Judith Shklar schrieb 1983 einen Essay über Hannah Arendt. Sie berichtet davon, dass Arendt nach dem Zweiten Weltkrieg der festen Überzeugung gewesen sei, dass der Nationalismus der Vergangenheit angehöre. Nichts habe sie von dieser Meinung abbringen können. Der Arendt freundschaftlich verbundene Erich Heller habe solcherlei Sturheit folgendermaßen kommentiert: „when Arendt was wrong she ‚exploded into wrongness‘.“1
In der Tat muss man heute Hellers Einschätzung zustimmen, denn der Nationalismus und der politische Rückzug hinter die starren nationalen Grenzen sind nicht von der politischen Bühne abgetreten, sondern erfahren offenbar in den letzten Jahren in vielen Teilen der Welt neuen Aufwind.
Vielleicht ist Arendts Überzeugung auch eher Ausdruck ihrer Hoffnung gewesen. Denn angesichts der katastrophalen Situation von Flüchtlingen und Staatenlosen hat sie auf die endgültige Überwindung des Nationalstaats und seines in ihren Augen apolitischen Nationalismus gehofft. Für sie waren die Millionen staatenlos gewordener Flüchtlinge Ergebnis einer nationalstaatlichen Ordnung Europas, die auf der nationalistischen Logik eines homogenen „Wir“ beruhe, das notwendig die „Anderen“ produziere. Die Mitglieder der Staaten wurden nach ihren nationalen Zugehörigkeiten geordnet. Arendt war überzeugt, dass das so entstehende Problem von Minderheiten, Flüchtlingen und Staatenlosen innerhalb eines nationalstaatlich organisierten Europas nicht lösbar sei.2 So kann ihr berühmtes Recht, Rechte zu haben, auch gegen diese Form der politischen Organisationen verstanden werden, denn es sprengt jeden nationalstaatlichen Bezugsrahmen.3
Heute wird das Problem des Nationalismus (weniger als das der Nationalstaaten) auch vor dem Hintergrund von Migration und Flucht diskutiert – wenn auch unter anderen Vorzeichen. Nationalistische Bewegungen und Politiken haben vor allem im Zeichen der sogenannten „Flüchtlingskrise“4 an Aufmerksamkeit und Stärke gewonnen.5 Auch in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen sind die Begriffe Nation und Nationalismus nicht verschwunden, sondern es wird vielmehr auf die Dringlichkeit des Themas angesichts des Erstarkens neonazistischer, rechter und nationalistischer Parteien und Bewegungen verwiesen.6
Die Gefährdung der Demokratie durch das Erstarken nationalistischer Bewegungen ist augenfällig. Gleichzeitig gibt es jedoch auch neue Versuche, eine positive Beschreibung der nationalen Gebundenheit demokratischer Ordnung und auch des Nationalismus vorzunehmen.7 Ganz gleich, wie die Nation, nationale Identität oder Nationalismus normativ bewertet werden, einig sind sich alle hinsichtlich der anhaltenden und zentralen Bedeutung sowie spürbaren Wirkmächtigkeit nationaler Grenzziehungen in der Gegenwart – auch wenn offenbar die Versprechen der Nation auf Schutz und Stabilität immer wieder schwierig umzusetzen sind und manchmal nicht gehalten werden können.8
Schon deshalb ist die aktuelle, große Debatte in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften und die Reihe an Neuerscheinungen bedeutsam. Sie können für eine nicht nur politikwissenschaftliche Debatte um zentrale Gegenstände auch der heutigen Zeit fruchtbar gemacht werden, zumal die Zukunft des Nationalstaats und damit auch der zumeist in diesem Rahmen gefassten Demokratie, so unsicher zu sein scheint: „The contemporary nation-state with all its arsenal of triumphs – national identity, sovereign statehood and democracy – is changing toward something as yet unknown“.9
Die Debatte um Nation und Nationalismus ist durch sehr unterschiedliche Ansätze gekennzeichnet. Das beginnt bereits bei der Definition der beiden Begriffe. Es gibt, wie immer wieder betont wird, keine allgemeingültige – weder für die Nation noch für den Nationalismus. Auch auf die Frage nach dem normativen Stellenwert der nationalen Begrenzung von Demokratien sowie dem Nationalismus gibt es heterogene Antworten. Einig ist sich die Literatur allenfalls darin, dass Begriffe der Nation und des Nationalismus umstritten, uneindeutig, kontextabhängig und damit äußerst wandelbar sind.10 Die Begriffe „Nation“ und „Nationalismus“ haben sich schon immer durch diese Vagheit ausgezeichnet. Sie ist vielleicht auch der Grund für ihren Erfolg.
Die Verbindung von Staat und Nation muss dabei jedoch als genuin modernes Projekt verstanden werden, auch wenn es ältere Traditionslinien gibt.11 Sie wird in der Moderne zur „dominanten Form der politischen Ordnung“12 und als Projekt der Moderne unmittelbar mit den zentralen revolutionären Ideen von Volkssouveränität, Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit verbunden, die wechselseitige Rechte und Verpflichtungen mit sich brachten.
Die Nation galt Ernest Renan als Solidargemeinschaft, die zwar eine Vergangenheit voraussetze und von ihr auch spirituelles Gemeinschaftsgefühl erhalte, jedoch ganz gegenwärtig immer wieder neu behauptet werden muss. Die Solidargemeinschaft ist auf Erinnerungen (und das Vergessen) und den Willen, miteinander zusammenzuleben, angewiesen. Sie sei von daher „tägliches Plebiszit“.13 Die Einheit ist hier immer schon gegeben, wird aber nicht abgeleitet aus ahistorischen, vorpolitischen Annahmen wie einer als natürlich vorgegebenen Verbindung zwischen Volk und Boden oder der Zugehörigkeit zu einer „Rasse“: „Während das Prinzip der Nationen gerecht und legitim ist, ist das Urrecht der Rassen eng und voller Gefahren für den wahrhaften Fortschritt.“ (S. 300) Die Nation ist immer hervorgegangen aus „tiefen Verwicklungen der Geschichte“ (S. 306). Sie erfährt sich und wird erfahrbar durch die Erinnerung und den Rückblick in die Geschichte als Gewordene.
Die Frage der Konstruiertheit, des Gewordenseins und damit der Kontingenz einer Nation wird seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts immer stärker betont und ist ein zentraler Grund für die Unentschiedenheit des Begriffs: „Nationen sind Artefakte menschlicher Überzeugungen, Loyalitäten und Solidaritätsbeziehungen.“14 Dadurch gerät das essenzialistische Verständnis von Nation immer weiter in den Hintergrund. Die Rückgriffe auf scheinbar objektive Kriterien ursprünglicher Einheiten wie „Sprache und Kultur“ oder „Abstammung und Herkunft“ sind der Überzeugung über die Kontingenz, das Gewordensein und die Konstruiertheit von Nationen gewichen.15
Eine der bekanntesten und wirkmächtigsten Studien zur Nationenbildung wendet sich ebenfalls gegen jede metaphysische oder organische Legitimation nationaler Ordnung. Benedict Anderson führt die Nation als vorgestellte Gemeinschaft ein.16 Die Nation beschreibt eine zufällige, aber höchst effiziente Form der Gemeinschaftsbildung. Denn die meisten Mitglieder kennen und treffen sich nie, fühlen sich aber dennoch einander zugehörig und sind bereit, der Nation große Opfer zu bringen. Andersons Studie ist bereits mehrfach kritisiert beziehungsweise weiterentwickelt worden, indem auf die soziale Wirkmächtigkeit und anhaltende Ordnungsmacht der Nation aufmerksam gemacht worden ist. So formulierte etwa Thorsten Mense in seiner „Kritik des Nationalismus“, dass dieser in die sozialen Lebensrealitäten der Bevölkerung unmittelbar eingreife und Grenzen zwischen Zugehörigen und Ausgeschlossenen ziehe.17
Für David Miller erfüllt die Nation ebenso diesen Zweck der Solidarität. Gleichzeitig werden alle Mitglieder einer Nation dazu befähigt, an den allgemeinen Angelegenheiten teilzunehmen. Für ihn stehen also die integrativen Funktionen der Nation im Mittelpunkt seiner Argumentation.18 Margaret Canovan hat eine weitere Dimension des Nationenverständnisses in die politiktheoretische Debatte gebracht. In Abgrenzung zu fünf tradierten Perspektiven auf die Nation – als Staaten, kulturelle Gemeinschaften, als Rahmen subjektiver Identitätsstiftung von Individuen, als ethnische Gemeinschaften oder als Produkte der Erfordernisse moderner Ordnungen – versteht sie die Funktion der Nation in ihrer Mittlerrolle.19 Moderne Gesellschaften sind zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten Gruppen, Interessen und Überzeugungen. Die Aufgabe der Nation sei es, zwischen den vielen Erfahrungen und Weltwahrnehmungen zu vermitteln. Erst die Einbindung der verschiedenen Individuen und Gruppen bilde die Grundlage des modernen, national organisierten Staates und verleihe ihm Legitimation und Stabilität, so Canovan: „Nationhood constitute a collective political subject – a „we“ – with the capacity to act collectively over long periods of time“.20
Zum Begriff der Nation gehört der Begriff des Nationalismus. Wie Ernest Gellner betont hat, geht der Begriff des Nationalismus der Nation voraus.21 Er bringt die Nation hervor und nicht umgekehrt. Er legitimiert den Anspruch eines gesellschaftlichen Verbandes auf ein bestimmtes Territorium. Liah Greenfeld hat den Nationalismus als „cultural framework of modernity“22 bestimmt. Dieser Rahmen wird jedoch ganz unterschiedlich ausgefüllt. Und so teilt die überwiegende Mehrzahl an Autor_innen die Einschätzung, dass Nationalismus kein einheitliches Phänomen sei.23 Parekh Bikhu verweist auf die vielen verschiedenen Verständnisse und Verwendungsweisen, die territorial, ethnisch, kulturell, religiös oder zivilisatorisch gefasst werden können: „No two nationalisms are alike.“24
Thorsten Mense hat in seinem Buch „Kritik des Nationalismus“ ebenfalls auf die Ambivalenzen des Nationalismusbegriffs aufmerksam gemacht. Nationalismus entziehe sich dem klassischen Rechts-Links-Schema; ein positiver Bezug auf die Nation gebe noch keine Hinweise auf eine rechte Orientierung. Erst im Kontext mit anderen politischen Ideen und der Funktion des Nationalismus, kann er der einen oder anderen Seite zugerechnet werden. Dementsprechend richtet Mense den Fokus auf die Gleichzeitigkeit von „Befreiung und Unterdrückung im Nationalismus“ und bezieht auch Formen des Nationalismus linker Befreiungsbewegungen mit ein und setzt sich damit von großen Teilen der Forschung ab25, die Nationalismus vor allem im rechten politischen Spektrum verorten. Mense definiert ihn in erster Linie als „Denkform, eine spezifische und moderne Art und Weise die Welt zu sehen und sich und andere zu verorten“ (S. 29) und damit aber auch als ein spezifisches Ordnungsprinzip. Der Nationalismus definiert und ordnet das „Eigene“ und das, was nicht dazugehört, und stellt beide in eine hierarchische Beziehung.
