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Einzelrezension

Riotte, Torsten: Der Monarch im Exil. Eine andere Geschichte von Staatswerdung und Legitimismus im 19. Jahrhundert, 427 S., Wallstein, Göttingen 2018.


Keywords: Review, Riotte, Torsten, 2018, 19. Jahrhundert, Legitimismus, Adelsforschung, Exildynastien

How to Cite:

Jonas, M., (2019) “Riotte, Torsten: Der Monarch im Exil. Eine andere Geschichte von Staatswerdung und Legitimismus im 19. Jahrhundert, 427 S., Wallstein, Göttingen 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00196-z

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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2019-12-12

Peer Reviewed

Die Adelsforschung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil geschichtswissenschaftlicher Forschung in Deutschland entwickelt, getragen von einem wiedererwachten Interesse am Politischen. Torsten Riottes nun publizierte Habilitationsschrift „Der Monarch im Exil“ ist zweifelsohne Ausdruck dieser allgemeinen Tendenz. Zugleich setzt sich Riotte – diplomatisch im Ton, in der Sache aber bestimmt – von den stark kulturalisierten Perspektiven auf die sich radikal wandelnde Lebenswelt des Hochadels und nicht zuletzt der Monarchie im Europa des 19. Jahrhunderts ab. Bezugsrahmen seiner Pionierstudie ist der bereits im Titel der Arbeit anklingende exilierte Monarch, dessen Hauptinteresse – nach Riotte – im „dynastischen Überleben“ bestand. Das Überleben im dynastischen Kontext bedeutete dabei nicht, wie eigentlich anzunehmen, die Wiedereinsetzung in die ursprünglichen Herrschaftsrechte des Monarchen; gemeint ist vielmehr der gleichsam transzendente Erhalt des dynastischen Status und gegebener dynastischer Privilegien in der neuen Lebenswelt des monarchischen Exils. Dies schloss gewisse Ambitionen im Hinblick auf eine Restitution nicht aus; Vorrang aber besaß im Wesentlichen die Sicherung des monarchischen Status im dynastischen Verband des europäischen Hochadels.

Riotte legt eine klug konzipierte Studie vor, die nach einer dichten Einleitung Analysen zur Lebenswelt des Monarchen im Exil und zur politischen Wirkung von dessen Abwesenheit auf die Herkunftsstaaten enthält. Als empirische Grundlage dient ihm der systematisch angelegte, im Kern leicht diachrone Vergleich zweier monarchischer Exilbiografien: der des Comte de Chambord, Prinz Henri d’Artois (1820–1883), der Frankreich nach der Julirevolution von 1830 bereits im Kindesalter verließ, und jener des Herzogs von Cumberland, Prinz Ernst August von Hannover (1845–1923), der – neben seinem Vater Georg V. – zum eigentlichen dynastischen Opfer der preußischen Annexion des Königreichs Hannover 1866 wurde. In beiden Fällen ließen sich die Kronprinzen in Österreich nieder und residierten über Jahrzehnte mit eigenen Exilhöfen im Umfeld von Wien. Die ökonomischen Bedingungen, gesellschaftlichen Mechanismen und kommunikativen Techniken, auf deren Grundlage ein solcher Status Behauptung im Exil ermöglicht wurde, stellen den Kern des ersten Teils der Ausführungen Riottes dar. Die ungebrochene Zugehörigkeit zur europäischen Hochadelsgesellschaft auch nach dem Herrschaftsverlust erscheint dabei als eine spezifische Variante jenes „Obenbleibens“, dem sich der gesamte Adel spätestens vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und systemischen Herausforderungen der Moderne strategisch verpflichtet sah.

Riotte entwickelt seine Untersuchung auf Grundlage von zwei unterschiedlichen, wenn auch komplementären Annäherungen. Eine erste Analyseebene bezieht sich auf den begrifflich recht weit gefassten Exilhof und befasst sich in einer Reihe dichter Einzelkapitel sowohl mit Aspekten der dynastischen Sukzessions- und Heiratspolitik als auch mit den sozioökonomischen und nicht zuletzt staats- und eigentumsrechtlichen Fragen einer Kronprinzenexistenz „ohne Land“. Zur standesgemäßen Selbstbehauptung gehörte in diesem Zusammenhang vor allem die erwähnte Kontinuität in der Hofhaltung, die Riotte anhand der in den 1840er und 1870er Jahren aufwachsenden Exilhöfe erschließt: Schloss Frohsdorf, jenes royalistische „Versailles en exil“ für den Comte de Chambord, beziehungsweise Schloss Cumberland, das Kronprinz Ernst August von Hannover zwischen 1882 und 1886 in der Gemeinde Gmunden im neugotischen Tudorstil errichten ließ. Voraussetzung und zugleich symbolpolitischer Ausdruck dynastischen Überlebens im Exil war eine erfolgreich betriebene Heiratspolitik, ließ sich über die standesgemäße Vermählung der ihrer Herrschaft entledigten Kronprinzen doch deren ungebrochene Zugehörigkeit zum europäischen Hochadel demonstrieren. Riotte nutzt in diesem Zusammenhang die ohnehin sensible und durch das Exil zusätzlich komplizierte Sukzessionsfrage ebenso wie die Beschäftigung mit den Hochzeiten Chambords 1844 (mit der Erzherzogin Maria Theresia von Österreich-Este) und Ernst Augusts 1878 (mit der dänischen Prinzessin Thyra, Tochter Christians IX.) für vergleichende Überlegungen zum Charakter und zu den Funktionsweisen der Monarchie im 19. Jahrhundert. Er knüpft dabei an die zentralen Deutungsmuster einer kulturhistorisch erweiterten Geschichte des Politischen an, geht aber deutlich über die in der Forschung gängigen Begriffsbildungen von „symbolischer Politik“ und „hochadliger Binnenkommunikation“ hinaus.

