Ein 848-Seiten-Werk mit Artikeln zu (fast) jedem europäischen Staat und dessen Haltung zur deutschen Vereinigung von 1989/90 sollte man eigentlich ein Handbuch nennen. In gewisser Hinsicht ist es das auch, denn die Autoren arbeiten zumeist gut aus Quellen, berücksichtigen die jüngere Forschungsliteratur aus jedem dieser Länder und liefern so ein Nachschlagewerk. Aber Vorsicht: ein europäisches Handbuch auf Englisch mit ganz ähnlichem Zuschnitt gab es schon 2014, auch unter Herausgabe von Michael Gehler (Wolfgang Mueller, Michael Gehler, Arnold Suppan (Hrsg.): The Revolutions of 1989. A Handbook, Wien 2015). Da war der Fokus auf die Regimewechsel, vulgo: Revolutionen zumal in Ostmitteleuropa selbst gerichtet, doch damals ging es wie jetzt auch um den Umgang mit der deutschen Frage in den wichtigsten anderen europäischen Staaten und den USA. Der Zugang ist also leicht variiert und auch die Autoren sind diesmal überwiegend andere. Aber genau dieser Aspekt der „Revolutionen“ bleibt im neuen Band unterbelichtet, sodass die Entwicklungen im vormaligen Ostblock allein auf der hier dominierenden diplomatischen Ebene kaum erhellt werden. So findet sich zum Beispiel für Ungarn das Wesentliche zum Regimewechsel in einem Beitrag zu Österreich. Dass von allen (größeren) europäischen Staaten allein Beiträge über Rumänien und Bulgarien fehlen (die baltischen Staaten wurden ja erst im Verlauf wieder unabhängig), ist zu verschmerzen; dass es einen über Luxemburg gibt, bleibt positiv hervorzuheben.
Man kommt dem Sinn des Bandes schon näher, wenn man erfährt, dass er aus einer Aktenedition zu den deutsch-österreichischen Beziehungen 1987–1990 entstanden ist, zu der zwei wissenschaftliche Tagungen stattgefunden haben, auf denen viele dieser Beiträge beruhen. So ist es auch zu erklären, dass mehrere Aufsätze zu Einzelaspekten der österreichischen Politik gedruckt sind, unter anderem auch einer, der berichtet, was die österreichischen diplomatischen Vertreter in europäischen Hauptstädten über die Politik aus deren Ländern berichteten: gut informiert nach dem Urteil des Autors. Der Reiz einer länderweisen Publikation liegt darin, die Sichtweise der jeweiligen – ja: Regierungen, Außenminister, politischen Systeme, Parteien, öffentlichen Meinungen? – Länder aus Quellen darzulegen.
Das kann allerdings bei den Hauptakteuren nur mit großen Überlappungen geschehen, da diese in einem komplexen Beziehungsgeflecht agierten und reagierten, es so wiederum beeinflussten. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft das Gespräch Helmut Kohl – G.W.H. Bush in Camp David vom 24. Februar 1990 zitiert wurde. Das benennt die Grenzen des sektoral nationalen Ansatzes. Wenn es um neue Archivalien etwa aus Österreich, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, den USA oder der Sowjetunion oder manch anderen Ländern geht, so wird vieles aus vorhandenen Editionen oder neu geschöpft mitgeteilt: hochwillkommen. Einmal (im Fall Griechenland) zitiert der Autor nur englischsprachige Quellen – auch für griechische Regierungen; im Fall der Türkei gibt es eine informierte Presseauswertung zu zwei Stichdaten 1989/90. Einige Autoren liefern einsichtsvolle Essays zu den Strukturen der Politik (etwa Andreas Hilger zur Sowjetunion oder Birgit Aschmann zu Spanien), andere tun das, indem sie weit, bis zum Zweiten Weltkrieg oder gar länger, ausholen (Gehler rechtfertigt so etwas einleitend, das sei dann auch erforderlich gewesen).
Am ausführlichsten handelt Tilo Schabert über das Frankreich François Mitterrands (54 S.), was er schon in einer Monografie getan hatte, die nicht forschungsleitend wirkte: Mitterrand sei immer ein Befürworter der deutschen Einheit gewesen. Angesichts verständlicherweise zentraler deutscher und französischer Quellen geschieht dies bei Schabert merkwürdigerweise ausgerechnet auf Englisch; Gehler distanziert sich davon in seinem Schluss, diese Deutung sei „umstritten“. Stilblüten wie „grundsätzlich war die DDR eine Mangelwirtschaft“ (S. 264) in einem Österreich-Artikel finden sich nicht viele.
