Seit sich die Wissenschaftsgeschichte ab etwa den 1960er Jahren zunehmend von der engeren Fachgeschichte gelöst hat und kein Anhängsel etwa der Medizin, Physik, Chemie oder Ethnologie mehr sein will, ist sie ein ausgesprochen heterogenes Fach. Sie wird von Historikern der Naturwissenschaften betrieben, die ihr angestammtes naturwissenschaftliches Fach verlassen haben, um kritische Geschichten darüber zu schreiben, von Ideenhistorikerinnen, die an einer Geschichte politischer Konzepte arbeiten sowie von Wissenschaftssoziologen und -philosophen, die sich der Geschichte bedienen, um ihre theoretischen Ansätze und Methoden mit empirischem Material auszustaffieren. Die Wissenschaftsgeschichte als Fach ist von interdisziplinären Ansätzen geprägt und weist daher unterschiedliche historiografische Ansätze und Herangehensweisen auf; Historikerinnen der Naturwissenschaften oder der Medizin schreiben andere Geschichten und verwenden andere analytische Konzepte als Historiker der Geistes- und Kulturwissenschaften. Und nochmals anders wird die Geschichte der Sozialwissenschaften geschrieben. In den letzten Jahren ist die Wissensgeschichte hinzugekommen, die keine klaren Grenzen zur Wissenschaftsgeschichte aufweist, sie ist Kultur‑, Medien‑, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte in einem.1
Es verwundert daher nicht, dass bis heute nur wenige allgemein anerkannte Überblicks- oder Einführungswerke zur Wissenschaftsgeschichte existieren. Das bei UTB erschienene Einführungswerk von Albrecht Timm stammt aus dem Jahr 1973 und ist veraltet2, genauso wie Helge Kraghs Einführung in die Historiografie der Wissenschaften von 1994.3 Der in deutscher Übersetzung beim Suhrkamp Verlag erschienene und von Michel Serres herausgegebene Sammelband „Elemente einer Geschichte der Wissenschaften“4 und der von Michael Hagner editierte Band „Ansichten der Wissenschaftsgeschichte“5 versammeln beide qualitativ hochstehende Aufsätze von namhaften Autorinnen und Autoren, eignen sich aber gerade deshalb nicht als Einführungswerke in das Studium der Wissenschaftsgeschichte. Eher schon bietet das von Marianne Sommer, Staffan Müller-Wille und Carsten Reinhardt herausgegebene „Handbuch Wissenschaftsgeschichte“ einen guten Einstieg in die Wissenschaftsgeschichte, denn darin werden auf verständliche Art und Weise ihre wichtigsten Themen, theoretischen und methodischen Ansätze, Orte der Wissenschaften, Quellen und geografische Situierung sowie Periodisierungen samt der dazugehörigen wichtigsten Literatur zu den betreffenden Abschnitten vorgestellt.6 Allerdings – dieser Punkt wird von den Herausgebern auch offen thematisiert – liegt in diesem Überblickswerk der Fokus auf den Naturwissenschaften7, wogegen die Geistes‑, Kultur- und Sozialwissenschaften vernachlässigt werden. Kanonische Texte und gängige theoretische Ansätze finden sich eher schon in Einführungswerken zur soziologischen Wissenschaftsforschung, den Science Studies, etwa im 2017 erschienenen, von Susanne Bauer, Torsten Heinemann und Thomas Lemke herausgegebenen Sammelwerk „Science and Technology Studies“, das sowohl Originaltexte in deutscher Übersetzung als auch Kommentare dazu beinhaltet8, oder im älteren Band gleichen Titels von Stefan Beck, Jörg Niewöhner und Estrid Sørensen9 sowie im jüngst veröffentlichten „Handbook of Science and Technology Studies“.10 Auch diese einführenden Bände konzentrieren sich auf die Naturwissenschaften und allenfalls auf die Medizin, jedoch kaum auf die Geistes‑, Kultur- und die Sozialwissenschaften.
Der vorliegende Forschungsüberblick möchte diese Heterogenität und ungleiche Gewichtung in der Wissenschaftsgeschichte nicht als Ausgangspunkt für ein innerfachliches Lamento nehmen, sondern darin eine Chance erblicken, um die neueren Entwicklungen in der Wissenschaftsgeschichte in ihrer Vielfalt abzubilden. Die nachfolgenden vier Abschnitte thematisieren daher die drei Hauptstränge in der Wissenschaftsgeschichte: die Geschichte der Naturwissenschaften, diejenige der Geistes- und Kulturwissenschaften, die Geschichte der Sozialwissenschaften und die Geschichte solcher Wissenschaftsfelder, die nicht eindeutig zu einer der drei Wissenschaftskulturen zugeschrieben werden können. Es werden fast ausschließlich Publikationen nach 2013/14 besprochen, nur wenn der Gegenstand dies erfordert, wird auf ältere Arbeiten zurückgegriffen. Der Grund für diese zeitliche Begrenzung liegt in der schieren Menge an Veröffentlichungen.
Die Naturwissenschaften und ihre Geschichte: Experimentalkulturen, feministische Ansätze und koloniale Informationssysteme
In diesem Abschnitt sollen die neueren Arbeiten zur Geschichte der Naturwissenschaften besprochen werden. Dabei wird der Fokus auf naturwissenschaftliche Wissenschaftspraktiken der Frühen Neuzeit gelegt, weil gerade diese Epoche in der Naturwissenschaftshistoriografie einen nach wie vor attraktiven Schwerpunkt darstellt – die als wissenschaftliche Revolution bekannte Häufung neuer experimenteller Praktiken und die Verwendung neuer Instrumente und Apparaturen im späten 16. und im 17. Jahrhundert wird in der Forschungsliteratur generell als die Wiege der modernen Naturwissenschaften des späten 18. und 19. Jahrhunderts gesehen.11 Die Frühe Neuzeit ist auch deshalb interessant, weil sich in dieser Zeit naturwissenschaftliche Experimental- und Sammlungspraktiken mit der sich allmählich intensivierenden Kolonialisierung der Welt durch die Europäer verband und dadurch epistemische Infrastrukturen entstanden, die für spätere bedeutende Naturwissenschaftler ausschlaggebend waren. Dies gilt auch für gendersensible Ansätze, wie nachfolgend zu zeigen sein wird.
Mit dem „practical turn“, der für die neuere Wissenschaftsgeschichte ausgesprochen wirkmächtig ist,12 hat sich der Fokus eines großen Teils der Wissenschaftshistoriografie von der Analyse von Ideen und fertigen wissenschaftlichen Erzeugnissen auf Praxis und serielle Wissensgenerierung verschoben. Wie die Herausgeber im Vorwort des 2010 erschienenen Bands „Experimentelle Wissenschaftsgeschichte“ betonen, wird eine Geschichte naturwissenschaftlicher Praktiken zwingend zu einer Geschichte des naturwissenschaftlichen Experiments.13 Die Beiträge des Bands führen replikative Methoden zur Erschließung naturwissenschaftlicher Praktiken des 18. und 19. Jahrhunderts als „Interaktion von Objekten, Praktiken, Ideen und handelnden Subjekten“ ins Feld und fokussieren die materiellen Bedingungen von Instrumenten, Apparaturen und Experimenten.14
Jan Golinski legt in einem 2016 publizierten und in der Fachwelt positiv besprochenen Buch einen anderen Schwerpunkt, indem er sich auf die Entstehung der „experimentellen Persona“ als Identitätsmodell des neuzeitlichen Naturwissenschaftlers konzentriert.15 Golinskis Buch reiht sich ein in die Diskussion um die Entstehung, Etablierung und Veränderung wissenschaftlicher Tugenden, Werte oder Normen, wie etwa „Naturwahrheit“, „Objektivität“ und „geschultes Urteil“,16 und will gleichzeitig die habituelle Verfasstheit des Naturgelehrten Humphry Davy aufzeigen: „How did someone become a scientist before there was such a thing?“17 Davy war autodidaktischer Chemiker und Physiker, der unter anderem durch die Entdeckung der narkotisierenden Wirkung von Lachgas und von Chlor als eigenständiges chemisches Element Bekanntheit erlangte und von 1802 bis 1812 an der Royal Institution in London wirkte. Das Innovative an Golinskis Buch ist, dass der Autor das Werden des wissenschaftlichen experimentellen Selbst Davys mit dem intensivierten Verlangen nach performativen Praktiken im werdenden Feld der Wissenschaften in einen Zusammenhang bringt; Wissenschaft war für Akteure wie Davy ein Lebensstil, den sie der Gesellschaft demonstrativ vermittelten. Golinski argumentiert überzeugend, dass es sich bei der Person Davys und deren Entwicklung um eine multiple Identität handelte, die sich im Laufe der Zeit veränderte.18 Zu dieser Identitätspraxis gehörte auch Davys Verhältnis zu Frauen: Ungleich anderer zeitgenössischer männlicher Wissenschaftler sprach er sich für die Betätigung von Frauen als Wissenschaftlerinnen aus, was ihm harsche Kritik einbrachte.19
Frauen in den Wissenschaften im heraufziehenden viktorianischen Zeitalter spielen auch in Jim Secords 2014 publiziertem Buch „Visions of Science“ eine Rolle, was Evidenz dafür ist, dass Genderfragen mittlerweile in der Wissenschaftsgeschichte angekommen sind. Secord untersucht darin die Rezeption von sieben wissenschaftlich einflussreichen und auch kontroversen Werken im vorviktorianischen Zeitalter, darunter Mary Sommerville’s „On the Connexion of the Physical Sciences“ aus dem Jahr 1834. Bei den anderen sechs Büchern handelt es sich um Humphry Davys „Consolations in Travel“ (1830), „Reflections on the Decline of Science in England“ (1830) von Charles Babbage, John Hershels „Preliminary Discourse on the Study of Natural Philosophy“ (1830), Charles Lyells dreibändige „Principles of Geology“ (1830–1833), George Combes „Constitution of Man“ (1828) und „Sartor Resartus“ von Thomas Carlyle aus dem Jahr 1834. Secord versucht über die Rezeptionen und Aufnahme dieser Werke beim lesenden Publikum die Entstehungsgeschichte von Wissenschaften mit der allgemeineren Gesellschaftsentwicklung zu verbinden. Die Größe des lesenden Publikums stieg in dieser Zeit deshalb so massiv an, weil durch die dampfbetriebenen Druckermaschinen die Zahl der entsprechenden Bücher empfindlich erhöht wurde. Kosten für Bücher konnten dadurch gesenkt werden, was Angehörigen der Mittelklasse und der gehobenen Arbeiterschaft ermöglichte, solche Werke zu erstehen. Dass die von Secord ausgewählten sieben Bücher auf breites Interesse stießen, lag nicht nur an den neuen technischen Produktionsverfahren, sondern war mindestens im gleichen Maß auf die Wissenschaftsbegeisterung in vorviktorianischer Zeit zurückzuführen, denn mit den wissenschaftlich-technischen Neuerungen waren sowohl Gesellschaftsutopien als auch -dystopien verknüpft.20
In den bisher angeführten Werken bleibt die Frage unbeantwortet, woher diese frühen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler ihre Daten hatten. Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage, stößt die heutige Wissenschaftsgeschichte unweigerlich auf die europäischen Kolonien. Simon Schaffer hat in seinem viel beachteten Aufsatz „Newton on the Beach“ von 2009 dargelegt, dass Isaac Newtons Hauptwerk, die „Principia Mathematica“, ohne eine koloniale Informationsordnung, in diesem Fall des British Empires, nicht denkbar ist.21 Gerade in der Geschichte der frühneuzeitlichen Naturwissenschaften kann demnach die Zirkulation von Wissen mit einer postkolonialen Perspektive verknüpft werden.22 In ihrer 2015 erschienenen Dissertation über „Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen“ legt Anne-Kathrin Horstmann dar, dass koloniales Wissen keineswegs nur an solchen wissenschaftlichen Institutionen des Deutschen Reichs generiert wurde, die explizit in Diensten des deutschen Kolonialismus standen, wie etwa Institute für Tropenmedizin, Ethnografie oder Geografie, sondern dass der koloniale Diskurs des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch Fachbereiche wie die Staatswissenschaften, die praktische Medizin, die Botanik oder die Rechtswissenschaft affizierte, deren koloniale Verbindungen nicht sofort ins Auge stechen.23 Beeindruckend an diesem Buch ist die Fülle an verwendetem Quellenmaterial, insbesondere die Verbindungen zwischen kolonialem Wissenschaftsdiskurs und der deutschen Industrie – die I.G. Farbenindustrie erteilte zum Beispiel 1929 Aufträge an den deutschen Tropenmediziner Johannes Zschucke, „neue trypanozide Mittel in systematischen Versuchen an schlafkranken Menschen“ in Spanisch-Guinea zu prüfen24 –, zudem gelingt es der Autorin bei einigen Quellen, die Handlungsräume der Subordinierten herauszuarbeiten. Das Buch wurde von Markus Seemann gemischt besprochen. Einerseits konstatiert der Rezensent, Horstmann lege überzeugend dar, dass koloniale Diskurse auch für solche wissenschaftlichen Institutionen richtungsweisend waren, die, wie die Kölner Hochschule, nicht als Zentren des Kolonialismus galten, jedoch mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ein auf Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung basierendes Herrschaftssystem legitimierten. Andererseits moniert Seemann methodische Mängel, insbesondere im Hinblick auf Horstmanns Verwendung der kritischen Diskursanalyse und ihre mangelnde Distanz zu den Quellen.25 In der Tat besteht in Horstmanns Dissertation ein Missverhältnis zwischen theoretischem Anspruch und tatsächlich durchgeführter Analyse: Die für Horstmann zentrale, an Michel Foucaults Konzept des „Macht-Wissens“ angelehnte kritische Diskursanalyse26 schlägt sich im Materialteil kaum nieder; was als Diskursanalyse angekündigt wird, entpuppt sich als ein Sprechenlassen der Quellen und ein Verorten der jeweiligen Akteure in ihren institutionellen Kontexten. Hierfür wäre ein etwas schlanker gehaltener Theorieteil, der sich auf die postkoloniale Theorie beschränkt hätte, vollkommen ausreichend gewesen. Zudem neigt die Autorin dazu, subjektive Urteile abzugeben, die sie nicht belegt, etwa wenn sie schreibt: „Die tatsächliche Begegnung oder Auseinandersetzung mit derselben [der einheimischen afrikanischen Bevölkerung, F. L.] war vielleicht auch gar nicht nötig oder gewünscht, hatte man seine festen Vorstellungen doch bereits im Kopf, die der Aufenthalt im Prinzip nur noch zu bestätigen hatte.“27 Dass Horstmann bemüht ist, ihrer Leserschaft zu vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite steht, ist nachvollziehbar, solle jedoch nicht in einen Betroffenheitsgestus abgleiten. Zudem hätte ein Korrektorat dem Text gut getan, da sich an einigen Stellen Fehler und sprachliche Ungereimtheiten finden.
