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Einzelrezension

Paulus, Julia (Hrsg.): ‚Bewegte Dörfer‘. Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970–1990, 241 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2018.


Keywords: Review, Paulus, Julia, 2018, Soziale Bewegung, Protest, 1970, Land, Peripherie, Provinz

How to Cite:

Löffelbein, N., (2019) “Paulus, Julia (Hrsg.): ‚Bewegte Dörfer‘. Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970–1990, 241 S., Schöningh, Paderborn u. a. 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00200-6

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2019-12-16

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Die in den städtischen Ballungsgebieten konzentrierte westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre blickte zumeist mit einer gewissen Verachtung auf die als rückständig und „Hort der Reaktion“ wahrgenommene „Provinz“. Wie der vorliegende Sammelband zeigt, erfuhr der ländliche Raum innerhalb der Neuen Linken in den 1970er Jahren allerdings eine tiefgreifende Neubewertung und Umdeutung: Die Provinz, worunter in der Einleitung die sozial-topografisch und sozial-kulturell eher ländlich geprägten Regionen des Landes gefasst werden, wurde nun zum „Lebens- und Erfahrungsraum“ (S. 44), zum „Sehnsuchtsort“ aufgewertet, der sich in den Augen der Vordenker der Neuen Linken positiv von der Dekadenz und den kapitalistischen Exzessen der urbanen Zentren abhob. Zugleich formierte sich in den ländlichen Regionen auch unabhängig von den Großstädten eine linksalternative Szene, die wiederum im Austausch mit Aktivist_innen in den Städten stand und mit der Zeit eine spezifische „Provinzidentität“ ausbildete.

Diese komplexen Aushandlungs‑, Aneignungs- und Transferprozesse zwischen den linksalternativen Gruppierungen in den Metropolen und der Provinz auszuloten, ist das Ziel des von Julia Paulus herausgegebenen Bandes, der die Ergebnisse der Münsteraner Tagung „Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970–1990)“ vom Dezember 2014 zusammenfasst. Im Fokus stehen schwerpunktmäßig linksalternative Gruppen, die zumeist den „Neuen Sozialen Bewegungen“ zuzuordnen sind, also vor allem die Friedens‑, Öko- und Anti-Atomkraftbewegungen.

Die Artikel von Bertold Gießmann und David Templin untersuchen die „Provinzbewegung“ zunächst diskursgeschichtlich und zeigen, dass, ausgelöst durch die aus Frankreich kommende Regionalismus-Debatte, die Diskussion innerhalb der Neuen Linken mit Anbruch der 1970er Jahre zunehmend von harscher Kritik an den Metropolen geprägt war, denen man eine Ausbeutung und „innere Kolonisierung“ der ländlichen Regionen zum Vorwurf machte. Als Folge zogen zahlreiche linke Aussteiger aus den Städten nach dem Zerfall der Studentenbewegung aufs Land – so Eva Wonneberger in ihrem Beitrag über die Gemeinschaften der Allgäuer Landkommunen – um ein „wahres“, ursprüngliches Leben als bäuerliche Selbstversorger zu führen.

Dankenswerterweise vermeidet der Band jedoch eine schablonenhafte Stadt-Land-Dichotomie und verdeutlicht, dass die Übergänge zwischen Metropole und Provinz durchaus fließend waren. So verdeutlichen die Autoren am Beispiel der linken Szene in den „Mittel-Städten“ Tübingen, Mainz und Wiesbaden die intermediäre Stellung kleinerer Städte im Spannungsfeld zwischen den Bewegungsmetropolen und der „tiefen Provinz“. Das alternative Milieu der Universitätsstadt Tübingen etwa war so einerseits durch ihren kleinstädtischen Charakter geprägt, konnte andererseits aber auf eine lange „universitäre und intellektuelle Tradition“ zurückblicken. Nicht immer war die Formierung linksalternativer Bewegungen in der Provinz hingegen von Erfolg gekrönt: So schildern Hans-Gerd Schmidt und Gunter Mahlerwein mit Blick auf das jugendkulturelle Aufbegehren in der Region Lippe und in den ländlichen Gebieten Rheinhessens auch die Widerstände und die „Beharrungskräfte“ traditioneller Strukturen, die der Entfaltung neuer Aktions- und Lebensformen Grenzen setzten. Die einzelnen Beiträge des Bandes arbeiten dabei deutlich heraus, dass die ländlichen Gruppierungen keineswegs in einem unidirektionalen Abhängigkeitsverhältnis von den Metropolen standen und die dortigen Entwicklungen lediglich kopierten – die lokalen Aktivistinnen und Aktivisten entwickelten durchaus eigenständige Inhalte und Themen, ja inszenierten sich teilweise sogar in bewusster Abgrenzung zur Bewegungskultur der Großstädte.

In seinem Beitrag über Bochum argumentiert Ulf Teichmann schließlich überzeugend, dass auch das Ruhrgebiet durch seine „von der Arbeiterschaft geprägte Sozialstruktur“ (S. 188) in den anbrechenden 1970er Jahren zur „Bewegungsprovinz“ zu rechnen ist. Hier führte die späte Gründung der Ruhruniversität im Jahr 1965 zu einer „verzögerten Rezeption“ der Berliner Studentenbewegung, zudem waren die Bochumer 68er angesichts der starken Präsenz der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft in der Region stärker bündnispolitisch ausgerichtet. Es bleibt allerdings – auch mit Blick auf Cordula Obergassels Artikel über die Industriestadt Dortmund – zu fragen, ob ein derart weit gefasster Provinzbegriff nicht zu einer Überdehnung des Untersuchungsgegenstandes führen muss, wenn praktisch jeder Ort abseits von West-Berlin und Frankfurt zur Provinz erklärt wird.

Insgesamt ist dennoch ein gelungenes Kompendium entstanden, das den Blick dafür schärft, dass die 68er-Bewegung kein auf die Großstädte beschränktes Phänomen darstellte, sondern in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen der „Neuen Sozialen Bewegungen“ ein breiter gesellschaftlicher Wandel einsetzte, der buchstäblich bis in den letzten Winkel des Landes reichte.