Bei Etienne Balibar lassen sich zwei Gründe für die Ambivalenz, Unbestimmtheit und Beweglichkeit des Begriffs ausmachen. Zum einen variiere der Begriff durch seine historischen und politischen Kontextbedingungen. Zum anderen stehe dieser Begriff, so Balibar, niemals für sich allein, sondern sei immer als zentrales, jedoch meist schwaches Glied in einer Reihe mit anderen Begriffen verbunden, durch die er dann erst seine Bedeutung erlangt: Staatsbürgerliche Gesinnung, Patriotismus, Ethnozentrismus, Rechtspopulismus26, Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus27 oder, wie bei Balibar selbst, Rassismus.
Die Dehnbarkeit und Wandelbarkeit des Begriffs wird als ein Grund für seinen Erfolg ausgemacht. Empirische Studien zeigen ganz konkret, wie unterschiedlich der Begriff aufgeladen, mit politischen Inhalten gefüllt und dadurch für verschiedene Zwecke nutzbar gemacht werden kann.28 Dadurch kann der Nationalismus als ein „entlang der zugeschriebenen kollektiven Identität von Sprache, Kultur, Religion und Geschichte konstruiertes Weltbild“ beschrieben werden, „das der sozialen Kreation, politischen Mobilisierung und psychologischen Integration eines großen Solidarverbandes“ dient.29 Hier bleibt dann noch die Frage, ob die „vertical (‚top-down‘) vs. horizontal (‚bottom-up‘) dimension“ des Nationalismus untersucht wird.30
Im Folgenden werden zunächst empirische Studien zum Nationalismus in Geschichte (1) und Gegenwart (2) vorgestellt. Sie alle eint, dass sie die Gefahr des Nationalismus für die Demokratie konstatieren. Dann folgen Veröffentlichungen, die die integrativen und demokratiestabilisierenden Funktionen des Nationalstaats sowie des Nationalismus betonen (3). Sie zielen auf die (politisch) integrativen Effekte des Nationalismus. Im nächsten Abschnitt (4) wird die Konflikthaftigkeit Thema sein, die die Nation von Anfang an begleitet. Durch die Hervorhebung des Konflikts wird der Blick auf die Ausschlüsse (5) deutlich. Werden diese konstitutiv mit einbezogen, kann das zum Nachdenken über die Überwindung von Nation und Nationalismus (6) führen.
In diesem Abschnitt, der neue empirische Studien vorstellt, wird nur die Form eines rechten bis rechtsextremen Nationalismus abgehandelt. Die These von Mense, dass der Nationalismus nicht nur dem rechten Spektrum zuzuordnen sei, zeigt sich nicht in den neueren empirischen Studien. Das könnte damit erklärt werden, dass der rechte Nationalismus seit einigen Jahren in der politischen Landschaft wieder sehr wirkmächtig ist. Darüber hinaus scheint es für sozialwissenschaftliche Forschung attraktiver zu sein, sich mit dem Erstarken der Rechten zu beschäftigen, anstatt mit gegenläufigen Bewegungen und Entwicklungen. Das zeigt allein die exponentielle Anzahl an Artikeln und Drittmittelprojekten zum Rechtspopulismus. Auf diese Entwicklung gehe ich am Ende des Essays nochmal ein.
Nationalismen der Vergangenheit
Der Blick in die Geschichte zeigt, wie stark Nationengründungen und Nationenverständnisse aus (gewaltvollen) Auseinandersetzungen, Kämpfen und Grenzziehungen hervorgegangen sind. In seinem Buch über die spanische Nation, das in der Reihe „Inventing the Nation“ erschienen ist31, macht Carsten Humlebæk diese Auseinandersetzungen zwar weniger zum Thema. Jedoch lässt sich an diesem Beispiel ablesen, wie dynamisch und prozesshaft sich die Nationenbildung vollzieht. Viel stärker wird dieser Aspekt der Konflikthaftigkeit in Shane Nagles Buch „Histories of Nationalism“ gemacht, das zum einen die Geschichte des deutschen und des viel weniger beachteten irischen Nationenverständnisses untersucht. Zwar geht auch er davon aus, dass es eine „multiplicity of national paths“ (S. 2) gebe, doch versucht er das Gemeinsame der beiden Staaten in ihrer Identitätsbildung zu bestimmen. Dabei geht er von einer engen Verbindung zwischen Nationalismus und nationaler Identität32 aus. Er untersucht die historische Rahmung der beiden Nationenverständnisse anhand vier zentraler, eng miteinander vermittelter Themen: „origins, religion, national territory, and race and othering“ (S. 2f.).
In seiner vergleichenden historischen Studie stehen die Vergangenheitsnarrative verschiedener Historiker in der Herausbildung eines für die jeweiligen Gesellschaften sinnstiftenden nationalen Selbstverständnisses im Zentrum des Interesses. Es geht also nicht um die Frage einer nationalen Identität von unten33, sondern um Geschichtspolitik einer zumeist akademischen Elite. Gemäß dem „top-down“ Ansatz wird die Rolle zentraler Historiker beider Länder vor allem des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in der Herausbildung nationaler Identität untersucht. Dabei geht Nagle von der gut begründeten These aus, dass „‚[h]istorical inquiry and nationalism have always been intimately, even inseparably, linked‘“ (S. 2). Die Historiker schrieben vor einem Hintergrund, den beide Länder miteinander teilten: Sie waren fragmentiert und konfessionell gespalten und verfügten über keine großen Revolutionserzählungen. Auf der Suche nach Kontinuität und dem Ursprung ihrer Nation griffen sie in ihrer Geschichtsschreibung auf nationale Mythen zurück, die einen gemeinsamen Ursprung behaupteten und trugen damit auch immer zur Abgrenzung gegenüber „den Anderen“ bei (S. 105–138). Nagel erkennt zwar eine komplizierte Verwobenheit von Nation und Rassismus an (S. 106), sieht jedoch die Historiker des 19. Jahrhunderts noch in der Tradition eines kulturellen Nationenverständnisses und nicht eines offen wissenschaftlichen Rassismus‘ (S. 107).
Die Untersuchung Nagels stützt noch einmal die mittlerweile breit und gut untersuchte These, dass die Geschichtsschreibung durchaus politischen Zielen der Gegenwart gedient habe (S. 157). Die unterschwelligen und offenen Konflikte, die Spannungen und Widersprüche im Prozess des nation-building konnten so überbrückt und überdeckt werden. Die ausgewählten Historiker (und eine Historikerin) waren alle involviert in die spezifischen Politiken ihrer Länder. Die Studie von Nagel ist detailreich, hinterlässt jedoch das Unbehagen, vor allem für die deutsche Entwicklung bereits Bekanntes zu lesen.
Gegenwärtige Nationalismen
Stephan Grigat hat einen Band herausgegeben, der die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) und die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) miteinander vergleicht.34 Der Band untersucht anhand einer Vielzahl empirischer Quellen wie der Einstellungsforschung, Reden, Interviews und Beiträgen in den social media die, wie Juliane Lang es ausdrückt, „Politik der Bedeutungsverschiebungen“ (S. 69). Sie schlagen sich nieder in der Schuldabwehrdebatte um die Verbrechen im Nationalsozialismus und in der Neujustierung zentraler Begrifflichkeiten im politischen Selbstverständnis, die sich in dem Gefühl nationaler Überlegenheit niederschlagen. In den Beiträgen wird auf die „Vermittlung von unterschiedlichen Ideologien“ (S. 137) hingewiesen. Und so markiert Julius H. Schoeps diese Verwobenheit in dem Geleitwort und stellt gleichzeitig das Verständnis des Nationalismusbegriffs vor, das für den Band grundlegend ist: „Debatten und Konflikte brechen auf, die vermeintlich schon der Vergangenheit angehörten, und die Gespenster von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindschaft feiern dabei fröhliche Urstände.“ (S. 5) Wenn in diesem Band von Nationalismus gesprochen wird, so ist ein schließender Begriff gemeint, der die Differenz zu anderen ausdrückt und die eigene Überlegenheit betont. Die Nation wird zur „Volksnation“ (S. 90). Damit stützen sich die Autor_innen auf einen klassisch rechten Nationalismus.
Als einen Grund für das Erstarken eines demokratiegefährdenden Nationalismus führt Grigat die Gefahr der Deklassierung und die Krise des Wohlfahrtsstaates an (S. 11f.). Dagegen differenziert Samuel Salzborn in seinem Beitrag über die AfD und ihren Bezug zur deutschen Geschichte stärker. Er zeigt anhand verschiedener Studien, dass die Überhöhung der eigenen Nation und die Abwehr von allem, was als Nicht-Eigenes definiert wird, vielmehr in einem Denken verankert ist, das Birgit Rommelspacher vor Jahren als „Dominanzkultur“35 gefasst hat. Mit diesem Begriff konstatiert sie, dass nicht so sehr die reale Abstiegsgefahr, sondern vielmehr das Bedürfnis, „den eigenen, immer als zu klein empfundenen Wohlstand, um jeden Preis verteidigen zu wollen“ (S. 30), solchen Denkarten zugrunde liege. Wenn dann Salzborn zudem zeigen kann, dass die AfD zum einen ein durchweg positiv konnotiertes Geschichtsbild der deutschen Geschichte kolportiert und zum anderen die eigene Unschuld sowie einen Opferstatus kultiviert (S. 37), so eröffnet diese doppelte Einsicht eine viel zu wenig diskutierte Perspektive auf die sogenannten Sorgen und Ängste der Menschen, die zur Zeit die öffentliche Debatte beherrschen. In dieser Perspektive bleibt die Bevölkerung ausgeliefertes Opfer einer übermächtig werdenden Einwanderung. Mit Salzborn und Rommelspacher aber kann eine andere Perspektive eröffnet werden: Es sind dann weniger Sorgen und Ängste vor einer zunehmenden Terrorgefahr, einer kulturellen Überforderung der Gesellschaft oder eine erhöhte Kriminalität, die die Abwehrreaktionen auf Zuwanderung ausmachen. Sondern es sind vielmehr die Sorge und Angst davor, von als selbstverständlich geltendem Wohlstand und privilegierter Position etwas abgeben zu müssen. Das ist eine andere Erzählung als die Opfererzählung. Diese Perspektive wird jedoch sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung viel zu wenig einbezogen.
Der erstarkende Nationalismus verschiedener Länder vor allem der Mitte und des Osten Europas ist seit einiger Zeit in den Fokus der Forschung gerückt.36 Der von Irene Götz, Klaus Roth und Marketa Spiritova herausgegebene Band37 „Neuer Nationalismus im östlichen Europa“ ist das Ergebnis einer gleichnamigen international ausgerichteten Tagung, an der Kulturwissenschaftler_innen, Historiker_innen und Soziolog_innen aus verschiedenen, in erster Linie östlichen Teilen Europas beteiligt waren. Sie alle nähern sich von ihren unterschiedlichen Disziplinen der Frage nach einer Renaissance des Nationalismus in den postsozialistischen Ländern aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Auch in diesem Band wird das Erstarken des Nationalismus nach 1990/91 durch die Prekarisierung der Arbeitswelt, die ökonomische Unsicherheit und die damit zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die durch die etablierten Parteien nicht mehr aufgefangen wird, erklärt (S. 9, 82).
