Als Kanzler der ‚neuen Ostpolitik‘ ist Willy Brandt im kollektiven Gedächtnis verankert. Dass sich mit seiner politischen Tätigkeit weit mehr verbindet, zeigt der vorliegende, von Bernd Rother und Klaus Larres herausgegebene Sammelband, der Brandts Wirken nach dem Rücktritt vom Regierungsamt gewidmet ist. Auch für den Vorsitzenden der SPD blieben internationale Fragen vorrangig auf der Agenda. Dazu zählte das Voranbringen des Demokratisierungsprozesses in Portugal und Spanien, an dem lateinamerikanische Mitstreiter Interesse bekundeten. An der Spitze der Sozialistischen Internationale (SI) seit Ende 1976 wurden Frieden und soziale Gerechtigkeit in weltweiter Perspektive zu Kernthemen Brandts. Der Einsatz für die Stärkung Europas und für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung, die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss und schließlich das Wirken in Lateinamerika aber sorgten für erhebliche Reibungsflächen mit den USA. Diesem Spannungsfeld – als einem wesentlichen Aspekt des weltpolitischen Engagements des Friedensnobelpreisträgers – war 2016 eine Konferenz gewidmet, deren Ergebnisse in englischer Sprache präsentiert und von der internationalen Forschung sicher mit Gewinn rezipiert werden.
Im ersten Teil befassen sich Judith Michel und Scott Krause mit den Grundlagen des Verhältnisses zum amerikanischen Bündnispartner. Die Situation in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg und das dortige amerikanische Engagement schufen nicht nur die Basis für das persönliche transatlantische Netzwerk Brandts, sondern machten aus dem jungen SPD-Politiker und späteren Regierenden Bürgermeister einen überzeugten Verfechter der Westbindung. Loyalität zum Bündnispartner und das Vertrauen auf ein gemeinsames Wertefundament bedeuteten indes keineswegs uneingeschränkte Zustimmung zu Washingtons außenpolitischem Handeln oder gar den Verzicht auf eigenständige Positionen. Umgekehrt wurde Brandts Ostpolitik aus Washington zunächst skeptisch beäugt, aber letztlich als Baustein auch zur amerikanischen Entspannungspolitik akzeptiert und unterstützt, ehe seit Anfang der 1970er Jahre die außenpolitischen Konzepte zunehmend auseinanderdrifteten.
Einen spannenden Blick auf Brandt und seinen Nachfolger Helmut Schmidt wirft Mathias Haeussler. Er zeigt, dass die Haltung der beiden „political giants of postwar Germany“ (S. 51) gegenüber den USA ungeachtet ihres offenen Bruchs am NATO-Doppelbeschluss so unterschiedlich nicht war: Beide waren überzeugte Atlantiker und Verfechter der Entspannungspolitik; die Differenzen erwuchsen aus dem jeweiligen Politikansatz, der bei Schmidt stark wirtschafts- und dezidiert sicherheitspolitisch geprägt war. Für ihn als Regierungschef waren die aus dem Ost-West-Konflikt erwachsenden Sicherheitsrisiken für die Bundesrepublik vorrangig, während Brandts Sicht der Dinge eher durch die Tätigkeit in Partei, Sozialistischer Internationale und Nord-Süd-Kommission geprägt war.
Auch diese Tätigkeit – von Brandt auf Initiative des Weltbank-Präsidenten und früheren US-Verteidigungsministers Robert McNamara hin übernommen – entfremdete den ‚elder statesman‘ zunehmend von amerikanischen Entscheidungsträgern. Zwar war die Identifizierung von Armut und Hunger, Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung als den globalen Herausforderungen für die Zukunft unbestritten; Brandts Forderung nach deutlichen Mehrleistungen der Industriestaaten zugunsten der ,Dritten Welt‘ fanden aber in Zeiten neuer politischer und wirtschaftlicher Krisen keine positive Resonanz. Dass Frieden und die Zukunft aller einer gerechteren Weltordnung bedürften, wurde zwar anerkannt, in der Systemkonfrontation zwischen Ost und West aber nicht als vorrangig begriffen. Brandt blieb, wie Wolfgang Schmidt seinen Beitrag überschreibt, „A Prophet Unheard“. Die von ihm aufgeworfenen Fragen haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.