Afrika stellt die Bühne einer 2014 erschienenen Habilitationsschrift über koloniale Wissensordnungen dar. Benjamin Steiner zeigt in „Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV.“, dass postkoloniale Wissens- und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit nicht bloß eine Geschichte der Unterdrückung und der ungleichen Machtverteilung sein muss, sondern auch als eine Geschichte der Begegnungen zwischen Kolonisatoren und kolonialen Subjekten geschrieben werden kann. Dass Steiner mit dieser Perspektive das Risiko eingeht, „einer ungerechten Gewichtung der Geschichtsschreibung“ das Wort zu reden, ist ihm bewusst.28 Der Mehrwert einer solchen Herangehensweise liegt jedoch darin, dass den kolonialen Subjekten mehr Handlungsmöglichkeiten zugestanden werden, dass sie nicht nur als Opfer der Europäer dastehen, sondern sich in ihrem Verhältnis zu Europäern auch Machtpositionen sicherten. Geografisches, ökonomisches und ethnologisches Wissen sowie administrative Herrschaftstechniken wurden, so Steiner, „im Zusammenspiel von Franzosen und Afrikanern erzeugt und ausdifferenziert“.29 Ein Beispiel ist die Begegnung zwischen dem Königssohn Aniaba von der Elfenbeinküste und französischen Marineoffiziere unter der Regentschaft Ludwigs XIV., durch die diplomatische Beziehungen zum Zweck der Sicherung von französischen Handelsniederlassungen und Kolonialstützpunkten etabliert werden konnten.30 Diesen Ansatz gilt es für die zukünftige Erforschung kolonialer Wissensordnungen weiter auszubauen, denn das grundlegende historiografische Problem sowohl von Genderansätzen als auch von postkolonialen Herangehensweisen ist, dass die Subordinierten nur in wenigen Fällen als Sprecherinnen und Sprecher auftreten, weil sich ihr Sprechen, Denken, Wirken nicht schriftlich niedergeschlagen hatte.
Die neuere Historiografie der Geistes- und Kulturwissenschaften
Die Historiografie der Geistes- und Kulturwissenschaften ist ein ausgesprochen lebendiges Feld. Derzeit lassen sich zwei historiografische Trends ausmachen, die in den nachfolgenden Passagen diskutiert werden sollen: a) eine zunehmende historiografische Reflexion der wissenschaftshistorischen Ansätze und Methoden; die Wissenschaftsgeschichte beginnt, ihre eigene Geschichte zu schreiben; b) Arbeiten zur Rolle deutschsprachiger Historiker im Nationalsozialismus.
a) In einem 2016 erschienenen, von Elena Arovona und Simone Turchetti herausgegebenen Sammelband erforschen die Beiträgerinnen und Beiträger die Geschichte der Science Studies als multidisziplinäres Feld, bestehend aus Ansätzen der Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte. Die Beiträge zeigen, dass das Entstehen der Science Studies mit dem umfassenden Ausbau der Wissenschaften im Kalten Krieg verbunden war. Dieser Ausbau beschränkte sich nicht nur auf den Westen. Nach dem Tod Josef Stalins 1953 und der von Nikita S. Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU ausgerufenen politischen und intellektuellen Öffnung, erfuhren auch die Wissenschaften in der sowjetischen Einflusssphäre eine stärkere Förderung. Das große Verdienst des Sammelbands liegt darin, dass die Beiträge nicht mehr dem älteren, von den westlichen Zeitgenossen entworfenen Narrativ folgen, wonach sich die Überlegenheit des Westens gegenüber dem unfreien Osten in dem auf liberal-demokratischen Grundhaltungen wie Offenheit und Kreativität beruhenden westlichen Wissenschaftssystem gezeigt habe. Vielmehr fassen sie die wissenschaftlichen Diskurse und deren materielle Bedingungen im „Ostblock“ als grundsätzlich gleichwertig gegenüber denjenigen im Westen auf, ohne die strukturelle Differenz der Politiksysteme zu vernachlässigen.31
Maßgebende Kraft für das Entstehen der Science Studies und der neueren Wissenschaftsgeschichte war Thomas S. Kuhn mit seinem 1962 publizierten Buch „The Structure of Scientific Revolutions“, das zu einem Sensationserfolg wurde; von der zweiten Auflage des Buchs wurden bis 1987 ganze 546.455 Exemplare verkauft.32 In den vergangenen Jahren sind mehrere Arbeiten zur Geschichte Kuhns und seines Werks erschienen, angefangen mit Steve Fullers „Thomas Kuhn. A Philosophical History of Our Times“ von 2000.33 Hier soll nun ein von Robert J. Richards und Lorraine Daston herausgegebener Sammelband aus dem Jahr 2016 eingehender besprochen werden, der den Titel „Kuhn’s Structure of Scientific Revolutions at Fifty. Reflections on a Science Classic“ trägt. Wie Paul Feyerabend und Imré Lakatos nahm auch Kuhn eine von der in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren gängigen Wissenschaftsgeschichte abweichende Position ein. Kuhn erklärte Wissenschaftswandel mit den Begriffen ‚Paradigma‘ und ‚Revolution‘, wobei er Paradigmenwechsel in den Wissenschaften nicht als logische Ausdifferenzierung und Verbesserung älterer Annahmen auffasste, sondern als von sozialen und psychologischen Faktoren bestimmt. Der Band versammelt Aufsätze namhafter Wissenschaftshistorikerinnen, Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftssoziologinnen – etwa Ian Hacking, Lorraine Daston, M. Norton Wise oder Peter Galison –, die Kuhn als Forscher und Lehrer noch persönlich kennengelernt hatten. Manche Aufsätze lesen sich daher als Erlebnisberichte, die zwar ein Bild der Persönlichkeit Kuhns zeichnen und seine intellektuelle Entwicklung mit diesen persönlichen Aspekten verbinden, jedoch kaum analytisch weiterführende Fragen für die Reflexion der Wissenschaftsgeschichte auf sich selbst behandeln. Positiv hervorzuheben ist, dass sich in einigen Aufsätzen neue Informationen finden, die über die ohnehin schon breite Rezeption Kuhns hinausgehen, etwa Peter Galisons Aufsatz, der auf Basis von Kuhns Kriegstagebuch darlegt, dass Kuhn die Grundideen seiner in „The Structure of Scientific Revolutions“ explizierten Sichtweisen bereits in den 1940er Jahren entwickelt hatte.34 Der für die Geschichtsschreibung der Wissenschaftsgeschichte interessanteste Aufsatz ist zweifelsohne George A. Reischs Text „Aristotle in the Cold War“, da er Kuhn und dessen Arbeiten explizit mit der Geschichte des Kalten Kriegs verbindet: Laut Reisch war Kuhns innovativer Ansatz tief in der westlichen Intellektuellenkultur des Kalten Kriegs verankert, Kuhns starke Betonung von Irrationalität, Ungerichtetheit und Ideologiebehaftetheit wissenschaftlicher Paradigmen könnten als Spiegel der antagonistischen Weltlage im Kalten Krieg im Allgemeinen, der antikommunistischen Ideologie in den Vereinigten Staaten im Besonderen gesehen werden.35 Reischs Aufsatz wirft weiterführende, bislang kaum beantwortete Fragen nach dem ideologischen Gehalt der neueren Wissenschaftsgeschichte in den westlichen Staaten auf, wie sie sich seit Kuhns „Structure“ entwickelt hatte.
b) Seit dem Historikertag in Frankfurt am Main 1998 und dem von Wissenschaftlern wie Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Willi Oberkrome oder Peter Schöttler losgetretenen Diskurs um die Rolle der deutschen und deutschsprachigen Historiker im Nationalsozialismus sind die Arbeiten zur Geschichte einzelner Protagonisten und ihrer Forschungskonzepte im NS-Regime nicht mehr abgeebbt. Hier nun sollen einige seit 2013 erschienene Arbeiten zu diesem Themenfeld, von Christoph Nonn zu Theodor Schieder, von Matthias Berg zu Karl Alexander von Müller, von Reto Heinzel zu Theodor Mayer und von Barbara Schneider zu Erich Maschke, diskutiert werden. Ein weiteres Buch von Robert Lerner über das Emigrantenschicksal Ernst Kantorowiczs gehört ebenfalls in dieses Themenfeld.
Nicht nur die Menge an Arbeiten zum Verhältnis von deutschen und deutschsprachigen Historikern und Nationalsozialismus bleibt beständig, sondern auch die damit verbundenen Kontroversen. Dies wird an der Rezeption von Christoph Nonns Buch über Theodor Schieder deutlich. Allein der Untertitel des Buchs, der Schieder als „bürgerlichen Historiker“ ausweisen möchte, ist ein Hinweis darauf, dass Nonn Haltung und Verhalten seines Protagonisten im NS-Regime als Abweichung oder Entgleisung eines Wissenschaftlers sieht, dessen Laufbahn vor 1933 und nach 1945 in nationalkonservativ orientierten, bürgerlich-protestantischen Gefilden verlief.36 Damit wird der Nationalsozialismus als ein dem Neuzeit-Historiker Schieder äußerliches Element gesehen, dem er in einer bestimmten Zeitspanne seines Lebens aufgesessen war. Die Lektüre von Nonns Buch bestätigt diesen Eindruck; Nonn gebärdet sich nicht als „Ankläger“, will „juristische Begriffe wie Schuld und Reue“ aus der historischen Darstellung heraushalten und schreibt in Abgrenzung zu sozialkonstruktivistischen Ansätzen eine eher konventionelle, weitgehend unkritische Biografie.37 Wie auch immer sich die Leserschaft zu dieser Art der Darstellung verhält, lobend angemerkt werden muss, dass Nonn erstmals den umfangreichen Nachlass Schieders ausgewertet und mit anderen Quellenbeständen abgeglichen hat.38 Schieders Person und seine Rolle im NS-Regime waren schon auf dem Historikertag 1998 heftig diskutiert worden, nach der Veröffentlichung von Nonns Biografie brachen die Dispute erneut aus. Peter Schöttler schrieb eine ausgesprochen kritische Rezension zu Nonns Buch, woraufhin der Autor reagierte und eine Erwiderung veröffentlichte.39 Ingo Haar meinte darüber hinaus, Nonns Darstellung sei „geschönt statt schön“.40 Kernpunkt der Debatte ist Nonns Ansicht, dass Schieder mit seiner „Polendenkschrift“ vom Oktober 1939 keinen größeren Einfluss auf die politische Praxis der Nationalsozialisten gehabt habe, wogegen Schöttler und Haar diese Denkschrift als eines von vielen Vorläuferprogrammen des Generalplans Ost sehen.
