Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von Christoph Cornelißen und Paolo Pezzino, publiziert 20 Beiträge einer deutsch-italienischen Tagung aus dem Jahr 2014, die sich einer Bestandsaufnahme des Phänomens „Historikerkommissionen“ gewidmet hat. Damit kommt mit deutlicher Schwerpunktsetzung auf Deutschland und Italien ein zentrales Thema an der Schnittstelle von Politik, Recht und Geschichtswissenschaft zur Sprache, das international seit 1989 enorm an Bedeutung gewonnen hat und an dem die Verschiebungen seismografisch beobachtet werden können, die seit gut 30 Jahren die Beziehungen zwischen Erinnerung, Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft verändern. Der besondere Gewinn dieses Bandes liegt darin, dass er einen vorzüglichen Überblick über die Arbeit und die Hintergründe der deutsch-italienischen Historikerkommission 2009–2012 bietet und mit flankierenden Beiträgen kombiniert, welche andere bilaterale Historikerkommissionen, aber auch weitere Formen der Auftragsforschung von Historikern behandeln. Mehrere Beiträge gehen auch auf die Rolle von Historikern und Juristen in Gerichtsverfahren ein, die Gewaltverbrechen betreffen. Immer wieder geht es in den Beiträgen um Ereignisse aus dem Zusammenhang des Zweiten Weltkrieges und der NS-Besetzung europäischer Nachbarstaaten.
Der Band ist ausgesprochen perspektivenreich. Die einzelnen Beiträge verbinden Sachberichte über Aufgabenstellung, Arbeitsweisen und Ergebnisse der unterschiedlichsten Kommissionen mit grundlegenden Reflexionen über die geschichtspolitischen und wissenschaftspolitischen Umständen und Folgen dieser neuen Form historischer Expertise in der politischen Öffentlichkeit. Besonders aufschlussreich sind etwa die Beiträge des italienischen Herausgebers Pezzino und seiner italienischen Kollegen Pier Paolo Portinaro und Michele Battini, welche die deutsch-italienischen Erfahrungen in die größeren Zusammenhänge der internationalen Entwicklungen und der strukturellen Probleme einordnen, welche sich ergeben, wenn Historiker zu Gerichtsgutachtern, Kommissionsmitgliedern bilateraler Kommissionen und entsprechender diplomatischer Beziehungen werden, oder wenn politische Erwartungen für eine gemeinsame Erinnerungskultur an sie herangetragen werden.
Die Beiträge beziehen sich im Kern auf mittel- und südeuropäische Erfahrungen und beleuchten damit schlaglichtartig die letzte Welle europäischer Initiativen auf dem Feld einer die Gegnerschaften und Spannungslinien der Vergangenheit ebenso aufarbeitenden wie überwindenden Geschichtspolitik. Immer wieder werden aber auch die größeren internationalen Bezüge zu Asien, Afrika oder Lateinamerika angesprochen.
Es gibt in diesem vielstimmigen deutsch-italienischen Expertenchor so etwas wie eine kritisch-skeptische Grundmelodie, welche die spezifische Rolle der geschichtswissenschaftlichen Expertise für die Sicherung faktenorientierter Grundlagen historiografischer Deutungen und daran anknüpfender Erinnerungsnarrative deutlich macht. Die Vereinnahmung des Historiker-Experten in der demokratischen Medienlandschaft und durch politische Interessenten wird kritisch diskutiert, aber im Grunde verteidigen die meisten Beiträge selbstbewusst die Spielräume einer Geschichtswissenschaft, welche in der kritischen Rekonstruktion komplexer und widersprüchlicher Sachverhalte ihren kritischen Stachel gegenüber Erinnerungsnarrativen und Versöhnungsimperativen behält. Insgesamt handelt es sich um einen Band, den jeder lesen sollte, der sich intensiver mit den aktuellen geschichtspolitischen Herausforderungen der Geschichtswissenschaft beschäftigt.