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Einzelrezension

Karlauf, Thomas: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters, 368 S., Blessing, München 2019.


Keywords: Review, Karlauf, Thomas, 2019, Stauffenberg, Widerstand, 20. Juli, Nationalsozialismus

How to Cite:

Dipper, C., (2019) “Karlauf, Thomas: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters, 368 S., Blessing, München 2019.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00199-w

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-12-12

Peer Reviewed

Vielleicht sollte man den Mediävisten die Erforschung des deutschen Widerstandes überlassen. Sie sind es gewöhnt, mit sehr wenig Originalquellen zurechtzukommen und mit der Tatsache umzugehen, dass das meiste, das man über mittelalterliche Persönlichkeiten weiß, nachträglich erstellten hagiografieverdächtigen Texten entstammt. Beim Widerstand ist es nämlich nicht viel anders. Vor allem von Stauffenberg existieren kaum noch Quellen aus seiner Hand. Das meiste, was wir über ihn wissen, findet sich in nach 1945 entstandenen Texten, deren Urheber damit die Erinnerung an den 20. Juli zu steuern suchten. Trotzdem nehmen viele Historiker diese Texte für bare Münze und so gilt seit den frühen 1950er Jahren das Attentat als ein „Aufstand des Gewissens“ (Gerhard Ritter 1954), dem es um die Wiederherstellung einer rechtsstaatlichen und demokratischen Ordnung gegangen sei. Und nachdem seit Auschwitzprozess und „Holocaust“-Fernsehserie die Shoah zum negativen Identifikationsmerkmal der Bundesrepublik geworden war, wurde der ‚Aufstand des Gewissens‘ von vielen in Fachwelt und Öffentlichkeit auch noch in diese Richtung gedrängt.

Thomas Karlauf weiß das alles natürlich und zog daraus zwei radikale Konsequenzen: Er versuchte erstens gar nicht, bei Stauffenberg „nach einer moralischen Motivation zu fragen“ (S. 30), weil diese nur in Nachkriegsdokumenten zu finden sei, auf die er, zweitens, so weit als möglich verzichtete. Mit diesem Vorgehen vermied er zwar, sich wie andere Historiker in den politisch-moralischen Ambivalenzen des Widerstandes zu verstricken, löste aber beim großen Publikum und erst recht natürlich bei den Nachfahren scharfen Widerspruch aus. Stattdessen nahm er den beim Thema ‚Widerstand‘ nur selten gewählten Weg, Aussagen und Handeln des Protagonisten zu kontextualisieren. Zwar gehört das zum normalen ‚Werkzeug des Historikers‘, behindert aber die Verwandlung der vor allem am 20. Juli Beteiligten zu Leitfiguren der Bundesrepublik und wird daher nicht immer befolgt.

Gekonnt ordnet Karlauf Stauffenberg sowohl in den Kontext der Geistes- als auch in die vor allem von Stefan Malinowski vertretene kritische Adelsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts ein. In zwölf flüssig geschriebenen Kapiteln, die vielfach weit ausholen – auch weil es von Stauffenberg als Folge des quellenkritischen Rigorismus nicht immer etwas zu erzählen gibt –, schildert er das Leben eines intellektuell wie menschlich ungewöhnlich begabten Mannes, der mit Leib und Seele Offizier war. Neu sind nicht die ‚Fakten‘, neu ist der Deutungsanspruch, und ungewöhnlich sind die methodischen Vorüberlegungen, die in ‚normalen‘ Widerstandsgeschichten kaum begegnen. Weil Quellen oft fehlen, verlässt er sich fallweise auf Gruppenbiografien, Analogien und Indizienketten. Wo es aber Quellen im Sinne Karlaufs gibt, unterlässt er deren Kalibrierung. Das hat zur Folge, dass der Einfluss Stefan Georges, zu dem viel überliefert ist (und wo sich der George-Biograf Karlauf natürlich gut auskennt), wohl überschätzt wird. Im Alltag eines Soldaten und Verschwörers standen andere Orientierungen im Vordergrund. Dem widerspricht nicht, dass die beiden Stauffenberg-Brüder unmittelbar vor dem Anschlag einen ganz im Stile Georges gehaltenen „Schwur“ verfassten, denn verantwortungsethisch, das heißt organisatorisch war alles geregelt und nun reflektierten die beiden Grundsätzliches vor einem Ereignis, bei dem sie mit dem Tod rechnen mussten.

