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Einzelrezension

Prause, Andrea: Catwalk wider den Sozialismus. Die alternative Modeszene der DDR in den 1980er Jahren, 500 S., be.bra, Berlin 2018.


Keywords: Review, Prause, Andrea, 2018, DDR, Mode, Diktatur, Kultur

How to Cite:

Fuhg, F., (2019) “Prause, Andrea: Catwalk wider den Sozialismus. Die alternative Modeszene der DDR in den 1980er Jahren, 500 S., be.bra, Berlin 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00206-0

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-12-19

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Noch heute prägt der Gegensatz von künstlerischer Freiheit und staatlicher Kontrolle und Reglementierung der Künste das Verständnis der deutsch-deutschen Geschichte. Jüngere kulturgeschichtliche Forschungen zeigen, dass sich im Osten Kultur abseits der Puhdys formierte. „Catwalk wider den Sozialismus“ knüpft daran an und untersucht das Wirken alternativer Modeschöpfer in der DDR der 1980er Jahre. Andrea Prause widmet sich dem Schaffungsprozess, der Herausbildung von Netzwerken und Vertriebswegen, aber auch der Präsentationsformen und Inszenierungsstrategien. Sie konzentriert sich auf die Modeszene und grenzt sich so von veröffentlichten Studien zur DDR-Subkulturgeschichte ab. Die Autorin ist sich jedoch auch der Wechselwirkungen bewusst und hebt hervor, dass die Orte der alternativen Modeszene ebenso von anderen Kulturschaffenden besucht wurden und die alternative Modeszene an der Überwindung von Grenzen zwischen den Kunstfeldern beteiligt war.

Da das Buch sowohl thematisch als auch chronologisch gegliedert ist, setzt die Autorin gewinnbringend für die jeweils in Kapitel unterteilten Zeitabschnitte epochenprägende Schwerpunkte. Prause identifiziert historische Brüche, so beispielsweise die neu gewonnene Selbstsicherheit gegenüber den Staatsorganen ab der Mitte der 1980er Jahre. Auch geht das Buch über die Zeitspanne der DDR hinaus und fragt treffenderweise nach dem Wirken und dem Einfluss der alternativen Modeszene auf die Sturm-und-Drang-Zeit nach der Wende. Dem chronologischen Hauptteil ist eine historische Kontextualisierung vorangestellt, die auch eine Vorstellung der zentralen Akteure umschließt und deren Wirken in den Kontext der Beziehung zwischen subkulturellen Welten und Diktatur stellt. Fraglich erscheint, ob eine Exklusion des historischen Kontextes und eine Rückbindung an die übergeordneten Fragestellungen in den Kapiteln sinnvoll sind. So wirkt an einigen Stellen die ethnografische Feldforschung in den Folgekapiteln partiell isoliert von den im Eingangskapitel skizzierten Problem- und Fragestellungen. Auch sind die Teilkapitel zu stark fragmentiert und schlagen selten eine direkte Brücke in das Folgekapitel. Dadurch schafft es die Autorin nicht durchweg, dem Leser ihre Gedanken nachvollziehbar offenzulegen. Kurze Kapitelzusammenfassungen und Rückbindungen an den Leitfaden hätten hier Abhilfe verschaffen können.

Inhaltlich richtet Prause ihr Hauptaugenmerk auf den kulturellen Bewegungsspielraum innerhalb des DDR-Alltags und verzichtet auf Bezüge zu Alf Lüdtkes Konzept von „Eigen-Sinn“, dessen Mehrwert für die DDR-Geschichte Thomas Lindenberger umfassend dargestellt hat. Treffend hebt die Autorin hingegen hervor, dass die alternative Modeszene keineswegs auf den Prenzlauer Berg beschränkt war. Damit setzt das Buch wichtige Impulse gegen eine metropolenzentrische Geschichtsschreibung und steht in Tradition mit neueren Arbeiten zur ländlichen Subkulturgeschichte. Vor allem ist Prause daran interessiert, die Szenenformierung und Gruppendynamik von Modeschaffenden zu analysieren, die in einem autoritären Regime zwar nicht durchweg verboten und verfolgt, aber zumindest marginalisiert wurden. Da sich Modeschaffende in Nischen der Gesellschaft zurückzogen, arbeitet sie mit dem Subkulturbegriff und analysiert Wechselwirkungen zwischen Sub- und Hegemonialkultur. Die Studie deckt auf, dass die alternative Mode Teil eines subversiven und subkulturellen Zeichensystems war, das mit der Hegemonie des Staates und der Gesellschaft korrespondierte und gleichzeitig Identifikationsmöglichkeiten und Sinnstiftungsmomente schuf. In einigen Abschnitten tritt die Problematik einer Gegensätzlichkeit von Sub- und Hegemonialkultur zum Vorschein, verkörperte die alternative Modeszene zwar die Rebellion von Individualisierung in der DDR, folgte dabei jedoch auch dem Zeitgeist des Kapitalismus. Als Problem erweist sich, dass Begriffe wie Hegemonialkultur weder empirisch noch theoretisch durchweg erläutert werden und was sie mit Blick auf die Untersuchungsmomente spezifisch aussagen. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, wie die Theorie der Subkultur theoretisch von der Untersuchung der alternativen Modeszene in der DDR profitieren kann.

Mithilfe von Oral-History-Interviews erschließt Prause die alternative Modeszene hermeneutisch und ist sich auch den Problemen und Herausforderungen einer solchen Methodik bewusst. Vor allem birgt die biografische Herangehensweise die Gefahr, dass die Beschreibungen der Einzelakteure zu detailliert sind. Zugleich schafft es die Autorin, diese Tiefe in eine Stärke des Buches umzuwandeln, wenn sie beispielsweise die politische und kulturelle Haltung der Akteure aus dem Familienkontext heraus deutet. Die Ausführungen sind dort spannend, wo sie die Rebellion der Akteure nicht als politische Haltung beschreibt, sondern als Antwort auf den Umgang des Staates mit deren Schaffen interpretiert und deutlich macht, dass viele der Protagonisten kein Interesse an der Konfrontation hatten. Überzeugend bindet das Buch auch das Schaffen der alternativen Modeszene an sozioökonomische Umstände zurück, wenn zum Beispiel die Mangelwirtschaft mit dem Stellenwert von Kreativität und Handwerksgeschick in Beziehung gesetzt wird.

Insgesamt gelingt es Prause, ein Standardwerk zur Geschichte der alternativen Modeszene in der DDR in den 1980er Jahren zu verfassen. Dabei überzeugt das Buch vor allem in seiner Komplexität und Detailliertheit. Auch wenn an einzelnen Stellen die Verzahnung von Theorie und Empirie sowie eine historische Einordnung nicht durchweg gelingen (und das Buch dadurch ein wenig das Potenzial verschenkt, von Historikern rezipiert zu werden), schafft es die Autorin nicht nur mit ihren umfangreichen Kenntnissen auf den Gebieten der jüngeren Kulturgeschichte der DDR, neue Einblicke in die Kulturszene abseits des Staates zu generieren. Vor allem liefert Prause alternative Ansätze, Devianz und Widerstand nicht aus einer durchweg politisierten und bewussten Haltung, sondern aus dem Alltag und der Erfahrung von Repression herzuleiten.