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Einzelrezension

Albanese, Matteo/del Hierro, Pablo: Transnational Fascism in the Twentieth Century. Spain, Italy and the Global Neo-Fascist Network, 240 S., Bloomsbury, London/New York 2016.


Abstract

Fascism in the twentieth century: an international hegemony project?

In den Bemühungen italienischer und spanischer Akteure, Bewegungen und Parteien ein transnationales Netzwerk ab Beginn der 1920er Jahre aufzubauen, sehen die Historiker Matteo Albanese und Pablo del Hierro das Ziel, Faschismus, oder genauer: einen katholisch-fundamentalistischen Faschismus als ein internationales Hegemonieprojekt zu formieren. Dieses Hegemonieprojekt sollte bis Südamerika ausstrahlen und nach dem Willen der Protagonisten kulturell hegemonial sowie universal werden. Die beiden Autoren rekonstruieren in ihrem Buch die fast sechzigjährige, wechselvolle Geschichte des neo-faschistischen Netzwerks bis zu seinem Ende 1981.

Keywords: Review, 2019, Albanese, Matteo/del Hierro, Pablo, 2016, Faschismus, Netzwerk, Faschismus als internationales Hegemonieprojekt

How to Cite:

Birsl, U., (2019) “Albanese, Matteo/del Hierro, Pablo: Transnational Fascism in the Twentieth Century. Spain, Italy and the Global Neo-Fascist Network, 240 S., Bloomsbury, London/New York 2016.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00183-4

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-11-26

Peer Reviewed

In ihrer Studie rekonstruieren die Historiker Matteo Albanese und Pablo del Hierro die wechselvolle Geschichte des (neo-)faschistischen Netzwerks, das seine Zentren in Italien und Spanien hatte. Der Untersuchungszeitraum beginnt 1922 mit dem vermeintlichen „Marsch auf Rom“ und der Ernennung Benito Mussolinis zum Ministerpräsidenten. Es ist der Zeitpunkt, ab dem Mussolini mit seiner Partei, der Partito Nazionale Fascista (PNF), erste intensivere Kontakte zu faschistischen Organisationen in Spanien und ab 1923 auch zur nicht-faschistischen Militärdiktatur unter General Miguel Primo de Rivera aufbaute. Die Untersuchung endet 1980 und damit im Jahr vor dem Putschversuch rechter Militärs und von Teilen der Guardia Civil im spanischen Parlament, denn „the neo-fascist network did not disappear after 1981, it underwent such substantial changes in its composition and methods that it would deserve a completely different analysis which would go beyond the scope of this book“ (S. 6).

Die Autoren unterteilen die knapp 60-jährige Geschichte des transnationalen Netzwerks in sechs Phasen. Die erste Phase von 1922 bis 1936 beschreibt die Ursprünge des Netzwerks, die in Spanien in die Zeit der Militärdiktatur, der Zweiten Republik sowie des Bürgerkriegs und in Italien in die der Stabilisierung des faschistischen Regimes fiel. In dieser Phase konnten sich persönliche Beziehungen zwischen faschistischen Akteuren verfestigen und politische Ideen ausgetauscht werden, wie etwa zu Arbeitsmarktreformen und zu wirtschaftlichen Modernisierungsprogrammen (S. 11–36). Der Zeitraum von 1936 bis 1945 wird als Phase thematisiert, in der die Konsolidierung und der (erste) Zerfall des Netzwerks durch das Ende des italienischen Faschismus 1943 zu verorten ist (S. 37–64). Die nachfolgenden drei Phasen von 1945 bis 1950 (S. 65–89), 1951 bis 1960 (S. 91–112) sowie 1960 bis 1968 (S. 113–135) zeichneten sich dadurch aus, dass auf der einen Seite faschistische Organisationen nach dem Zweiten Weltkrieg in Spanien und Italien eine Restitution und Internationalisierung des Netzwerks in Europa und Südamerika versuchten, was auch in Ansätzen gelang.