Schöttler merkt in seiner Rezension zu Nonns Buch kritisch an, Letzterer hätte nebst vielem anderen auch verschwiegen, dass Schieder noch 1953 Karl Alexander von Müller lobend rezensiert und ihm 1958 sein Buch „Staat und Gesellschaft im Wandel unserer Zeit“ als Zeichen „einer seit drei Jahrzehnten fortdauernden Verbundenheit“ gewidmet habe.41 Dass Schieder offenbar auch in der Nachkriegszeit in gutem Einvernehmen mit von Müller gestanden hatte, weist auf Kontinuitäten völkisch-neokonservativ gesinnter und vor 1945 mit dem NS-Regime paktierender Historiker hin, denn im Fall von Müllers steht dessen nationalsozialistische Gesinnung außer Zweifel. Der Berliner Historiker Matthias Berg hat 2014 seine Dissertation über Karl Alexander von Müller als Buch publiziert und meint in schroffem Gegensatz zu Nonn bereits auf der ersten Seite: „Die biographische Darstellung, gleich welche Fragen sie formuliert, rekonstruiert Lebensläufe nicht, sie konstruiert, sie schafft ein eigenes, mit konkurrierenden Ansätzen und Deutungen gegebenenfalls nicht übereinstimmendes ‚Leben‘.“42 Berg sieht seinen Protagonisten als antisemitisch gestimmten „Historiker für den Nationalsozialismus“, als einen, der sich für die Ziele des NS-Regimes zwecks materiellen und ideellen Ressourcenaustauschs eingesetzt hatte: „Die Machtergreifung der Nationalsozialisten versprach Müller, die ersehnte ‚Volksgemeinschaft‘ nun endlich erleben zu dürfen.“43 Müller, „der vermeintlich nicht nein sagen konnte, hatte laut und deutlich ja gesagt, ja zum Nationalsozialismus“, was ihm nach 1945 auch den Verlust aller Ämter einbrachte; seine institutionelle Rehabilitierung blieb in der Nachkriegszeit unvollständig.44
Reto Heinzel weist mit seiner Dissertation über den österreichischen Mittelalterhistoriker Theodor Mayer in eine ähnliche Richtung. Mayer wurde im Feld völkisch-großdeutsch denkender Historiker sozialisiert, eine Prägung, die für seine intellektuelle Entwicklung richtungsweisend sein sollte. Den Nationalsozialismus begrüßte er enthusiastisch, trat verschiedenen NS-Organisationen bei, hielt eine beachtliche Zahl von Ämtern inne und leitete die Westdeutsche Forschungsgemeinschaft, einer der völkischen Forschungsorganisationen der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, die Fahlbusch in seinem Buch von 1999 untersucht hat.45 Dabei fokussiert Heinzel insbesondere das Verhältnis von mittelalterlicher Geschichte und zeitgenössischer Politik: „Die bis ins Innerste gefühlte Verbindung zwischen (mittelalterlicher) Geschichte und ihrer Vollendung in der nationalsozialistischen Gegenwart hob die Distanz zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen wissenschaftlich-nüchterner Erkenntnis und politischer Zielsetzung, weitgehend auf.“46 Mit dieser Perspektive schreibt Heinzel letztlich eine politische Biografie des Mittelalterhistorikers Mayer, was insbesondere deshalb längst überfällig war, weil – im Unterschied zu von Müller – Mayers wissenschaftliche Autorität zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere in Frage gestellt worden ist. Dies ist zu einem Gutteil auf die Fortführung seiner Laufbahn und damit die Kontinuität seiner Machtposition im westdeutschen Historikerfeld nach 1945 zurückzuführen.47 Besonders interessant ist Heinzels Darlegung, dass Mayer sein in den 1930er Jahren entworfenes Konzept der wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit mit der Leitung des Konstanzer Instituts für geschichtliche Landesforschung ab 1952 im nun demokratischen Kontext fortführte.48
Die intellektuelle Biografie des Wirtschaftshistorikers des Mittelalters Erich Maschke möchte auch Barbara Schneider als „Beziehungsgeflecht von Politik und Geschichtswissenschaft“ verstanden wissen, wie sie dies im Untertitel ihrer 2016 erschienenen Dissertation darlegt.49 Wie Mayer war auch Maschke schon früh in völkisch orientierten Kreisen der Jugendbewegung sozialisiert worden und wie sein österreichischer Kollege engagierte sich auch er in der historischen Volkstumsforschung, insbesondere in der deutschen Ostforschung; Maschke war im Volksbund für das Deutschtum im Ausland, im Bund Deutscher Osten, in der Publikationsstelle Berlin-Dahlem und in der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft aktiv, Aktivitäten, die ihn mit dem Nationalsozialismus sympathisieren ließen und durch die er Kooperationsverhältnisse mit NS-Organisationen wie dem Sicherheitsdienst der SS (SD) oder dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) einging.50 Ungleich Mayer gehörte Maschke nach 1945 zu den Verlierern; er wurde von der russischen Armee gefangen genommen und musste die Jahre von 1946 bis 1953 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft verbringen.51 Auch Maschkes Wiedereinstieg in den akademischen Wissenschaftsbetrieb verlief nicht so glatt wie bei anderen kompromittierten Historikern, erst 1956 erhielt er eine Forschungsprofessur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Heidelberg.52 Schneiders Biografie, gerade weil sie einen Akteur behandelt, der bislang kaum im Rampenlicht historischer Debatten gestanden hatte, trägt somit „zur weiteren Verdichtung der Debatten um Kontinuitäten und Brüche, Anschlussfähigkeiten und Umorientierungen geschichtswissenschaftlicher Akteure vom späten Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin zum Nationalsozialismus und schließlich über 1945 hinaus bei“, wie Andreas Hilger in seiner Rezension von Schneiders Buch lobend betont.53
Eine gebrochene Laufbahn hatte auch ein anderer, weit bekannterer Historiker: Ernst Kantorowicz. Seine Karriere verlief allerdings im Unterschied zu den bislang besprochenen Historikern anders, denn Kantorowicz sah sich gezwungen, aufgrund der NS-Rassengesetze und vor allem der Novemberpogrome Deutschland 1939 zu verlassen. Nach seinem Biografen Robert Lerner tat dies der Mittelalterhistoriker und Exzentriker Kantorowicz nicht freiwillig, denn er war der deutschen Intellektuellenkultur Weimars aufs Tiefste verbunden, wofür seine Mitgliedschaft im Kreis Stefan Georges Evidenz ist.54 Interessant ist Lerners Feststellung, dass sich Kantorowiczs politische Haltung in den Vereinigten Staaten – verstärkt durch die Kommunistenhetze während der McCarthy-Ära – von rechts zu liberal verschob.55 Es wäre zu prüfen, ob dies auch für andere deutsche Emigranten gilt, immerhin lässt sich derselbe Prozess auch bei den Mitarbeitern des nach New York emigrierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung beobachten – nur änderten Max Horkheimer und seine Mitstreiter ihre politische Haltung von ehemals links zu linksliberal.56 Dass dieses Buch über den schillernden Historiker Kantorowicz „mit Sicherheit auf Jahre hinaus die maßgebliche Biografie des Mediävisten bleiben wird“, darüber lässt Rezensent Ulrich Raulff keinerlei Zweifel aufkommen.57 Raulff merkt insbesondere positiv an, dass Lerner eine immense Recherchearbeit für sein Buch betrieben hat, denn seit „drei Jahrzehnten folgt der Mediävist sämtlichen Spuren seines Protagonisten; praktisch jedes Blatt, das von ‚Eka‘ [das ist Ernst Kantorowicz, F. L.] Zeugnis gibt, hat Lerner umgedreht. Viele Zeugnisse hat er erst gefunden, einige von den Besitzern zum Geschenk erhalten. Interviews mit allen, die Ernst Kantorowicz noch gekannt haben, haben seinen Quellenfundus weiter vermehrt.“58 Diese Gründlichkeit ist beeindruckend, schlägt aber dann ins Negative um, wenn der Biograf dadurch keine ausreichende Distanz zu seinem Protagonisten mehr hat; Lerner neige bisweilen dazu, Kantorowicz allzu naiv zu folgen und dessen Verbindungen zu völkisch-nationalistisch denkenden Kollegen zu unterbelichten. Gerade dies zu thematisieren, wäre aber gewinnbringend gewesen, denn dass auch der jüdische Emigrant Kantorowicz nach 1945 „seine guten Nazis“ hatte, so Raulff, weist auf die Widersprüchlichkeit, Vielschichtigkeit und Fragmentiertheit solcher Emigrantenbiografien hin.59
Die Historiografie der Sozialwissenschaften
Die Geschichte der Sozialwissenschaften hat seit einigen Jahren Konjunktur, wobei sich zahlreiche Arbeiten auf den Kalten Krieg konzentrieren, eine Phase, in der die Sozialwissenschaften insbesondere in der westlichen Hemisphäre einen massiven Ausbau erfuhren.60 In der Forschungsliteratur wird die Entstehung der Wissenschaften vom Sozialen in der Regel mit der Französischen und der Industriellen Revolution in Verbindung gebracht und als „dritte Kultur“ behandelt, die zwischen Geistes- und Naturwissenschaften stand,61 wobei in der Regel einigermaßen disparate Fächer zu den Sozialwissenschaften gerechnet werden: Roger E. Backhouse und Philippe Fontaine verstehen unter „Social Sciences“ Psychologie, Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Sozialanthropologie und Humangeografie,62 Theodore M. Porter und Dorothy Ross fügen noch die Statistik hinzu.63 Im nachfolgenden Abschnitt dieses Forschungsüberblicks kann kaum die Vielzahl an Fächern in den Sozialwissenschaften abgedeckt werden, stattdessen werden bislang eher marginal behandelte Themen der Historiografie der Sozialwissenschaften in den Blick genommen. Zu diesem Zweck werden aus der Fülle der Neuerscheinungen drei Bücher herausgegriffen, ein Buch von Alexander Pinwinkler über die Bevölkerungswissenschaften im 20. Jahrhundert unter dem Aspekt ihrer Funktionalisierung für demografische Neuordnungspläne, Kerstin Brückwehs Geschichte sozialwissenschaftlich-statistischen Wissens und eine Geschichte der Frauen in der frühen empirischen Sozialforschung in Deutschland von Marion Keller.
