Die Dissertation von Sönke Bauck, die hier im Druck vorliegt, verspricht die erste systematische Studie zu Antialkoholkampagnen in Buenos Aires und Montevideo in den Jahrzehnten um 1900. Dabei geht es in erster Linie um die verschiedenen Interaktions- und Aushandlungsprozesse von Alkoholgegnerinnen und -gegnern im Rahmen von Antialkoholdiskursen, wobei das Potenzial der Temperenzdebatten für die Formierung einer bürgerlichen Nation ausgeleuchtet werden soll. Bauck geht, in Anlehnung an die Historiografie, davon aus, dass über die Temperenz „vielfältige gesellschaftliche Themen – von Ideologie, Nationalitäten und Religionen bis hin zu Vorstellungen von Rasse, Klasse und Geschlecht – verhandelt“ (S. 35) werden. Im Rückgriff auf Michel Foucaults Figur des „spezifischen Intellektuellen“ und Howard Beckers Typus des „moralischen Unternehmers“ ordnet der Autor die Akteure des Antialkoholaktivismus – Sozialhygieniker und Temperenzaktivistinnen – in Regelsetzer und Regeldurchsetzer ein, deren relative Unterschiede in ihrer Motivation und ihrem Wirkungserfolg im Laufe des Buches zur Sprache kommen.
In dem ersten großen Kapitel analysiert Bauck die Rolle von Medizinern in Buenos Aires zwischen 1876 und 1913 (Montevideo kommt hier kaum zur Sprache) an der Schnittstelle zwischen transatlantischen Alkoholismusdebatten und der lokalen öffentlichen Debatte. Er kann zeigen, dass sich die Experten in Buenos Aires am Knotenpunkt eines transatlantischen Austausches ansiedelten, von dem aus sie Debatten aus Europa übernahmen, gleichzeitig aber auch in anderen Teilen Südamerikas als wichtige Impulsgeber fungierten. In Anlehnung an sozialhygienische Konzepte aus Frankreich ging es darum, zwischen kranken und gesunden Mitgliedern der Nation zu unterscheiden, wobei die Nüchternheit des Einzelnen als zivilisatorisches Versprechen für die gesamte Nation dargestellt wurde. Dabei wurde die Situation der indigenen Bevölkerung in den Provinzen von den zumeist urbanen Kampagnen ignoriert und gleichzeitig festgeschriebene Rollenmuster beibehalten. So richteten sich Aktivistinnen zumeist an Frauen, die zu Hause positiv auf ihre Ehemänner einwirken sollten, während Aktivisten die Männer zu Selbstdisziplin in der Öffentlichkeit aufforderten.
In einem zweiten großen Kapitel betrachtet der Autor die transnationalen Verbindungen der Aktivistinnen in Argentinien, Uruguay und der USA zwischen circa 1880 und 1930, um am Beispiel von Erziehungstechniken, die in der transamerikanischen Temperenzbewegung verbreitet waren, und zahlreichen Publikationen von Temperenzorganisationen aufzuzeigen, inwieweit beide Amerikas in einer gemeinsamen Reformbewegung verbunden waren. Überzeugend wird dargelegt, wie anhand von Theaterstücken und Gedichtwettbewerben, die aus der US-amerikanischen Temperenzbewegung entlehnt und an nationale Gegebenheiten angepasst wurden, das Ideal der Nüchternheit an staatlichen Schulen durchgesetzt werden sollte. Dabei erlaubt der kritische Blick von Bauck, die Instrumentalisierung des „zivilisatorische Versprechens“ der weltweiten Temperenzbewegung deutlich zu machen. So entwickelte sich zum einen die Frage des Frauenwahlrechts, die von einigen progressiven Aktivistinnen angesprochen wurde, zu einer Zerreißprobe, da die Mehrheit der eher sozialkonservativen Temperenzaktivistinnen einen spezifisch „weiblichen“ Einsatz vorzogen, der sich auf Erziehungsaufgaben konzentrieren sollte. Zum anderen wird deutlich, wie der Antialkoholdiskurs für einen Großteil des Bürgertums und der Elite in erster Linie zur Erhöhung des eigenen sozialen Prestiges diente und zur Absetzung gegenüber den „trunksüchtigen“ und „undisziplinierten“ Arbeitern herangezogen wurde.