Drei Dinge hätten, so Karlauf, Claus von Stauffenberg lebenslang geprägt: Adels- und Offiziersstolz und ganz besonders Stefan George. Keines dieser Elemente immunisierte ihn gegen den Nationalsozialismus, im Gegenteil, und so zählt Stauffenberg unter den Verschwörern zu den ‚Spätberufenen‘. Das kompensierte er, nachdem er im Februar 1943, also direkt nach Stalingrad, aber eben erst danach, einsah, dass Hitler selbst „das Verhängnis war“ (S. 216). Noch ein halbes Jahr vorher war er mit dessen Politik „weitestgehend“ (S. 31) einverstanden gewesen, nun aber plante er den „Militärputsch“ (S. 34) auf der Grundlage der ihm von Henning von Tresckow übergebenen Materialien.

Viele tun sich schwer mit Karlaufs Feststellung, die Militäropposition habe „aus Verantwortung […], nicht aus Gesinnung [gehandelt]. Nicht das Entsetzen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern die Entschlossenheit, den Krieg möglichst rasch zu einem für Deutschland einigermaßen glimpflichen Ende zu bringen, gab ihrem Denken die Richtung“ (S. 226). So illusionär das im Juli 1944 war, um ein bloßes Zeichen des ‚Anderen Deutschland‘, um einen Anschlag coûte que coûte (wie so manche andere verweist Karlauf diese Henning von Tresckow in den Mund gelegte Aussage ins Reich der Fabel [S. 224]) sei es nicht gegangen.

Auf eine Letztbegründung kann Karlauf dann doch nicht verzichten, er entlehnt sie Michael Wildts „wertfreiem“ (S. 292) „Ethos der Tat“. Aber begibt er sich damit nicht auf eine gefährliche Bahn? Karlaufs strikte Trennung der Verantwortungs- von der Gesinnungsethik wird weder der Unterscheidung bei Max Weber gerecht, der seinen Hörern im unruhigen Jahr 1919 vermitteln wollte, dass auf keinen Fall der Zweck die Mittel heiligt, noch ist gerade bei den gesinnungsethisch trainierten George-Jüngern moral- oder wertfreies Handeln anzunehmen. Allerdings sind in der Moderne, auch das lernt man bei Max Weber, Wertordnungen, Gesinnungen, kulturelle Orientierungen pluralisiert. Für die einen stellte sich, wie Hannah Arendt 1963 mit Blick auf den 20. Juli zum Ärger vieler Deutscher schrieb, die Moralfrage bereits am 30. Januar 1933, für die anderen später und für die meisten bekanntlich gar nicht. Und weil in komplexen Problemlagen verantwortungsethisches Handeln immer an der Nichtvorhersehbarkeit des Ergebnisses leidet, bedarf es gerade dann, auch ohne dass das verbalisiert werden müsste, einer moralischen Rückversicherung. Insoweit führt Karlaufs Argumentation in die Irre. Einen Fingerzeig könnte Dietrich Bonhoeffer liefern, der wie Stauffenberg zu den Verschwörern zählte und ebenso wenig wie dieser Demokrat war, seinen Widerstand also nicht damit begründen konnte. 1944 in der Haft arbeitete er an seiner ‚Ethik‘ weiter. Dort heißt es: „[…] nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit“. Könnte dieses ethische Tatverständnis nicht auch für Stauffenberg gelten? Die Tat, das Attentat aus Verantwortung für ein Deutschland, das freilich längst auf dem Weg war, sich in die Geschichte zu verabschieden.