Alexander Pinwinkler untersucht in seiner Habilitationsschrift die Bevölkerungswissenschaften in ihrem Zusammenhang mit der Geschichtsforschung und mit allgemein demografischem Denken in Deutschland und Österreich vom frühen 20. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre. Was Pinwinklers Studie von den bisher veröffentlichten Arbeiten zur Geschichte völkischer Wissenschaftskonzepte unterscheidet, ist nach Aussage des Autors, dass er „‚Bevölkerung‘ […] in verschiedenartigen wissenschaftlichen, politischen und biografischen Kontexten“ aufspürt.64 Die Heterogenität der Bevölkerungswissenschaften begreift Pinwinkler dabei nicht als Hemmnis, „sondern im Gegenteil als wesentlichen Ansatzpunkt für ihre forschungsleitenden Fragestellungen.“65 Interessant wäre gewesen, die deutschsprachige Schweiz als dritten Untersuchungsraum miteinzubeziehen, um zu prüfen, ob es zwischen Deutschland, Österreich und der deutschen Schweiz im Hinblick auf die historische Bevölkerungsforschung Kooperationsverhältnisse gab und inwiefern diese Verhältnisse von völkischen Prämissen bestimmt waren. Immerhin behandelt Pinwinkler Arthur Imhof, und auch der Name des „deutsch-völkische[n] Schweizer Wirtschafts- und Stadthistoriker[s] Hektor Ammann“ taucht immer wieder in den Quellen auf;66 Ammann war während den 1950er und 1960er Jahren neben Günther Franz „die treibende Kraft bei der (Re‑)Etablierung der ‚Bevölkerungsgeschichte‘“ in den „Blättern für deutsche Landesgeschichte“.67 Auch Rezensent Heinrich Hartmann merkt diesen Punkt kritisch an und meint, dass sich diese Leerstelle methodisch kaum rechtfertigen lasse.68 Hartmann liegt aber richtig damit, dass Pinwinklers größte Meriten darin zu sehen sind, „die Diskussionen über historiographische Kontinuitäten und Brüche über die Zäsur von 1945 hinweg, die die deutschen Geschichtswissenschaften nun seit fast 20 Jahren mal mehr, mal weniger intensiv beschäftigen, in ein neues Register geführt haben.“69
Die neueren Arbeiten zur Geschichte der Sozialwissenschaften rücken den konstruktivistischen Charakter sozialwissenschaftlicher Praktiken in den Blick und berücksichtigen stärker als bisher Ansätze der kulturwissenschaftlichen Mediengeschichte. In ihrer 2015 veröffentlichten Habilitationsschrift über die „Wissensproduktion durch britische Volkszählungen und Umfragen vom 19. Jahrhundert bis ins digitale Zeitalter“ analysiert Kerstin Brückweh die Materialität von Fragebögen und Interviewtechniken und setzt sie wissenshistorisch in ihre soziokulturellen und politischen Entstehungskontexte. „Umfragen“, so Brückweh, spiegelten „nicht wirklich die Meinung der Befragten“, sondern generierten „vielmehr aufgrund vorgegebener Fragen Meinungen“.70 Die Studie ist in drei Teile gegliedert, einem ersten Teil, der die Akteure und Methoden der Umfrageforschung untersucht, einem zweiten, in dem Brückweh den ordnungsstiftenden und klassifikatorischen Charakter des sozialempirischen Markt- und Meinungswissens thematisiert, und einem dritten Teil, der die gesellschaftliche Verwendung dieses Wissens behandelt. Brückweh kommt auf den spannenden Befund, dass die von ihr untersuchten sozialwissenschaftlichen Praktiken erstaunlich stabil blieben, „während sich die Akteure und ihre Forschungsinteressen ebenso veränderten wie der Staat, die Verwaltung und die Gesellschaft.“71 Volkszählungen erscheinen so als ein zentrales Instrument der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und der staatlichen Steuerung von Bevölkerungsgruppen.
Ein bisher stark vernachlässigtes Thema behandelt Marion Keller in ihrer Dissertation: Frauen in der Sozialforschung im Wilhelminischen Kaiserreich. Wie ihre Protagonistinnen ist somit Keller selbst eine ‚Pionierin‘, ein Begriff, der aus wissenschaftshistorischer Sicht problematisch ist, denn er impliziert ein progressivistisches Meisternarrativ. Wie dem auch sei, Kellers Buch ist sorgfältig gearbeitet und stützt sich auf eine breite und kaum bearbeitete Quellengrundlage. Das Thema Frauen in den Sozialwissenschaften ist deshalb zentral, weil das im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sich erst formierende Feld der deutschen Sozialwissenschaften tendenziell offener für Außenseiter war als akademisch etablierte Felder wie etwa die historischen Wissenschaften; Frauen, politisch links stehende Akteure und Juden konnten darüber Eingang in die deutschen Universitäten finden.72 Keller untersucht vier sozialwissenschaftliche Akteurinnen, Elisabeth Gnauck-Kühne (1850–1917), Gertrud Dyhrenfurth (1862–1946), Rosa Kempf (1874–1948) und Marie Bernays (1883–1939). Die Frauenrechtlerin und bedeutende Programmatikerin der evangelischen und katholischen Frauenbewegung Gnauck-Kühne erlangte durch ihre sozialempirischen Untersuchungen der Lage von Fabrikarbeiterinnen und ihren sozialstatistischen Analysen zur Frauenarbeit größere Aufmerksamkeit.73 Dyhrenfurth, die mit Gnauck-Kühne eine Freundschaft unterhielt, beschäftigte sich dagegen mit Fragen der Agrarpolitik und erhielt von der Universität Tübingen einen Ehrendoktortitel verliehen, die promovierte Lehrerin Kempf erforschte wie Gnauck-Kühne die Lage von Fabrikarbeiterinnen und Bernays, eine der ersten promovierten Frauen in Deutschland, widmete sich ebenfalls der Arbeiterfrage.74 Bei allen vier Protagonistinnen sticht die enge Verbindung von sozialempirischer Analyse, frauenrechtlichem Engagement und sozialpolitischer Bekämpfung des Arbeiterinnen- und Arbeiterelends ins Auge. Keller sieht den „wichtigsten Beitrag der frühen Sozialforscherinnen zur Soziologie“ darin, „dass sie in und mit ihren Studien Geschlechterdifferenz als eine die Gesellschaft strukturierende Perspektive ins Zentrum ihrer Forschung gestellt haben.“75 Dieses Buch wird ohne Zweifel Grundlage und Anregung für weitere Forschungen zu diesem Thema sein.
Neuere Arbeiten zur Wissensgeschichte
Bei dem sich seit einigen Jahren vollziehenden Wandel von der Geschichte der Geistes- und Kulturwissenschaften als klassische Ideen- und Geistesgeschichte in eine Geschichte des Wissens lassen sich zwei Tendenzen erkennen: a) der Wandel von einer philosophisch operierenden Ideengeschichte zu einer wissenssoziologisch und diskurstheoretisch begründeten Wissensgeschichte, die auch die Geschichte wissensspeichernder Medien miteinschließt; b) der neue Fokus auf Wissenschaftsbereiche, die sich nicht eindeutig den Natur- oder den Geistes- und Kulturwissenschaften zuordnen lassen.
a) Torsten Kahlert hat mit seiner 2017 publizierten Dissertation ein Forschungsdesiderat behoben. Kahlert untersucht nicht naturwissenschaftliche Großforschungsunternehmen – in der Wissenschaftshistoriografie als „Big Science“ bekannt76 –, sondern geistes- und sozialwissenschaftliche Großforschung, wie sie sich am Ende des 19. Jahrhunderts zu entwickeln begann. Zu diesem Zweck nimmt Kahlert drei solcher Großforschungsunternehmungen in den Blick, das Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) unter der Leitung des Althistorikers Theodor Mommsen, die „Schulkinderuntersuchung“, eine anthropometrische Studie, die Rudolf Virchow leitete, und Gustav Schmollers Acta Borussia. Damit berührt Kahlert drei Disziplinen: Alte Geschichte, Sozialanthropologie und Nationalökonomie. Der Autor zeigt eindrücklich, dass großformatige Wissenschaftsorganisation im späten 19. Jahrhundert nur dadurch zustande kommen konnte, wenn sie in ein Netz aus Konzepten und Verbindungen zu einflussreichen Wissenschaftspolitikern und wirkmächtigen Institutionen eingebunden waren.77 Damit werden Narrative untergraben, die solche Unternehmungen vor allem auf die Schaffenskraft und den innovativen Geist der Unternehmensleiter zurückführen wollen. Besonders wichtig erscheint dabei Kahlerts schlüssige These, dass zwischen den „zwei Kulturen“ (C. P. Snow) der Natur- und Geisteswissenschaften gar keine so großen Differenzen bestanden, wie sie im späten 19. Jahrhundert von Zeitgenossen wie Wilhelm Dilthey konstatiert wurden, sondern dass in Bezug auf die projektförmige Großforschung strukturelle und forschungspraktische Ähnlichkeiten zwischen beiden Formen von Wissenschaft zu beobachten sind.78
Um die „epistemische Tugend“ (Lorraine Daston, Peter Galison) der Vollständigkeit auf Basis großer Datensammlungen geht es in einem von Daston herausgegebenen und ebenfalls 2017 erschienenen Band, der die „Science in the Archives“ zum Thema hat. Die Beiträgerinnen und Beiträger nehmen darin die verschiedenen Formen wissenschaftlicher Archive als Speicher meist großer Datenmengen in den Blick. Die Beiträge sind vier Teilen zugeordnet, einem ersten Teil, in dem die unterschiedlichen Konzeptionen des wissenschaftlichen Archivs systematisch besprochen werden, einem zweiten Teil, der das wissenschaftliche Archiv von der Antike bis zur Moderne behandelt, einem dritten, der die Probleme der Archivierung von Wissen im globalen Zeitalter thematisiert und einem vierten Teil, der die Zukunft des Archivs untersucht.79 Daston stellt in ihrem einleitenden Aufsatz heraus, dass in den Wissenschaften eine Vielzahl von Archiven existiert, von den Herbarien der Botaniker über die Datenbanken von Genetikern bis zu den Mikrofiches der Anthropologen. Ihre Inhalte spiegeln dasjenige, das zur Zeit des Archivierens ein Fachgebiet oder einzelne Gelehrte als das jeweils erinnerungstragende und der Erinnerung würdige Element angesehen hatten, unter anderem auch im Hinblick darauf, welche Funktion dem Aufbewahren für die zukünftige Forschung im entsprechenden Gebiet zugeschrieben wurde. Daston meint, dass alle die im Band untersuchten Archive „opportunistic und open-ended“ seien, was bedeutet, dass die wissenschaftlichen Archive den unvorhersehbaren, oft auf Kontingenzen zurückgehenden Gang der wissenschaftlichen Forschung abbilden, und dass sie fortlaufend gefüllt werden, weil der Forschungsprozess grundsätzlich unabgeschlossen ist.80
Einen dritten wissenshistorischen Zugang stellen Beiträge zur Sammlungs- und Museumspraxis dar, wobei sich die Arbeiten Anke te Heesens für den deutschsprachigen Raum als besonders wirkmächtig erweisen.81 Stellvertretend für diesen Schwerpunkt soll ein von Sybilla Nikolow herausgegebener Band von 2015 besprochen werden, dessen Beiträge sich mehrheitlich auf das Deutsche Hygiene-Museum Dresden beziehen. Wie der Untertitel des Sammelbands anzeigt, geht es darin um „Strategien der Sichtbarmachung des Körpers im 20. Jahrhundert“82. Das 1912 gegründete Deutsche Hygiene-Museum Dresden wurde durch den „Gläsernen Menschen“ und die „Gläserne Frau“ bekannt, anatomische Menschenmodelle aus durchsichtigem Kunststoff, deren Vitalfunktionen durch die transparente Darstellung der Knochen, Organe, Gefäße und Blutbahnen sichtbar gemacht wurden und die als Prototypen zahlreicher weiterer „Gläserner Menschen“ dienten, die seit den 1930er Jahren von Dresden aus in die Welt exportiert wurden.83 Die Herausgeberin zeigt, dass mit der Wende zum 20. Jahrhundert die wissenschaftliche Sichtbarmachung des Körpers in die Öffentlichkeit gelangte. „Die Strategien zur Visualisierung des Körpers“, so Nikolow, „sind […] in ihrer doppelten Bedeutung im Vermittlungsprozess zu betrachten, als Verbildlichungen und Verdinglichungen von Wissen, aber gleichzeitig auch als die Werkzeuge zur Vermittlung und Kommunikation dieses Wissens.“ Dabei wurde „das neue Wissen vom Körper“ als „Handlungsimperativ zur Optimierung des Lebens verstanden.“84 Die Einnahme einer solchen Perspektive auf das menschliche Körperwissen als technisch avancierte pädagogische Hygiene-Aufgabe, die das Handlungsimperativ einer anzustrebenden Optimierung der Körperleistungen und der Körperästhetik implizierte, verbindet das Museum mit dem politischen Tagesgeschehen und den Erwartungen der Öffentlichkeit.
b) Dass die neuere Wissensgeschichte sowohl natur- als auch geistes- und kulturwissenschaftliche Bereiche untersucht, dafür stehen die nun als Bücher vorliegenden Dissertationen von Jan Müggenburg und Julian Bauer.85 Müggenburg thematisiert die Geschichte einer Wissenschaft, die an der Schnittstelle Mensch-Maschine als „biologischer Computer“ (Heinz von Foerster) operierte und ein zwar idiosynkratrisches, zur Hauptsache aber an naturwissenschaftlichen Verfahren orientiertes Forschungsprogramm entwickelte, um nicht-materielle Elemente wie Information, Operation und System beschreiben zu können. Es handelt sich bei dieser Wissenschaft um die Kybernetik, die Wissenschaft von der Steuerung, genauer um die Mitarbeiter des Biological Computer Laboratorys (BCL) an der University of Illinois Urbana und insbesondere um den Direktor dieses Labors, Heinz von Foerster.86 Müggenburg nimmt dabei eine doppelte Perspektive ein, indem er einerseits den illustren Lebensweg von Foersters aufzeigt, andererseits die Überlegungen, Ideen, Konzepte und vor allem die Maschinen, die am BCL entwickelt wurden, untersucht, wozu auch die Frage nach den Verbindungen der Kybernetiker zu Politik, Militär und Industrie gehört. Das 1958 gegründete BCL wurde zunächst vom Militär stark unterstützt, lieferte allerdings kaum verwertbares Wissen, was die Militärs dazu bewog, um 1970 die Förderung der Kybernetik zurückzufahren. Das BCL wurde ab den späten 1960er Jahren zudem von konkurrierenden Ansätzen überholt, wie etwa des kognitionswissenschaftlichen Zugangs zur Analyse des menschlichen Geists und der Biomechanik.87 Beide Faktoren führten zur Schließung des Labors 1974/76. Damit steht die Geschichte des BCL exemplarisch für das Scheitern der Kybernetik, auf der zwar im Kalten Krieg große Hoffnungen lagen, die sich aber als Disziplin nicht halten konnte. Insofern verwundert nicht, dass heute ehemals bedeutende Vertreter der Kybernetik oftmals als Scharlatane abgetan werden; Müggenburg nennt von Foerster nicht ohne Grund einen „Zauberkünstler“88.
