Thomas Hobbes’ politische Schriften gaben seit jeher Anlass zu kontroverser Deutung. Er gehört fraglos zu den wichtigsten und unbequemsten politischen Denkern. Die Studie von David Boucher untersucht an einigen Fallbeispielen, wie und warum Hobbes’ politische Philosophie aufgenommen wurde. Die von Boucher vorgetragene Analyse weist ihn als einen zumeist umsichtigen Interpreten von Hobbes aus. Aber über Hobbes und sein Werk erfährt man hier kaum Neues, denn das Ziel der Studie liegt darin, den Aneignungsprozess zu verstehen, der häufig auch zu Ummünzungen Hobbes’scher Positionen führte.
Das Buch gliedert sich in acht Kapitel. Das einleitende, nicht nummerierte Kapitel („Introduction: Appropriating Hobbes in Context“) resümiert in einer knappen Skizze die wesentlichen Gesichtspunkte von Hobbes’ politischem Denken im Hinblick auf die unterschiedlichen methodologischen Interpretationsansätze. Das erste Kapitel untersucht die „Philosophical Idealists“ und ihre Rezeption von Hobbes. Sehr knapp werden einige bekannte Bezüge auf Hobbes von Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel skizziert, bevor dann auf vier weniger bekanntere englische Autoren (den Hegelianer und Begründer des englischen Idealismus Thomas H. Green, sowie David G. Ritchie, Bernard Bosanquet und Robin G. Collingwood) eingegangen wird. Das zweite Kapitel untersucht die unterschiedlichen Interpretationsansätze von Quentin Skinner und Michael Oakeshott. Letzterer wird erneut Gegenstand der Untersuchung im dritten Kapitel, diesmal im Kontrast zu Carl Schmitt und seiner Hobbesinterpretation. In Kapitel 4 werden einige Überblicksdarstellungen zum internationalen Recht und der politischen Ideengeschichte, etwa von James L. Brierly, Robert Blakey, Henry Hallam oder Dugald Stewart, sowie einige der klassischen Naturrechtslehrer (etwa Hugo Grotius oder Samuel Pufendorf) und ihr Verhältnis zu Hobbes kurz skizziert. Das fünfte Kapitel widmet sich „Hobbes among the Legal Positivists“, während das sechste Kapitel „Hobbes among International Relations Thinkers“ untersucht. Das letzte ebenfalls nicht nummerierte Kapitel ist eine knappe „Conclusion“. Ein Literaturverzeichnis fehlt leider, wäre aber gerade bei dem Versuch, die verschiedenen Aneignungsprozesse von Hobbes’ politischem Denken nachzuvollziehen, sehr hilfreich gewesen. Störend sind zuweilen wörtliche Wiederholungen ganzer Sätze (vgl. z. B. S. 22, 82 und erneut 88; oder S. 148 und 154) – insbesondere gilt dies für die „Conclusion“. Man hätte sich hier etwas mehr Sorgfalt gewünscht.
Bouchers zumeist aufschlussreiche und detailreiche Interpretation ist zu begrüßen, zuweilen hat man allerdings den Eindruck, dass die Struktur und Auswahl dieser einzelnen Themen/Kapitel etwas willkürlich sind. Man vermisst Kriterien, nach denen Boucher entschied, welche Autoren und Texte für seine Untersuchung bedeutsam waren. Neben Hobbes dienen ihm vor allem Collingwood und Oakeshott als Rückgrat seiner Untersuchung. Man erwartet hier vergeblich eine Studie, die die komplizierte Rezeptionsgeschichte von Hobbes’ politischem Denken systematisch aufarbeitet. Diesen Anspruch erhebt Boucher auch gar nicht (vgl. S. 220). Vielmehr hat man es hier mit mehr oder weniger interessanten Fallstudien zu tun, die sich fast ausnahmslos auf die englische Entwicklung der politischen Ideengeschichte beziehen, deren Auswahl aber nicht transparent ist. Auf ähnliche Entwicklungen und Fallbeispiele, wie sie beispielsweise in Deutschland im 18. Jahrhundert mit der historia literaria, im 19. Jahrhundert dann etwa mit Otto von Gierke oder, für den französischen Sprachraum, mit dem Belgier Ernest Nys gegeben sind, wird nicht eingegangen, obwohl diese Entwicklungen einen nachhaltigen Einfluss in England und insbesondere in Schottland ausübten (siehe auch Fußnote 62, S. 140). Wer die Aufsätze von Boucher kennt, sieht mühelos, wodurch das Auswahlkriterium begründet wurde. Es spräche nichts dagegen, dies dem Leser etwas offener mitzuteilen (vgl. Fußnote 3, S. 128 und Fußnote 1, S. 186).
Auch in einigen Detailfragen wäre gelegentlich ein bedachtsameres Vorgehen wünschenswert gewesen. So zum Beispiel, wenn Boucher zu Beginn kurz auf die künstliche Errichtung des Staates durch die Menschen eingeht. Der Staat werde mit dem Ziel geschaffen, Schutz und Sicherheit zu gewährleisten und die menschlichen Leidenschaften wie Furcht oder Stolz zu zügeln. Die Gründung eines Staates sei nicht voraussetzungslos. Die Vernunft des Menschen sei zwar eine zentrale Vorbedingung, reiche aber allein noch nicht aus. Das Sprachvermögen der Menschen, das auch nicht naturgegeben, sondern eine künstliche Vereinbarung und Schöpfung der Menschen sei, bilde für Hobbes eine weitere bedeutende Vorbedingung. Boucher hebt diesen Zusammenhang hervor (vgl. S. 41), ohne doch die ganze Bedeutung, die Hobbes dem menschlichen Sprachvermögen beigemessen hat, zu erfassen.