Neo-faschistische Gruppen sahen in den neu entstehenden Europäischen Gemeinschaften eine Chance, aus dem nationalen Korsett herauszutreten. Der Prozess der europäischen Integration sollte den organisatorischen Rahmen für Internationalisierungsstrategien bieten. Die Sowjetunion und die USA waren die neu erklärten Feinde. Auf der anderen Seite fragmentierte sich das Netzwerk zunehmend. Das Franco-Regime und der Movimento Sociale Italiano (MSI) als eine der neo-faschistischen Nachfolgeparteien der PNF scherten politisch-strategisch aus. Das Franco-Regime sah sich aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und des wirtschaftlichen Strukturwandels gezwungen, seine autarkistische Politik aufzugeben und den Binnenmarkt zumindest für ausländische Investitionen aus den USA zu öffnen. Mitglieder des katholischen Eliteordens Opus Dei erhielten wirtschaftliche Schlüsselministerien in der Regierung der Falange und leiteten erste neoliberale Maßnahmen ein. Der MSI begann, sich mit der sich entwickelnden liberalen Demokratie zu arrangieren und trat in eine Regierung mit der Democrazia Cristiana (DC) ein. Damit gingen dem Netzwerk zwei wichtige organisatorische und ideologische Zentren verloren. Gleichzeitig bildeten sich innerhalb der neo-faschistischen Bewegungen beider Länder neue, zur Falange und zum MSI widerständige Gruppen, die zum Teil äußerst militant und gewaltsam auftraten. An Universitäten und in der Arbeiterschaft formierten sich Proteste und Bewegungen, die für Demokratisierung eintraten. Die neo-faschistischen Bewegungen gerieten durch die internen und externen Prozesse zunehmend unter Druck. Damit begann die sechste sowie letzte Phase bis 1980, die die Autoren als „A Long, Bloody Path to Democracy“ betiteln (S. 137–158). Paramilitärische Einheiten formierten sich und ließen sich von früheren Offizieren der französischen Untergrundbewegung aus der Endphase des Algerienkriegs Organisation de l’armée secrète (OAS) sowie aus Nachrichtendiensten von NATO-Mitgliedsstaaten trainieren. Sie verübten Terrorakte mit einer hohen Opferzahl. Das Attentat von Bologna am 2. August 1980 mit 85 Toten sowie der gescheiterte Putsch in Spanien vom 23. Februar 1981 besiegelten nach Einschätzung von Albanese und del Hierro das Ende des neo-faschistischen Netzwerks.

Die beiden Autoren kritisieren, dass die Forschung zur extremen Rechten bislang überwiegend auf nationale Phänomene orientiert sei. Allerdings machen sie eine Trendwende unter jüngeren Wissenschaftler_innen aus, die Faschismus zunehmend in einer transnationalen Perspektive betrachten. Die vorliegende Studie setzt hier an, da „fascism and neo-fascism cannot be fully understood without the transnational dimension“ (S. 4). Die Kritik ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Die Studie von Albanese und del Hierro verbindet dann auch methodologisch eine historische Netzwerkanalyse mit einem transnationalen Ansatz (S. 3) und zeigt, wie wirkmächtig ein faschistisches transnationales Netzwerk sein kann, wie Akteure voneinander lernen und sich stützen sowie internationale Beziehungen aufbauen. Die Untersuchung legt gleichzeitig offen, wie fragil ein solches Netzwerk sein kann, wenn sich gesellschaftliche und ökonomische Kontextbedingungen sowie politische Machtverhältnisse ändern, wie geschmeidig sich dann (neo-)faschistische Akteure und Parteien mit solchen Veränderungen arrangieren können. Faschismus präsentiert sich – anders als von den Autoren definiert (S. 1 f.) – eben nicht als eine „politische Religion“ und „totalitäre Ideologie“ oder Herrschaftsweise – auch nicht in der katholisch-fundamentalistischen Variante, die hier Gegenstand ist. Leider wird erst in der Zusammenfassung pointiert auf die political theology (S. 162) und deren Bedeutung für das (neo-)faschistische Netzwerk verwiesen. Zuweilen wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Autoren Faschismustheorien der 1970er und 1980er Jahre zur Kenntnis genommen hätten oder vertiefter auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Spanien und Italien eingegangen wären. Die Autoren stützen sich in ihrer Rekonstruktion der Netzwerkgeschichte auf bislang noch nicht ausgewertetes Archivmaterial und auf Interviews mit noch lebenden Akteuren (S. 6). Jedoch ist im Einzelnen nicht nachzuvollziehen, wann diese Quellen herangezogen werden und mit wem konkret Interviews geführt wurden.

All dessen ungeachtet handelt es sich dennoch um eine informative und informierende Studie. Der transnationale Ansatz ist erkenntnisgewinnend und kann offenlegen, wie sich Faschismus als internationales Hegemonieprojekt formieren konnte. Die Studie kann zur Lektüre empfohlen werden.