Bauer hat sich in seiner Dissertation das Ziel gesetzt, eine historische Genealogie systemischen Denkens zu schreiben, was nicht nur einen Fokus auf unterschiedliche Disziplinen verlangt – Biologie, Soziologie, Parapsychologie, Geschichte –, sondern auch die Wissenskulturen unterschiedlicher Länder in den Blick nehmen muss. Der Autor hat sein Buch in drei Teile gegliedert, einen ersten Teil, der „sich auf die Suche nach den vielen Ursprüngen systemischer Vorstellungen zwischen 1880 und 1930“ begibt, einen zweiten Teil, in dem „es um die Dynamiken systematischer Geschichtstheorien von 1910 bis 1960“ geht, und einen dritten, der „nach Traditionsbeständen und Transformationsprozessen systemischer Ideen zwischen 1930 und 1980“ fragt.89 Bauers Ziel ist der Nachweis, „dass die Systemtheorie nicht immer wieder de novo den Köpfen einzelner Genies entspringt, sondern in einem ihrer Denkart charakteristischen reflexiven Selbsteinschluss sozial bedingt ist und historisch auf erfolgreichen, problematischen und misslungenen Ansätzen vieler, mehr oder minder gelehrter Akteure fußt.“90 Mit Friedrich Nietzsches und Michel Foucaults Konzepten der historischen Genealogie gelingt es Bauer, die Geschichte des systemischen Denkens sowohl durch eine makroperspektivisch angelegte ideengeschichtliche Herleitung herauszuarbeiten als auch mikrohistorisch Vielfalt und Mehr- und Uneindeutigkeit systemischen Denkens darzustellen. Der Autor möchte eine „Provinzialisierungsgeschichte systemischen Denkens“ schreiben, ein Ansatz, der Bauer zur Erkenntnis führt, dass „die Systemtheorie in Nordamerika und Deutschland eine Geschichte hat, die nicht erst in der Nachkriegszeit mit dem Siegeszug der Kybernetik beginnt, sondern weitaus tiefer in erstens der theoretischen Biologie […], zweitens der organismischen Soziologie […] und drittens der Parapsychologie […] um 1900 wurzelt, aber auch von viertens den makrohistorischen Perspektiven periodischer Zeitentwürfe […], fünftens den Tabellen und Diagrammen der Periodiker […] wie auch schließlich sechstens vom reflexiven Fortschrittsglauben in der Wissenschaftsforschung […] seit dem frühen 20. Jahrhundert abhängt.“91 Dieser Befund ist innovativ und wird in zukünftigen Arbeiten zu prüfen sein, zumal mindestens zwei Kritikpunkte angeführt werden können: Zum einen geht aus Bauers Buch nicht eindeutig hervor, ob „systemisches Denken“ in den Vereinigten Staaten und Deutschland als mehr oder weniger einheitliche „intellektuelle Kultur“ aufgefasst werden kann, wie es Bauer tut,92 denn die Möglichkeit bestünde durchaus, dass verschiedene Akteuren an ganz unterschiedlichen Orten ähnliche Entwürfe systemischer Konzepte entwickelt hatten, ohne aufeinander Bezug genommen zu haben. Zum anderen neigt die genealogische Methode dazu, auf Kosten von Brüchen, Ungleichzeitigkeiten und Dynamiken die genealogischen Bezugnahmen zu stark in den Vordergrund zu rücken, so dass nunmehr Phänomene und Elemente in Konstellationen gestellt werden, die womöglich so gar nicht bestanden hatten. Ob zum Beispiel die Parapsychologie um 1900 tatsächlich in diese provinzialisierungshistorische Genealogie systemischen Denkens gehört, ist fraglich und wird von Bauer nur unzureichend hergeleitet.
Bauers Buch ist der fünfte Band der seit 2014 existierenden Reihe „Historische Wissensforschung“, deren Herausgeber sich zur Aufgabe machen, „Analysen der Entstehung und Stabilisierung, der Transformation und Dekonstruktion von Wissen in konkreten Praktiken; für Qualifikationen von Wissen wie Objektivität, Perspektivität oder Wahrheit; für Übersetzungen und Übergänge von Wissen, seine Normal- und Ausnahmezustände, kurz: für all das, was Wissen als Wissen kenntlich macht“, zu publizieren.93 Nachfolgend sollen einige weitere Bände aus dieser Reihe vorgestellt werden, um die Fruchtbarkeit des hierfür operationalisierten wissenshistorischen Ansatzes zu prüfen, und zwar sollen ein konzeptgeschichtlicher Band (Ariane Tanner), zwei Bände mit einer praxeologisch-anthropologischen Herangehensweise (Lina Gafner, Helmut Zedelmaier) und zwei Bücher mit sozialanthropologisch-naturwissenschaftshistorischen Ansätzen (Magaly Tornay, Rebekka Ladewig) besprochen werden.
Ariane Tanner nimmt in ihrer Dissertation einen Akteur in den Blick, der heute als Systemtheoretiker und Systemökologe bekannt ist, Alfred James Lotka. Wie Bauer dezentralisiert die Autorin Lotkas Ideenarchitektur historisch-genealogisch, indem sie ihn nicht als Vordenker der modernen Systemtheorie darstellt, sondern als Anhänger der Energetik oder eines energetischen Holismus, wie er ihn durch seinen zeitweiligen Lehrer Wilhelm Ostwald vermittelt bekam. Tanners Herangehensweise bricht klassische biografiegeschichtliche Ansätze in der Wissenschaftsgeschichte auf, die eher Akteure fokussieren, die in einer bestimmten Disziplin sozialisiert wurden und sich dort als „Entdecker“ neuer Phänomene einen Namen machten, indem sie mit Lotka einen ins Wissenschaftsfeld hineindrängenden Außenseiter beschreibt, der als Versicherungsstatistiker gearbeitet und über Jahre hinweg Artikel in populärwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlich hatte, bevor er von der Fachwelt rezipiert wurde. Dies führt zur Annahme, dass Lotkas biologisch-mathematische Systemtheorie aus heteronomen Konstellationen hervorging. Tanners Buch verfolgt die These, dass Lotkas Hauptwerk „Elements of Physical Biology“ „als konzeptionelle Scharnierstelle zwischen der Energetik Wilhelm Ostwalds und der Systemökologie der 1960er/70er Jahre“ zu verstehen ist und zeigt dabei, dass Lotka sowohl „Innovator“ als auch „Interventor“ war, der die etablierte Biologie störte und dadurch einen Innovationsschub anstieß.94 Diese Perspektive auf das Verhältnis von Außenseitern und etablierter Wissenschaft, die insbesondere Fragen danach aufwirft, inwiefern wissenschaftliche Innovationen durch von außen kommenden „Störfaktoren“ bewirkt wurden, gilt es weiterzuentwickeln. Zwei bisher erschienene Rezensionen zu Tanners Buch heben diese Punkte zu Recht lobend hervor, merken aber auch kritisch an, dass Tanner zum einen die Geschichte des energetischen Weltbilds seit dem 19. Jahrhundert stärker hätte herausarbeiten sollen, dass zum anderen die frühen Schriften Ludwig von Bertalanffys, in denen zahlreiche Ideen Lotkas vorformuliert sind, unerwähnt bleiben.95 Ersterem Kritikpunkt ist kaum zuzustimmen, stellt Tanner in Kapitel 1 die heterogenen Ursprünge des energetischen Weltbilds doch in ausreichender Klarheit dar, indem sie sich vor allem auf Ostwald und die Rezeption seiner Schriften konzentriert.96 Hätte Tanner die Ideenkonstellation zwischen Lotka und Bertalanffy allerdings detaillierter dargestellt, hätte sie ihre These, dass es sich bei den Entwürfen Lotkas und Bertalanffys um zwei parallele Ansätze gehandelt hatte, sicher untermauern können.
„Schreibarbeit“ ist das Thema von Lina Gafners 2016 publizierter Dissertation, und zwar konzentriert sich Gafner auf die Schreibpraxis des Bieler Arztes, Politikers und Historikers Cäsar Adolf Bloesch.97 „Paperwork“ in seinen unterschiedlichen Aspekten ist seit längerer Zeit Thema in der Wissenschaftsgeschichte, wie zum Beispiel die vier Bände aus dem von Christoph Hoffmann und anderen geleiteten Projekt „Wissen im Entwurf“ eindrücklich zeigen.98 Gafner untersucht die 55 Bände eines von Bloesch angefertigten Journals, das „die dreißig Jahre umspannende Buchhaltung von Bloeschs ärztlicher Praxis“ beinhaltet.99 Diese ungewöhnlich dichte und reichhaltige Quelle steht im Zentrum von Gafners Analyse. Mit den poststrukturalistischen wissenschafts- und medienhistorischen Ansätzen des „Paperwork“ begreift die Autorin „Schreiben als Praxis und Prozess“, das Wissen nicht nur abbildet, „sondern produziert, artikuliert, organisiert und formt“100. Das Journal diente Bloesch „der Strukturierung von Erfahrung der Organisation, Verwaltung und Produktion von Wissen und wird deshalb als ein Resultat schriftlicher Wissenspraktiken verstanden“101, wobei Gafner auch die politischen, standes- und verwaltungsgeschichtlichen Strukturen von Bloeschs Lebenswelt zum Zweck der soziohistorischen Situierung des schreibenden Arztes mitberücksichtigt. Die drei Teile des Buchs umfassen die Geschichte der privatärztlichen Buchführung, die soziohistorische Kontextualisierung Bloeschs und seiner Schreibpraxis und die Untersuchung seiner eher an die Öffentlichkeit gerichteten schriftlichen Erzeugnisse. Für die praxeologische und historisch-anthropologische Wissensgeschichte ist Gafners Buch deshalb wichtig, weil es über die etablierte Höhenkammforschung hinausweist, indem die Autorin die Wissenswelt eines praktizierenden Arztes detailliert rekonstruiert und dadurch überzeugend darlegt, dass auch die wenig Beachteten in der Wissenschaftsgeschichte in komplexen Denkwelten lebten. Besonders fruchtbar erscheint Gafners Betonung der engen Verbindung von ärztlicher Praxis und städtischer Verwaltung und Rechtsprechung, was auf die zentrale Rolle der praktizierenden Mediziner in der eugenisch informierten Sozialpolitik im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verweist.102
Um wissenshistorische Praxis geht es auch in einer Aufsatzsammlung des Münchner Frühneuzeithistorikers Helmut Zedelmaier. In seinen acht Studien zur Wissenspraxis in der Zeit zwischen Renaissance und Aufklärung fragt Zedelmaier danach, welche Techniken und Methoden die von ihm untersuchten Akteure nutzten, um Informationen zu beschaffen, wie sie ihr Wissen verwaltet und verarbeitet haben und welche Kräfte und historischen Kontexte in diesem Zeitraum Wandel von Praktiken und Institutionen der Wissensproduktion bewirkten.103 Zedelmaier orientiert sich dabei an Peter Burkes wichtiger Studie „Geburt der Wissensgesellschaft“ von 2001 und gestaltet auch seine Textgliederung ähnlich wie Burke, der sein Buch in sieben Kapitel aufteilt, in denen er die frühneuzeitliche Wissensproduktion in die Tätigkeiten Lehren, Organisieren, Lokalisieren, Klassifizieren, Kontrollieren, Verkaufen und Erwerben gliedert. Diese Ähnlichkeit bemerkt auch Herbert Jaumann in seiner Rezension von Zedelmaiers Buch. Weiter kritisiert Jaumann den von Zedelmaier „völlig unreflektierten und so affirmativ und unbestimmt“ verwendeten Wissensbegriff und merkt zusätzlich an, dass eine präsentistische Perspektive, die frühneuzeitliches Wissen mit den heutigen digitalen Techniken der Wissenssammlung und Wissensgenerierung in eine direkte Verbindung setzt, wie Zedelmaier dies an mehreren Stellen seines Buchs tut, für das historische Verständnis der spezifischen Textur frühneuzeitlichen Wissens kaum fruchtbare Einsichten erbringen würde.104 Dies schmälert das Verdienst des Werks allerdings kaum, denn darin finden sich viele interessante Einsichten, wie etwa Zedelmaiers Ausführungen zu den Leseinstruktionen für politische Bücher, die Thematisierung der lesenden Frauen oder die „Geburt des Zettelkastens“ als in die Moderne verweisende Technik der Wissensorganisation.105
