Benjamin Brendel verspricht in seiner Gießener Dissertation eine „Globalgeschichte des Staudammbaus“ (Untertitel) sowie eine Analyse der „Konstruktion von Macht und Herrschaft durch den Dammbau im 20. Jahrhundert“ (S. 27). Die Gefahr solch ausgreifender Ansprüche liegt darin, dass man eigentlich keine Chance hat sie einzulösen, schon gar nicht in einer Qualifikationsarbeit. In dieser Hinsicht muss das vorliegende Buch geneigte Leserinnen und Leser denn auch enttäuschen. Das ist schade, weil die Arbeit tatsächlich hochinteressant ist und viele spannende Erkenntnisse bietet – wenn auch eine Nummer kleiner als angekündigt.
Tatsächlich untersucht Brendel drei konkrete Staudammprojekte im globalen Kontext, nämlich den Grand-Coulee-Damm (Bauzeit 1933–1941) in den USA, den Damm von Mequinenza (1955–1964) in Spanien und den Assuan-Damm (1960–1971) im südlichen Ägypten. Aus den vielen Erscheinungsformen von gesellschaftlicher und politischer Macht greift der Autor eine einzige heraus, nämlich den Bereich der Deutungsmacht. Leider wird diese Einschränkung an keiner Stelle der Arbeit klar benannt. Faktisch geht es um Debatten und Deutungen, Imaginationen einer besseren Zukunft, Mythisierungen und die Legitimation, technische Großbauten zu errichten, sowie die Frage, welche Akteursgruppen sich erfolgreich in diesem Diskurs positionieren konnten. Keine Rolle spielen dagegen ökonomische Abhängigkeiten, Verteilungskämpfe, rechtliche Rahmenbedingungen, Firmengeflechte oder Entscheider-Netzwerke. Auch der Dammbau selbst wird nicht thematisiert – über die Organisation von Baustellen, die Techniken und ihre Ausführung wird kaum berichtet; der Alltag der Bauarbeiter bleibt im Dunkeln. Wohl aber werden Leserinnen und Leser über die mythischen Zuschreibungen an den neuen Werkstoff Stahlbeton informiert und die medial vermittelte Faszination von Größe angesichts gigantischer Artefakte, die die Landschaft nachhaltig veränderten.
Das Buch ist in drei Großkapitel gegliedert, die den drei Untersuchungsebenen entsprechen. Das Kapitel „Eine ideelle Konstruktion“ widmet sich den meist internationalen Debatten und Inszenierungen von Staudamm-Experten, die sich sehr erfolgreich als eine Art Hohepriester von Technisierung, Modernisierung und Fortschritt positionierten und für ihre Projekte gekonnt die Werbetrommel rührten. Kapitel II „Eine nationale Konstruktion“ analysiert die Übersetzung der universal geführten technologischen Debatte in nationale Kontexte: Regierungen und Planungsstäbe griffen den Staudamm-Mythos auf und setzten ihn in den genannten Großprojekten um. Dabei, so Brendel, legitimierten sie ihre Herrschaft (was nicht weiter überrascht) und betrieben in diesem Medium aktives „nation-rebuilding“ (S. 194–199 u. ö.). Wie ein Diskurs über Menschheitsbeglückung durch Großtechnik zur Schaffung oder Neuschaffung höchst unterschiedlicher nationaler Identitäten genutzt wurde, gehört zu den spannendsten Analysen dieses Buches.
Kapitel III „Eine physische Konstruktion“ wird der Überschrift insofern nicht ganz gerecht, als die Materialität der Dämme und ihres Baus so gut wie keine Rolle spielt. Tatsächlich geht es darum, wie Regierungen und Planer ihre Projekte als Hebung des Zivilisationsstandes in der ländlichen Peripherie „verkauften“ und wie die betroffene Bevölkerung darauf (diskursiv) reagierte. Die Betroffenen adaptierten den Staudammdiskurs für sich, widersprachen interessanterweise kaum jemals den Projekten und schon gar nicht den Axiomen des Staudamm-Mythos, wussten aber ihre Interessen durchaus zu wahren. Allerdings, das betont Brendel mehrfach, blieb vor allem „Indigenen“ (amerikanische Ureinwohner bei Grand Coulee sowie „nubische“ Bewohner des Niltals) wenig anderes übrig, denn sich als von der Zivilisation zu beglückende Empfänger technischer Wohltaten zu inszenieren. Die Fotografie des indianischen Stammesführers in Federschmuck, der anscheinend die Elektrogeneratoren des Kraftwerks am Grand Coulee startet, ist eine starke Verdichtung dieser These (S. 347). Vermutlich hätte ein genauerer Blick auf Praktiken des Protests und der Widerständigkeit ein anderes Bild geliefert. Im Rahmen des gewählten Ansatzes ergibt sich aber durchaus ein schlüssiges Bild vom international, national und regional unwiderstehlichen Staudamm-Fortschritts-Diskurs.
Brendel positioniert seine Ergebnisse in unterschiedlichen Debatten. So vertritt er überzeugend die These, dass der Staudammbau keine Cold-War-Technologie war, wenn auch durch die Ost-West-Konkurrenz beflügelt. Er bestätigt unter dem Stichwort der „konvergenten Konstruktionen“ (Obertitel) Wolfgang Schivelbuschs These von der Ähnlichkeit technologischer Diskurse in unterschiedlichen politischen Regimen der hochindustrialisierten Moderne, wobei hier Franco-Spanien und das dekolonisierte Ägypten als weitere Herrschaftsformen hinzugefügt werden. Ob es sich dabei um alternative Modelle politischer Machtausübung handelt, wird nicht thematisiert. Zudem positioniert Brendel sich in den Diskussionen um (post-)koloniale Herrschaft durch Technik und betont, dass der Staudamm-Mythos zwar seinen Ursprung im westlichen Denken hatte, bald aber gleichsam ohne Zentrum eine „übernational kreisende[n]“ Idee war (S. 440). Damit tritt er dem Eindruck entgegen, die Staudammprojekte hätten einseitig westlicher Machtausübung über die kolonialen Peripherien gedient. Vielmehr, so Brendel, manifestierten die Diskurse auch innerhalb der westlichen Gesellschaften Machtgefälle zwischen Zentren und Peripherien. Auf diskursiver Ebene überzeugt dies – widerlegt jedoch nicht die Existenz ökonomischer Abhängigkeit postkolonialer Nationalstaaten von den industrialisierten Nationen. Nicht belegt wird dagegen die Behauptung, erst mit dem Staudammbau sei die Zentralgewalt in der Peripherie des jeweiligen Landes wirksam geworden. Um hier einen validen Punkt zu machen, hätte man sich ernsthaft mit Verwaltungsstrukturen und dem Wachstum der Staatsgewalt auseinandersetzen müssen.
Das Buch fußt mit den drei Fallbeispielen und weiteren internationalen Debatten auf einer für eine Dissertation sehr breiten empirischen Grundlage. Der Autor interessiert sich darüber hinaus für viele Aspekte der historischen Forschung und reflektiert dies – vom unumgänglichen Karl August Wittfogel bis hin zu Diskussionen über frühneuzeitliche Ritualgeschichte. Auch wenn manche solcher Debatten etwas zu viel Platz erhalten, macht diese Breite einen der Vorzüge der Arbeit aus. Das Verlagslektorat hätte einige Flüchtigkeitsfehler beseitigen können. Der etwas zu lange Text liest sich gleichwohl angenehm flüssig und ist anschaulich geschrieben.