Auf 451 Textseiten (ergänzt um über 100 Seiten Endnoten und Anhänge) präsentiert Martin H. Geyer eine detaillierte, gut geschriebene biografische Studie zu einem der schillerndsten Figuren der Zwischenkriegszeit: dem Geschäftsmann Julius Barmat. Dabei versucht Geyer über die biografische Skizze größere Erkenntnisse zu „Kapitalismus und politische[r] Moral in der Zwischenkriegszeit“ – so der Titel des Buches – zu gewinnen. Es geht dem Autor „sowohl um konkrete Handlungspraxen als auch um Diskurse und vielfältige Zuschreibungen“ (S. 19). Geyers Studie ist in zehn Kapitel unterteilt, die von einer Einleitung und einer Nachbetrachtung gerahmt werden. Dass in neun von zehn Kapitelüberschriften das Wort „Grenze“ in der ein oder anderen Form vorkommt, verweist auf die leitende Metapher des Buches: Julius Barmat wird als Grenzgänger zwischen Ländern und gesellschaftlichen Teilsystemen, zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmungen porträtiert.
Die Darstellung ist chronologisch angeordnet. Als Leserin verfolgt man die Karriere Barmats von den nahezu gänzlich im Nebel der Geschichte verblassenden Anfängen in der Ukraine über dessen in den Niederlanden beginnende Beziehung zu sozialdemokratischen, deutschen Politikern und Aufstieg des Nahrungsmittellieferanten in der unmittelbaren Nachkriegszeit hin zur Eskalation des Barmat-Skandals 1925. Daran anschließend wird Barmat in die Skandallandschaft der 1920er Jahre eingebettet. So wird am Beispiel verschiedener Veröffentlichungen, etwa dem Theaterstück „Der Kaufmann von Berlin“, die Bedeutung der Chiffre „Barmat“ für die Korruptions- und Skandalkommunikation der Weimarer Republik verdeutlicht. Hier fokussiert Geyer zu Recht auch auf den damit verwobenen Antisemitismus.
Während in den diesen Teil der Geschichte schildernden Kapiteln (1–6) Geyers Verdienst vor allem darin besteht, in sehr dichter Beschreibung bereits bekannte Zusammenhänge unter dem Prisma der biografischen Betrachtung zu denken und zusammenzuführen, gelingt es Geyer in den Kapiteln 7–9 das Blickfeld so zu weiten, dass sich vollkommen neue Forschungsfragen und -zusammenhänge aus seiner gelungenen Schilderung heraus ergeben. Seine Einbettung der einerseits nationalgeschichtlichen, andererseits viel zu oft nur auf die Weimarer Jahre fokussierten, allenfalls mit NS-Appendix ausgestatteten Erzählung vom Korruptionsskandal Barmat in längere Traditionslinien (bis in die bundesrepublikanische beziehungsweise DDR-Rezeption) und in eine transnationale Erzählung über Kapitalismus und dessen Grenzen stellt den stärksten Teil der Studie dar. Geyer ergänzt das Barmat-Bild der deutschen Historiografie um Skandale aus Belgien, Frankreich und der Schweiz. Dort waren die Barmats – neben Julius auch sein Bruder Henry – in den 1930er Jahren in Finanzskandale verwickelt. Dabei fällt einerseits auf, dass in der Behandlung des Skandals ähnliche antisemitische Stereotype zum Tragen kommen, andererseits der Hintergrund der Skandale durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise ein gänzlich anderer ist als im Deutschen Reich 1925.
An diese erhellenden Erweiterungen des Blickfelds schließt das vielleicht am wenigsten überzeugende Kapitel des Buches an. In Kapitel 10 werden antisemitische Stereotype und Propaganda der Nationalsozialisten zur Sprache gebracht. Dabei wird der Rückbezug auf Barmat aber doch überstrapaziert, sodass das Kapitel etwas losgelöst vom Rest der Darstellung wirkt.
Überzeugender sind die Ausführungen in den „Nachbetrachtungen“, in denen über Kapitalismus als gesellschaftliches System, dessen Grenzen und Bedingungen in der Zwischenkriegszeit nachgedacht wird. Hier kann Geyer an der Person Barmats eindrücklich aufzeigen, dass die Debatte um Kapitalismus in Deutschland „kontaminiert“ (S. 448) ist und wie das auf den nationalsozialistischen Umgang mit Korruptionsskandalen als vermeintliche Beispiele für ein verrottetes Gesamtsystem zurückzuführen ist. Barmat spielt in dieser Geschichte eine tatsächlich zentrale Rolle und so lohnt eine tiefere Beschäftigung mit ihm.
Geyers großes Verdienst ist es, Julius Barmats Geschichte so erzählt zu haben, dass er über die engere Korruptions- und Skandalgeschichte hinaus zu einer Schlüsselfigur wird, um die politisch-wirtschaftliche Geschichte Westeuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Insbesondere seine Interpretationen zu Barmat als transnationale Figur sind dabei für die Forschung von großem Interesse. Schließlich wurden Skandalgeschichten bisher vor allem national erzählt. Das ist einerseits ein blinder Fleck, andererseits gibt es dafür Gründe. Das Beispiel Julius Barmat zeigt, dass eine Debatte über transnationale Verflechtungen und Praktiken und deren (fehlende) Rückspiegelung in national gedachten Debatten noch zu führen ist. Martin Geyers akribisch gearbeitete Studie ist dafür ein glänzender Ausgangspunkt.