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Einzelrezension

Bius, Joel R.: Smoke ’Em if You Got ’Em. The Rise and Fall of the Military Cigarette Ration, 328 S., Naval Institute Press, Annapolis 2018.


Keywords: Review, Bius, Joel R., 2018, Zigaretten, Militär, USA, Krieg, Konsum

How to Cite:

Jakob, M., (2019) “Bius, Joel R.: Smoke ’Em if You Got ’Em. The Rise and Fall of the Military Cigarette Ration, 328 S., Naval Institute Press, Annapolis 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00178-1

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-10-23

Peer Reviewed

Joel R. Bius erkundet hier die Entstehung und den Niedergang der engen Beziehung zwischen der US-amerikanischen Zigarettenindustrie und der United States Army. Sein Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Einführung der kostenlosen Zigarettenrationen als Teil der Soldatenverpflegung im Ersten Weltkrieg bis zum Beschluss einer strikten Nichtraucherpolitik 1986. Bius’ Darstellung schreitet nicht gleichmäßig chronologisch voran, sondern widmet die beiden Teile des Buches vorrangig dem Ersten Weltkrieg und der Zeit von 1964 bis 1986. Er will anhand der Analyse des Interessengeflechtes von Zigarettenindustrie und Armee die Funktionsweise politischer und unternehmerischer Meinungsbildung und Interessenpolitik aufzeigen, wozu auch gehört, den Beitrag der Army zur Kultur des Zigarettenrauchens in den USA zu klären.

Als die Vereinigten Staaten 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, wurden in den USA Zigaretten im Vergleich zu Kautabak und Zigarren wenig konsumiert. Nach dem Ersten Weltkrieg war nicht nur der Verbrauch unter Veteranen wie Zivilisten stark angestiegen, auch das zuvor negativ behaftete Zigarettenrauchen war durch ein positiv besetztes, Maskulinität betonendes Bild aufgewertet worden. Bius schildert ausführlich die Wichtigkeit des Rauchens für die Moral der Soldaten im Grabenkrieg. Die Armeeführung übertrug zunächst der Young Men’s Christian Association (YMCA) den Verkauf subventionierter Zigaretten, wobei deren „Y‑Men“ genannte Freiwillige häufigen Anfeindungen der Soldaten ausgesetzt waren. Nach seiner Ernennung zum Stabschef der Armee ordnete Peyton March 1918 die Verteilung kostenloser Zigaretten als festen Teil der Rationen an, was auch nach Kriegsende nicht zurückgenommen wurde. Die Army machte damit so gut wie alle ihrer Rekruten zu Rauchern und wurde zu einem festen Großabnehmer der US-Zigarettenindustrie.

Auch gesamtgesellschaftlich verbreitete sich das Zigarettenrauchen infolge des Ersten Weltkriegs rasant. Bis zum Beginn und während des Zweiten Weltkriegs stieg der Gesamtverbrauch von Zigaretten in den USA von 45 Mrd. Stück im Jahr 1920 auf 134 Mrd. 1935 und 341 Mrd. 1945 (S. 65). 1944 führte die wachsende Nachfrage des Militärs, das gegen Ende des Krieges etwa ein Drittel der gesamten Produktion abnahm, und der Zivilbevölkerung zu einem Engpass in der Versorgung, sodass sich der einflussreiche Senatsausschuss für die Kriegsproduktion unter Leitung Harry S. Trumans mit der Zigarettenproduktion befasste. Ironischerweise, so das Ergebnis der Senatsenquete, waren es die regulatorischen Eingriffe des New Deal, die eine kurzfristige Ausweitung der Produktion nur zum Preis einer Qualitätsverschlechterung möglich machten. Die Zigarettenindustrie weigerte sich erfolgreich dagegen, ihre eingeführten Marken durch Herabsetzung der Qualität zu schwächen. Der Truman-Ausschuss bekräftigte in seinem Resümee die Bedeutung der Zigarettenindustrie für die Kriegsanstrengungen wie für die Wirtschaft sowie den öffentlichen Haushalt der USA und zementierte damit einen engen Nexus von Armee, Regierung, und Unternehmen. Nach dem Krieg nutzte die Zigarettenindustrie Veteranenorganisationen sowohl zu Werbezwecken wie auch Lobbyarbeit. In den 1950er Jahren stand die Bindung von Armee, Gesamtgesellschaft und Zigarettenherstellern auf dem Höhepunkt. Ab den 1960er Jahren führten dann neue medizinische Erkenntnisse über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens und die Abschaffung der Wehrpflicht letztlich zu ihrem Niedergang.

1964 verdichtete der Surgeon General Luther Terry in seinem Bericht „Smoking and Health“ die seit 1950 erzielten eindeutigen Ergebnisse der medizinischen Forschung zu einer wirksamen öffentlichen Warnung vor den gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums, die die folgende Fiskaldebatte prägte. Eine wesentliche Triebfeder für die Abkehr der Armee von der Zigarettenindustrie waren die stark gestiegenen Kosten der Gesundheitsfürsorge in der nach dem Vietnamkrieg zur Berufsarmee umgewandelten Army. Zeitgleich mit dem Ende der Wehrpflicht wurde 1973 aufgrund fiskalischer Erwägungen die Verteilung kostenloser Zigaretten an Soldaten eingestellt. Die Unternehmen weckten im Gegenzug in koordinierten Kampagnen Zweifel an Forschungsergebnissen, die die schädlichen Folgen des Rauchens belegten, und stellten die Irrationalität des Rauchens geschickt als Ausweis freier Willensentscheidung gegenüber konformem Handeln dar. Sie richteten ihre Marktforschung und Kampagnen auf Teenager zwischen 14 und 19 Jahren, und besonders auf junge Soldaten, aufgrund der Erkenntnis, dass die Entscheidung für das Rauchen in einem engen Zeitfenster um das 18. Lebensjahr fiel und sich unter Berufssoldaten ein sehr hoher Anteil von Rauchern befand. Bius schreibt den Schlussteil seines Buches als Lehrstück in Kompromisspolitik und zeigt noch einmal die Paradoxien auf, die aus der Staatsnähe der Zigarettenindustrie erwachsen waren, vor allem anhand der Richtlinie 1010.10 des Verteidigungsministeriums aus dem Jahre 1986. War diese Richtlinie als Ergebnis politischen Taktierens weich formuliert, ließ sie der Army kaum eine andere Möglichkeit, als in einem harten Schnitt ihre Rauchkultur zu beenden.

Bius folgt vor allem den Entscheidungen und Reflexionen von Schlüsselfiguren im „cigarette war“, was zu einer lebhaften Darstellung, aber auch zur Unterbelichtung struktureller Aspekte führt. Er kann die zahlreichen Querverbindungen der US-Rauchkultur zur Verteidigungs‑, Gesundheits‑, Wirtschafts- und Sozialpolitik aufzuzeigen, wobei er sich gelegentlich doch weit vom eigentlichen Gegenstand entfernt. Diese Multiperspektivität ist eine Stärke des Buches, lässt aber durch die Konzentration auf einige wenige Akteure zahlreiche Fragen offen. Bius verzichtet zudem auf eine Erläuterung des Forschungsstandes wie er auch keinem theoretischen Ansatz zur Analyse folgt, stattdessen oftmals Beschreibung und Erklärung gleichsetzt. Dennoch kann das Buch mit Gewinn gelesen werden, ermöglicht es doch vielfältige Einblicke in die Geschichte des militärisch-industriellen Komplexes in den USA, die zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema anregen.