Der Band will verschiedene Formen des Nationalismus vorstellen, Erklärungen liefern für sein Erstarken, seine Gegenbilder untersuchen, seine Bedeutung und Wirkmächtigkeit bestimmen. Die vier zentralen Zugänge zum Thema umfassen Fragen der Repräsentation des Nationalen, der Erinnerungsorte und -mythen, der Identitätspolitiken und ebenso der Othering-Prozesse sowohl nach innen wie nach außen. Die Aufsätze zeigen die Verflechtungen zwischen makrostrukturellen Politiken sowie ihrer medialen Repräsentation und den Lebenswelten der jeweiligen Akteur_innen in städtischen und ländlichen Lebensräumen auf.
Der Nationalismus wird in diesem Band in erster Linie als Homogenitätsbehauptung gefasst. Marketa Spiritova zeigt zum Beispiel, wie multiethnische und multinationale Vergangenheiten Tschechiens und mit ihnen der Einfluss von Minderheiten verschwiegen und die Erzählung eines homogenen tschechischen Staates in der Populärkultur durchgesetzt wird.38 Dabei wird deutlich, dass der neue Nationalismus im Osten Europas gar nicht so neu ist. Denn „es wird in der populären Kultur das Wissen reproduziert und weitergegeben, das bereits zum gesellschaftlichen Wissensrepertoire gehört und je nach Kontext und gesellschaftlicher Befindlichkeit abruf- beziehungsweise reaktivierbar ist.“ (S. 30) Wie Klaus Roth jedoch zeigt, kann insofern von einem „neuen“ Nationalismus gesprochen werden, als er durch die Umbrüche und Transformationen „andere Feindbilder“, „andere Grenzen“ zieht und „andere Loyalitäten“ betone (S. 82).
Die Homogenitätsbehauptungen, auch das wird an den vielen empirischen Studien immer wieder deutlich, gehen immer mit einer hierarchischen Unterscheidung zu „Anderen“, „Fremden“ oder „Feinden“ einher, die als Bedrohung der nationalen Einheit und des nationalen Friedens konstruiert werden. Das auch in diesem Kontext wichtige und bislang immer noch nicht ausreichend erforschte Thema des Antiziganismus ist Gegenstand des Aufsatzes von Noémi Sebők-Polyfka (S. 231–244). Die Autorin bricht mit der Opfererzählung und stellt die „Anderen“ der slowakischen Nationenerzählung in ihren Selbstbehauptungsstrategien vor. Gleichzeitig macht sie deutlich, welche Auswirkungen die antiziganistischen Vorstellungen und Praktiken auf die Lebenswelt der Betroffenen haben. Die Zunahme des Nationalismus in Osteuropa zeigt auch an anderen Beispielen (etwa Margit Feischmidt: S. 245–265) deutlich den Einfluss auf die Lebensrealität derjenigen, die als „anders“ und nicht-zugehörig klassifiziert werden. Sie sind kein Nebenthema des Nationalismus, sondern gehören unmittelbar und konstitutiv zu ihm.
Ein weiteres Buch zum Nationalismus in Osteuropa zeigt, dass sich die lange Zeit gehegte Hoffnung auf die Transformation posttotalitärer Staaten zu stabilen rechtsstaatlichen Demokratien durch die europäische Integration nicht durchgängig bewahrheitet hat.39 Das Erstarken des Nationalismus nicht nur im Osten Europas führt Reinhold Vetter in seinem Buch „Nationalismus im Osten Europas“ zu der These, dass Europa in einer tiefen Krise stecke (S. 128).40 Er hat sich eine „Bestandsaufnahme des Nationalismus“ (S. 17) in Ostmitteleuropa zum Ziel gesetzt und die Entwicklungen in den Visegrád Staaten, Polen, Ungarn, Tschechische Republik und Slowakei sowie, etwas weniger ausführlich, Kroatien, Slowenien und die baltischen Staaten der letzten Jahre untersucht. Insbesondere seit 2015 erstarken nationalkonservative Kräfte in einigen dieser Länder, vor allem in Ungarn und Polen. In anderen Ländern, wie in Slowenien und den baltischen Staaten, sind diese Entwicklungen nur bedingt zu beobachten.
Vetter macht deutlich, dass die Ursache für den Aufstieg nationalkonservativer und rechter Parteien in den Transformationsprozessen zu suchen sind. So seien „politische, ökonomische und soziale Fehlentwicklungen seit der Wende um 1990“ (S. 108) zu betrachten, wenn man die Rolle und Funktion des nationalistischen Denkens verstehen will. Denn bereits in unmittelbarer Folge des Zusammenbruchs des Ostblocks seien starke nationalistische Bestrebungen auszumachen gewesen, die in den letzten Jahren nochmals gestärkt worden seien. So spielten verschiedene Erfahrungen in einer Transformationsgesellschaft, enttäuschte Erwartungen an die Demokratie und an die Integration in die Europäische Union eine ebenso große Rolle wie das Verhältnis zu Russland. Auch verschiedene Opfererzählungen – als Verlierer der Transformation und als Opfer illegaler Grenzüberschreitungen sowie der damit verbundenen vermeintlichen Islamisierung der Länder – bewirkten die Stärkung rechter Parteien und Organisationen.
Vetter kommt zu dem Schluss, dass nationalistischer Rechtspopulismus in Mittelosteuropa viele Parallelen mit den westlichen Ausprägungen wie beispielsweise in Frankreich, Österreich, Deutschland oder den Niederlanden habe: Die Überhöhung der eigenen Nation geht in allen Ländern mit starken Homogenitätsbehauptungen und der Abwehr vermeintlich Fremder einher. Sie alle teilen zudem die Entgegensetzung von Volk und Eliten, und eine große EU-Skepsis (etwa S. 116ff.), sowie die Abwehr von kultureller Pluralität, eng verbunden mit grenzüberschreitenden Migrationsbewegungen (S. 16, 59, 68, 89, 114ff.). Allerdings wird gerade an dem Thema Migration auch die Widersprüchlichkeit der Entwicklung deutlich. So stimmt die EU-Skepsis der Bevölkerungen der untersuchten Staaten nicht immer mit den Haltungen der regierenden Parteien überein. Ebenso wird die homogenisierende und flüchtlingsfeindliche Besinnung auf die eigene Nation durch die vielen gesellschaftlichen Gruppen gebrochen, die sich in der Unterstützung von Flüchtlingen und Migranten niederschlagen, wie Vetter beispielsweise an Polen zeigt (S. 33).
Bestimmende Ideen verschiedener nationalkonservativer Politiken kreisen, so Vetter, um Begriffe des Nationalstaates, der Nation, Souveränität und Unabhängigkeit (S. 31). Sie alle stehen supranationalen und internationalem Recht skeptisch bis feindlich gegenüber und dienen der Legitimation der Kritik an jeglichem Eingriff „von außen“. Aus ihnen speist sich damit auch die Kritik an der Europäischen Union. Konkret schlägt sich das Erstarken des Nationalismus in „nationalkonservativer Geschichtspolitik“ und „Geschichtsklitterung“ (S. 26f., S. 55) nieder und wird spürbar in den repressiven Eingriffen in die liberale Rechtsstaatlichkeit, die Freiheit der Medien, den Rechten der Opposition und liberalen Intellektuellen. Diese essenzielle Gefährdung der demokratischen Strukturen belegt der Autor in dieser detailreichen Studie für alle untersuchten Länder, wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen. Damit wird hier vor allem ein Nationenverständnis vorgestellt und mit vielem empirischem Material unterfüttert, das durch seine homogenisierende und normierende Ideologie demokratiegefährdend wirken kann.
Einen ganz anderen Aspekt bringt Catherine Dauvergne in ihrem neuen Buch „The End of Settlers Society“41, in die Debatte. Die Zeiten, in denen angesichts der sich ausweitenden grenzüberschreitenden politischen, ökonomischen und rechtlichen Verflechtungen einseitig von Entgrenzung42 und dem Verschwinden nationalstaatlicher Grenzen gesprochen wurde43, sind lange vorbei. Grenzüberschreitende Prozesse werden vielmehr als ein Grund für die (Re‑) Nationalisierung von Gesetzen und Diskursen ausgemacht. Linda Bosniak hat schon vor Jahren auf die Lücken der postnationalen Staatsbürgerschaftsdebatte aufmerksam gemacht, indem sie die Zunahme von Abschiebungen und die restriktiver werdenden Einwanderungsbestimmungen aufgezeigt hat.44
Dauvergne beschreibt in ihrem Buch einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Nationalstaaten, vor allem der Siedlergesellschaften. Insbesondere bei ihnen gab es eine konstitutive Verbindung zwischen nationalem Selbstverständnis und den Einwanderungsregeln und -rechten (S. 175). Das Ende dieses Prozesses läutete – so Dauvergne – die Asylkrise der 1980er Jahre, der Angst vor dem fundamentalen Islam seit spätestens den 2000er Jahren und dem Ende des Multikulturalismus der letzten Jahre ein. An diesen drei zentralen Entwicklungen macht sie die entscheidenden Einschnitte fest, die die Wende der Haltung zur Einwanderung und eine neue Form der Nationalisierung der Siedlergesellschaften zur Folge haben (S. 35–114).
Nicht nur für die kanadische Gesellschaft, sondern auch die US-amerikanische, neuseeländische und australische Gesellschaft zeigt Dauvergne, dass das Selbstverständnis einer multikulturellen Gesellschaft einer Hinwendung zu einer nationalen Kultur gewichen sei, die sich den Fragen der Einwanderung neu stellt. Dabei weicht das Nationenverständnis einer Einwanderungsgesellschaft immer stärker „ethnic-like“ Äquivalenten, die die Abwehr von Zuwanderung legitimiere. Das Ende eines positiven Verständnisses von Multikulturalismus und Siedlungsgesellschaften, das zum Beispiel in Kanada so prägend war, stellt Dauvergne dabei jedoch nicht als ein Problem eines erstarkenden Rechtsextremismus vor, sondern sieht einen allgemeinen Zeitgeist, der die gesamten Gesellschaften durchziehe (S. 107f.). Die alte große Erzählung der Siedlergesellschaften, in der Immigration das nationale Selbstverständnis prägte und immer wieder neu reflektierte, sei „ever-shorter-term national goals“ (S. 183) gewichen. So habe die Veränderung der Asylpolitik durch die Zunahme an Asylgesuchen, die Versicherheitlichungsmaßnahmen und -diskurse nach dem 11. September 2001 und das Ende einer multikulturellen Gesellschaft dazu geführt, dass das Selbstverständnis der Siedlergesellschaften fundamental verändert worden sei.
