Auch wenn die Figur des großen Militärhistorikers Hans Delbrück (1848–1929) in Bezug auf die wilhelminische Zeit oft erwähnt wird, wurde bisher sein politisches Wirken in der Weimarer Republik noch nie eingehend analysiert. Das Werk Christian Lüdtkes, das aus seiner Dissertation entstand, wird diese Lücke schließen.
Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches wurde Delbrück 1918 von einem treuen Monarchisten zu einem Vernunftrepublikaner. Sein Hauptziel war es, den deutschen Staat vor Gefahren zu schützen, die er vorerst in der Radikalisierung der Rechten erblickte (S. 11). 1919 plädierte er für die Auflösung Preußens, deren weltgeschichtliche Mission erfüllt wäre, und entwickelte sich zu einem entschiedenen Anhänger des Nationalstaates (S. 137). Obwohl er 1919 seine Tätigkeit als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher“ aufgab, übte er immer noch einen bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Meinung aus, sowohl durch zahlreiche Zeitungsartikel als auch Rundfunksendungen (S. 301), sodass er in den letzten Jahren seines Lebens ein breites Publikum zu erreichen vermochte. Als hochangesehener Wissenschaftler und bekannter Publizist wurde er zusammen mit Max Weber von der Republik einberufen, um in Versailles an der Viererkommission zur Klärung der Kriegsschuldfrage teilzunehmen (S. 189).
Das Buch beschreibt Delbrücks Beziehung zur Hohenzollernmonarchie, folgt danach den Hauptthemen seines politischen Engagements. Zuerst bemühte er sich, die Kriegsschuldlüge zu widerlegen. Dadurch wollte er dem Artikel 231 des Vertrags von Versailles – Deutschland hätte den Krieg vorsätzlich ausgelöst – widersprechen und für Deutschland keine vorrangige, sondern eine gleichrangige Position unter den Nationen erringen (S. 397). Er erstrebte keine Revanche, aber eine Aussöhnung, die als Vorbedingung eine Revision des Vertrags von Versailles enthalten müsse (S. 77): „Wir müssen, so äußerte er, die Gegner zu der Einsicht bringen, dass man die Kuh, die man melken will, nicht schlachten darf“ (S. 108). Sein Ziel war eigentlich, einen echten Verständigungsfrieden aufzubauen, denn er war von der Schicksalsgemeinschaft der westlichen Nationen durchaus überzeugt und sah darin „das rechte Mittel gegen die Verhärtungen des Nationalismus“ (S. 79). Als er diese Debatte auf der internationalen Ebene führte, gelang es Delbrück nicht, die angestrebte Verständigung zu verwirklichen, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass keine Nation für den Ausbruch des Krieges alleinschuldig war. Stattdessen klagte er Russland und Frankreich an (S. 234). Letzten Endes trug Delbrück dazu bei, im Gegensatz zu den eigenen Absichten, die extremen Nationalisten zu rechtfertigen, die Deutschland als Opfer einer internationalen Verschwörung darstellten.
Das zweite Ziel Delbrücks war die Widerlegung der Dolchstoßlegende. Dabei erwies sich der Einsatz des Historikers als wirkungsvoll. Wenn er auch ein berühmter Kriegshistoriker war, war er kein Kriegsverherrlicher und hatte lange vor 1914 vor den Schrecken eines künftigen Krieges gewarnt (S. 82). Delbrück war der Ansicht, dass am 11. November 1918 die Niederlage der Reichswehr unbestreitbar vollzogen war. Nicht die Revolution, sondern die Kriegsführung sei daran schuld gewesen. In einem im Jahre 1922 erschienenen Pamphlet, „Ludendorffs Selbstporträt“, warf Delbrück dem ehemaligen Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) vor, er wäre für die Kriegsverlängerung und deren Folge, die Niederlage, nicht nur verantwortlich, sondern geradezu schuldig (S. 312). Ludendorff hätte die Lehre von Clausewitz – der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – falsch verstanden (S. 323). Für Ludendorff war sie die Rechtfertigung der militärischen Diktatur, die den Sieg durch die totale Mobilmachung erzwingen sollte. Delbrück dagegen betonte das Primat der Politik: nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans durch die Schlacht an der Marne hätte Deutschland einen Verständigungsfrieden anstreben sollen, denn ein totaler Sieg war von nun an unmöglich. Gegen die von Ludendorff empfohlene Niederwerfungsstrategie vertrat Delbrück die Ermattungsstrategie. Da die Entente zu stark war, um besiegt zu werden, musste man sich mit einem Kompromiss begnügen. Bereits 1916 hätte Deutschland Belgien den Alliierten im Austausch gegen den Frieden preisgeben sollen. Im Gegensatz dazu hatten Tirpitz und Ludendorff den Krieg ausgedehnt und zugespitzt. Die Niederlage Deutschlands im Großen Krieg war also nicht durch Verrat geschehen, sondern aufgrund der strategischen Unzuständigkeit Ludendorffs. Als dieser 1923 an dem Hitler-Putsch in München teilnahm, wurde es umso klarer, dass Delbrück durch seinen Angriff gegen ihn der Republik einen guten Dienst erwiesen hatte.
Hans Delbrück war ein Vertreter der gemäßigten Rechten. Er strebte danach, die Weimarer Republik sowohl im Innern als auch nach außen zu schützen und zu befestigen. Etwa, als er sich vergeblich für das Weiterbestehen der alten Reichsfahne einsetzte, eines Symbols, das man der radikalen Rechten hätte wegnehmen können (S. 171). In gleicher Hinsicht unterstützte er 1923 die Rückkehr des Kronprinzen (S. 147). Auch wenn er mehrmals in seinen Unternehmen scheiterte, vermochte er die Achtung der Sozialdemokraten und sogar der Kommunisten zu gewinnen. Als er 1929 starb, mangelte es in Deutschland an Persönlichkeiten, die den Staat gegen den Volkswillen zu einem Verständigungsfrieden geführt hätten (S. 74).
Das Buch Christian Lüdtkes ist zugleich klar und tiefgreifend. Man könnte nur bereuen, dass wichtige Erwägungen im Bezug zu Delbrücks Ideen wie der Strategiestreit (S. 327) in die Fußnoten gedrängt wurden. Darüber hinaus sind einzelne Anmerkungen – wie diese: „Wollte man die wirklichen Kriegsursachen beheben, musste man darauf hinarbeiten, die Völker vom Nationalismus zu befreien“ (S. 301) – streitbar. Tatsächlich wollte Delbrück den deutschen Nationalstaat als gemäßigte Großmacht wiederherstellen: seine Auffassung war mehr die eines neuen Gleichgewichts zwischen den Großmächten als die einer europäischen Gemeinschaft – dem Völkerbund gegenüber zeigte er sich kritisch (S. 94) und begrüßte 1922 das Abkommen von Rapallo mit Sowjetrussland (S. 108).
Dieses sehr zu empfehlende Buch sollte junge Historiker zu neuen Untersuchungen im Bereich der Ideengeschichte ermutigen.