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Einzelrezension

Lehner, Anna Maria: Medizin und Menschenrechte im Gefängnis. Zur Geschichte und Ethik der Forschung an Häftlingen seit 1945, 208 S., transcript, Bielefeld 2018.


Keywords: Review, Lehner, Anna Maria, 2018, Menschenrechte, Medizin, Ethik, Haft, Häftling, Forschung

How to Cite:

Sammer, C., (2019) “Lehner, Anna Maria: Medizin und Menschenrechte im Gefängnis. Zur Geschichte und Ethik der Forschung an Häftlingen seit 1945, 208 S., transcript, Bielefeld 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00192-3

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-04-12

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Ihr Zweck, „die Vorgänge im menschlichen Körper zu entschlüsseln und […] beeinflussen zu können“ (S. 19), bringt die moderne Medizin, versteht sie sich als biologische Naturwissenschaft, in einen grundlegenden Zielkonflikt: Die Linderung von Leid (oder die Heilung von Krankheiten) einzelner Personen steht im Vordergrund; die dazu notwendige Wissensproduktion impliziert jedoch die kontrollierte Anwendung experimenteller Therapieinstrumente, welche immer mit einem gewissen Gesundheitsrisiko für die Proband_innen verbunden ist. Denkt man rein zweckrational von den Anforderungen einer solchen Forschung aus, stellen Insassen geschlossener sozialer Räume eine „optimale Studienpopulation dar“ (S. 20), wie Anna Maria Lehner, die ihre Dissertation der Geschichte solcher Untersuchungen ab 1945 widmet, richtig anmerkt. Vor allem aber nimmt sie die ethische Herausforderung in den Blick, die mit der größeren Teilnahmebereitschaft sowie den leichter standardisierbaren Bedingungen bei der Forschung mit und an Häftlingen einhergeht: die potenzielle Instrumentalisierung von Personengruppen, die – zum Vorteil Anderer – ihre eigenen Interessen weder verfolgen noch durchsetzen können. Insofern ist diese Spannung zwischen der Art und Weise des medizinischen Wissensgewinns an Häftlingen und der Vorstellung von gutem Handeln im System Medizin eingebunden in eine größere Frage – die nach den gesellschaftlichen Bedingungen, das Recht auf individuelle Selbstbestimmung zu schützen und zu ermöglichen. Dass diese Problematik über große Relevanz verfügt, zeigt sich an der Aufmerksamkeit, die zeithistorischen Studien zu unfreiwilligen diagnostischen wie auch therapeutischen Versuchen in der DDR jüngst in der breiten Öffentlichkeit zuteilwurden.