Allerdings wird in verschiedenen Veröffentlichungen auch darauf hingewiesen, dass nicht jede Form des Nationalismus als demokratiefeindlich verstanden werden muss. Anthony Graylings Warnung: „Nationalism is an evil. It causes wars, its roots lie in xenophobia and racism, it is a recent phenomenon […], which has been of immense service to demagogues and tyrants but to no-one else“45 begegnen verschiedene Autoren jenseits des rechten Spektrums mit einer Wiederbelebung eines Nationalismusbegriffs, der nicht als Widerspruch zur Demokratie, sondern als notwendige Rahmung verstanden wird. Derlei Versuche, den Nationalismusbegriff als konstitutiv für die Demokratie zu denken würde Nitzan Shosan unter der Domestizierung des Nationennarrativs fassen. Dabei wird eine pathologische Seite dieses Narrativs ausgemacht und einer pathologisierten Rechten zugeordnet, während die andere Seite die gesunde, das heißt staatlich legitimierte Seite des Nationenbegriffs repräsentiert: „The fabrication and safeguarding of a healthy, normal nation proceeds in and through its inoculation against a sick, deviant one“.46 Ganz in diesem Sinn hebt Bröning die konstitutive Funktion des Nationalismus in modernen Demokratien hervor, die gerade und vor allem in Krisenzeiten wichtig seien und stellt sich damit gegen hier vorgestellte Studien: „Demokratie, Partizipation, globale und lokale Gerechtigkeit sowie Solidarität und Integration“ seien „in einer globalisierten Welt ohne den Nationalstaat“ denkbar, aber nicht realisierbar.47 Deswegen solle der positive Nationenbezug nicht den Rechtspopulisten überlassen werden. Ähnlich argumentieren Michal Rozynek und Michel Dormal, die im Folgenden ausführlich vorgestellt werden sollen.
Verteidigung der Nation
Wenn Arendt in ihrer Einschätzung so falsch lag, dann verwundert es, dass das große Feld der Nation, der nationalen Identität und des Nationalismus in all ihren Ausprägungen nicht zu den zentral diskutierten Themen politischer Theoriebildung gehört. Das war bereits Ende der 1990er Jahre die Überzeugung von Margaret Canovan und wird heute ebenso von Michal Rozynek in seinem Buch „A Philosophy of Nationhood and the Modern Self“ geteilt: „Nationhood remains an understudied notion in political theory.“48 Dieser These von Rozynek kann zugestimmt werden, vor allem im Hinblick auf systematische, theoriegeleitete Untersuchungen.
Rozyneks Schrift ist eine Verteidigung des modernen Nationalismus, der mit ihm als Antwort auf den Verlust einer transzendenten Welt gefasst werden kann. Die Bedeutung erlange der moderne Nationalstaat und der ihn legitimierende Nationalismus in der Konzeption des modernen Selbst, das er als „the entirety of the subjective individual experience of a person as opposed to the life of a community“ fasst (S. 58). Konstitutiv für das moderne Selbst sei der Begriff der Autorenschaft, der als ein spezifischer Ausdruck menschlicher Autonomie betrachtet wird (S. 75f., S. 79). Er meint das kreative, schöpferische Erschaffen einer eigenen Welt, hervorgegangen aus den modernen Revolutionen und ausgedrückt in der modernen Form politischen Handelns (S. 79).
Nicht nur gegen Foucaults Machtbegriff, sondern zunächst auch gegen die republikanische Tradition über Aristoteles und Arendt findet Rozynek seinen Ausgangspunkt im klassisch liberalen Individuum, das als rationales und selbstreflexives entworfen wird (S. 68).49 Gleichzeitig denkt er jedoch auch das Verhaftetsein des modernen Selbst in einer sinngebenden Außenwelt und damit auch das Zugeordnetsein des Individuums zu Anderen. Die von Descartes abgeleitete Frage, wie das Ich zum Wir transformiert werden kann (S. 67), überträgt Rozynek auf die Verbindung zwischen dem modernen Selbst und der nationalen Identität – eine Verbindung, die er als historische und nicht als logisch ableitbare ansieht. Gegenüber anderen Gemeinschaften habe es sich als äußerst erfolgreich erwiesen, kulturelle Normen mit der Fähigkeit zu vereinen, eine gemeinsame öffentliche Welt zu erschaffen und zu erhalten (S. 115); die Nation stelle damit einen Rahmen zur Verfügung, der weltdeutend- und schaffend ist – allerdings immer in den partikularen Grenzen gedacht (S. 169ff.).
Rozynek verteidigt die Identifizierung mit der nationalen Gemeinschaft gegen den Vorwurf einer apolitischen Geschlossenheit des Nationenbegriffs und lehnt die Unterscheidung zwischen einem ethnischen und einem (staats-)bürgerlichen Nationalismus (S. 23) als irreführend (S. 24) ab. Analytisch und empirisch seien sie nicht zu trennen. Dagegen bringt Rozynek beide Verständnisse zusammen, indem er zum einen auf die Konstruiertheit verweist, jedoch auch gleichzeitig die tiefverwurzelte Überzeugung einer nationalen Gemeinschaft im einzelnen modernen Subjekt hervorhebt: „[N]ations are constituted by belief, we conceive of them as substantive entities with historical depth“ (S. 26). Damit verortet Rozynek in Rückgriff auf Canovan die übergreifende Funktion der Nation in der Vermittlung verschiedenster, zum Teil auch einander widersprechender Partikularüberzeugungen und Erfahrungen einzelner Gruppen und Individuen (S. 117ff.).50 Die Nation wird dann zu einer spezifischen Gemeinschaft mit dem Glauben an ein gemeinsam geteiltes kulturelles und historisches Erbe (S. 24), auf deren Grundlage Differenzen ausgeglichen und verschiedene Erfahrungen ausgedrückt werden können bei gleichzeitiger Anerkennung der Anderen als Gleiche.
Rozyneks Studie verteidigt den Nationalismus als gemeinsame Identitätsgrundlage einer begrenzten Gemeinschaft gegen seine Kritiker. Ebenso wie Canovan versteht auch Rozynek die Nation als etwas, das über die individuelle Bindung gleicher Individuen untereinander hinausgeht.51 Die Gegenüberstellungen von Demokratie und Nationalismus oder dem Politischen und einem vorpolitischen Nationalismus lässt er nicht gelten. Insbesondere gegen Oakshott, Berlin und Arendt, die Nationalismus als apolitisch und als Gefährdung des Politischen gefasst haben (S. 41ff., S. 86–90), nimmt Rozynek die nationale Identität als notwendige Voraussetzung, um überhaupt politisch auf den Anderen bezogen agieren zu können. Während für die Kritiker der Nationalismus vor allem mit den Ideen von Homogenität und Vereinheitlichung identifiziert worden sei und die Demokratie dagegen für die Pluralität an Interessen und Lebenswegen stehe52, sieht Rozynek in ihm die Überwindung des Verlorenseins in einer undefinierten Menge („crowds“, S. 86). Erst die nationale Gebundenheit der Staatsbürger biete den Rahmen53, in dem politisches Handeln stattfinden könne:54 „The self cannot exist in nothingness – it needs a bounded space of a political community“ (S. 90, 111–125).
Die Nation und mit ihr die nationale Identität steht bei ihm für die Anerkennung der Anderen als Gleiche, nicht nur im rechtlichen, sondern auch im kulturellen Sinne. Nur in dem solidarischen Miteinander, der Eingebundenheit in eine geschichtlich verwurzelte Gemeinschaft und gemeinsam geteilten Erfahrungen (S. 111–119) sei ein politisches Zusammenleben in der Moderne möglich. Die Nation schaffe eine gemeinsame Welt, einen sensus communis der besonderen Gemeinschaft. Aber gleichzeitig, und das ist eine der zentralen Thesen von Rozynek, begrenze die Nation nicht nur und verweise die Gemeinschaft auf sich selbst. Erst durch die Nation werde ein Rahmen geschaffen, um sich universellen Werten und Normen zu öffnen (S. 33). Damit weist die Nation immer schon über sich selbst hinaus (S. 57).
Hinsichtlich des Versprechens der Stabilität und der politischen Rahmung scheint sich also die derzeitige Version des Nationalismus von der vergangenen kaum zu unterscheiden.55 In Rozyneks Studie fehlt jedoch die Problematisierung der Ausschlüsse und der Einbezug der gewaltvollen und konflikthaften Prozesse der Nationenwerdung. Dieses Thema wird in den folgenden Veröffentlichungen zentral behandelt.
Nation und Konflikt
Eine andere Richtung der Forschungen zum Nationalstaat, zur Nation und zum Nationalismus betont statt der vereinheitlichenden und zuordnenden Funktion des Nationalismus die Umkämpftheit von Ordnung und Begriff. Selbst wenn die Verbindung zwischen Staat und Nation noch relativ neu sei, so nähmen viele diese Verbindung als unhinterfragbare historische Tatsache hin56, beziehungsweise als die einzig legitime Form politischer Ordnung, wie etwa Siniša Malešević in ihrem Aufsatz von 2018 beschreibt: „There is no doubt that in the contemporary world, the majority of people see their nation-states as the only legitimate form of territorial rule and their nationhood as the principal mode of collective identity.“57 In seinem Buch „Nation und Repräsentation“ macht Michel Dormal dagegen deutlich, dass Nationen zum einen aus Konflikten hervorgegangen sind und zum anderen fortlaufend von dieser Konflikthaftigkeit begleitet werden.58 Das zeigt er nicht nur theoretisch unter Rückgriff auf Auseinandersetzungen von Benedict Anderson, Claude Lefort, Pierre Rosanvallon und Hannah Arendt, sondern auch am Beispiel des Landes Luxemburgs.
Die Nation wird bei Dormal in Abgrenzung zu Anderson als eine Gemeinschaft verstanden, die „durch ihr Verhältnis zur politischen Macht“ gekennzeichnet sei (S. 34). Macht versteht Dormal als ein „Medium des Selbstbezugs von Gesellschaft“: „Dadurch, dass es Macht gibt, eröffnet sich der politische Raum, in dem wir uns nicht nur als zufällig Anwesende, sondern als Mitglieder des Gemeinwesens wahrnehmen und dauerhaft in Bezug aufeinander handeln können.“ (S. 76) Dormal wendet sich gegen die Frontstellung von Befürwortern und Gegnern der Nation und will einen dritten Weg einschlagen, indem er die Ambivalenzen, Brüche und „historischen Übergänge“ deutlich macht, „die das Verhältnis von Nation und repräsentativer Demokratie“ seit jeher pflegten (S. 9). Die Nation will er „vom Politischen her“ begreifen (S. 260), Demokratie und Repräsentation konflikttheoretisch verstanden wissen (S. 11).
