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Einzelrezension

Gelderblom, Bernhard: Die NS-Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg 1933–1937. Aufmarsch der Volkgemeinschaft und Massenpropaganda, 196 S., Mitzkat, Holzminden 2018.


Keywords: Review, Gelderblom, Bernhard, 2018, Bückeberg, Nationalsozialismus, Gedenkarbeit, Volk, Propaganda, Reichserntedankfest

How to Cite:

Schieder, W., (2019) “Gelderblom, Bernhard: Die NS-Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg 1933–1937. Aufmarsch der Volkgemeinschaft und Massenpropaganda, 196 S., Mitzkat, Holzminden 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00198-x

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-12-12

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Dass Massenkundgebungen zum politischen Stil des NS-Regimes gehörten, ist seit Langem bekannt. Vor nicht langer Zeit spielten sie noch in der wissenschaftlichen Diskussion über das Problem von Hitlers „Charisma“ eine Rolle. Gleichwohl sind sie bisher nicht systematisch erforscht worden. Das erklärt, weshalb die sogenannten Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln in der NS-Forschung bisher kaum diskutiert werden, obwohl sie hier zwischen 1933 und 1937 von der NS-Führung fünf Mal als riesige Massenversammlungen inszeniert wurden. Umso beachtlicher ist es, dass der Hamelner Geschichtslehrer Bernhard Gelderblom sie fast im Alleingang in über 20-jähriger Sammler- und Forschungsarbeit der Vergessenheit entrissen hat. Mit Unterstützung vor allem der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten wird jetzt aufgrund seiner Initiative trotz aller lokaler Widerstände am Ort des Geschehens ein authentischer Lernort entstehen, an dem an die Massenpropaganda des Nationalsozialismus erinnert werden kann.

Von Gelderblom liegt auch eine reichhaltige Dokumentation zu dem Thema vor, die hier zu besprechen ist. Die Dokumentation enthält zahlreiche zeitgenössische Quellen, meist regionale Zeitungsberichte, über 200 Fotografien sowie eine Reihe von Erlebnisberichten von Zeitzeugen. Sie ist systematisch in neun Kapitel gegliedert, welche Entstehung, Vorbereitung, Organisation, Logistik und Verlauf der nationalsozialistischen Erntedankfeste jeweils in knapper Form darstellen und mit schriftlichen und fotografischen Quellen belegen. Gelderblom betont ausdrücklich, dass die Dokumentation „kein Ersatz für eine wissenschaftliche Monographie“ sei (S. 9). Angesichts der heute verbreiteten Unsitte, bloße Dokumentationen als Darstellungen auszugeben, ehrt ihn dies besonders, dies auch deshalb, weil sein Buch durchaus an eine Darstellung herankommt.

Im Grunde fehlt nur die Untersuchung der Entstehungsgeschichte der nationalsozialistischen Erntedankfeste, auf die Gelderblom wohl deshalb nicht eingegangen ist, weil sie nicht in den regionalen Zusammenhang gehört. Jedoch wäre es wichtig zu erklären, weshalb Joseph Goebbels und nicht Walther Darré die Festgestaltung in der Hand hatte. Offensichtlich gelang es dem Propagandaminister, seinen eigentlich zuständigen Rivalen an die Seite zu drängen, wobei sein Mitarbeiter Leopold Gutterer eine zentrale Rolle spielte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Goebbels 1933 auch noch auf der Suche nach Kompetenzen für sein Ministerium war. In noch größerem Maße gilt dies, was Gelderblom nicht berücksichtigt, für Albert Speer. Er stand 1933 noch nicht in der besonderen Gunst Hitlers, sondern war von Goebbels abhängig. Dieser verschaffte ihm mit der architektonischen Gestaltung des Bückeberger Geländes einen der ersten Großaufträge für das NS-Regime.