Was Riottes Studie in diesem Bereich vor allem auszeichnet, ist ihr fruchtbares Interesse an den sozioökonomischen und juristischen Rahmenbedingungen der monarchischen Lebenswelt im Exil. Das Spannungsverhältnis zwischen formal ungebrochenem Herrschaftsanspruch einerseits und der Privatisierung eines gewesenen Monarchen andererseits – Riotte spricht pointiert von einer eigentumsrechtlichen „Verbürgerlichung“ (S. 28) – ist ähnlich systematisch und begrifflich souverän bislang nicht erschlossen worden. Die Wahrung des Herrschaftsanspruchs konnte für den Exilierten durchaus von Vorteil sein, ließen sich über den Herrschaftsverlust hinaus Eigentumsansprüche den Folgeregimen gegenüber ableiten. Besonders akut wurde dies in der staats- und eigentumsrechtlich hochkomplexen und zugleich zum Politikum anwachsenden Frage der Fürstenenteignung in den ersten Jahren der Weimarer Republik. Zugleich setzten mögliche Eigentumskonflikte den seiner staatsrechtlichen Immunität enthobenen Exilmonarchen ganz neuartigen juristischen Herausforderungen aus. Riotte veranschaulicht dies mit Vorliebe für das sprechende Detail unter anderem am Beispiel der Gemüsefrau Theresa Kirchmayer, die 1908 in einer Schadensersatzfrage erfolglos gegen den Welfen-Kronprinzen Ernst August prozessierte.

Im zweiten Teil seiner Studie befasst sich Riotte mit der rechtlichen, politischen und kulturellen Leerstelle im öffentlichen Raum der Herkunftsstaaten, die ein gleichsam „abwesender Monarch“ hinterließ. Die treffende Bezeichnung, von Riotte 2009 in einer frühen Forschungsskizze lanciert, ist der britischen Jakobitismus-Forschung entlehnt und deutet die programmatische Orientierung seiner Untersuchung bereits an: weg von den Prämissen einer eher klassischen Politikgeschichte und hin zu einer politischen Gesellschaftsgeschichte, die den Wechselwirkungen zwischen Exildynastie und den gewandelten Herkunfts- und Herrschaftsräumen der außer Landes getriebenen Monarchen Rechnung trägt. Seine Bezugspunkte bilden in diesem Zusammenhang die französischen Legitimisten, deren Absicht in der Restituierung der ursprünglichen Bourbonen-Linie auf den französischen Thron bestand, und die Welfen-Bewegung als politische Opposition in der preußischen Provinz Hannover. Über den politischen Charakter solcher Restitutionsbewegungen hinaus beleuchtet Riotte auch die juristischen Bemühungen der Folgeregime, eine auf den Monarchen im Exil abgestellte Opposition zu neutralisieren. Erschwert wurde dies durch die ungebrochen hohe Präsenz der Exilierten in der politischen Öffentlichkeit Frankreichs beziehungsweise des nach 1866 zur Provinz des Königreichs Preußen abgestiegenen Hannover. Der Comte de Chambord und der Herzog von Cumberland pflegten die öffentliche Präsenz gleichermaßen, wenn auch eher als passiv in Szene gesetzte Objekte politischer Projektion. Ganz wie bei regierenden Dynastien spiegelte sich folglich auch in der Inszenierung der Exilmonarchen das royale Bedürfnis, die Tagespolitik auf Abstand zu halten und gleichsam überpolitisch zu wirken.

Nichtsdestoweniger kam es vor dem Hintergrund politischer Unwuchten zu mehr oder minder erfolgreichen Restitutionsversuchen. Im Falle Chambords schienen die Niederlage Frankreichs im Krieg von 1871 und das Ende des Second Empire einiges an dynastischen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, die freilich primär am Prinzen und dessen Unwillen scheiterten, sich auf ein stark konstitutionalisiertes politisches System einzulassen. Ernst August war immerhin dazu imstande, seinem jüngsten Sohn 1913 – nach Aussöhnung mit den Hohenzollern – den vakanten Thron des Herzogtums Braunschweig und Lüneburg zu sichern, den dieser bis zur Novemberrevolution als letzter regierender Monarch der Welfen-Dynastie innehatte. Über diesen Aspekt lässt sich andeuten, dass eine Geschichte exilierter Monarchen auch politischer – will heißen: politikgeschichtlicher – hätte geschrieben werden können, unter anderem als vergleichende, gegebenenfalls auch kulturhistorisch erweiterte Geschichte der internationalen Beziehungen, wie dies beispielsweise Heidi Mehrkens skizzenhaft entwickelt hat. Riotte ist sich dessen vollauf bewusst und hat mit seiner Entscheidung, einen gleichsam „dritten Weg“ (S. 40) zu bemühen, eine beeindruckende Alternative zu den bisherigen Zugängen vorgelegt.