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Einzelrezension

Beckert, Jens: Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, 569 S., Suhrkamp, Berlin 2018.


Keywords: Review, Beckert, Jens, 2018, Zukunft, Kapitalismus, Futurologie

How to Cite:

Gülker, S., (2019) “Beckert, Jens: Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, 569 S., Suhrkamp, Berlin 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00181-6

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-11-13

Peer Reviewed

„Imaginierte Zukunft“ ist eine treibende Kraft des Kapitalismus – so die Kernthese des gleichnamigen Buches von Jens Beckert. Nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft zählt, lautet sein Appell an die Leser_innen im Allgemeinen und an die Kolleg_innen aller sozialwissenschaftlicher Disziplinen im Besonderen.

Im Zentrum seines Konzeptes steht der Begriff fiktionaler Erwartungen. Im Unterschied zu rationalen Erwartungen, wie sie in der Ökonomie üblicherweise konzipiert werden, zeichnen sich fiktionale Erwartungen durch Offenheit für kreative Antizipation zukünftiger Ungewissheit aus. Ebenfalls im Unterschied zur üblichen ökonomischen Lesart, interpretiert Beckert Ungewissheit nicht als Störfaktor einer Kalkulation, sondern als Motor für und Zwang zur Kreativität. Fiktionale Erwartungen als treibende Kraft der Wirtschaft sind damit auch literarischer Fiktion ähnlicher als allgemein angenommen.

Im Hauptteil des Buches stellt Beckert die Bedeutung der fiktionalen Erwartung für die vier „Bausteine des Kapitalismus“ heraus: Geld und Kredit, Investitionen, Innovation und Konsum. Keiner dieser Bausteine könnte seine Funktion erfüllen, wenn nicht von den Akteuren eine Zukunft kreativ imaginiert würde: wenn nicht dem Geld ein Wert im Vertrauen auf Stabilität beigemessen würde, wenn nicht der Glaube an ein Narrativ zum zukünftigen Weltzustand Investitionen und Innovationen ermöglichen würde, wenn nicht Konsumgüter mit imaginativem Wert aufgeladen würden.

Die facettenreiche Betonung der Bedeutung von fiktionalen Erwartungen für die wirtschaftliche Dynamik hat eine zentrale Konsequenz: Erwartungen stehen nicht fest, sie sind vielmehr kontingent – und damit manipulierbar. Beckert stellt deshalb die vielfältigen Manöver heraus, mit denen Akteure Imaginationen im Sinne ihrer Interessen zu formen und Erwartungen zu beeinflussen suchen und er nennt dies eine Politik der Erwartungen. Die Instrumente der Ökonomie, Prognosen und Theorien, sind eine wichtige kognitive Grundlage dieser Politik – und dies nicht, weil ihre Vorhersagen präzise wären (eher das Gegenteil ist der Fall), sondern weil sie eine Zukunft imaginieren, vor deren Horizont aktuelle Entscheidungen legitimiert werden können.

Beckert versteht seinen Beitrag als eine Mikrofundierung zur Erklärung makroökonomischer Prozesse und auch als Neubewertung von nicht-rationalen Affekten handelnder Akteure. Gleichzeitig warnt er davor, fiktionale Erwartungen als emanzipative Kraft gegen die Strukturen des spätmodernen Kapitalismus zu missverstehen – zu stark wäre dessen Kapazität, auch jeden kreativen und nicht-rationalen Akt in die eigene Logik einzuverleiben.

Jens Beckert hat ein fulminantes und materialreiches Werk vorgelegt, das für Leser_innen mit unterschiedlichen disziplinären Interessen von großem Gewinn sein wird. Er kann an sowohl klassische als auch aktuelle Autor_innen sowohl in der Soziologie und den Science and Technology Studies als auch in der Ökonomie anschließen und schafft originelle Bezüge zur Literaturwissenschaft. In dieser systematischen Verbindung von bislang verstreuten Ansätzen entwickelt er ein Konzept fiktionaler Erwartungen, deren Bedeutung für die Dynamik des Kapitalismus unmittelbar verständlich wird.

Bei einem Buch dieses Umfangs verbieten sich dann eigentlich auch Hinweise auf das, was außerdem noch hätte integriert werden können. Bemerkt sei aber dennoch, dass dieses Buch zum Thema Zukunft ohne Hinweis auf die Futurologie oder Future Studies auskommt. Dieser in den 1960er und 70er Jahren starke sozialwissenschaftliche Zweig hat die Erforschung von Zukunftserwartungen gerade zu seinem Kern erklärt. Dass die Bedeutung dieses Zweiges heute eher marginal ist, hat sicherlich auch mit dem zu tun, was Beckert kritisiert. Lohnen würde daher ein prüfender Blick darauf, ob und inwiefern die damals entwickelten und vielfach erprobten Instrumente geeignet wären, fiktionale Erwartungen auch empirisch zu untersuchen.

Um empirische Studien im engeren Sinne geht es aber Beckert mit diesem Buch zunächst nicht. Zwar reflektiert er seine Konzeption an empirischen Gegenständen. Wie er einleitend herausstellt, versteht er seinen Beitrag aber als einen Essay im Sinne einer Eröffnung neuer Perspektiven. In diesem Sinne hält das Buch auch voll und ganz, was es verspricht. Die empirische Arbeit beginnt jetzt, so macht es auch der Autor deutlich.

Auf diese empirischen Arbeiten allerdings kann gehofft werden. Denn am konkreten Fall gilt es dann auch das Verhältnis zwischen Struktur und Handlung systematischer zu analysieren, das Beckert allein auf der konzeptionellen Ebene nicht klären kann. So bleibt bei der Rezensentin eine etwas ratlose Ambivalenz, wenn der Autor beispielsweise einerseits der Schütz’schen Phänomenologie eine zu starke Orientierung an Typikalität vorwirft, andererseits aber an diversen Stellen selbst die Sozialität, Normbezogenheit, und man könnte auch sagen die Pfadabhängigkeit von fiktionalen Erwartungen hervorhebt. Was an manchen Stellen wie freie Kreativität klingt, schrumpft an anderen zu schlichter Antizipation der Erwartungen anderer.

Empirische Fallstudien können eben diese Ambivalenz zur Fragestellung erheben. Eine solche Analyse etwa zur Krise Griechenlands – um nur eines von vielen möglichen Beispielen zu nennen – würde nicht nur erhellen, welche Pfadabhängigkeiten von Erwartungen hier bedeutsam sind, sondern auch, welche Erwartungen welcher Akteure überhaupt wirkmächtig werden konnten und können.

Schließlich erhält der Titel des Buches aktuell eine sicherlich nicht erwartete, aber möglicherweise erwartbare zusätzliche Brisanz. Was nämlich bedeutet es für Gesellschaften weltweit, wenn eine größer werdende Bewegung junger Menschen wöchentlich protestiert, weil sie das Ende aller Zukunft befürchtet (so ja der Slogan der „Fridays for Future“-Demonstrationen)? Krisen haben einen zentralen Platz in Beckerts Buch, aber es geht um Krisen innerhalb der wachstumsorientierten Logik des Kapitalismus. Was, wenn nicht vorübergehende, sondern ganz prinzipielle Grenzen des Wachstums Teil von imaginierten Zukünften werden?

Dass solche Fragen in den Fokus des sozialwissenschaftlichen Interesses rücken, ist ein großer Verdienst dieses Buches.