Der Historiker und Journalist Bodo Mrozek, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung, der seit Sommersemester 2018 die Professur für Theorie und Geschichte der populären Musik der Humboldt-Universität zu Berlin vertritt, wurde mit der vorliegenden, für die Veröffentlichung leicht veränderten Arbeit im Jahre 2016 promoviert. Allerdings handelt es sich um weit mehr als eine Dissertation: Der umfangreichen Studie liegen langjährige Forschungen und auch bereits einschlägige Publikationen zugrunde, in denen Mrozek sich intensiv mit Fragen der Begrifflichkeit, methodischen Ansätzen und einzelnen Aspekten der weiten Thematik befasst hat, und zwar im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Zudem verfügt der Autor über eine fundierte Kenntnis aktueller Forschungstendenzen sowie einen breiten, für Zeithistoriker nicht selbstverständlichen Quellenfundus. Um es bereits an dieser Stelle deutlich festzuhalten: Die Studie überzeugt nicht nur durch die Breite des Themenfeldes, sondern auch durch die souveräne Verknüpfung unterschiedlicher methodischer Zugänge, der vielfältige wissenschaftliche, enge Fachgrenzen der Zeitgeschichtsforschung überschreitende Vernetzungen zugrunde liegen.
In der Einleitung werden die im Titel der Untersuchung angesprochenen Forschungsfelder, Begriffe, Leitfragen, Quellen und andere umrissen. Mrozek betont, dass gängige politische und soziologische Zäsuren für sein Sujet nicht zuträfen; vielmehr erweisen sich die Jahre zwischen 1956/57 und 1966/67, die er mehrfach als „ungerades Jahrzehnt“ bezeichnet, als kurze Zeitspanne, in der gesellschaftlicher und mentaler Wandel markant sichtbar werde. Seine Leitfragen sind komplex und beziehen sich auf alltagskulturelle, soziale, mediale, grenzüberschreitende, übernationale Veränderungsprozesse; eine der Fragen lautet: „Welche Transformationen machten Sounds, Tänze und Moden während ihres grenzüberschreitenden Transfers durch?“. ‚Transnational‘ bedeutet in dieser Studie somit ein dynamisches Beziehungsgeflecht sich gegenseitig beeinflussender subkultureller jugendkultureller Ausdrucksformen. Wahrgenommen wurden diese innerhalb weniger Jahre in höchst unterschiedlicher Weise, zunächst als irritierend, lärmend, störend, dann jedoch als kreativ, innovativ und integrierbar in eine sich zunehmend jugendlich definierende Gesellschaft im Wandel. Es handele sich um Normalisierungsprozesse: „Die pejorativen Zuschreibungen und medialen Konstruktionen devianter Jugendkulturen wichen allmählich einem in den Medien und im intellektuellen Diskurs artikulierten Problembewusstsein, das die Verschiedenartigkeit der Jugend- von der Erwachsenenkultur proklamierte und die Legitimität einer Veränderung von Geschlechterrollen, öffentlicher und privater Moral und emotionalen Stilen thematisierte“ (S. 33 f.). Als anregend erweist sich nicht zuletzt die „Unschärfe“ der in den Blick genommenen Phänomene beziehungsweise Kategorien wie „Pop“ und „Jugendkultur“ (S. 22 und 23). Unschärfe ist, wie aus der Fotogeschichte bereits bekannt, in hohem Maße offen für innovative Sichtweisen.
Die drei Großkapitel des Buches folgen chronologisch zu beschreibenden Entwicklungen; dies sind „Jugend und Stadt: Zur Topographie von Devianz“, „Rhythm, Rock and Riots: Neue Kulturkämpfe“, „Vom Beat zum Pop: Jugendkultur für Erwachsene“. Die Darstellung von Verflechtungen sowie vergleichende Ansätze beziehen sich vor allem auf England, Frankreich, die USA und Deutschland (West und Ost), wobei der Blick auch dem „globalen Süden“ gilt. Einige Unterabschnitte widmen sich exemplarischen Einzelbeispielen, andere Vergleichen, die Parallelen, aber auch Unterschiede herausstellen, ohne die Leitfragen aus dem Blick zu verlieren. Metropolen werden ebenso berücksichtigt wie die ‚Provinz‘.
So thematisiert Mrozek in Kap. 2 in einem weiteren historischen Zusammenhang etwa disziplinierende polizeiliche und juristische Reaktionen auf Eckensteher, Halbstarke und Rowdytum, um einige der zeitspezifischen Etikettierungen jugendlicher Devianz zu nennen. Er verweist auf Stigmatisierungen abweichenden Verhaltens als ‚krank‘ und damit auf weit in die Geschichte zurückreichende Bevölkerungsdiskurse mit teils rassistischem Einschlag. Er spricht auch ein sich neu etablierendes Berufsfeld sozialer Arbeit, den Streetworker, an. In Kap. 3 liegt ein Schwerpunkt auf der Vergleichsperspektive, wobei der Leser bezüglich des bereits in der Einleitung herausgestellten Anspruchs der Arbeit „Geschichte auch durch die Ohren der Zeitgenossen zu verstehen“ (S. 38) beziehungsweise Geschichte zum Klingen zu bringen, ausführlich Informatives in Einzelaspekten erfährt, ohne sich in Details zu verlieren. In Kapitel 4 wird unter anderem weiblich-männliche Körperlichkeit im Wandel thematisiert.
Die vielfach in der Zeitgeschichtsforschung herausgehobene Bedeutung des Jahres 1968 verliert sowohl als Deutung im Sinne eines Protesthöhepunktes wie auch als Kulminationspunkt generationeller Konflikte in Mrozeks Darstellung in überzeugender Weise an Gewicht. Zugleich öffnet sich ein ganzes Tableau an Fragen und Perspektiven, von denen einige bereits von Detlef Siegfried aufgegriffen wurden, auf den sich Mrozek wiederholt ausdrücklich bezieht. Siegfried hat denn auch das Potenzial der Arbeit mit folgenden Sätzen auf den Punkt gebracht: Indem letzterer „Körpergeschichte, Sound Studies, Emotionsgeschichte, Diskurs- und Wissensgeschichte, Postcolonial Studies miteinander“ kombiniere, zeige er, „wie man durch Überschreiten stringenter theoretischer Grenzen empirisch zu überaus fruchtbaren und weiterführenden Ergebnissen kommen“ könne (Siegfried in Hecken, Kleiner (Hrsg.): Handbuch Popkultur 2017, S. 354–358, hier S. 357).
Abschließend sei auf Mrozeks Bemerkung verwiesen, es handele sich bei dem von ihm vorgestellten und gedeuteten Jahrzehnt – und darin ist ihm gerne zu folgen – um einen „Ausschnitt eines länger währenden Prozesses“ (S. 35), den zu untersuchen in den kommenden Jahren für Zeithistoriker in hohem Maße interessant bleiben dürfte (siehe auch: Hüser, Dietmar (Hrsg.): Populärkultur transnational, 2017).