Die Frage der Repräsentation wird durch die Volkssouveränität vor besondere Herausforderungen gestellt. In der Souveränitätslehre Jean Bodins war die Souveränität in einer Person verkörpert. Der „demokratische Körper“ (S. 83) sei jedoch potenziell immer fragmentiert und deswegen nie in einer Einheit repräsentierbar. Das darf er normativ gesehen auch nicht sein. Dormal greift hier auf Lefort und sein Diktum von dem leeren Ort der Macht zurück. Sie hat ihren Sitz nicht in einem empirisch feststellbaren Volk oder in einem Volk, das vorpolitisch gegeben wäre: „Politische Macht ist in der Demokratie dadurch legitim, dass sie, ohne je ganz mit ihnen identisch zu werden, auf die Interessen und Gruppen im Inneren der bürgerlichen Gesellschaft bezogen wird und deren Konflikten politische Sichtbarkeit verleiht“ (S. 87). Die Nation kann in diesem Prozess von den unterschiedlichsten Konfliktparteien als Ressource genutzt werden (S. 260f.) Das Allgemeine bleibt jedoch immer hypothetisch und ist Aushandlungen und Kämpfen unterworfen: „Der Ort der Macht ist leer, aber gerade deswegen gibt es Kämpfe um die Macht.“ (S. 115) Die Notwendigkeit der Repräsentation als fortlaufende Darstellung der Konflikthaftigkeit ergibt sich aus diesem leeren Ort der Macht.59 Dormal stellt also die Demokratie als eine Ordnungsform vor, die immer offen für konkurrierende Deutungen und Darstellungen auch ihrer eigenen Fundamente ist. Im Zentrum der Untersuchung steht damit nicht die Einigungs- und Gleichheitserzählung, die die Geschichtspolitik der demokratischen Nationalstaaten begleitet, sondern Dormal wendet sich vielmehr ihrer konstitutiven Konflikthaftigkeit zu (zum Beispiel S. 14f., ebenso im empirischen Teil über Luxemburg S. 137–199). Die Nation biete hier „situativ aktivierbare Anschlussmöglichkeiten für verschiedene Interpretationen“ (S. 122).
Dormal fokussiert in seinem Buch zentral die innerstaatlichen Konfliktlinien einander rechtlich gleichgestellter Bürgerinnen und Bürger eines umgrenzten Nationalstaats. Trotz der Betonung und Hervorhebung der Nation als immer wieder umkämpftes und immer wieder angefochtenes Konzept, wird die nationale Umgrenzung selbst jedoch kaum in diesen Konfliktcharakter einbezogen. Erst am Ende des Buches führt auch bei ihm die Frage von Migration zu dem Schluss, dass auch der national umgrenzte demos nie als vollkommen präsent gedacht werden kann (S. 265). Aber das Undemokratische der Grenzziehungen, das auch nochmal in jüngster Zeit so plastisch vor Augen geführt worden ist, geht nicht konstitutiv in die Überlegungen über die Konflikthaftigkeit jeder Nation mit ein. Es wird lediglich als „Reflexionsschleife“ (S. 225) gedacht.
Die Anderen der nationalen Gemeinschaft
Anderson hat die vorgestellte Gemeinschaft als eine begrenzte Gemeinschaft definiert. Es muss damit immer jemanden geben, der nicht dazugehört, ansonsten wird der Nationen- und der Gemeinschaftsbegriff sinnlos. Was zunächst banal erscheint, wird auf den zweiten Blick höchst spannend und führt in das Zentrum der Auseinandersetzung um die Grenzen der Demokratie. Denn für die Demokratien konstitutive Institutionen wie zum Beispiel die Staatsbürgerschaft sind an nationale Grenzen gebunden. Vor diesem Hintergrund sind alle zentralen Fragen der Demokratie verhandelt worden.
Der moderne Nationalstaat produziert jedoch ebenso seine spezifischen Ausschlüsse. Etienne Balibar ist einer der prominenten Vertreter, der die engen Verflechtungen zwischen dem modernen Nationalstaat, Nationalismus und Rassismus aufgezeigt hat. In diesem Verständnis des Nationalismus wird die Konstruiertheit und Geschichtlichkeit der Nation zurückgewiesen und vor allem die Natürlichkeit einer Gemeinschaft hervorgehoben, durch die sich die Nation von anderen absetzt. Durch diese hierarchisierende Grenzziehung wird der Rassismus zu einem Element des Nationalismus.60
Für alle politischen Ordnungsmodelle ist somit die Frage nach dem Bezug zu den Anderen, zu den Nicht-Mitgliedern aufschlussreich. Sagen sie doch zum großen Teil mehr über die Grenzen der jeweiligen politischen Ordnung aus, als es die positiven Bestimmungsversuche manches Mal ermöglichen. Beiträge wie die von Rozynek beziehen das Eingelassensein der einzelnen Individuen in eine soziale Welt in erster Linie auf diejenigen Mitglieder der eigenen Nation sowie der nachfolgenden Generationen. Gegen die Idee einer kosmopolitischen Bürgerschaft seien es vor allem Nationen, die den Rahmen politischen Handelns darstellen.61 In dieser Erzählung werden jedoch die Kämpfe um die Nation, um Mitgliedschaft und Autor_innenschaft vernachlässigt. Rozynek hat die historische Bedeutung der Nation als Quelle politischen Handelns hervorgehoben. Jedoch gerade angesichts der Geschichte der Nationen muss die Konflikthaftigkeit der Nationenbildung und der Ausbildung nationalistischen Denkens ins Auge springen.
Die Geschichte der nationalstaatlichen Ordnungsgründungen dient also auch immer wieder der (Radikal‑)Kritik an produzierten Ausschlüssen und verpassten historischen Chancen. So merkt Thorsten Mense in „Kritik des Nationalismus“ an62, dass der Nationalismus der „bürgerlichen Revolutionen […] zugleich Herrschaftsstrategie [war], um tiefgreifendere soziale Revolutionen zu verhindern“ (S. 11), ohne demokratische Errungenschaften zu gefährden. Gegen Anderson wendet er ein, dass die These der „imagined communities“ zu sehr auf die reine Konstruiertheit abhebe, die Nation jedoch wirkmächtige soziale Realität sei, die sich im Alltagsleben der Menschen manifestiere (S. 20). Sie kann nur existieren in der Differenzsetzung und der „Schaffung des „Anderen““ (S. 54), und so sei der Nationalismus von Anfang an „Integrations- als auch Ausgrenzungsideologie“ (S. 26). Die Schaffung des nationalen Solidarverbandes produziert also neben dem Bild von dem Eigenen „strukturell auch das Bild vom Anderen“.63 Wer dieser „Andere“ ist, unterliege einem stetigen Wandel.
Solche Diskussionen erinnern immer wieder daran, dass „jede Form von Staatsbildung“ auf „Gewalt angewiesen“ sei64, die sich in verschiedenen Formen gewalttätiger Ausschlüsse zeigen kann. Judith Shklar hat ebenso gezeigt, dass die Konflikthaftigkeit trotz des positiven Bezugs zur nationalen Rahmung von Recht und Politik konstitutiv mitgedacht werden muss. Sie hatte für die USA vier zentrale, eng miteinander verflochtene Bedeutungen moderner Staatsbürgerschaft herausgestellt: Staatsbürgerschaft im Sinne eines Status, als Partizipation, als Ausdruck eines republikanischen Ideals und „citizenship as nationality“.65 Dabei ist die letzte Bedeutung für sie, auch aus den Erfahrungen des Exils und der Staatenlosigkeit besonders groß. Im Gegensatz zur Isolierung durch Exil und Flucht schafft für Shklar die nationale Begrenzung die Möglichkeit wechselseitiger Anerkennung, die durch das Recht geschützt ist. Die Nation schafft also einen Bezugsrahmen, in dem das Recht als Schutz und Ermächtigung des Individuums überhaupt erst wirksam werden kann.
Das ist jedoch nur die Perspektive derjenigen, die als gleich und frei anerkannte Mitglieder der Gesellschaft sind. Begibt man sich auf die andere Seite der Grenzziehung, dann werden die exklusiven Seiten der politischen Integration nach innen deutlich.66 Die Nation hat also ein Janusgesicht, das vor allem an ihren Rändern und Grenzen deutlich wird.67 Shklar begibt sich dorthin, und denkt gleichzeitig zu den integrativen Wirkungen einer nationalen Begrenzung die Ausschlüsse, die durch sie entstehen – auch innerhalb von Nationen (S. 4f.). Judith Shklar hat, auch inspiriert durch ihre eigenen Ausschlusserfahrungen, die Perspektive der Ausgeschlossenen stark gemacht, als sie die Geschichte der amerikanischen Unabhängigkeit und Nationengründung neu erzählte. Sie kritisiert die einseitige Erzählung einer freien Gründung der national eingehegten Gemeinschaft von Staatsbürgern, in die die vielschichtigen (Ausschluss‑)Erfahrungen keinen Eingang finden würden. Die amerikanische Geschichte der Unabhängigkeit bestehe nicht nur in den revolutionären Erfolgen, die zu einer gelungenen nationalen Neugründung führten.
Gegen die Erfolgsgeschichte einer durch die nationale Unabhängigkeit möglichen Selbstbestimmung und reziproken Anerkennung als Freie und Gleiche hebt Shklar die hierarchische Ordnung zu den Ausgeschlossenen hervor. Der Wert von Staatsbürgerschaft, der zentralen und wichtigsten Institutionen öffentlichen Lebens, habe sich, so Shklar, in seiner Absetzung zu Frauen und Sklaven bemessen. Weniger als das Erlangen staatsbürgerlicher Rechte, die Freude an der Partizipation und Mitgestaltung öffentlichen Lebens, sieht Shklar die Attraktivität dieser Institution in der Möglichkeit der Grenzziehung gegenüber den Rändern. Einig waren sich die amerikanischen Bürger, dass kein Sklave, „no black person“ jemals Bürger sein konnte und die Weißen ihnen gegenüber keinerlei rechtliche Verpflichtungen hätten (S. 16f., S. 25–62). Staatsbürgerschaft zielt in dieser Lesart also nicht in erster Linie auf Gleichheit, sondern auf Differenz, die ihren nationalen Herrschaftsanspruch begründete (S. 16, S. 23, S. 27f.).
Die Geschichte der Anderen, der Ausgeschlossenen und Nicht-Gehörten erlangen eine eigene Bedeutung in diesen Perspektiven auf national eingehegte Neugründungen demokratischer Ordnungen. Sie sprechen hier nicht nur als Opfer, sondern erlangen eine eigenständige Präsenz in den Kämpfen, Anfechtungen und Aushandlungen von nationalen Grenzziehungen. Die nationale Rahmung und ihre Exklusionen müssten also in den Blick genommen werden. Die Hervorhebung dieser Konflikthaftigkeit, der Vorläufigkeit und der Unvollständigkeit eines national umgrenzten demos führen in die Auseinandersetzung um die Legitimation nationaler Grenzziehungen und der mit ihr verbundenen Hierarchisierung von Ansprüchen.68
Die kritische Nationalismusforschung hat immer von diesen Ausschlüssen her gedacht und von ihnen aus die Kritik am nationalistischen Denken geübt. Die von Denkern wie Rozynek oder auch Miller hervorgehobene Möglichkeit der demokratischen Selbstbestimmung und Bewahrung der kulturellen Identität bekommt aus der Perspektive des Ausgeschlossenen eine neue Dimension hinzugefügt. Denn der Nationalismus und die nationale Identität stehen dann nicht mehr (nur) für Selbstbestimmung und wechselseitige Anerkennung als Gleiche, sondern stehen für ein Privileg, das die einen von den anderen unterscheidet und in einen hierarchischen Bezug setzt. Die Integration durch den Nationalismus steht in dieser Perspektive immer ein – oftmals gewalttätiger – Ausschluss gegenüber.