In dem dritten großen Kapitel werden die Debatten um Alkoholverbote als schärfste staatliche Disziplinierungsmaßnahmen vor dem Hintergrund der Einführung der Alkoholprohibition in den USA 1919/20 als „globaler Moment der Temperenzbewegung“ (S. 45) diskutiert. Bauck unterstreicht, dass die Alkoholprohibition in den USA auch den Bewegungen um Rio de la Plata zunächst neuen Aufschwung bescherte und sich sogar ein von US-amerikanischen Aktivistinnen inspiriertes regionales Netzwerk der Alkoholgegner formierte. Gleichzeitig wurden aber auch die Spannungen zwischen weltweitem und nationalem Aktivismus deutlich, da das transnationale Engagement zunehmend in einem angespannten Verhältnis zum wachsenden Nationalismus in Argentinien, Uruguay und den USA stand. Weibliche Alkoholgegnerinnen nahmen dabei eine dominierende Stellung ein, wobei sie zwar US-amerikanische Konzepte wie Sportwettbewerbe für Kinder und Jugendliche übernahmen, sich aber gleichzeitig stärker von den US-Amerikanerinnen abgrenzten und die Temperenzarbeit als ureigene nationale Aufgabe betrachteten. Das Antialkoholengagement gab den Frauen in Argentinien und Uruguay die Möglichkeit, sich einer eigenen „Moderne“ zu vergewissern, die zwischen der lateinamerikanischen „Provinz“ und der nordatlantischen „Moderne“ angesiedelt war.
Insgesamt gelingt es Bauck, ein komplexes Bild der transnationalen Aushandlungsprozesse der Temperenzaktivistinnen und Alkoholgegner am Rio de la Plata zu zeichnen, das die Vorstellungen einer einseitigen Beeinflussung von außen (durch die USA) zurückweist, und, ganz im Gegenteil, die vielschichtigen Interaktionsformen der gegenseitigen Übernahme und Adaptation von Antialkoholmaßnahmen hervorhebt. Dabei verweist er auch auf die Instrumentalisierung des Temperenzdiskurses, der den bürgerlichen Eliten am Rio de la Plata dazu diente, ihre moralische Überlegenheit gegenüber „unzivilisierten“ und marginalisierten Gruppen herauszustreichen. Gleichzeitig wurde die geschlechtsspezifische Aufteilung des Aktivismus nur selten in Frage gestellt. Ganz im Sinne eines sozialkonservativen Engagements wurde sowohl von den US-amerikanischen als auch von den lateinamerikanischen Aktivistinnen eine spezifisch weibliche Rolle propagiert, die auf das Idealbild einer bürgerlichen Familie abzielte. Der Mann kam im Temperenzdiskurs entweder als Opfer des Alkohols oder als Experte vor, der Frau wurde ein fürsorglicher, auf die Erziehung beschränkter Aktivismus zugestanden.
Dem Autor ermöglicht seine globalgeschichtlich inspirierte Betrachtungsweise also tatsächlich, zentrale gesellschaftliche Probleme der Zeit anzusprechen, die weit über den eigentlichen Temperenzdiskurs hinausweisen und damit sein Versprechen, einen Beitrag zum Verständnis von „Rasse, Klasse und Geschlecht“ am Rio de la Plata zu leisten, auch einzulösen. Dabei werden aber auch die Grenzen dieser Herangehensweise deutlich. So erwähnt Bauck nur selten die tatsächlich eher geringen Erfolge der Temperenzbewegung am Rio de la Plata und es wird auch nur bedingt deutlich, inwieweit der Antialkoholdiskurs tatsächlich so eine bedeutende Rolle für das Verständnis von „Ideologie, Nationalität und Religion“ innehatte. Das liegt auch daran, dass es dem Autor an detaillierter Kenntnis über die argentinische und uruguayische Historiografie fehlt und er trotz des großen Quellenkorpus nur bedingt Quellen vor Ort eingesehen hat (so war er anscheinend in Uruguay gar nicht im Archiv). Das schmälert den Ertrag der Arbeit nur unwesentlich, macht aber deutlich, dass man die Versprechen einer globalgeschichtlichen Herangehensweise eventuell etwas einschränken sollte. Im vorliegenden Fall lernt man viel über die Temperenzbewegung am Rio de la Plata und ihre transnationalen Verknüpfungen, ob sich damit aber auch belastbare Aussagen über die Identität einer Nation treffen lassen, scheint nicht immer gewährleistet.