Charakteristisch für viele Bücher aus der Reihe „Historische Wissensforschung“ ist ihre historisch-anthropologische Grundperspektive im Gegensatz zu begriffs- und konzeptgeschichtlichen Ansätzen, die Fokussierung auf den Menschen als Urheber wissenschaftlichen Wissens und als dasjenige Wesen, das nebst Tieren und Pflanzen am stärksten von den Effekten derjenigen Substanzen, die auf Basis dieses Wissens produziert wurden, betroffen war. Bestes Beispiel hierfür sind psychoaktive Stoffe und ihre „Zugriffe auf das Ich“, wie Magaly Tornay ihre Dissertation betitelt.106 Tornay untersucht das Verhältnis von psychoaktiven Stoffen und Personenkonzepten in der Schweiz von 1945 bis 1980 und fragt nach den Auswirkungen der psychopharmakologischen Revolution, die ab etwa Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Lauf nahm, auf die wissenschaftlichen und klinischen Praktiken der Schweizer Psychiatrie und deren Vorstellungen von Person: „Ob als Drogen verboten oder als Psychopharmaka verschrieben und vermarktet, waren psychoaktive Stoffe nicht nur therapeutisch, sondern auch kulturell und sozial produktiv.“107 Tornay interessiert sich für den „Pharmakon-Person-Nexus“, „in dem beide Größen in Wechselwirkung miteinander stehen“, um der Frage nachzugehen, nach welcher Richtung hin sich die pharmakologisch-psychiatrischen Diskurse im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten: „Bringt ein psychoaktiver Stoff das wahre Selbst zum Vorschein oder verfälscht er dieses eher?“108 Als empirische Grundlage ihrer Analyse verwendet die Autorin Quellenbestände aus dem Firmenarchiv der Novartis und des Archivs der psychiatrischen Klinik Münsterlingen sowie Fachzeitschriften, Konferenzbände und sonstige Publikationen aus den Universitätskliniken Zürich und Basel.109 Mit diesem Vorgehen möchte Tornay zum einen Verfahren rekonstruieren, mit denen Pharmakologen die Funktion und Wirkung von psychoaktiven Stoffen zu ermitteln versuchten, zum anderen soll dadurch die Wissenszirkulation zwischen Pharmaindustrie, Klinik, Psychiatrie und Psychologie herausgearbeitet werden, was wiederum zum dritten ein Licht auf das „Zusammenspiel von Pharmakon und Person“ respektive zwischen psychoaktiven Stoffen und psychischer Verfasstheit des Ich wirft. Hierfür verwendet die Autorin das Konzept Bruno Latours von den „Quasi-Objekten“, in denen sich materielle Dimension und Konstruktionsprozesse mischen und die daher zwischen den Natur- und den Humanwissenschaften anzusiedeln sind.110 Dieser Ansatz ist für Tornays Narrativ wegleitend, denn ihr Text mäandriert zwischen der Entwicklung von psychoaktiven Stoffen im Rahmen von pharmakologischen Experimentalkulturen, Effekten dieser Entwicklungen auf die psychiatrischen Personenkonzepte und Wirkung dieser Konzepte in der Öffentlichkeit. Tornay verfolgt zwei Thesen, zum einen nämlich dass die „Einführung von modernen Psychopharmaka in der Psychiatrie“ zur Verwissenschaftlichung der psychiatrischen Praxis führte, „weil nun Vorgänge experimentalisiert werden konnten, die man zuvor nicht auf diese Weise untersuchen konnte“, zum anderen, dass die „Verschränkung von Personenkonzepten und psychoaktiven Stoffen […] vielschichtiger und konfliktreicher [ist] als die linearen Erklärungen“111. Letztere These ist allerdings zu allgemein gefasst, zu deskriptiv und beinhaltet kaum analytisches Potenzial. Auch bei der weiteren Lektüre des Buchs wird nicht ausreichend klar, welche weiterführende Erkenntnis im Befund liegen könnte, dass für die Bildung und Etablierung einer „psychopharmakologischen Grammatik“ eben diese Vielschichtigkeit und Heterogenität der Interaktion von Diskursen und Stoffen konstitutiv war. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft Tornays Vernachlässigung des ökonomischen Kontexts von Pharmakologie und Psychiatrie: Zwar untersucht Tornay die Werbekampagnen und die damit zusammenhängende Bildsprache der Pharmaunternehmen kritisch,112 die weiterführende und damit unmittelbar zusammenhängende Frage nach den ökonomischen Gewinnen der Unternehmen thematisiert sie aber nur am Rand. Es braucht kaum näher erläutert zu werden, weshalb dieser Aspekt in einer Geschichte psychoaktiver Stoffe nicht vernachlässigt werden sollte; die psychopharmakologische Revolution erhielt ihren Namen auch deshalb, weil die Pharmaunternehmen mit diesen Stoffen immense Gewinne erzielten.
Ähnlich wie Tornay eine duale Verflechtungsgeschichte von pharmakologischer Praxis und psychiatrischen Konzeptionen des Selbst schreibt, möchte Rebekka Ladewig ihre Geschichte der Orientierung mit derjenigen des Schwindels zusammenbringen.113 Im ersten Teil ihrer Studie behandelt Ladewig die „Orientierung des Denkens“ und rekurriert dabei auf René Descartes, Immanuel Kant und Robert Hertz, die mit ihrer Systematisierung des Denkens vermittels Methode auf eine universelle Orientierung des wissenschaftlichen Denkens abzielten.114 Der zweite Teil des Buchs rekonstruiert die sinnesphysiologische Schwindelforschung respektive die „Experimentalisierung des Schwindels“ im Labor ab etwa 1800, was mit der Loslösung von Kants Transzendentalismus verbunden war.115 Auf diesen zweiten Teil schließlich folgt ein dritter, in dem Ladewig die Erforschung des Schwindels durch Apparate unter dem Aspekt der medizinischen Therapie thematisiert. Die Autorin verwendet für ihre Analyse den Ansatz Michael Polanyis über das implizite Wissen, eine Perspektive, „die das Augenmerk von der Theorie der Wissenschaft auf deren Randzonen verlegt – auf die personengebundene, lokale und praktische Verfasstheit von Wissen und Wissensprozessen, die sich dem Fokus der etablierten Wissenschaftsforschung weitgehend entzieht.“116 Ladewig gelingt es mit diesem Ansatz, eine historische Epistemologie des in der Wissenschaftsgeschichte bisher kaum beachteten Schwindels unter dem Aspekt einer Herstellung oder Wiederherstellung der (richtigen) Orientierung zu schreiben.
Die Unmöglichkeit einer eindeutigen Zuordnung von Forschungsfeldern zu den Natur- oder den Geistes- und Kulturwissenschaften wird auch am Beispiel der Paläontologie und der Archäoanthropologie deutlich. Insbesondere die Archäologie ist eine Disziplin, in der geistesgeschichtliche Fragestellungen – zum Beispiel Dauer von Bau- und Besiedlungsphasen, rituelle Bräuche, materielle Kultur oder Ernährungsweise in einer spezifischen historischen Zeitspanne – mitunter durch naturwissenschaftliche Methoden – zum Beispiel Archäobotanik und -zoologie sowie chemische Untersuchungen von Mörtelmischungen – zu beantworten versucht. Drei Bücher aus diesem Themenfeld sollen hier besprochen werden, Gowan Dawsons „Show Me the Bone“, Marianne Sommers „History Within“ und Ellinor Schweighöfers „Vom Neandertal nach Afrika“.
Gowan Dawson konzentriert sich in seinem 2016 erschienenen Buch auf die Frage, wie prähistorische Wesen anhand nur weniger Knochenartefakte im England des viktorianischen Zeitalters rekonstruiert wurden. Der Autor nimmt dabei Georges Cuviers Korrelationsgesetz in den Blick, das besagt, dass jedes Merkmal der Form und Funktion nach in einer Abhängigkeit mit anderen Merkmalen steht. Dies führt Dawson zur Hauptthese seines Buchs: die „prehistoric monsters“ wurden nicht rekonstruiert, sondern konstruiert, und zwar auf Basis von Cuviers Korrelationsgesetz, das der Autor als „one of the fundamental axioms of nineteenth-century science“ betrachtet.117 Meisterhaft erzählt der Autor die Geschichte von wirklich existierenden Knochenfunden und den mithilfe des Cuvier‘schen Korrelationsgesetzes erdachten Teilen, was letztlich in einer Imagination dessen mündete, was sich Naturforschende im 19. Jahrhundert unter prähistorischen Wesen vorstellten. Cuviers Modell – obwohl die Methode, auf der dieses Modell basierte, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verworfen worden war – blieb deshalb weiterhin wirkmächtig, weil es popularisiert wurde und durch diese Popularisierung noch die Praktiken späterer Paläontologen beeinflusste.118
Um Popularisierungseffekte humanbiologischer und evolutionstheoretischer Wissensbestände und deren Zirkulation in den sozialen Feldern Politik und Öffentlichkeit geht es auch in einem 2016 von Marianne Sommer veröffentlichten Buch mit dem Titel „History Within: The Science, Culture, and Politics of Bones, Organisms, and Molecules“. Das Buch gliedert sich in drei Teile, in denen die Autorin je einen spezifischen Akteur aus dem Feld der Lebenswissenschaften untersucht: Henry Fairfield Osborn (Geologie, Paläontologie, Eugenik), Julian Sorell Huxley (Biologie, Philosophie, Schriftstellerei) und Luigi Luca Cavalli-Sforza (Populationsgenetik). Am Beispiel dieser drei Akteure erzählt Sommer die Geschichte von Knochen, Organismen, Molekülen, die „in the process of scientifically reconstructing deeper human pasts and in academic and nonacademic perceptions“ eine entscheidende Rolle gespielt hatten.119 Sommer verfolgt die These, dass biologisch-materielle Artefakte und Fragmente als Basis für Entwürfe großer und wirkmächtiger Entwicklungsgeschichten der Menschheit dienten und dass diese Entwürfe nicht selten rassistisch-eurozentrisch und sozialtechnologisch unterlegt waren. Gerade weil solche Tendenzen der biosozialen Kategorisierung und der rassistischen Hierarchisierung bis in die heutige Zeit hinein bestehen und massive Effekte auf Identitäten von Menschengruppen haben, ist Sommers gut recherchiertes und dicht geschriebenes Buch ausgesprochen wichtig, und zwar über die engere Wissens- und Wissenschaftsgeschichte hinaus.120
Biohistorisch und paläoanthropologisch konstruierte Identitäten sind auch das Thema von Ellinor Schweighöfers Dissertation „Vom Neandertal nach Afrika“. Schweighöfer erzählt die Diskursgeschichte „der naturwissenschaftlichen Suche nach dem Ursprung der Menschen“, der, wie der Titel des Buchs suggeriert, zunächst im Neandertal gesehen und erst in jüngerer Zeit auf den afrikanischen Kontinent verlegt wurde.121 Wie Dawson und Sommer behandelt die Autorin nicht nur wissenschaftliche Debatten, sondern auch die Zirkulation paläoanthropologischen Wissens in den öffentlichen Medien.122 Und wie Dawson und Sommer kann Schweighöfer konzis darlegen, dass Konstruktionen des Ursprungs der Menschheit auf ein paar wenigen Artefakten urmenschlicher Knochen beruhten, was die Autorin insbesondere an der Suche nach dem schon von Charles Darwin thematisierten „missing link“ exemplifiziert.123
Ausblick
Zum Ende dieses Forschungsüberblicks sollen zwei Desiderata in der Wissenschaftshistoriografie und der Geschichtsschreibung des Wissens formuliert werden. Zum ersten wird die seit einigen Jahren auch in der Wissenschaftsgeschichte Einzug haltende globalhistorische Perspektive eine stärkere Fokussierung auf transkulturelle Zirkulations- und Übersetzungsprozesse verlangen. Damit ist die Forderung nach diesen Forschungsgegenständen adäquaten linguistisch-wissenssoziologischen Methoden verbunden, die womöglich durch eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftshistorikerinnen, Translationsforschern, Ethnologen und Kulturwissenschaftlerinnen entwickelt werden könnten. Darüber hinaus wäre an transkulturelle und multidisziplinäre Forschergruppen zu denken, etwa in Gestalt von multinationalen und mehrsprachigen Denkkollektiven. Zum zweiten ist festzuhalten, dass sich die Geschichte der Geistes- und Kulturwissenschaften, ansatzweise auch diejenige der Sozialwissenschaften, ihren theoretischen Perspektiven und methodischen Verfahren nach mitunter stark von der Geschichte der Naturwissenschaften unterscheidet. Noch neigen neuere Arbeiten aus der Geschichte der Geistes‑, Kultur- und Sozialwissenschaften dazu, Ansätze und methodische Herangehensweisen, wie etwa Ludwik Flecks „Denkkollektive“, die symmetrische Anthropologie der Akteur Netzwerk-Theorie Bruno Latours und anderer oder die Wissenschaftssoziologie des „Strong Programme“ um David Bloor, Barry Barnes und anderer, die allesamt an naturwissenschaftlichem Material entwickelt worden sind, für ihre Gegenstände zu übernehmen, ohne entsprechende Anpassungen und Übersetzungen vorzunehmen. Solche Anpassungsleistungen sind deshalb wichtig, weil sozialwissenschaftliche Gegenstände nun einmal nicht mit denen der Naturwissenschaften vergleichbar sind. Nebst theoretisch-methodischer Übersetzungsarbeit wäre darüber hinaus danach zu fragen, welche genuinen Methoden und theoretischen Analyseansätze aus dem geistes-, kultur- und sozialwissenschaftshistorischen Material heraus entwickelt werden können.
