Skip to main content
Einzelrezension

Salvisberg, Melanie: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010), 406 S., Schwabe, Basel 2017.


Keywords: Review, Salvisberg, Melanie, 2017, Schweiz, Hochwasserschutz, Hochwasser

How to Cite:

Hannig, N., (2019) “Salvisberg, Melanie: Der Hochwasserschutz an der Gürbe. Eine Herausforderung für Generationen (1855–2010), 406 S., Schwabe, Basel 2017.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00175-4

Rights:

© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

4 Views

2 Downloads

Published on
2019-11-13

Peer Reviewed

Die Gürbe ist ein Fluss im Schweizer Kanton Bern, oder genauer: ein Nebenfluss der Aare, der wiederum der längste allein durch die Schweiz verlaufende Fluss ist. Nur rund 29 Kilometer misst die Gürbe gegenwärtig. Gleichwohl hält sie nun schon seit mehr als 200 Jahren das Gürbetal im Süden der Stadt Bern in Atem. Immer wieder kam es zu Überschwemmungen, da der Fluss teils starke Gefälle hat und viel Geschiebe mit sich führt. Zuletzt hatten 1990 schwere Hochwasser die Region verwüstet und einen Schaden von rund 40 Millionen Franken verursacht.

Melanie Salvisberg widmet sich in ihrer Berner Dissertation dieser stets überschwemmungsgefährdeten Region in breiter zeitlicher Perspektive. Sie untersucht die Entwicklung des Hochwasserschutzes von 1855 bis 2010. Im Zentrum stehen dabei die großen Korrektionen, die den Fluss seit Mitte des 19. Jahrhunderts von einem mäandrierenden, mitunter mehrarmigen Gewässer in einen streng begradigten Kanal verwandelten. Dabei hangelt sie sich jedoch nicht von einem Großprojekt zum nächsten, sondern baut ihre Studie systematisch auf. Neben den naturräumlichen Begebenheiten und Schadenswerten beschäftigt Salvisberg sich ebenso mit den rechtlichen, finanziellen und lebensweltlichen Dimensionen der Präventionspolitik.

Alle diese Bereiche waren eng miteinander verflochten und mussten in Einklang gebracht werden, wenn Hochwasserschutzmaßnahmen erfolgreich sein wollten. Denn die Prävention gegenüber Naturgefahren brachte stets Profiteure und neue Leidtragende hervor. Es ging um zusätzliche Landgewinne und Entsumpfung, um Bebauungsflächen, um den Schutz von Grundbesitz und um die Wirtschaftlichkeit technischer Großprojekte. Der Staat konnte seine Bevölkerung stärker an sich binden. Zugleich lief er Gefahr, bei Misserfolg Vertrauen zu verspielen und neuen Unmut zu wecken, zumal es immer wieder zu Kompetenzgerangel zwischen Kanton und Bund kam.

Salvisberg gelingt es, dieses Wechselspiel mikroperspektivisch auszuleuchten und dabei Rückschlüsse auch im größeren Kontext zu ziehen. Im Grunde führt sie ihren Leserinnen und Lesern die Geschichte einer Dauerbaustelle vor, an der Hydrotechniker seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit nur wenigen Unterbrechungen – meist durch abermalige Hochwasser – kontinuierlich arbeiteten. Den Schlusspunkt setzt ein „Wandel der Wasserbauphilosophie“, der unverkennbar den Geist der Zeit atmete (S. 263). Die hydrotechnische Präventionsarbeit, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert als eine Art Allzweckwaffe galt, musste sich mit stärker an Nachhaltigkeit orientierten Schutzkonzepten arrangieren. Der frühere Anspruch, Gefahren zu verhindern, noch bevor sie überhaupt entstanden, musste einer offeneren Strategie weichen, die gewisse Restrisiken in Kauf nahm. Es hatte gedauert, bis sich Ideen der Renaturierung auch auf lokaler Ebene durchsetzten. Doch sie sind es, die das Aussehen des Flusses gegenwärtig prägen, vor allem die Gürbemündung mit ihren revitalisierten Auen. Allerdings können wir noch heute Vorrichtungen aus nahezu allen Bauphasen der letzten 200 Jahre erkennen – allesamt Zeugnisse, an denen sich der Wandel der Präventionstechnik nachvollziehen lässt.

Salvisberg schreibt eine Geschichte des Schweizer Hochwasserschutzes, die die Konfliktträchtigkeit von Landschaftsveränderungen mit dem Ziel der Vorsorge deutlich vor Augen führt. Sicher, grundsätzlich sprach für die Zeitgenossen stets nur wenig gegen den Hochwasserschutz. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass jeder Zeitabschnitt seine eigenen Widerstände hatte. Mit Grundeigentümern musste die Kantonsregierung Kompromisse aushandeln. Alpgenossenschaften, Fischer und Naturschützer hatten wiederum ganz eigene Vorstellungen von Landschaftsumgestaltung, die sie teils vor Gericht durchzufechten versuchten. Hier zeigt sich der Mehrwert eines mikroperspektivischen Blicks auf einen kleinen Fluss besonders deutlich. Denn Präventionsarbeit musste stets zwischen Wirtschafts‑, Verkehrs- und Siedlungspolitik vermitteln. Die Studie von Salvisberg arbeitet diese Konstellationen in breitem Zuschnitt aber stet präzise heraus.