Neu sind an diesem Band vor allem die Artikel über vier skandinavische Staaten. Dabei wird deutlich, dass bei Finnland über die deutsche Frage auch die eigene Sicherheitsstruktur positiv beeinflusst wurde (wie es ja auch in den ostmitteleuropäischen Staaten des vormaligen Sowjetblocks geschah), sodass über die deutsche Frage auch Weichen in Richtung auf europäische Integration neu gestellt wurden.
Das gilt auch für andere Fälle: Ähnliches ließe sich über Südeuropa sagen mit etlichen klugen Beobachtungen und sprechenden Zitaten. Das alles kann angesichts von 33 Aufsätzen nicht entfaltet werden. Hier haben viele Autoren große Verdienste geleistet, eine zum Teil schon recht spezialisierte Forschung zusammenzufassen. Einige weitere Beiträge widmen sich verdienstvoll der Kooperation der christlich-demokratischen Parteien und der Sozialistischen Internationale, und können – wie Gehler abschließend bemerkt – Auftakt zu Forschungen über andere transnationale Netzwerke darstellen.
Es verwundert nicht, dass sich unterschiedliche Meinungen und Quellen über die historischen Streitfragen heutiger Politik finden: die Frage der Osterweiterung der NATO auf den Ostteil Deutschlands, aber auch sonst auf den Ostblock (Dominik Pick berichtet, Kohl sei gegenüber Tadeusz Mazowiecki wie selbstverständlich von einer künftigen NATO-Mitgliedschaft Polens ausgegangen, S. 625) – doch hier ist die Debatte nach Drucklegung weitergegangen. Die über den Sommer 1990 verzögerte Grenzfrage zu Polen wird von einigen Autoren mit stark abweichenden Einordnungen abgehandelt. Klar wird zudem, dass für mehrere Staaten auch die Reparations- und Kriegsentschädigungsfrage mit der deutschen Frage hochkam (und es zum Teil bis heute blieb) – doch das wird nicht systematisiert. Gehler selbst benutzt seine Bilanz dazu, weitere, für ihn offene Fragen aufzuwerfen, die auf eine noch dichtere empirische Beschreibung hinauslaufen. Dazu gibt er eine mehrfache Faktorenreihung, was denn alles die Ereignisse bestimmte: Zwölf historische Hintergründe insgesamt, zwölf weitere Gründe für das Ende der DDR und den deutschen Einigungsprozess. „Eine der schwierigsten Fragen der Forschung [...] ist jene der Gewichtung dieser Multifaktoren“ (S. 802). „Eben!“, ist der geneigte Leser versucht zu sagen, denn gerade die genannten zweimal zwölf Faktoren sind voneinander vielfach abhängig und wenn man nicht in schlichter Politologenart glaubt, man würde da zu eindeutiger „Gewichtung“ kommen (wovon auch Gehler entfernt sein dürfte), dann bleibt ein solches Gerüst relativ beliebig.
Gehler selbst, in Hildesheim lehrend, aber maßgeblich in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verankert, verweist laufend auf seine bereits vorangegangenen Bücher, Artikel und Editionen zu den hier abgehandelten Fragen, die es auch einem Interessierten schwierig machen, diese publizistischen Abhängigkeiten und Ansätze zum Weiterdenken von Eigenem gebührend zu gewichten. Ein mehrdimensionaler Stammbaum müsste da her. Jedenfalls gewichten seine gut erläuterten abschließenden – diesmal sind es 15 – Thesen den gelegentlich ausufernden Band treffend und zugespitzt; sie wenden sich gelegentlich auch gegen die Autoren des eigenen Bandes, die zumindest nicht so deutlich eine Tendenz von Staat ‚y‘ oder Politiker ‚x‘ zur deutschen Vereinigung aussprechen. Insgesamt entstand ein hilfreicher Nachschlageband, der über sich selbst hinausweist – nützlich nicht nur für die akademische Lehre, sondern auch für weitere Forschungen.