Notes
- Sarasin, Philipp: Was ist Wissensgeschichte? in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36 (2011), H. 1, S. 159–172. Vgl. auch Renn, Jürgen: From the History of Science to the History of Knowledge – and Back, in: Centaurus 57 (2015), S. 37–53. ⮭
- Timm, Albrecht: Einführung in die Wissenschaftsgeschichte, Fink, München 1973. ⮭
- Kragh, Helge: An Introduction to the Historiography of Science, Cambridge UP, Cambridge 1994. ⮭
- Serres, Michel (Hrsg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1998. ⮭
- Hagner, Michael (Hrsg.): Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2001. ⮭
- Sommer, Marianne/Müller-Wille, Staffan/Reinhardt, Carsten (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftsgeschichte, Metzler, Stuttgart 2017. ⮭
- Müller-Wille, Staffan/Reinhardt, Carsten/Sommer, Marianne: Wissenschaftsgeschichte und Wissensgeschichte, in: Sommer/Müller-Wille/Reinhardt (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftsgeschichte, S. 2–18, hier S. 4. ⮭
- Bauer, Susanne/Heinemann, Torsten/Lemke, Thomas (Hrsg.): Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven, Suhrkamp, Berlin 2017. Vgl. auch Belliger, Andréa/Krieger, David J. (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, transcript, Bielefeld 2006; Maasen, Sabine/Winterhager, Matthias (Hrsg.): Science Studies. Probing the Dynamics of Scientific Knowledge, transcript, Bielefeld 2001 sowie das von Mario Biagioli herausgegebene, mittlerweile klassisch gewordene Sammelwerk „The Science Studies Reader“. Siehe Biagioli, Mario (Hrsg.): The Science Studies Reader, Routledge, London/New York 1999. ⮭
- Beck, Stefan/Niewöhner, Jörg/Sørensen, Estrid: Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung, transcript, Bielefeld 2012. ⮭
- Felt, Ulrike u. a. (Hrsg.): The Handbook of Science and Technology Studies, The MIT Press, Cambridge, Mass./London 2017. ⮭
- Vgl. die mittlerweile klassische Studie von Shapin, Steven: The Scientific Revolution, Chicago UP, Chicago, IL 1996. ⮭
- Siehe Pickering, Andrew: The Mangle of Practice. Time, Agency, and Science, Chicago UP, Chicago, IL 1995; Pickering, Andrew/Guzik, Keith: The Mangle of Practice: Science, Society and Becoming, Duke UP, Durham, NC/London 2008. ⮭
- Breidbach, Olaf u. a.: Vorwort, in: dies. (Hrsg.): Experimentelle Wissenschaftsgeschichte (Laboratorium Aufklärung, Bd. 3), Fink, München/Paderborn 2010, S. 7–11, hier: S. 7. Auch ein neuerer Sammelband aus dem Jahr 2016 über „The Material Cultures of Enlightenment Arts and Sciences“ nimmt die Materialität wissenschaftlicher Objekte in der Frühen Neuzeit als wissenschaftshistorischer Gegenstand ins Blickfeld. Siehe Craciun, Adriana/Schaffer, Simon (Hrsg.): The Material Cultures of Enlightenment Arts and Sciences, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2016. ⮭
- Breidbach, Olaf u. a.: Experimentelle Wissenschaftsgeschichte, in: dies. (Hrsg.): Experimentelle Wissenschaftsgeschichte, S. 13–72, hier: S. 13. Vgl. ebd. S. 38–45, 60–63. ⮭
- So Stewart, Larry: Review of Golinski, Jan: The Experimental Self: Humphry Davy and the Making of a Man of Science, H-Albion, H‑Net Reviews. January, 2017. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=47730 (abgerufen am 25.07.2018); und Knight, David: Rezension zu Jan Golinski. The Experimental Self: Humphry Davy and the Making of a Man of Science, in: Ambix 63 (2016), H. 4, S. 350–351. ⮭
- Siehe dazu Daston, Lorraine/Galison, Peter: Objektivität. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Christa Krüger, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007. ⮭
- Golinski, Jan: The Experimental Self. Humphry Davy and the Making of a Man of Science, Chicago UP, Chicago, IL 2016, S. 1. ⮭
- Golinski: The Experimental Self, S. 3, 9, 12ff. ⮭
- Golinski: The Experimental Self, S. 11, 16, 48, 74–97. Allerdings hielt ihn dies nicht davon ab, seine emotionale Identität in der Person des Dandy zu suchen. ⮭
- Secord, Jim: Visions of Science. Books and Readers at the Dawn of the Victorian Age, Oxford UP, Oxford u. a. 2014, S. viii–ix, 1–23, 237. ⮭
- Vgl. Schaffer, Simon: Newton on the Beach. The Information Order of Principia Mathematica, in: History of Science 47 (2009), H. 3, S. 243–276. ⮭
- Siehe dazu Secord, Jim: Knowledge in Transit, in: Isis 95 (2004) H. 4, S. 654–672; Raj, Kapil: Relocating Modern Science. Circulation and the Construction of Knowledge in South Asia and Europa, 1650–1900, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2007. ⮭
- Horstmann, Anne-Kathrin: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen. Ein Beitrag zur ‚Dezentralisierung‘ der deutschen Kolonialwissenschaften (Afrika und Europa. Koloniale und Postkoloniale Begegnungen/Africa and Europe. Colonial and Postcolonial Encounters, Bd. 10), Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2015, S. 12, 120–140, 198–216, 247–263. ⮭
- Zitiert nach: Horstmann: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation, S. 232. ⮭
- Seemann, Markus: Rezension zu: Horstmann, Anne-Kathrin: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen. Ein Beitrag zur „Dezentralisierung“ der deutschen Kolonialwissenschaften, in: H‑Soz-Kult, 16.06.2016, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25579 (abgerufen am 31.07.2018). ⮭
- Horstmann: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation, S. 43f. ⮭
- Horstmann: Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation, S. 106. ⮭
- Steiner, Benjamin: Colberts Afrika. Eine Wissens- und Begegnungsgeschichte in Afrika im Zeitalter Ludwigs XIV., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2014, S. IX. ⮭
- Steiner: Colberts Afrika, S. 2f., 7, 429–439. ⮭
- Steiner: Colberts Afrika, 357–361. ⮭
- Arovona, Elena/Turchetti, Simone (Hrsg.): Science Studies during the Cold War and beyond. Paradigms Defected, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2016. Die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie nach dem Kalten Krieg behandeln die Beiträgerinnen und Beiträger in einem von Michael Hagner herausgegebenen Sammelband. Siehe Hagner, Michael: Wissenschaft und Demokratie (edition Unseld, Bd. 47), Suhrkamp, Berlin 2012. ⮭
- Richards, Robert J./Daston, Lorraine: Introduction, in: dies. (Hrsg.): Kuhn’s Structure of Scientific Revolutions at Fifty. Reflections on a Science Classic, Chicago UP, Chicago, IL 2016, S. 1–11. ⮭
- Fuller, Steve: Thomas Kuhn. A Philosophical History of Our Times, Chicago UP, Chicago, IL 2000. Siehe auch die Beiträge in einem Forum der Zeitschrift „Modern Intellectual History“ zum 50. Jahrestag des Erscheinens von Kuhns „Structure“. Siehe Gordon, Peter E.: Forum: Kuhn’s Structure at Fifty, in: Modern Intellectual History 9 (2012) H. 1, S. 73–76. ⮭
- Galison, Peter: Practice All the Way Down, in: Richards/Daston (Hrsg.): Kuhn’s Structure, S. 42–69. ⮭
- Reisch, George A.: Aristotle in the Cold War. On the Origins of Thomas Kuhn’s The Structure of Scientific Revolutions, in: Richards/Daston (Hrsg.): Kuhn’s Structure, S. 12–29, hier: S. 25ff. ⮭
- Nonn, Christoph: Theodor Schieder: Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 73), Droste, Düsseldorf 2013, S. 366. ⮭
- Nonn: Theodor Schieder, S. 2. ⮭
- Nonn: Theodor Schieder, S. 5. ⮭
- Schöttler, Peter: Rezension zu: Nonn, Christoph: Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2013, in: H‑Soz-Kult, 19.12.2013 www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21182 (abgerufen am 25.09.2018); Erwiderung auf Peter Schöttlers Rezension meiner Biografie über Theodor Schieder, von Christoph Nonn, in: H‑Soz-Kult, 14.01.2014 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-227 (abgerufen am 25.09.2018). ⮭
- Haar, Ingo: Geschönt statt schön ist diese Biografie eines Bürgers, in: Süddeutsche Zeitung vom 30.01.2014, S. 18. ⮭
- Schöttler: Rezension. ⮭
- Berg, Matthias: Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 88), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 11. Hervorhebungen im Original. Diesen Ansatz kritisiert Michael Pammer in seiner Rezension des Buchs: „Gerade bei dieser Fülle verschiedenartiger Quellen ist es eigenartig, dass Müller als Person wenig Kontur erhält. Man erfährt viel über seine Funktion, man liest viele seiner Eingaben, aber seine Persönlichkeit bleibt ungreifbar.“ Siehe Pammer, Michael: Rezension zu: Berg, Matthias: Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus. Göttingen 2014, in: H‑Soz-Kult, 30.10.2015, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22080 (abgerufen am 25.09.2018). ⮭
- Berg: Karl Alexander von Müller, S. 223. ⮭
- Berg: Karl Alexander von Müller, S. 459. ⮭
- Fahlbusch, Michael: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931–1945, Nomos, Baden-Baden 1999. ⮭
- Heinzel, Reto: Theodor Mayer. Ein Mittelalterhistoriker im Banne des „Volkstums“ 1920–1960, Schöningh, Paderborn 2016, S. 10. ⮭
- Heinzel: Theodor Mayer, S. 11. ⮭
- Heinzel: Theodor Mayer, S. 278. ⮭
- Schneider, Barbara: Erich Maschke. Im Beziehungsgeflecht von Politik und Geschichtswissenschaft (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 90), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016. ⮭
- Schneider: Erich Maschke, S. 27–47, 64–82. ⮭
- Schneider: Erich Maschke, S. 189–215. ⮭
- Schneider: Erich Maschke, S. 224. ⮭
- Hilger, Andreas: Rezension zu: Schneider, Barbara: Erich Maschke. Im Beziehungsgeflecht von Politik und Geschichtswissenschaft. Göttingen 2016, in: H‑Soz-Kult, 05.08.2016, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25728 (abgerufen am 25.09.2018). ⮭
- Lerner, Robert: Ernst Kantorowicz. A Life, Princeton UP, Princeton/Oxford 2017, S. 68–83. ⮭
- Lerner: Ernst Kantorowicz, S. 312–328. ⮭
- Vgl. Jay, Martin: The Dialectical Imagination. A History of the Frankfurt School and the Institute of Social Research, 1932–1950, California UP, Berkeley, CA u. a. 1996 [1973]. ⮭
