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Einzelrezension

Crouch, Colin: Der Kampf um die Globalisierung, 88 S., Passagen, Wien 2018.


Keywords: Review, Crouch, Colin, 2018, Globalisierung, Rationalität

How to Cite:

Unrau, C., (2019) “Crouch, Colin: Der Kampf um die Globalisierung, 88 S., Passagen, Wien 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00176-3

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-10-24

Peer Reviewed

Colin Crouch, der Meister der Zeitdiagnose, legt hier eine kurze, engagierte Schrift zum Gegenwartsthema schlechthin vor: der Globalisierung. Wie schon der Titel klar macht, handelt es sich um eine Kampfschrift, und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen beschreibt sie einen Kampf, den zwischen Nationalismus und Globalisierung, der – so eine seiner Hauptthesen – gleichzeitig eine Wiederauflage des „großen Konflikts zwischen den Werten des ancien régime und der Aufklärung“ (S. 12) darstellt. Zum anderen ergreift der Autor selbst Partei in diesem Kampf – und zwar für das Projekt, das aus seiner Sicht die Werte der Aufklärung in der Gegenwart am besten realisiert, eine „geregelte Globalisierung“ (S. 11).

Dass er möglichst viele Menschen mit diesem Manifest erreichen will, zeigt sich am Aufbau und Stil des Textes. Es beginnt mit dem „Argument in Kürze“, und schließt mit einer Antwort auf die Frage „Was nun?“. Dazwischen liegen vier kurze Kapitel, in denen er mit Rückgriff auf die Wirtschaftsgeschichte der Globalisierung und die Ideengeschichte des Nationalismus die Hintergründe seines Arguments darlegt. Er beginnt mit einem Rückblick auf die „Wellen der Globalisierung“, vom europäischen Imperialismus bis zum Wegfall der Systemkonkurrenz. Im Kapitel „Gewinne und Verluste“ legt er dar, inwiefern die Welt ohne die verschiedenen Aspekte der wirtschaftlichen Globalisierung „um einiges ärmer“ (S. 42) wäre und betont, dass die Verluste von Industriearbeitsplätzen im Westen nicht nur auf die Verlagerung in Niedriglohnländer, sondern maßgeblich auch auf die Automatisierung von Produktion zurückgehen. Unter der Überschrift „Der Mythos der Nation“ zeichnet er nach, wie sich die Idee des Nationalstaats langsam vom Westfälischen Frieden über die Französische Revolution bis hin zu den sprachlichen Partikularismen des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass es sich um ein historisch gewachsenes und damit letztlich veränderbares „Konstrukt“ (S. 46) handelt. Im Kapitel über „Die Rückkehr von Konflikten aus dem 18. Jahrhundert“ verdeutlicht Crouch seine These, dass es sich bei dem aktuellen Konflikt zwischen Globalisierung und Nationalismus letztlich um „ein Wiederaufleben des epischen Kampfs zwischen Aufklärung und ancien régime“ (S. 69, Hervorhebung im Original) handelt, wobei Aufklärung für Vernunft, Innovation und Veränderung steht, das ancien régime hingegen für Konservatismus, Autorität und Vertrautes. Durch diese Linse betrachtet werden, so Crouch, viele vermeintliche Widersprüche verständlich, etwa dass ein Milliardär wie Donald Trump die Marginalisierten und Verarmten begeistert. Das liegt aus seiner Sicht daran, dass es vielen letztlich um die Hoffnung geht, „in eine frühere, vermeintlich behaglichere Welt zurückkehren zu können“ (S. 70).

Auch in diesen Zwischenkapiteln schlägt Crouch große Bögen und formuliert starke Thesen. Einige der dafür notwendigen Vereinfachungen könnten stören. So etwa, dass Crouch Konservatismus und ancien régime gleichsetzt (S. 61), ohne zu berücksichtigen, dass der Konservatismus als Ideologie erst dann entstand, als das ancien régime sich gegen konkurrierende Denkweisen rechtfertigen musste. Auch einzelne Begriffe scheinen in der Bemühung um ein Verständnis der jeweils anderen Wahrnehmung etwas zu unkritisch übernommen, wie beispielsweise „Islamkrise“ (S. 41), oder „Flüchtlingskrise“ (S. 41).

Ein weiterer Kritikpunkt ist sein schwankender Umgang mit dem Thema Rationalität und Emotionen. Einerseits setzt Crouch das Projekt der Aufklärung mit Rationalität gleich und attestiert dem Konservatismus eine „Feindschaft gegen Wissenschaft und Vernunft“ (S. 69). Andererseits deutet er an, dass Emotionen nicht nur diagnostiziert, sondern auch für das eigene Projekt mobilisiert werden müssen. Dabei konzentriert er sich weitgehend auf den „Stolz“ (S. 11, 32), den es auch in seiner Zukunftsvision für die je eigenen Städte und Regionen zu bewahren gilt. Insofern als er nicht nur einen Kampf beschreibt, sondern darin Partei ergreift, geht es ihm um die Mobilisierung von Enthusiasmus. Die Berufung auf einen „epischen Kampf“ zwischen Globalisierung und Nationalismus gleich im ersten Satz (S. 7) zeigt, dass auch er eine emotional aufgeladene Heldengeschichte zu erzählen gedenkt. Es geht also nicht nur um Vernunft gegen Irrationalismus, sondern auch um die überzeugendere Geschichte.

Dennoch ist sein Text ein wichtiger Beitrag, gerade vor dem Hintergrund, dass aktuell auf Seiten der Linken einige den Versuch unternehmen, durch die Annäherung an nationalistische Positionen Stimmen zurückzugewinnen. Crouch selbst nennt Jean-Luc Mélanchon und seine Bewegung „La France Insoumise“ als Beispiel (S. 69). Auch in der deutschen Linken gibt es ähnliche Tendenzen, beispielsweise in der Bewegung „Aufstehen“. Anders als die Globalisierungskritik, die sich selbst als globalization from below verstand, kritisieren die Vertreter und Vertreterinnen dieser eher neuen Strömung Immigration als Problem für Arbeitsmarkt und Sozialsysteme und entwickeln Zukunftsvisionen rund um die Wiedergewinnung nationaler Souveränität. Wahrscheinlich sind also gerade sie die Hauptadressaten von Crouchs Intervention.

Wie überzeugend ist Crouchs Gegenentwurf? Er setzt hauptsächlich auf zwei Strategien: Ein erweitertes Verständnis von Subsidiarität und „politische Kreativität“ auf allen Stufen (vgl. S. 82). Damit vermeidet er die Falle, die den Nationalisten noch mehr Zulauf beschert, nämlich mit dem „Lauf der Geschichte“ zu argumentieren, der ohnehin nicht mehr aufzuhalten sei. Stattdessen betont er so die Gestaltungsspielräume und gibt einige konkretere Hinweise, wie es gelingen könnte, die Weltwirtschaftsordnung demokratischer und im Interesse aller weiterzuentwickeln. Er schließt mit der Beobachtung, dass es eher die älteren Generationen sind, die sich den souveränen Nationalstaat zurückwünschen. Darin sieht er jedoch offenbar nicht den einzigen „Grund zur Hoffnung“ (S. 83). Denn statt darauf zu warten, dass Nationalisten aussterben, setzt auch Crouch mit seinem Manifest auf Überzeugungsarbeit für das Projekt der „demokratischeren Weltwirtschaftsordnung“ (S. 82). Daran gilt es anzuknüpfen.