Lehner, die einen „möglichst vollständigen Überblick“ (S. 15) über solche Menschenrechtsverletzungen sowie den „aktuellen Stand der Wissenschaft zu Forschung in Gefängnissen“ (S. 13) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bieten will, behandelt diese Thematik in 13 Kapiteln. Diese werden von einem fast 40-seitigen Anhang ergänzt, der im Verhältnis zu der mit 135 Seiten kurzen Arbeit üppig ausfällt und vornehmlich aus jüngeren medizinethischen Richtlinien zur Forschung am Menschen besteht. An dieser Struktur werden bereits die Stärken des Buchs deutlich – leider jedoch auch seine Schwächen. Lehner gelingt es, aus einer genauen Lektüre der Forschungs- beziehungsweise eher journalistischer, zeitgenössischer Sachbuchliteratur einen dichten Überblick über die medizinische Forschung in Gefängnissen (der letzten 2.500 Jahre!) zu geben und kritische Stimmen nochmals zu Gehör zu bringen. Mit biografischen Ausführungen rekonstruiert die Autorin die Positionen des Anästhesisten Henry K. Beechers, dessen Wirken eng mit dem Placebo-Effekt verbunden ist, sowie des britischen Medizinethikers und Chirurgen Maurice Pappworth. Beide hatten in den 1960er Jahren mehrere Beispiele medizinischen Experimentierens an Häftlingen öffentlich gemacht. Bei diesen Fällen erschien nicht nur die wissenschaftliche Notwendigkeit fragwürdig – Versuchsteilnehmer wurden sogar vorsätzlich mit Krankheiten infiziert. Auch der zentralen Forderung nach einer informierten Einwilligung der Probanden war nicht nachgekommen worden. Dabei war die Notwendigkeit eines informed consent nicht erst von den beiden Autoren zur conditio sine qua non einer solchen Forschung erklärt worden. Seit 1900 hatten Anweisungen und Richtlinien, juristische Fallentscheidungen sowie nicht zuletzt ethische Selbstverpflichtungen der Ärzteschaft das Experimentieren ohne Einwilligung der Proband_innen für unzulässig erklärt, was Lehner auch recht spät in ihrer Arbeit in einem historischen Querschnittskapitel bespricht. Ebenfalls aus der Sekundärliteratur referiert sie anschließend weitere Fälle solchen Fehlverhaltens. Dieses zeigte sich in der Neurochirurgie, der Dermatologie, der Biochemie (so beispielsweise in der Forschung der CIA mit LSD) oder auch in der Psychologie (bei Versuchen zur Deprivation durch Isolationshaft). Lehner wirft auch noch einen kursorischen Blick auf die „andere Seite des Eisernen Vorhangs“ (S. 89). Auf der Basis eines eigenen Aufrufs zu Interviews mit Zeitzeugen, deren Quellenwert sie kritisch diskutiert, sieht sie „eine hohe Wahrscheinlichkeit […], dass in ostdeutschen Gefängnissen experimentiert wurde“ (S. 90) – sowohl diagnostisch als auch therapeutisch. Ein starkes Plädoyer zur Aufarbeitung dieses Unrechts beschließt dieses siebenseitige Kapitel, bevor die Autorin sich in ihrer Schlussfolgerung den Lehren aus der Geschichte zuwendet: Für Lehner bestehen diese darin, dass es Insassen „totaler Institutionen“ (beispielsweise S. 135) möglich sein muss, an unerprobten, aber verheißungsvollen Therapien teilnehmen zu können, solange sie eine informierte Einwilligung ohne Zwang und Manipulation abgeben. Die ethischen Richtlinien der Forschung seien dementsprechend anzupassen, flankiert von speziellen Ethik-Kommissionen, einem abwechslungsreicheren Haftalltag oder alternativen Modi der Ausbezahlung einer Aufwandsentschädigung, welche die Rechte der Häftlinge schützen beziehungsweise sie diese leichter wahrnehmen lassen.

In diesen Forderungen findet die Arbeit ihren meinungsstarken Schlusspunkt, dem nicht widersprochen werden soll, der jedoch auch kaum argumentativ vorbereitet wird. An der Kapitelgliederung der Arbeit, die keine Schwerpunkte setzt, sondern case studies summativ abhandelt, liegt es auch, dass der Argumentationsgang im Dunkeln bleibt. Der entscheidende Grund dafür ist, dass die Fragestellung nicht hinreichend herausgearbeitet ist. Wäre es Lehner um die Begründung einer forschungsethischen Position gegangen, das heißt also, wie die Rechte auf Wissen, Teilhabe, bestmögliche Behandlung und Selbstbestimmung miteinander in Einklang gebracht werden könnten, hätten die historischen Fälle daraufhin ausgewertet oder andere Haltungen ob ihrer Konsequenz oder Unerwünschtheit zurückgewiesen werden sollen.

Für eine historische Analyse hingegen sind die von Anna Maria Lehner aufgeführten Fälle aber zu unscharf problematisiert oder historisiert. Das Thema der medizinischen Forschung an Gefangenen hätte es jedoch nahe gelegt, vielleicht sogar danach verlangt, die einzelnen Fälle in die Geschichte der Delinquenz, der medizinischen Wissensgewinnung, der Menschenrechte oder in die des Diskurses des Humanitarismus sowie in die jeweiligen konkreten sozialen Räume einzubetten. Da dies fehlt, bleiben die Ausführungen zumeist eine Wiederholung der Empörung nach heutigen Maßstäben, nicht aber ein Beitrag dazu, zu verstehen, warum die Forschung an Häftlingen ohne deren Einwilligung auf der systemischen Ebene der Medizin möglich war – und warum und wann dies zum Problem wurde. Dass viele Begriffe nicht (entlang ihrer historischen Verwendungsspezifität) differenziert werden („seit jeher“, S. 23; „totale Institution“; „Whistleblower“, S. 49; „Womanizer“, S. 66; „Ähnliches“, S. 86) und auch die Quellen- und Belegarbeit spärlich erfolgt, erschwert zusätzlich das historische Verständnis der Ausführungen.

Gleichwohl bietet die flüssig geschriebene Arbeit für Medizinstudierende, Ärztinnen und Ärzte einen guten Überblick über die medizinische Forschung an Häftlingen in der Zeitgeschichte.