- Raulff, Ulrich: Die Fakten und die Faten. Robert Lerners Leben des Historikers Ernst Kantorowicz, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 12 (2018), H. 3, S. 116–119, hier: S. 116. Hervorhebung im Original. ⮭
- Raulff: Die Fakten und die Faten, S. 116. ⮭
- Raulff: Die Fakten und die Faten, S. 117. ⮭
- Link, Fabian: Sozialwissenschaften im Kalten Krieg: Mathematisierung, Demokratisierung und Politikberatung, in: H‑Soz-Kult, 15.05.2018, www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-3095 (abgerufen am 24.09.2018). ⮭
- Lepenies, Wolf: Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft, Carl Hanser, München 1985; Schäfers, Bernhard: Sozialgeschichte der Soziologie. Die Entwicklung der soziologischen Theorie seit der Doppelrevolution, Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 15–24. ⮭
- Backhouse, Roger E./Fontaine, Philippe: Introduction, in: Dies. (Hrsg.), History of the Social Sciences since 1945, Cambridge UP, Cambridge 2010, S. 1–15, hier: S. 3ff. ⮭
- Porter, Theodore M./Ross, Dorothy (Hrsg.): The Cambridge History of Science, Bd. 7: The Modern Social Sciences, Cambridge UP, Cambridge 2008. Eine nochmals andere Definition findet sich in Solovey, Mark: Cold War Social Science. Specter, Reality, or Useful Concept?, in: Ders./Cravens, Hamilton (Hrsg.): Cold War Social Science. Knowledge Production, Liberal Democracy, and Human Nature, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2012, S. 1–22, hier: S. 6f. ⮭
- Pinwinkler, Alexander: Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert, Wallstein, Göttingen 2014, S. 10. ⮭
- Pinwinkler: Historische Bevölkerungsforschungen, S. 11. ⮭
- Pinwinkler: Historische Bevölkerungsforschungen, S. 303. Weitere Erwähnungen Ammanns finden sich auf S. 308, 317, 322f., 391. ⮭
- Pinwinkler: Historische Bevölkerungsforschungen, S. 391. ⮭
- Hartmann, Heinrich: Rezension zu: Pinwinkler, Alexander: Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert. Göttingen 2014, in: H‑Soz-Kult, 06.10.2014, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21932 (abgerufen am 27.09.2018). ⮭
- Hartmann: Rezension. ⮭
- Brückweh, Kerstin: Menschen zählen. Wissensproduktion durch britische Volkszählungen und Umfragen vom 19. Jahrhundert bis ins digitale Zeitalter (Veröffentlichungen des German Historical Institute London, Bd. 76), De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2015, S. 8. ⮭
- Brückweh: Menschen zählen, S. 319. ⮭
- Vgl. Aschheim, Steven E.: At the Edges of Liberalism. Junctions of European, German, and Jewish History, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2012. ⮭
- Keller, Marion: Pionierinnen der empirischen Sozialforschung im Wilhelminischen Kaiserreich (Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, Bd. 8), Steiner, Stuttgart 2018, S. 8. ⮭
- Keller: Pionierinnen der empirischen Sozialforschung, S. 10–21. ⮭
- Keller: Pionierinnen der empirischen Sozialforschung, S. 355. ⮭
- Vgl. dazu Hughes, Jeff A.: The Manhattan Project. Big Science and the Atom Bomb, Columbia UP, New York 2002. ⮭
- Kahlert, Torsten: „Unternehmungen großen Stils“. Wissenschaftsorganisation, Objektivität und Historismus im 19. Jahrhundert, be.bra, Berlin 2017, S. 9–39. ⮭
- Kahlert: „Unternehmungen großen Stils“, S. 14. Vgl. ebd., S. 321f. ⮭
- Daston, Lorraine (Hrsg.): Science in the Archives. Pasts, Presents, Futures, Chicago UP, Chicago, IL 2017. ⮭
- Daston, Lorraine: Introduction: Third Nature, in: dies. (Hrsg.): Science in the Archives, S. 1–14, hier: S. 5. ⮭
- Vgl. te Heesen, Anke: Theorien des Museums. Zur Einführung, 3. Aufl., Junius, Hamburg 2015; te Heesen, Anke/Vöhringer, Margarete (Hrsg.): Wissenschaft im Museum, Ausstellung im Labor (LiteraturForschung, Bd. 20), Kadmos, Berlin 2014; te Heesen, Anke/Spary, Emma C. (Hrsg.): Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, 2. Aufl., Wallstein, Göttingen 2003. ⮭
- Nikolow, Sybilla (Hrsg.): Erkenne Dich selbst! Strategien der Sichtbarmachung des Körpers im 20. Jahrhundert (Schriftenreihe des Deutschen Hygiene-Museums, Bd. 11), Böhlau, Köln u. a. 2015. ⮭
- Nikolow, Sybilla: „Wissenschaftliches Stillleben“ des Körpers im 20. Jahrhundert, in: dies. (Hrsg.): Erkenne Dich selbst!, S. 11–43, hier: S. 23f., 31f. ⮭
- Nikolow: „Wissenschaftliches Stillleben“, S. 22. ⮭
- Müggenburg, Jan: Lebhafte Artefakte. Heinz von Foerster und die Maschinen des Biological Computer Laboratory, Konstanz UP, Konstanz 2018; Bauer, Julian: Zellen, Wellen, Systeme. Eine Genealogie systemischen Denkens, 1880–1980 (Historische Wissensforschung, Bd. 5), Mohr Siebeck, Tübingen 2016. Müggenburgs Buch ist in der Fachwelt ausgesprochen positiv besprochen worden. Siehe z. B. Hof, Barbara E.: Rezension zu: Müggenburg, Jan: Lebhafte Artefakte. Heinz von Foerster und die Maschinen des Biological Computer Laboratory, Konstanz 2018, in: H‑Soz-Kult, 23.08.2018 www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28903 (abgerufen am 19.09.2018). ⮭
- Müggenburg: Lebhafte Artefakte, S. 16–20. ⮭
- Müggenburg: Lebhafte Artefakte, S. 18f. ⮭
- Müggenburg: Lebhafte Artefakte, S. 12f. ⮭
- Bauer: Zellen, Wellen, Systeme, S. 3. ⮭
- Bauer: Zellen, Wellen, Systeme, S. 4, Hervorhebung im Original. ⮭
- Bauer: Zellen, Wellen, Systeme, S. 294f. ⮭
- Bauer: Zellen, Wellen, Systeme, S. 295. ⮭
- https://www.mohrsiebeck.com/schriftenreihe/historische-wissensforschung-hwf (abgerufen am 20.09.2018). ⮭
- Tanner, Ariane: Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert (Historische Wissensforschung, Bd. 8), Mohr Siebeck, Tübingen 2017, 4, S. 271–283. ⮭
- Newald, Elizabeth: Rezension zu: Ariane Tanner, Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 41 (2018), H. 3, S. 307f.; Ash, Mitchell G.: Rezension zu: Tanner, Ariane: Die Mathematisierung des Lebens. Alfred James Lotka und der energetische Holismus im 20. Jahrhundert. Tübingen 2017, in: H‑Soz-Kult, 19.04.2018, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25911 (abgerufen am 20.09.2018). ⮭
- Tanner: Die Mathematisierung des Lebens, S. 31–74. ⮭
- Gafner, Lina: Schreibarbeit. Die alltägliche Wissenspraxis eines Bieler Arztes im 19. Jahrhundert (Historische Wissensforschung, Bd. 7), Mohr Siebeck, Tübingen 2016. ⮭
- Hoffmann, Christoph (Hrsg.): Daten sichern. Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung (Wissen im Entwurf, Bd. 1), diaphanes, Zürich 2008; Wittmann, Barbara (Hrsg.): Spuren erzeugen. Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Selbstaufzeichnung (Wissen im Entwurf, Bd. 2), diaphanes, Zürich/Berlin 2009; Krauthausen, Karin/Nasim, Omar W. (Hrsg.): Notieren, Skizzieren. Schreiben und Zeichnen als Verfahren des Entwurfs (Wissen im Entwurf, Bd. 3), diaphanes, Zürich/Berlin 2010; Voorhoeve, Jutta (Hrsg.): Welten schaffen. Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Konstruktion (Wissen im Entwurf, Bd. 4), diaphanes, Zürich/Berlin 2011. Speziell für die Medizingeschichte kann das derzeit an der Berliner Charité laufende Projekt der ERC-Forschungsgruppe „Ways of Writing. How Physicians Know 1550–1950“ unter der Leitung von Volker Hess angeführt werden. Siehe https://medizingeschichte.charite.de/forschung/papertechnology/ (abgerufen am 20.09.2018). ⮭
- Gafner: Schreibarbeit, S. 1. ⮭
- Gafner: Schreibarbeit, S. 6. ⮭
- Gafner: Schreibarbeit, S. 7f. ⮭
- Vgl. Gafner: Schreibarbeit, S. 251–255. ⮭
- Zedelmaier, Helmut: Werkstätten des Wissens zwischen Renaissance und Aufklärung (Historische Wissensforschung, Bd. 3), Mohr Siebeck, Tübingen 2015, S. 2. ⮭
- Jaumann, Herbert: Rezension zu: Helmut Zedelmaier: Werkstätten des Wissens zwischen Renaissance und Aufklärung, in: Sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 (abgerufen am 21.09.2018). ⮭
- Zedelmaier: Werkstätten des Wissens, 11–16, 63–74. ⮭
- Vgl. z. B. Schleking, Florian: Rezension zu: Tornay, Magaly: Zugriffe auf das Ich. Psychoaktive Stoffe und Personenkonzepte in der Schweiz, 1945 bis 1980. Tübingen 2016, in: H‑Soz-Kult, 18.04.2017, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26578 (abgerufen am 24.09.2018). ⮭
- Tornay, Magaly: Zugriffe auf das Ich. Psychoaktive Stoffe und Personenkonzepte in der Schweiz, 1945 bis 1980 (Historische Wissensforschung, Bd. 4), Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 2. Besonders die „Geschwindigkeit der Entwicklungen und Erfolgsmeldungen mit Chlorpromazin aus den Kliniken veranlasste“ einige Psychiater dazu, „zu Revolutionsbegriffen zu greifen“. Vgl. ebd., S. 87. ⮭
- Tornay: Zugriffe auf das Ich, S. 3, 4. ⮭
- Tornay: Zugriffe auf das Ich, S. 18–21. ⮭
- Tornay: Zugriffe auf das Ich, S. 3–10. ⮭
- Tornay: Zugriffe auf das Ich, S. 6. ⮭
- Etwa Tornay: Zugriffe auf das Ich, S. 163. ⮭
- Ladewig, Rebekka: Schwindel. Eine Epistemologie der Orientierung (Historische Wissensforschung, Bd. 6), Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 2. ⮭
- Ladewig: Schwindel, S. 6. ⮭
- Ladewig: Schwindel, S. 7f. ⮭
- Ladewig: Schwindel, S. 11. ⮭
- Dawson, Gowan: Show Me the Bone. Reconstructing Prehistoric Monsters in Nineteenth-Century Britain and America, Chicago UP, Chicago, IL 2016, S. 3. ⮭
- Dawson: Show Me the Bone, S. 211–300. ⮭
- Sommer, Marianne: History Within: The Science, Culture, and Politics of Bones, Organisms, and Molecules, Chicago UP, Chicago, IL 2016, S. 1. ⮭
- Das sieht auch der Rezensent Chris Renwick so. Siehe Renwick, Chris: Review: Marianne Sommer, History Within: The Science, Culture, and Politics of Bones, Organisms, and Molecules, Chicago UP, Chicago, IL 2016, in: History of the Human Siences vom 22.03.2017 (http://www.histhum.com/book-review-history-within-the-science-culture-and-politics-of-bones-organisms-and-molecules/, abgerufen am 27.09.2018). ⮭
- Schweighöfer, Ellinor: Vom Neandertal nach Afrika. Der Streit um den Ursprung der Menschheit im 19. und 20. Jahrhundert (Geschichte der Gegenwart, Bd. 17), Wallstein, Göttingen 2018, S. 7. ⮭
- Schweighöfer: Vom Neandertal nach Afrika, S. 16f. ⮭
- Schweighöfer: Vom Neandertal nach Afrika, S. 371. ⮭