Die deutsche Bekleidungsindustrie, deren Entwicklung von 1918 bis 1973 Julia Schnaus in ihrer Dissertation verfolgt, wird in der deutschen Geschichtswissenschaft recht stiefmütterlich behandelt. Dies ist wohl nicht zuletzt einem Mangel an archivalischen Quellen geschuldet, den die Autorin auch feststellen musste (S. 20). Die Arbeit ist klar strukturiert und in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil bearbeitet die Autorin auf der Makroebene die allgemeine Entwicklung der Bekleidungsindustrie in Deutschland beziehungsweise in der Bundesrepublik zwischen 1918 und 1973. Im zweiten Teil analysiert sie auf der Mikroebene, wie drei von ihr ausgewählte Unternehmen – Valentin Mehler AG, Triumph International AG (damals Spiesshofer & Braun) und C&A (Brenninkmeyer) – mit den Entwicklungen und Problemen der Branche umzugehen versuchten.
Der erste Teil, der auf umfangreicher Literaturarbeit beruht, zeigt auf, wie aus einem Gewerbe eine Industrie wurde, in der aber lange neben den meist kleineren und mittleren Werkstätten die Heimarbeit im Verlagswesen stand. Heimarbeiter, meist Frauen, bildeten für die Branche eine flexibel einzusetzende „Reservearmee“ bei auftretenden Mode- und Absatzschwankungen (S. 31). Überhaupt war die Mehrheit der Beschäftigten weiblich, die Bekleidungsindustrie eine „Frauenbranche“ (S. 37). Die Bedeutung der Branche für die deutsche Wirtschaft und ihre Entwicklung im von Schnaus beobachteten Zeitraum wird anhand folgender Zahlen deutlich: 1907 gab es im deutschen Bekleidungsgewerbe etwa 738.000 Betriebe mit über 1,3 Millionen Beschäftigten (S. 41 ff.); in den 1960ern arbeiteten in der westdeutschen Bekleidungsindustrie etwa 400.000 Menschen in rund 5.600 Betrieben (S. 179 ff.).
In diesem Teil werden zunächst die damaligen Zentren der Bekleidungsindustrie dargestellt. In der Weimarer Republik litt die Branche bereits Mitte der 1920er Jahre und besonders in der Weltwirtschaftskrise. Schnaus zeigt dann für die Zeit des Nationalsozialismus auf, wie durch Eingriffe der NS-Führung zunehmend „marktwirtschaftliche Gesetze außer Kraft“ gesetzt wurden (S. 91). Sie geht ausführlich auf die „Arisierungen“ ein und thematisiert die unrühmliche Rolle der ADEFA (Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie). Für die Zeit des Zweiten Weltkrieges behandelt sie die Produktion und ihre Probleme sowie die Auftragsarbeiten von Privatindustriellen im Ghetto Łódź und im KZ Ravensbrück.
Von 1945 bis 1973 geht Schnaus ausschließlich auf die westdeutsche Entwicklung ein. Nur 30 Prozent der Produktionskapazitäten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg waren in den westlichen Besatzungszonen, und von denen war die Hälfte zerstört (S. 169). Durch Aufbau und Verlagerung aus dem Osten entstanden in der Bundesrepublik neue Produktionszentren der Bekleidungsindustrie, vor allem in Bayern und Nordrhein-Westfalen. Manche Städte wie Gelsenkirchen bemühten sich dabei aktiv um eine Ansiedlung von ost- oder sudetendeutschen Betrieben und Fachkräften (S. 173 f.).