Die Nation und der Nationalismus als ihre ideologische Grundlage sind hier verbunden mit Grenzziehungen, die hierarchisch unterscheiden, nach innen homogen gedacht sind, sich anderen Menschen oder Nationen überlegen fühlen, die eigene Sprache und Kultur höher bewerten. Wie Vetter zudem passend für die derzeitigen Entwicklungen konstatiert, „sehen Nationalisten ihre Nation ständig „in Not“, „entmündigt“ durch die Flut der Flüchtlinge, durch den Islam, durch „Brüssel“ oder durch die Auflösung der Familie in ihren überlieferten Formen“.69 Das gehört zur Opfererzählung, auf die weiter oben mit Samuel Salzborn deutlich gemacht worden ist.
Damit wird das Feld für Fragen einer postnationalen Form von Bürgerschaft eröffnet.
Überwindung von Nation und Nationalismus – Beispiel Stadt
Rozynek schreibt gegen diejenigen an, die im Nationalismus nichts Rettungswürdiges entdecken können. Dagegen gerät die nationalstaatliche Rahmung von Demokratien immer wieder in die Kritik. John Agnew setzt genau hier in der Ausgabe „The Tragedy of the Nation-State“ der Zeitschrift Territory, Politics, Governance. Das Heft hinterfragt die starre Fokussiertheit auf den Nationalstaat, der die wissenschaftliche Forschung lange Zeit dominiert, eingeengt und Fragen der Legitimität und politischen Partizipation in diesem Rahmen diskutiert hat.70 Eine ähnliche nationale Beschränkung gilt auch für die Erinnerungsforschung, die ihre Gegenstände längst jenseits nationalstaatlicher Fokussierung finde, jedoch ihre methodischen und theoretischen Zugangsweisen nicht verändert habe. So bleibe auch die Erinnerungsforschung noch dem „nationalen Erfahrungsraum“ verhaftet.71
Ebenso hebt Jan Hauke Plaßmann die ambivalente Spannung zwischen Staatlichkeit, Nationalstaat und Demokratie hervor und kritisiert die Engführung von Staatlichkeit und Nationalstaat sowie Demokratie und Nationalstaat.72 In seiner ausführlichen Untersuchung der verschiedenen Debatten um die Demokratie jenseits des Staates zeigt er, wie stark in den theoretisch höchst unterschiedlichen Zugängen der Nationalstaat Ausgangspunkt des Denkens ist als auch zentrale Ordnungsbegriffe von ihm ausgedacht werden. Der Nationalstaat gehört somit zur „Standarderzählung“ auch verschiedener demokratietheoretischer Zugänge, ist damit „von großer Bedeutung […] und nicht nur von historischem Interesse.“ (S. 96) In den Debatten um die Demokratie jenseits des Staat, die er in dualistische, monistische und pluralistische Staatsverständnisse aufteilt (S. 47–96), bestätige sich die Vermutung, „dass der Staat, dem die Demokratie jenseitig sein soll, den modernen, westeuropäischen Nationalstaat meint und nichts anderes.“ (S. 253)
Jürgen Habermas betont in seinem jüngsten Essay in der „ZEIT“, dass doch andere Antworten auf aktuelle Herausforderungen durch „von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus“73 möglich sein müssen als der Rückzug hinter die Grenzen des Nationalstaats.
Und es gibt sie, diese anderen Antworten. Auf verschiedene Weisen wird die Überwindung des tradierten Nationalismus und des Nationalstaats gefordert.74 So wirft die Kolonialgeschichte Fragen an den liberalen Nationalismus auf, denn „liberal nationalism was simultaneously an exercise in the colonization of indigenous peoples“, so Will Kymlicka.75 Ein multikultureller Nationalismus müsse deswegen immer auch ein postkolonialer Nationalismus sein. Die konstitutive Bedeutung der Kolonialgeschichte für die verschiedenen liberalen Nationen der westlichen Welt haben Sara Amighetti und Alasia Nuti zu der Schlussfolgerung geführt, das Recht auf Einwanderung von Mitgliedern ehemaliger Kolonialgebiete in die früheren Kolonialstaaten zu fordern. Beiden wenden sich gegen den liberalen Nationalismus, wie zum Beispiel von David Miller vertreten, und die mit ihm verbundene Einwanderungspolitik. Denn die Legitimation, über die Regeln der Einwanderung bestimmen und an der Grenze abweisen zu können, werde mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht begründet. Dieses sei aber konstitutiv mit der Kolonialgeschichte verknüpft und deswegen die Mitglieder ehemaliger Kolonialgebiete immer bereits Teil der Geschichte und des nationalen Selbstverständnisses: „A major implication of colonialism so defined is that postcolonial migrants are already part of the „self“ that determines the excolonizing nation, because they are essential contributors to its identity.“76 Aus diesem Grund könne die Abweisung und Exklusion nicht gerechtfertigt werden.
Eine andere Antwort auf Habermas’ Problembeschreibung hat der Band „Shifting Baselines of Europe“.77 Die Essays und Interviews geben Einblick in die immer größer werdende Rückbesinnung auf die Bedeutung der Stadt als Ort von Politik. Insofern kann dieser Band stellvertretend für die vielen Diskussionen um die Neuausrichtung um Citizenship stehen.78 Die Stadt gilt als Experimentierfeld neuer Formen von Politik jenseits des Nationalstaats und der nationalen Zugehörigkeiten. Der Rechtsstatus ist für die politische Beteiligung unerheblich – hier können etwa die berühmten Sanctuary Cities ebenso Pate stehen wie die vielen Proteste derjenigen, die über keinen Aufenthaltsstatus verfügen. Bereits in den 1990er Jahren hat sich hier eine Diskussion abgezeichnet, die bis heute eine unüberschaubare Menge an Literatur hervorgebracht hat. Es war Etienne Balibar, der die Proteste von Menschen ohne rechtlichen Status in den 1990er Jahren zum Anlass nahm, national eingehegte Bürgerschaft, die an einen rechtlichen Status gebunden ist, zu hinterfragen: „Wir verdanken […] es Ihnen schließlich […], Bürger_innenschaft unter uns neuerschaffen zu haben, insofern es sich dabei nicht um eine Institution oder einen Status, sondern um eine kollektive Praxis handelt.“79
An diese Auseinandersetzungen knüpft der Band „Shifting Baselines“ an. Er ist hervorgegangen aus einem Treffen von Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen, die Strategien für ein offenes und demokratisches Europa entwickeln wollten (S. 9). Die Beiträge sind gerichtet gegen ein als unfähig angesehenes Europa, das auf die aktuellen Herausforderungen eines Rechtsrucks nicht zu reagieren imstande sei. Etienne Balibar schreibt über die Gefahr eines neuen Rassismus, der sich in den verschiedenen Nationen Europas zeige (S. 18–25) und auf Vorstellungen einer „reinen“ Nation und der Nicht-Assimilierbarkeit von „Anderen“ beruhe. Es gebe sie also wieder: die nationale Frage, die zu lange unterdrückt und unterschätzt worden sei (S. 21).
Das Buch erhebt keinen rein wissenschaftlichen Anspruch, sondern versteht sich als politischer Eingriff. Es ist angetrieben von der Motivation, ein Europa zu entwerfen das von und für die Bürger_innen gemacht sei und stellt sich gegen die Dichotomie zwischen Neoliberalismus und Nationalismus (S. 10). Dabei geht es in den einzelnen Essays und Interviews um die Möglichkeit einer radikal basisdemokratisch gedachten Ordnung Europas jenseits seiner Nationalstaatlichkeit. Zentrale Orte, in denen diese Transformationen möglich erscheinen oder bereits vorhanden sind, seien Medien, Städte, alliances (S. 9f.). Sie alle zeigten, dass es Antworten jenseits des Populismus auf die gegenwärtigen Herausforderungen gebe. Ein Beispiel dafür sind die Städte, in denen der größte Teil der europäischen Bevölkerung lebt. Sie werden zu neuen Räumen von Politik. So liegen hier die Hoffnungen auf den „Cities of change“ (S. 37–41) oder der „Shelter City“ (S. 63). Denn sie zeigen, dass eine andere Stadt möglich ist (S. 76), denn sie werde zu einem Raum radikaler Innovation und demokratischer Regeneration (S. 45). Sie können Ausdruck werden eines neuen Zusammenschlusses von Bürger_innen werden, die im gegenwärtigen Europa nicht existiere, so Ulrike Guérot (S. 27). Sie plädiert für Herausbildung einer europäischen Zivilgesellschaft jenseits des Nationalstaats: „The Europe we want […] brings together regions and towns in autonomous political decision-making procedures; it frees the notion of democracy from the notion of territory state and people“ (S. 30). Unter dem Motto „democracy, equality and culture beyond the nation state“ (S. 15) werden Projekte einer transnationalen Zivilgesellschaft vorgestellt, die Europa nicht als einen erweiterten Nationalstaat entwerfen, sondern – vor allem gebunden an das Thema Bewegungsfreiheit – gegen die Privilegierungen von Staatsbürgerschaften Politik und Räume politischer Beteiligung unabhängig vom rechtlichen Status eröffnen.
Es bleibt allerdings fraglich, inwieweit hier nicht eine politische Utopie beschrieben wird, die mit den tatsächlichen Entwicklungen relativ wenig zu tun hat. So hat Catherine Dauvergne gezeigt, dass die Transformation der settler societies eine Nationalisierung und gerade keine Denationalisierung von Staatsbürgerschaft bedeutet.80 Dennoch wirken Bücher wie die „Shifting Baselines“ wie eine Befreiung innerhalb des oftmals um sich selbst kreisenden Nationendiskurses. Die verschiedenen Versuche, den Nationenbegriff positiv wiederzubeleben und für demokratietheoretische Überlegungen fruchtbar zu machen, sind zwar nachvollziehbar und wichtig angesichts der Realität und Wirkmächtigkeit der nationalen Idee. Dennoch bleibt bei ihnen der blinde Fleck der notwendigen Ausschließung immer bestehen. Dass das zum einen normativ schwierig bleibt, zeigen die vielen Diskussionen um die Legitimität der Grenzen der Demokratie. Zum anderen bietet aber die Einbeziehung der Perspektive des Außen, des Anderen oder Ausgeschlossenen die Möglichkeit der Infragestellung des Gegebenen. Diese Perspektive könnte die Forschungen über Nationalismus und Nation weiter beleben. Sie würde nicht nur die innerstaatlichen Konflikhaftigkeit einbeziehen, sondern die mindestens ebenso spannenden Kämpfe und Aushandlungsprozesse um die Grenzen einer national eingehegten Demokratie. Ähnliches gilt für Teile der empirischen Forschung, wenn sie dabei stehen bleibt, negativ konnotierte Entwicklungen aufzuzeigen und die Gefahren für Demokratien zu benennen. Widersprüchlichkeiten und gegenläufige Entwicklungen werden dabei kaum gesehen. Dieser Zugang ist sehr dominant in der Forschung und hat sich in den letzten Jahren nochmal verstärkt. Dabei könnten mit der Einbeziehung weiterer Perspektiven gleichzeitig Wege eröffnet werden, die Bestehendes hinter sich lassen und Neues, bislang Ungedachtes aufzeigen. Insofern bleiben die Überlegungen der „Shifting Baselines“ wichtig in einer Zeit, in der kaum noch über das hinausgedacht wird, was ist.
