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Einzelrezension

Steber, Martina: Die Hüter der Begriffe. Politische Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1980, 533 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.


Abstract

https://link.springer.com/article/10.1007/s42520-019-00194-1

Keywords: Review, Steber, Martina, 2017, Politische Sprache, Kommunikation, Großbritannien

How to Cite:

Neuheiser, J., (2019) “Steber, Martina: Die Hüter der Begriffe. Politische Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1980, 533 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00194-1

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-04-12

Peer Reviewed

Die Tories, so argumentiert Martina Steber in ihrer lesenswerten Habilitationsschrift, hatten es nach 1945 leichter. Angesichts der langen parlamentarischen Tradition der Conservative Party zweifelte niemand in Großbritannien an der Demokratiefähigkeit des Konservatismusbegriffs. In ihren Selbstverständigungsdebatten konnten daher alle Beteiligten auf überkommene Begriffsbestände des britischen Konservatismus zurückgreifen und diese in je gewünschter Weise aktualisieren, um der eigenen Partei Profil und politische Schlagkraft zu verleihen. So profilierte sich die Partei unter Harold Macmillan in den 1950er Jahren im Zeichen eines Progressive Conservatism, der den Weg zu materiellem Wohlstand weisen wollte und den Vorwurf der Rückständigkeit mit betonter Nähe zum Fortschrittsbegriff konterte. Herausgefordert durch eine machtvoll Begriffe setzende Linke, die nach Einschätzung nicht nur der britischen Konservativen in den 1960er und 1970er Jahren den politischen Diskurs sprachlich dominierte, gelang unter Margaret Thatcher schließlich eine entscheidende Erneuerung: Durch die Fokussierung auf den Freiheitsbegriff konnte die Partei marktliberal neu aufgestellt werden. Der Thatcherismus rekurrierte zugleich auf klassisch konservatives Vokabular, das um „Ordnung“ und „Autorität“ kreiste, soziale Ungleichheit als ebenso notwendig wie unvermeidlich verteidigte und auf eine konsequente sprachliche Abgrenzung zum Sozialismus setzte. Der Weg der britischen Konservativen zum Neoliberalismus folgte in Stebers Interpretation folglich eher einer nationalen Eigenlogik als transatlantischen Verbindungen nach Nordamerika – die konsequente Verankerung im parlamentarischen System Großbritanniens ermöglichte den Tories seit dem 19. Jahrhundert eine Integration demokratischer und liberaler Begriffe, die im Umfeld des Wahlsiegs unter Thatcher 1979 ihren Höhepunkt erlebte.

Auch in Deutschland entwickelte sich nach 1945 ein Liberalkonservatismus, der die Verteidigung von Freiheit und Demokratie sowie die Würde des Individuums und dessen Schutz vor kollektivistischer Gängelung in den Mittelpunkt stellte. Doch angesichts der historischen Belastung des Konservatismusbegriffs konnten sich Unionspolitiker in Deutschland nur sehr viel schwerer offensiv als „konservativ“ bezeichnen, wollten sie nicht in den Verdacht geraten, als nationalistisch, antidemokratisch und reaktionär zu gelten. Bis in die 1960er Jahre war der Konservatismusbegriff in CDU wie CSU daher sogar verpönt. Auch später noch umgingen die Unionsparteien eine klar „konservative“ Selbstbeschreibung durch die Betonung ihrer christlichen Orientierung, dem Selbstverständnis als „Volkspartei“ und einer konsequenten Selbstverortung in der politischen „Mitte“. Eine Parallele zur polarisierenden Sprache Thatchers sieht Steber nicht ganz überraschend vor allem in der CSU unter Franz Josef Strauß; anders als in Großbritannien mussten aber alle, die in Deutschland einen liberalen Konservatismus etablieren wollten, sehr viel stärker auf das demokratietheoretische Vokabular des Liberalismus zurückgreifen als auf dessen ökonomisches Erbe. Neben der Betonung des christlichen Erbes sorgte auch dies dafür, dass sich die Unionsparteien weniger eindeutig marktradikal orientierten als die britischen Konservativen.

Dass „konservativ“ in der Bundesrepublik ein problematischer Begriff blieb, lag nicht nur daran, dass Studentenbewegung und Neue Linke nach 1968 den Begriff gezielt in die Nähe zu Faschismusanalysen rückten; auch Sozialdemokraten und linke Intellektuelle vermuteten hinter „Konservativen“ mehr oder weniger deutlich Gegner einer Demokratisierung der deutschen Gesellschaft. Vor allem aber gab es offene Befürworter einer Anlehnung an die rechte und antidemokratische Tradition des Weimarer Konservatismus, die das autoritär-antiliberale Erbe der Weimarer Befürworter einer „Konservativen Revolution“ wach hielten. Steber zeichnet nicht zuletzt die neurechten Netzwerke der 1970er Jahre akribisch nach und zeigt, wie gerade ihre strategische Besetzung des Konservatismusbegriffs es für Unionspolitiker schwierig machte, einen eindeutig liberal und demokratisch geprägten Konservatismus in Deutschland offensiv zu vertreten. Ihr ist es wichtig zu zeigen, dass die Neue Rechte der alten Bundesrepublik im engen Sinne nicht als „konservativ“ gelten kann, weil es ihren Vertretern – durchaus im Weimarer Sinne – eben nicht um eine typisch konservative Kontinuität zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ging, sondern um eine zukünftige radikale Veränderung der liberalen Republik, die mit jeder historisch-organischen Entwicklung bricht.

Steber kann die Unterscheidung zwischen Liberalkonservatismus und autoritärem Konservatismus nicht zuletzt deshalb so klar treffen, weil sie Konservatismus als eine fluide Sprachstruktur versteht, die nicht durch inhaltliche Positionen, sondern durch morphologische Strukturprinzipien gekennzeichnet ist. Letztlich dreht sich das Konservative für sie um Motive des Ausgleichs und des Maßhaltens: Kontinuität im Wandel der Zeit und das Streben nach Balance zwischen Neuem und Bewährten kennzeichnen die „Sprachen des Konservativen“. Der deutsch-britische Vergleich eignet sich gut, um die Komplexität und Vieldeutigkeit dieser Sprachstruktur aufzuzeigen, nicht zuletzt weil sich deutsche und britische Konservative seit den 1960er Jahren gemeinsam bedroht fühlten und gezielt die Deutungshoheit über politische Begriffe zurückgewinnen wollten. Anhand von begriffspolitischen Initiativen lässt sich eine spannende Begriffsgeschichte erzählen, die methodisch auf hohem Niveau ist und vor allem mit dem abschließenden dritten Hauptkapitel zum direkten Austausch zwischen Conservative Party und den Unionsparteien noch einmal viel Neues zu bieten hat. Umgekehrt zeigt gerade der Blick auf die nicht zuletzt auf die europäische Ebene bezogenen Versuche, eine transnationale Verbindung zwischen verschiedenen Varianten des Konservativen zu finden, dass der asymmetrische Vergleich zu Großbritannien vielleicht nicht die nächstliegende Variante ist, um die Sprache und das Selbstverständnis der deutschen Konservativen im Geflecht transnationaler Beziehungen abschließend zu verorten.