Mit den europapolitischen Vorstellungen und ihrer Rezeption in den USA beschäftigen sich die vier Beiträge des zweiten Teils. Harold Mock skizziert das Eintreten des Außenministers und Regierungschefs für ein stärkeres Zusammenwirken Europas bei der Lösung seiner wirtschaftlichen, politischen und Sicherheitsprobleme, wobei die Umsetzung der Vorstellungen in die Praxis vielleicht ein wenig zu kurz kommt. Nikolas Dörr, Jan Hansen und Oliver Bange zeigen, wie fremd Brandts pragmatisches Denken – hier Europa betreffende Fragen – den wechselnden US-Regierungen war. Der nicht erst als SI-Vorsitzender von Brandt gepflegte Umgang mit dem Eurokommunismus blieb für Washington unverständlich, ebenso, dass ein bekennender Befürworter der transatlantischen Allianz Gegner der Nachrüstung in Europa sein konnte. Unbegreiflich blieb einem der Politik der Stärke gegenüber der UdSSR verhafteten Politiker wie Ronald Reagan – zumindest in Zeiten vor Michail Sergejewitsch Gorbatschow – auch das Eintreten für Rüstungsbegrenzungen und blockübergreifende Sicherheitsstrukturen in Europa.
Abschließend widmen sich Fernando Pedrosa, Ana Fonseca und Bernd Rother einem recht jungen Feld der Willy-Brandt-Forschung: der Tätigkeit in Lateinamerika. Mit ihr betrat Brandt Neuland. Erste Kontakte entstanden 1975/76 im Zusammenhang mit den erfolgreichen Systemwechseln in Portugal und Spanien. Den Erfolgen des von ihm vorangetriebenen Engagements der Sozialistischen Internationale in Lateinamerika standen Schwierigkeiten gegenüber, die etwa durch unterschiedliche wirtschaftspolitische Vorstellungen oder den Umgang mit den politischen Entwicklungen auf dem amerikanischen Kontinent bedingt waren. Auf der Suche nach Alternativen zum kubanischen Modell, aber auch größerer Unabhängigkeit vom US-amerikanischen politischen und wirtschaftlichen Einfluss suchten lateinamerikanische Politiker den Kontakt mit europäischen Partnern, die erfolgreich Wirtschaftswachstum und soziale Entwicklung kombiniert hatten. Als hilfreich bei der Netzwerkbildung der politischen Führer aus Europa und Lateinamerika erwiesen sich der gemeinsame Erfahrungshintergrund von Exil und Kampf gegen Diktaturen (Pedrosa), die Fähigkeit von SPD und Friedrich-Ebert-Stiftung zum Einsatz erheblicher finanzieller und politischer Mittel (Fonseca) und schließlich gemeinsame Themen wie Förderung der Demokratie, Schutz der Menschenrechte und der Umwelt. Dies ging durchaus mit Überlegungen der Carter-Administration konform; jedoch betrachtete Washington den wachsenden Einfluss der SI in der als amerikanisches Interessensgebiet begriffenen Region mit erheblichem Misstrauen.
Die Beiträge machen deutlich, dass und wie Brandt auch jenseits des Regierungsamts in neuen Funktionen ein Mittler par excellence blieb – ein Ansprechpartner für lateinamerikanische Politiker auf der Suche nach wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konzepten, ein Fürsprecher für die Belange des ,globalen Südens‘, aber auch ein unbequemer Mahner für die westlichen Industriestaaten, allen voran die USA. Auf weitere Forschungen darf man gespannt sein.