Auswahlbibliografie
Dauvergne, Catherine: The New Politics of Immigration and the End of Settler Societies, 302 S., Cambridge UP, Cambridge 2016.
Dormal, Michel: Nation und Repräsentation. Theorie, Geschichte und Gegenwart eines umstrittenen Verhältnisses, 298 S., Nomos, Baden-Baden 2017.
European Alternatives u. a. (Hrsg.): Shifting Baselines of Europe. New Perspectives Beyond Neoliberalism and Nationalism, 212 S., transcript, Bielefeld 2017.
Götz, Irene/Roth, Klaus/Spiritova, Marketa (Hrsg.): Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven, 295 S., transcript, Bielefeld 2017.
Grigat, Stephan (Hrsg.): AfD und FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder, 205 S., Nomos, Baden-Baden 2017.
Mense, Thorsten: Kritik des Nationalismus, 214 S., Schmetterling, Stuttgart 2016.
Nagel, Shane: Histories of Nationalism in Ireland and Germany. A Comparative Study from 1800 to 1932, 272 S., Bloomsbury, London/New York 2017.
Plaßmann, Jan H.: Demokratie jenseits welchen Staates? Eine konzeptionelle Neuausrichtung der Debatte um demokratisches Regieren jenseits des Nationalstaats, 272 S., Nomos, Baden-Baden 2017.
Rozynek, Michal: A Philosophy of Nationhood and the Modern Self, 181 S., Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York.
Vetter, Reinhold: Nationalismus im Osten Europas. Was Kaczyński und Orbán mit Le Pen und Wilders verbindet, 224 S., Links, Berlin 2017.
Acknowledgements
Danksagung
Ich danke Florian Spissinger für die vielen klugen Anmerkungen und das aufmerksame Korrekturlesen. Den anonymen Gutachter_innen danke ich für die hilfreichen Anmerkungen.
Notes
- Shklar, Judith: Hannah Arendt as Pariah, in: Hoffmann, Stanley (Hrsg.): Political Thought and Political Thinkers, Chicago UP, Chicago, IL 1998, S. 362–375, hier S. 363. ⮭
- Siehe zu diesen Widersprüchen in der heutigen Zeit: Appadurai, Arjun: Streben nach Hoffnung. Das Narrativ der Flucht und die Ideologie des Nationalstaats, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 61 (2016), H. 1, S. 95–103. ⮭
- Zu dem Problem von Staatenlosigkeit und Flucht und dem Scheitern eines nationalstaatlich organisierten Europas siehe: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus und Totale Herrschaft, Piper, München 1991 (engl. 1951), S. 422–470. ⮭
- Dieser Begriff hält sich hartnäckig in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte. Vielmehr als von „Flüchtlingskrise“ muss jedoch von der Krise der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik gesprochen werden. Zum Zusammenhang zwischen dem Reden über Flucht und Migration und dem Nationalismus siehe: Kriegbaum Jensen, Kristian: What Can and Cannot Be Willed. How Politicians Talk About National Identity and Immigrants, in: Nations and Nationalism 20 (2014), H. 3, S. 563–583. ⮭
- Siehe z. B. Dagi, Dogachan: From Supra-Nationalism to Nationalism, in: Journal of Liberty and International Affairs 3 (2018), H. 3, S. 9–19. ⮭
- Siehe verschiedene, hier besprochene Texte. ⮭
- Neben den hier besprochenen Büchern siehe auch: Bröning, Michael: Lob der Nation. Weshalb wir den Nationalstaat nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen. Dietz Nachf., Bonn 2018; Dorn, Thea: „deutsch, nicht dumpf“. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus, München 2018. ⮭
- Harris, Erika: Why Has Nationalism Not Run Its Course? In: Nations and Nationalism 22 (2016), H. 2, S. 243–247, hier S. 244–245. ⮭
- Ebd., S. 247. ⮭
- Siehe z. B. Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel (Hrsg.): Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Argument, Hamburg 21998 (franz. 1988); Helmerich, Antje: Ethnonationalismus und das politische Potzenzial nationalistischer Bewegungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (2004), H. 39, S. 19–24; Mense, Thorsten: Kritik des Nationalismus, Schmetterling, Stuttgart 2016, S. 11. ⮭
- Münkler, Herfried/Kathrin Mayer: Zur Stellung nationaler Identität in den Schriften italienischer Humanisten, in: Münkler, Herfried (Hrsg.): Die Herausforderung durch das Fremde, Akademie-Verlag, Berlin 1998, S. 27–129. ⮭
- Scherr, Albert: Rassismus, Post-Rassismus und Nationalismus. Hinweise zu den Erfordernissen einer differenzierten Kritik, in: Drücker, Ansgar/Seng, Sebastian (Hrsg.): Made in Germany. Zur Kritik des Nationalismus, Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit e. V. (IDA).Düsseldorf 2017, S. 49–54, hier S. 50. ⮭
- Renan, Ernest: Was ist eine Nation, in: Jeismann, Michael/Ritter, Henning (Hrsg.): Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, Reclam, Leipzig 1993 (franz. 1882), S. 290–311, hier: S. 310. ⮭
- Siehe z. B. Gellner, Ernest: Nationalismus und Moderne, Rotbuch, Berlin 1991 (engl. 1983). ⮭
- Hobsbawn, Eric: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780, Campus, Frankfurt a. M./New York 1991, z. B. S. 20f.; Anderson, Benedict: Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, Verso, London 1991 (orig. 1983); Siehe dazu auch: Mense: Kritik (wie Anm. 9), S. 16. ⮭
- Anderson: Imagined (wie Anm. 15). ⮭
- Siehe z. B. Mense: Kritik (wie Anm. 10), S. 18. ⮭
- Siehe z. B. Miller, David: On Nationality, Oxford UP, Oxford u. a. 1995; Miller, David: Citizenship and National Identity, Polity Press, Cambridge 2000. Zur Bedeutung der Nation als Solidargemeinschaft siehe auch: Bröning: Lob der Nation (wie Anmerkung 7). ⮭
- Canovan, Margaret: Nationhood and Political Theory, Elgar, Aldershot-Brookfield 1996, S. 55. ⮭
- Ebd., S. 72. ⮭
- Gellner: Nationalismus (wie Anm. 14), S. 16. ⮭
- Greenfeld, Liah: The Globalization of Nationalism and the Future of the Nation-State, in: International Journal of Politics, Culture, and Society 24 (2011), H. 1/2, S. 5–9, hier S. 5. ⮭
- Rozynek, Michal: A Philosophy of Nationhood and the Modern Self, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York S. 23. ⮭
- Parekh, Bikhu: Ethnocentricity of the Nationalist Discourse, in: Nations and Nationalism 1 (1995), H. 1, S. 25–52, hier S. 44. ⮭
- Mense: Kritik (wie Anm. 10), S. 12; Ebenfalls zur Ambivalenz des Begriffs: Alter, Peter: Nationalismus. Ein Essay über Europa, Kröner, Stuttgart 2016; mit einer ähnlichen Zielrichtung zeigen Nadje Al-Ali und Latif Tas, dass der kurdische Nationalismus zur Politisierung der Frauen geführt habe: Ali-Ali, Nadje/Tas, Latif: Reconsidering Nationalism and Feminism. The Kurdish Political Movement in Turkey, in: Nations and Nationalism 24 (2018), H. 2, S. 453–473, hier S. 471. ⮭
- Die Trag- und Analysefähigkeit dieses Begriffs wird immer wieder infrage gestellt. Siehe z. B.: Salzborn, Samuel: Rechtsextremismus, Nomos, Baden-Baden 2015, S. 19. ⮭
- Balibar, Etienne: Rassismus und Nationalismus, in: Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel (Hrsg.): Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Argument, Hamburg 21998 (franz. 1988), S. 49–86, hier S. 59. ⮭
- Siehe z. B. Person, Julia: „Nationales“ als Erfolgsfaktor? Konstruktion und Funktion des „Nationalen“ in erfolgreichen populärkulturellen Produkten am Beispiel Russlands, in: Götz, Irene/Roth, Klaus/Spiritova, Marketa (Hrsg.): Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven, transcript, Bielefeld 2017, S. 185–203. Gleichzeitig ist die Vagheit des Begriffs für die Forschung auch ein Problem. Denn selten werden die verschiedenen, der Nation zugeordneten Begriffe, genau bestimmt. So werden auch in den hier vorgestellten Studien Begriffe wie Nationalismus, nationale Identität, nationalism, nationhood, national identity nicht immer trennscharf genutzt. ⮭
- Salzborn, Samuel: Nation und Nationalismus im 21. Jahrhundert, in: ders. (Hrsg): Staat und Nation. Die Theorien der Nationalismusforschung in der Diskussion, Steiner, Stuttgart 2011, S. 9–16, hier S. 16. ⮭
- Kaufmann, Eric: Complexity and Nationalism, in: Nations and Nationalism 23 (2017), H. 1, S. 6–25; Zu den Top-down Ansätzen der Nationalismusforschung siehe z. B. Knott, Eleanor: Nationalism and Belonging. Introduction, in: Nations and Nationalism 23 (2017), H. 2, S. 220–226; Zur Vermittlung zwischen der Makro- und Mikroebene des Nationalismus siehe: Hearn, Jonathan/Antonsich, Marco: Theoretical and Methodological Considerations for the Study of Banal and Everyday Nationalism, in: Nations and Nationalism 24 (2018), H. 3, S. 594–605; Piwoni untersucht die interessante These, dass das Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ vor allem dadurch akzeptiert wurde, in dem er vorgab, die „kleinen Leute“ zu repräsentieren. Siehe: Piwoni, Eunike: Claiming the Nation for the People. The Dynamics of Representation in German Public Discourse About Immigrant Integration, in: Nations and Nationalism 21 (2015), H. 1, S. 83–101. ⮭
- Humlebæk, Carsten: Inventing the Nation. Spain, Bloomsbury, London/New York 2015. ⮭
- Zur Kritik an dem Identitätsbegriff siehe: Maxwell, Alexander: Nationalism as Classification. Suggestions for Reformulating Nationalism Research, in: Nationalities Papers 46 (2018), H. 4, S. 539–555. ⮭
- Siehe dazu: Kaufmann: Complexity (wie Anm. 30), S. 21. ⮭