Mit der Währungsreform 1948 kam es zu einer „Kleiderwelle“ – und die Bekleidungsbranche prosperierte in den folgenden Jahren. Allerdings erkennt Schnaus schon eine Überproduktion Mitte der 1950er Jahre sowie die Textilkrise von 1958 als „Anfang vom schleichenden Ende der deutschen Bekleidungsindustrie“ (S. 179). Hier könnte man vielleicht vorsichtiger formulieren, da die Branche bis in die 1970er Jahre gutes Geld verdiente und vielen Frauen Arbeit gab. Vor allem seit den 1960ern jedoch kam die Bekleidungsindustrie unter enormen Konkurrenzdruck aus den Ländern des Ostblocks, Südosteuropas und des Fernen Ostens. In dieser strukturellen Krise, als sie gegen die Importe der sogenannten Billiglohnländer kaum konkurrieren konnte, erfuhr sie von der deutschen Politik keine wesentliche Unterstützung. Zugleich litt die Bekleidungsbranche unter Arbeitskräftemangel, woraufhin sie Betriebe in strukturschwache ländliche Regionen der Bundesrepublik verlagerte. Oder sie begann selbst im Ausland zu produzieren beziehungsweise Aufträge in Form passiver Lohnveredelung an ausländische Produzenten zu vergeben.
In ihrem zweiten Teil betrachtet Schnaus drei für die Branche vermutlich eher untypische Unternehmen. Denn alle drei waren verhältnismäßig groß für diese von kleinen und mittleren Unternehmen geprägte Branche. Wohl nicht zuletzt deshalb aber gibt es ausreichend Material, auf dem die Autorin ihre Darstellung aufbauen konnte.
Mehler ist instruktiv als ursprüngliches Textilunternehmen, in dem jüdische Eigentümer und Manager sehr erfolgreich in der Weimarer Republik den Betrieb mit der Gründung einer Konfektionsabteilung ausbauten. Im Nationalsozialismus wurden sie um ihr Eigentum gebracht, allerdings wurde das Unternehmen nach dem Krieg der Familie zurückerstattet. Ende der 1960er Jahre verkaufte diese ihre Anteile an den leitenden Manager. Nach dessen frühem Tod gelangte Mehler in die Hände des Glöggler-Konzerns, dessen Pleite das Unternehmen mit in den Abgrund zu reißen drohte – mithilfe von Subventionen des Landes Hessen wurde es aber gerettet.
Das zweite Unternehmen, das Schnaus betrachtet, ist die Firma Triumph, die als Korsettmanufaktur begann. Sie reüssierte in ihrem Bereich (Korsett/Mieder/BH) über den gesamten Zeitraum – auch während des ‚Dritten Reichs‘, als sie im Ghetto Łódź eine der größten Auftraggeber neben Josef Neckermann war (S. 293). Als maßgeblich für den Erfolg des Unternehmens nach 1945 sieht Schnaus nicht zuletzt die großen Bemühungen im Bereich Marketing und Werbung (S. 313).
Schließlich geht die Autorin auf C&A ein. Das Unternehmen des Einzelhandels stieg schon im Ersten Weltkrieg in den Niederlanden in die Eigenproduktion ein (S. 321) und gründete dann während der Weimarer Republik in Berlin eigene Betriebe zur Herstellung von Damen- und Herrenoberbekleidung. Während Mehler vorwärts integrierte, von der Textil- in die Bekleidungsproduktion, integrierte C&A rückwärts – vom Handel in die Eigenherstellung. Auch C&A, deren katholische, holländische Eigentümer dem NS-Regime wohl eher nicht nahestanden, nutzte die damaligen Möglichkeiten und profitierte von „Arisierung“ und Arbeit im Ghetto Łódź (S. 338–341). Nach dem Krieg baute C&A eine Eigenproduktion in Westdeutschland neu auf, die sie erst im Zuge der Krise der 1970er Jahre zu schließen begann.
Ein Fazit, in dem von Schnaus im Wesentlichen die Teilergebnisse der Arbeit nochmals aufgeführt werden, rundet die Studie ab. Für eine Dissertation leistet diese Arbeit mehr als Beachtliches und für eine weitere Beschäftigung mit der deutschen Bekleidungsindustrie im 20. Jahrhundert ist sie grundlegend.