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Einzelrezension

Planert, Ute/Süß, Dietmar/Woyke, Meik (Hrsg.): Sterben, töten, gedenken. Zur Sozialgeschichte des Todes, 320 S., Dietz, Bonn 2018.


Keywords: Review, Planert, Ute, Süß, Dietmar, Woyke, Meik, 2018, Tod, Sterben, Töten, Trauer, Gedenken

How to Cite:

Schäfer, D., (2019) “Planert, Ute/Süß, Dietmar/Woyke, Meik (Hrsg.): Sterben, töten, gedenken. Zur Sozialgeschichte des Todes, 320 S., Dietz, Bonn 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00174-5

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-10-23

Peer Reviewed

Die zwölf Beiträge des vorliegenden Bandes 5 aus der Reihe „Einzelveröffentlichungen aus dem Archiv für Sozialgeschichte“ entstammen sämtlich der gleichnamigen Zeitschrift (Bd. 55, 2015; S. 3–296), wurden aber anscheinend teilweise – zumindest bezüglich der Forschungsliteratur – für diesen Nachdruck aktualisiert. In einer Einführung (S. 7–22) mit dem nicht weiter erläuterten Titel „Nichts ist umsonst“ (Anspielung auf „Umsonst ist nur der Tod“ und den Aufwand, mit dem Kulturen weltweit Sterben und Tod zu bewältigen versuchen?) bieten die beiden (Erst‑)Herausgeber_innen einen knappen Überblick zur Geschichte des Todes, zur Thanatosoziologie und zu den nachfolgenden Beiträgen und verorten den Sammelband explizit jenseits kulturgeschichtlicher Ansätze in ein Umfeld mit klassischen sozialgeschichtlichen Fragestellungen und Methoden. Demzufolge richtet die aktuelle Sozialgeschichte des Todes den Blick „auf neue und alte Ungleichheiten, auf Formen klassen-, geschlechter- und generationenspezifischer Praktiken im Umgang mit Tod und Sterben [… sowie auf] Prozesse der Ökonomisierung, Politisierung und gesellschaftlichen Selbstorganisation“. Dabei greift sie auch „die Möglichkeit quantifizierbarer Methoden auf“ (Massendaten, statistische Erhebungen). Angesichts des Fehlens „eines weithin geteilten (christlichen) Wertehorizontes und Normengefüges“ erscheint es den Herausgeber_innen sinnvoll, nach „Differenzierungen, historischen Verortungen und Beobachtungen mittlerer Reichweite“ (S. 9 f.) zu fragen. Demzufolge stehen die elf folgenden Beiträge, die meistens einschlägigen, sehr spezialisierten Forschungsprojekten entstammen, nur exemplarisch für dieses breite Forschungsfeld und behandeln ‚nur‘ die Moderne ab 1850 bis zur Gegenwart. Naturgemäß erscheinen sie je nach Interesse und Vorkenntnis potenzieller Rezipienten von unterschiedlicher Relevanz, sind aber durchweg sorgfältig und stringent ausgearbeitet.

Den im neuen Haupttitel des Bandes angegebenen drei Bereichen lassen sich die im Sammelband lediglich chronologisch geordneten Beiträge grob zuordnen:

1. Zum Bereich „Sterben“ gehört insbesondere der Beitrag von Norman Aselmeyer über „Cholera und Tod“ (S. 81–110), der Epidemieerfahrungen (vorwiegend aus dem Seuchenzug in Hamburg 1892) und Todesanschauungen in autobiografischen Texten von Arbeiterinnen und Arbeitern untersucht und eine aus medizinhistorischer Sicht willkommene Erweiterung der modernen Seuchengeschichte in Richtung Patient_innen-Geschichte bietet; ferner der spannende Text von Michael Becker und Dennis Bock über „‚Muselmänner‘ und Häftlingsgesellschaften“ (S. 137–179), in dem (im Sinne einer „Sozialgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“) dieser in der Forschung bislang marginalisierten Subgruppe der Gefangenen entgegen dem herrschenden Narrativ (soziale Exklusion mental destruierter „lebender Toter“) ein nach Raum und Zeit differenziertes Bild „komplexer Sozialität“ zugewiesen wird. Im weiteren Sinne berühren auch zwei Beiträge zur Wissensvermittlung das Thema „Sterben“: Sebastian Weinert untersucht in „Der ‚Tod‘ als Argument“ (S. 111–135) Strategien der hygienischen Volksbelehrung vom späten Kaiserreich bis zum Anfang der 1960er Jahre; konkret werden Gesundheitsausstellungen aus fünf verschiedenen politischen Systemen im Blick auf ihre „Emotionalisierung“ von Sterblichkeit, Gesundheitsrisiken und deren Vorbeugung befragt; deutlich wird dabei übergreifend die säkular-rationalisierende Deutung des Todes als Folge persönlichen Fehlverhaltens. Florian Greiner hingegen untersucht „populäres Wissen zum Thema ‚Tod‘ seit den 1970er Jahren“ in der bundesrepublikanischen Ratgeberliteratur (S. 279–300), in der eine neue Expertenkultur „richtiges“ Sterben und Trauern erklärt und in einer Mischung von Verwissenschaftlichung und popularisierenden Attitüden die Reintegration des angeblich verdrängten Todes in das Alltagsleben fordert.

2. Dem Bereich des „Tötens“ sind lediglich zwei Beiträge zuzuordnen: Nina Janz vergleicht in „Von Toten und Helden“ (S. 181–207) Vorschriften der Wehrmacht über die Bergung und Bestattung gefallener oder anders zu Tode gekommener Soldaten mit der überlieferten Praxis im Zweiten Weltkrieg sowie dem vom NS-Regime verordneten Kult, der im ‚Dritten Reich‘ Gehorsam, Treue und Opferbereitschaft fördern und damit das System stabilisieren sollte. René Schlott analysiert „Die Todesopfer an der Berliner Mauer“ (Flüchtende wie Grenzsoldaten) und zeigt deren Instrumentalisierung in beiden politischen Systemen vor und nach der Grenzöffnung bis hinein in die Gegenwart (S. 255–277).

3. Zum Bereich des „Gedenkens“ und der Trauerkultur gehören – aus historischer Perspektive nicht überraschend – direkt oder indirekt die meisten Beiträge. Anna-Maria Götz referiert am Beispiel der Ausstattung verschiedener bürgerlicher Familiengräber den Wandel des Bestattungswesens im 19. Jahrhundert unter den Aspekten „Status, Prestige und Distinktion“ (S. 23–41). Henning Türk untersucht exemplarisch für „Bürgerliche Stiftungen“, deren Ziel neben der Memoria auch eine „soziale Harmonisierung ‚von oben‘“ war, die Stiftung eines Brunnens und einer Kleinkinderbewahranstalt der Winzer-Familie Jordan im vorderpfälzischen Deidesheim (S. 43–57). Ausgehend von einer in der zeitgenössischen Unterschrift sarkastisch kommentierten italienischen Lithografie von 1874, die eine heitere Szene bei einer Trauerfeier bei Neapel illustriert, zeigt Moritz Buchner die sich davon abhebenden bürgerlichen Ideale einer „zivilisierten Trauer“, zu der unter anderem ein (nach Geschlechtern differenzierter) „Habitus der Schwäche“, dosierte Bekundungen von Leid und Mitleid sowie Körperkontrolle zählen (S. 59–80). Lu Seegers vergleicht die in Interviews erhobenen Erinnerungen sogenannte „Kriegskinder“ an ihre im Zweiten Weltkrieg verstorbenen Väter und ihre systembedingt unterschiedliche Deutung der daraus entstandenen familiären Probleme in der BRD, DDR und in Polen (S. 209–237). Ann Katrin Düben schließlich arbeitet verschiedene Stationen bundesrepublikanischer Erinnerungspolitik (1945–70) am Beispiel der Friedhöfe für die Toten der Emslandlager heraus (S. 239–254).

Sämtliche Beiträge zeichnen sich durch zahlreiche Angaben von Forschungsliteratur aus, die für zukünftige Bearbeiter einer „Sozialgeschichte des Todes“ wertvoll sein können, und sind ausgesprochen sorgfältig redigiert.