- Grigat, Stephan (Hrsg.): AfD und FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder, Nomos, Baden-Baden 2017. ⮭
- Rommelspacher, Birgit: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Orlanda, Berlin 1995. ⮭
- Siehe z. B. Harris: Nationalism (wie Anm. 8); Hosking, Geoffrey: Why Has Nationalism Revived in Europe? The Symbolic Attractions and Fiscal Capabilities of the Nation-State, in: Nations and Nationalism 22 (2016), H. 2, S. 210–221; Molná, Virág: Civil Society, Radicalism and the Rediscovery of Mythic Nationalism, in: Nations and Nationalism 22 (2016), H. 1, S. 165–185. ⮭
- Götz: Nationalismus (wie Anm. 28). ⮭
- Mit welcher Gewalt die „Homogenisierung“ der Bevölkerung im Osten Europas durchgesetzt worden, ist auch Thema eines Vortrages von Gellner, Ernest: Nationalismus in Osteuropa, Passagen, Wien 1996, z. B. S. 30. ⮭
- Zum Nationalismus im vereinigten Deutschland siehe: Götz, Irene: The Rediscovery of „the National“ in the 1990s. Contexts, New Cultural Forms and Practices in Reunified Germany, in: Nations and Nationalism 22 (2016), H. 4, S. 803–823. ⮭
- Vetter, Reinhold: Nationalismus im Osten Europas. Was Kaczyński und Orbán mit Le Pen und Wilders verbindet, Links, Berlin 2017. ⮭
- Dauvergne, Catherine: The New Politics of Immigration and the End of Settler Societies, Cambridge UP, Cambridge 2016. ⮭
- Zu diesem Begriff siehe: Vasilache, Andreas: Entgrenzung, in: Voigt, Rüdiger (Hrsg.): Handbuch Staat, Springer VS, Wiesbaden 2018, S. 1.695–1.705. ⮭
- French, Hilary: Vanishing Borders. Protecting the Planet in the Age of Globalization, Norton, New York 2000; Ohmae, Kenichi: The Borderless World. Power and Strategy in the Interlinked Economy, HarperCollins, New York 1991; Guéhenno, Jean-Marie: Das Ende der Demokratie, Artemis & Winkler, München/Zürich 1994 (franz. 1993), etwa S. 301. ⮭
- Bosniak, Linda: Citizenship Denationalized, in: Indiana Journal of Global Studies 7 (2000), H. 2, S. 447–509; Dies.: Universal Citizenship and the Problem of Alienage, in: Northwestern University Law Review 94 (2000), S. 963–982. ⮭
- Grayling, Anthony C.: Ideas That Matter. A Personal Guide for the 21st Century. Key Concepts for the 21st Century, Phoenix, London 2010, S. 55. ⮭
- Shoshan, Nitzan: The Management of Hate. Nation, Affect, and the Governance of Right-Wing Extremism in Germany, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2016. Diesen, sowie den folgenden Hinweis verdanke ich Rebecca Pates. ⮭
- Bröning: Lob der Nation (wie Anmerkung 7), S. 14. ⮭
- Rozynek: Philosophy (wie Anm. 23), S. 6. ⮭
- Zur Kritik siehe z. B. Grovogui, Sina: Practices and Metaphysics of Knowledge. Notes on Nationalism, Internationalism, and Cosmopolitanism, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 37 (2017), H. 2, S. 226–234. ⮭
- Canovan: Nationhood (wie Anm. 19). ⮭
- Canovan drückt das folgendermaßen aus: „The point that needs to be stressed is that we are united into a nation by shared ownership of something outside us, not by similarities inside us.“ Canovan: Nationhood (wie Anm. 19), S. 72 [Kursivierung im Original]. ⮭
- Siehe z. B. Berlin, Isaiah: Against the Current. Essay in the History of Ideas, Oxford UP, Oxford u. a. 1981 (orig. 1979), S. 338, 349. Zitiert nach Rozynek: Philosophy (wie Anm. 23), S. 51. ⮭
- Hier geht Rozynek zum Teil auf David Miller zurück: Miller, David: Citizenship (wie Anm. 18); Zur Diskussion über „Nationalism and Belonging“ siehe die Ausgabe von Nations and Nationalism 23 (2017), H. 2, hrsg. v. Eleanor Knott. ⮭
- Siehe auch: Brubaker, Rogers: In the Name of the Nation. Reflections on Nationalism and Patriotism, in: Citizenship Studies 8 (2004), H. 2, S. 115–127. ⮭
- Harris: Nationalism (wie Anm. 8), S. 243. ⮭
- Bouyahi, Hamid: Nationalism as an Essentially Contested Concept, in: Journal of Liberty and International Affairs 4 (2018), H. 1, S. 46–57. ⮭
- Malešević, Siniša: Nationalism and the Longue Durée, in: Nations and Nationalism 24 (2018), H. 2. S. 292–299, hier: S. 292. ⮭
- Dormal, Michel: Nation und Repräsentation. Theorie, Geschichte und Gegenwart eines umstrittenen Verhältnisses, Nomos, Baden-Baden 2017. ⮭
- Dormal bezieht sich auf Stein Rokkan, wenn er die Parteien als konstitutiven Bezugspunkt einführt, die die politische Repräsentation auf Dauer stellen (S. 107). Das mag in einer Zeit, in der viel von der Erschütterung tradierter Parteien die Rede ist, verwundern. Hatte doch auch Stein Rokkan in einer Zeit geschrieben, als die Nationalstaaten noch ganz im politischen Denken der Zeit verwurzelt waren. So ging Rokkan davon aus, dass die Wähler durch die Parteien „typischerweise mit einer Auswahl von schon historisch gegebenen „Gesamtpakten“ von Programmen, Bindungen, Ansichten, und manchmal sogar Weltanschauungen konfrontiert“ werden würden. Rokkan, Stein: Staat, Nation und Demokratie in Europa. Die Theorie Stein Rokkans aus seinen gesammelten Werken rekonstruiert und eingeleitet von Peter Flora, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2000, S. 333. ⮭
- Balibar: Rassismus (wie Anm. 27), S. 62; Mense: Kritik (wie Anm. 10), S. 61–68; Zum Rassismus des türkischen Nationalismus siehe: Xypolia, Ilia: Racist Aspects of Modern Turkish Nationalism, in: Journal of Balkan and Near Eastern Studies 18 (2016), H. 2, S. 111–124. ⮭
- Rozynek: Philosophy (wie Anm. 23), S. 171. ⮭
- Mense: Kritik (wie Anm. 10). ⮭
- Salzborn: Nation (wie Anm. 29), S. 10. ⮭
- Langewiesche, Dieter: Föderalstaatliche Traditionen und europäische Entwicklungsperspektiven, in: Atkinson, Anthony B./Huber, Peter M./James, Harold/Scharpf, Fritz W. (Hrsg.): Nationalstaat und Europäische Union. Eine Bestandsaufnahme, FS Jens Hesse, Nomos, Baden-Baden 2016, S. 39–54, hier: S. 40. Es fällt auf, dass in diesem Band keine einzige Wissenschaftlerin vertreten ist. ⮭
- Shklar, Judith: American Citizenship. The Quest for Inclusion, Harvard UP, Cambridge, MA/London 1991, S. 3. ⮭
- Young, Iris Marion: Inclusion and Democracy, Oxford UP, Oxford u. a. 2002, S. 9. ⮭
- Die Idee, an die Ränder und die Peripherien von Nationen zu gehen, um die Wirkung nationaler Identitätserzählungen zu verstehen, hat zuletzt Fox stark gemacht. Allerdings bezieht er sich hier nicht auf die Ausschlüsse, sondern auf einen Nationalismus „unseen, unheard, unnoticed; this kind of nationalism operates off the radar“. Fox, Jon E.: The Edges of the Nation. A Research Agenda for Uncovering the Taken-For-Granted Foundations of Everyday Nationhood, in: Nations and Nationalism 23 (2017), H. 1, S. 26–47, hier S. 27. ⮭
- Das lässt sich gut an der durch Arash Abizadeh eröffneten Debatte um die Legitimation einseitiger Grenzkontrollen demokratischer Staaten zeigen. Abizadeh, Arash: Democratic Theory and Border Coercion. No Right to Unilaterally Control Your Own Borders, in: Political Theory 36 (2008), H. 1, S. 37–65. ⮭
- Vetter: Nationalismus (wie Anm. 40), S. 9. ⮭
- Agnew, John: The Tragedy of the Nation-State, in: Territory, Politics, Governance 5 (2017), H. 4, S. 347–350. ⮭
- Feindt, Gregor/Daniela Mehler/Pestel, Friedemann/Trimçev, Rieke: Europäische Erinnerung? Erinnerungsforschung jenseits der Nation, in: dies. (Hrsg.): Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, V&R unipress, Göttingen, 2014, S. 11–38, hier: S. 11f. Der Band möchte dagegen eine Form der europäischen Erinnerung diskutieren, die das nationale Denken hinter sich lässt. ⮭
- Plaßmann, Jan H.: Demokratie jenseits welchen Staates? Eine konzeptionelle Neuausrichtung der Debatte um demokratisches Regieren jenseits des Nationalstaats, Nomos, Baden-Baden 2017. ⮭
- Habermas, Jürgen: Protektionismus. Sind wir noch gute Europäer?, in: ZEIT, Nr. 28, 4. Juli 2018. ⮭
- Siehe hierzu auch: Plaßmann: Demokratie (wie Anm. 72). ⮭
- Jewkes, Michael/Grégoire, Jean-François: Models of Citizenship, Inclusion and Empowerment. National Minorities, Immigrants and Animals? An Interview with Will Kymlicka, in: Political Theory 44 (2016), H. 3, S. 394–409, hier S. 397. ⮭
- Amighetti, Sara/Nuti, Alasia: A Nation’s Right to Exclude and the Colonies, in: Political Theory 44 (2016), H. 4, S. 541–566, hier S. 552. ⮭
- European Alternatives u. a. (Hrsg.): Shifting Baselines of Europe. New Perspectives beyond Neoliberalism and Nationalism, transcript, Bielefeld 2017. ⮭
- Exemplarisch für die Diskussionen stehen z. B. verschiedene Ausgaben 2015/2016 der Zeitschrift Citizenship Studies. ⮭
- Balibar, Etienne. 2013: Was wir den „Sans Papiers“ verdanken. Eine Rede aus dem Jahr 1997, gefolgt von einer aktuellen Stellungnahme. Übersetzt von Stefan Nowotny, in: Europäisches Institut für progressive Kulturpolitik (2013), http://eipcp.net/transversal/0313/balibar/de [abgerufen am 13.09.2018]. Das Thema beschäftigt Balibar bis heute. Siehe seinen Artikel: Balibar, Etienne: Menschenrechte. Für ein Recht der Gastfreundschaft, in: ZEIT, Nr. 37, 5. September 2018, S. 38. Hier betont Balibar nochmal, wie das schon Arendt getan hat, dass „nationale Zugehörigkeit und territoriale Souveränität zum unhintergehbaren Horizont aller Dispositive zum Schutz von Personen“ gemacht worden sei. ⮭
- Dauvergne: Politics (wie Anm. 39), zum Beispiel S. 101. ⮭