In seiner Schrift „De Homine“ (Vom Menschen) hat Hobbes betont, die größte Wohltat der Sprache sei, dass „wir befehlen und Befehle verstehen können. Denn ohne diese gäbe es keine Gemeinschaft zwischen den Menschen, keinen Frieden und folglich auch keine Zucht, sondern erstens Wildheit, zweitens Einsamkeit“ (Vom Menschen, S. 17). Die Menschen sind durch ihr künstlich entwickeltes Sprachvermögen in der Lage, ihrem Willen Ausdruck zu geben und von anderen entsprechend verstanden zu werden. Umgekehrt können sie auch den Willen anderer verstehen und entsprechend darauf reagieren. Der Sprache verdanken wir daher laut Hobbes, dass wir „gesellig und in Verträgen geeint, sorglos, glücklich und behaglich leben – oder doch leben können, wenn wir wollen“ (Vom Menschen, S. 17). Dieses bekannte Argument wird auch von Boucher kurz referiert (vgl. S. 83).
Für Hobbes ist das Sprachvermögen aber ambivalent, denn durch die Sprache ist es den Menschen auch möglich, andere zu täuschen. Umgekehrt kann er natürlich auch von anderen getäuscht werden. Lügen, Irrtümer und falsche Regeln können somit das Miteinander gefährden. Man muss die ambivalente Funktion der Sprache, wie sie Hobbes vor allem in „De Cive“ (Vom Bürger), „Leviathan“ und „De Homine“ entwickelt, bei der Erörterung seines Naturzustandes und seiner Idee der künstlich durch Vertrag zu schaffenden Staatsgründung mit berücksichtigen. Nur so werden die Voraussetzungen seiner Verpflichtungs- und Souveränitätstheorie verständlich. Hobbes wollte aufzeigen, welches die Bedingungen für Frieden und eine gesicherte Ordnung sind. Das konnte für ihn nur erreicht werden, wenn der entscheidende Grund für die in der Gesellschaft virulenten Konflikte beseitigt wird. Aufruhr war bereits durch das ambivalente Sprachvermögen der Menschen potenziell immer präsent. Denn „die Zunge des Menschen ist […] gleichsam die Trompete des Krieges und des Aufruhrs“ (Vom Bürger, S. 127). Der Souverän muss deshalb regulierend in den öffentlichen Disput eingreifen, um diesen zu verhindern und damit Frieden und Sicherheit zu ermöglichen. Diese Aspekte werden von Boucher nicht erwähnt. Seine Analyse übersieht damit wesentliche Gesichtspunkte von Hobbes’ Diskussion.
Damit vergibt er zugleich die Möglichkeit, diese für die Untersuchung der verschiedenen Interpretationen von Hobbes heranzuziehen. Das hätte insbesondere einem besseren Verständnis von Skinners Kontextualisierung (Kap. 3) der Hobbes’schen Lehre als ideologische Intervention (vgl. S. 57 ff.), aber auch von Schmitts und Oakeshotts Aneignungsprojekten von Hobbes (Kap. 4) dienen können.
Ein anderer Punkt, der in Bouchers Interpretation mehr Umsicht verlangt hätte, betrifft die Diskussion des Gesellschaftsvertrages. Wenn Boucher etwas lapidar behauptet, Oakshott habe (vgl. dagegen dann allerdings auch S. 116) wie Schmitt „the idea that legitimacy of government derives from contract“ (S. 99) zurückgewiesen, dann würde man doch hier eine Erörterung erwarten, wie sich diese Position mit Hobbes’ Überlegungen zum staatsbegründenden Vertrag verhält. Erst in der kurzen Konklusion des Kapitels geht Boucher mit einem einzigen Satz auf diese bedeutende Thematik ein: „The most striking point of convergence between Schmitt and Oakeshott is their obfuscation of Hobbes’s account of the legitimacy and authority of Leviathan emanating from a contract“ (S. 124). Hier zeigt sich vor allem, dass die Aneignungsprozesse, oder gar Instrumentalisierungen von Hobbes’ politischem Denken, häufig dann besonders vielsagend sind, wenn es sich um stillschweigende Unterschlagungen, wie in diesem Falle von Oakeshott und Schmitt, handelt. Dies wird auch im vierten Kapitel thematisiert, in dem der Autor scharf, aber zutreffend feststellt, dass die „reputation he [Hobbes] has acquired among many modern writers as an arch realist in international theory is in fact an aberration, a modern construction which illustrates […] that Hobbes becomes in different contexts exactly what we want him to be“ (S. 128, vgl. auch S. 187). Derartige Interpretationen seien lediglich Karikaturen von Hobbes und seinen Argumenten (vgl. S. 219). Mit diesen Überlegungen lässt sich vielleicht am treffendsten die eindringliche Warnung dieser sachkundigen Studie zusammenfassen. Es ist durchaus gewinnbringend und erhellend, über den zuweilen absurden und zumeist nicht interesselosen Umgang mit Hobbes’ politischer Philosophie nachzudenken.