutungswandel nicht wirklich plausibel gemacht wird. Die Problematik zugeschriebener Bedeutung wird aber auch im Aufsatz von Effros mehr als deutlich. So stellt sich am Ende des Aufsatzes heraus, dass die zwischen 1830 und 1870 von einzelnen Vertretern der französischen Eliten propagierte Deutung, Frankreich stünde in der Nachfolge des Römischen Reiches, weshalb die in Algerien vorgefundenen Überreste der römischen Antike den französischen Herrschaftsanspruch daselbst legitimieren würden, weder im französischen Bildungsbürgertum und noch viel weniger von der autochthonen Bevölkerung der Kolonie internalisiert oder auch nur als Argument verstanden wurde.
Deutlich überzeugender sind demgegenüber die vier Aufsätze der zweiten Sektion. Sarah Jones Weicksel beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Rolle des Plünderns während des Amerikanischen Bürgerkrieges. Brandon Schechter zeigt am Beispiel des burjatischen Rotarmisten Bato Damcheev, wie man anhand von Objekten – Personaldokumenten, Auszeichnungen, Waffen, Trophäen – eine Biografie erzählen und historisch einordnen kann. Zwei weitere Aufsätze untersuchen die materielle Kultur von Lagergesellschaften. Während Iris Rachamimov für Kriegsgefangenen- und Internierungslager des Ersten Weltkrieges die kunsthandwerkliche Betätigung und die individuelle Einrichtung der Unterkünfte als Mittel zur Bewahrung eines zivilisierten Selbst charakterisiert, untersucht Noah Benninga in seinem überaus gelungenen Aufsatz die Rolle von ‚Mode‘ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dabei arbeitet er überzeugend heraus, wie sich die Lagerhierarchie nicht allein in den offiziellen Kennzeichen der verschiedenen Häftlingskategorien, sondern auch anhand informeller Distinktionsmerkmale manifestierte. So hatten die Angehörigen der von der SS geschaffenen Lageraristokratie Zugriff auf die in der Kleiderkammer verwahrten Habseligkeiten ermordeter Juden sowie die Dienstleistungen der Lagerwerkstätten. Das war nicht nur die Basis für einen florierenden Schwarzhandel, vielmehr bot es auch die Gelegenheit, sich von den gewöhnlichen Häftlingen etwa durch maßgeschneiderte Kleidung oder hochwertigeres Schuhwerk abzuheben.
Die drei Aufsätze der dritten Sektion sind der Rolle von Objekten in der individuellen und kollektiven Erinnerung gewidmet. Gerdien Jonker beschreibt die gesammelten Erinnerungsstücke einer deutsch-jüdisch-indisch-muslimischen Familie. Jeffra Wallen und Aubrey Pomerance berichten über persönliche Gegenstände, die jüdische Emigranten zwischen 1933 und 1941 mit ins Exil nahmen, und die nun im Jüdischen Museum Berlin ausgestellt werden, während Sandra H. Dudley in ihrem Beitrag auf die Textilkultur burmesischer Emigranten eingeht. Gleichsam als Leitmotiv der letzten Sektion steht die mit Verve vorgetragene Überzeugung von Gerdien Jonker: „Words may express what happened in the past, but only things may convey a feeling of how it was“ (S. 231).
Bei Lichte betrachtet muss diese These aber mehr als fragwürdig erscheinen. Sprechen die Gegenstände über ihre wie auch immer geartete ‚Aura‘ für sich selbst? Verbinden Nachkommen oder gar gänzlich Außenstehende mit den spezifischen Objekten die gleichen Bedeutungen und Gefühle wie ihre früheren Besitzer?
Nicht nur in den Aufsätzen der dritten Sektion erscheinen die von den Autorinnen und Autoren den Objekten zugeschriebenen Bedeutungen zum großen Teil recht bemüht und vermögen nur sehr begrenzt zu überzeugen. Hinsichtlich der Erkenntnispotenziale des material turn bietet der vorliegende Band daher insgesamt eher Anlass zur Skepsis.