Gelderblom ist völlig zuzustimmen, dass es sich bei dem Bückeberger Erntefest um eine nationalsozialistische Propagandaveranstaltung handelte, bei der die „Einheit von Führer und Volk“ in der sogenannten Volksgemeinschaft demonstriert werden sollte. Sogenannte ‚Gemeinschaftsfremde‘ wie vor allem jüdische Deutsche durften, worauf Gelderblom mehrfach nachdrücklich hinweist, nicht teilnehmen. So, wie die NS-Führung der Arbeiterbewegung bedenkenlos den 1. Mai entrissen hatte, entfremdete sie das Erntedankfest den christlichen Kirchen. Kirchenvertreter durften auf dem Bückeberg nicht einmal anwesend sein. Sie hätten nur den Auftritt Hitlers gestört, der als säkularer Heilsbringer inszeniert wurde. Gelderblom spricht treffend davon, dass es um eine „körperliche Inszenierung der Nähe“ Hitlers ging (S. 48). Nirgendwo sonst hat Hitler so das Bad in der Menge gesucht wie auf dem Bückeberg. Viele der Fotos mit begeisterten Uniformierten oder auch enthusiastischen Frauen, welche von der NS-Propaganda gezielt benutzt wurden, sind dort entstanden.

Gelderblom macht deutlich, dass zwar nicht eine Million, wie von der NS-Propaganda behauptet, aber doch zwischen 400.000 und 600.000 Menschen an jedem der fünf Feste teilnahmen, die schon 1933 in fast 200 Sonderzügen herbeigeschafft wurden. Ob das damit die „größte NS-Massenveranstaltung überhaupt“ war (S. 14), mit mehr Teilnehmern also als bei den Nürnberger Parteitagen der NSDAP, müsste wohl noch genauer geprüft werden. Auch bei der Abschlussveranstaltung von Benito Mussolinis Staatsbesuch sollen im September 1937 in Berlin etwa 800.000 Menschen teilgenommen haben.

Bemerkenswert ist Gelderbloms Nachweis, dass keineswegs nur Bauern auf den Bückeberg kamen, diese waren vielmehr sogar in der Minderheit, schon weil sie ihre Bauernhöfe nicht so einfach länger verlassen konnten. Die Mehrzahl der Teilnehmer kam aus Städten, womit die These des Verfassers, es seien „Menschen aller sozialer Schichten“ mobilisiert worden (S. 64), sehr plausibel wird.

Der Verfasser ist der Ansicht, dass der sanfte Hügel des Bückebergs mit einer Länge von 800 und einer Breite von 250 Metern für die Nationalsozialisten der ideale Standort für die gigantische Propagandaveranstaltung war. Dafür spricht, dass es der Hang allen Teilnehmern ermöglichte, die anderen zu sehen und damit ein Gefühl der „Gemeinschaft“ herzustellen. Wenn man sich die enormen, von Gelderblom ausführlich dokumentierten baulichen Veränderungen vor Augen hält, welche für die Schaffung der Infrastruktur aufgewandt werden mussten, kann man das jedoch zumindest etwas infrage stellen. Ganz offensichtlich spielten auch regionale Parteiinteressen eine Rolle, die ideologisch aufgeladen werden konnten. Das Fest sollte etwa in der Mitte Deutschlands an einem Ort in scheinbar vollkommen natürlicher Umgebung stattfinden. Wichtig scheint dabei auch gewesen zu sein, dass der Bückeberg in der Nähe der Weser lag, des einzigen großen deutschen Flusses, der von der Quelle bis zur Mündung in Deutschland verläuft.

Wie Gelderblom schließlich überzeugend dokumentieren kann, handelte es sich bei den nationalsozialistischen Erntedankfesten eigentlich nicht um Feste, sondern um „streng dirigierte, militärisch ausgerichtete Kundgebungen“ (S. 16). Hitler nutzte die Gelegenheit, um in seinen jährlichen Reden „psychologische Mobilmachung für den Krieg“ zu betreiben (S. 52). Neben seiner Rede waren militärische Vorführungen, an denen neben dem Gelände des Bückebergs bis zu 10.000 Soldaten teilnahmen und in einem Schlachtenpanorama moderne Waffen wie Panzer, Flugzeuge und Fallschirmjäger eine zentrale Rolle spielten, der Höhepunkt der Massenveranstaltung. Nicht zufällig mussten die Teilnehmer auch in Kolonnen, sogenannten Marschsäulen, anrücken. Bückeberg sollte eine öffentliche Demonstration dafür sein, dass der NS-Staat von Anfang an ein Kriegsstaat sein wollte.

Man kann den Verfasser gar nicht genug für die Energie loben, mit der er sich des Themas angenommen hat. Man wird die Bückeberger Kundgebungen dank seiner Forschungen künftig in die erste Reihe der nationalsozialistischen Propagandaveranstaltungen stellen können. Es wäre zu wünschen, dass Gelderblom seine umfangreichen Kenntnisse dazu nutzte, eine umfassende Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Bückebergs zu schreiben.