Die Monografie von Robin Mohan behandelt das Primat der Ökonomisierung, das in Krankenhäusern vorherrscht. Der Autor umkreist das Problem auf drei Arten – theoretisch, historisch und empirisch – und zeigt in seiner anspruchsvollen Arbeit auf, wie Pflegekräfte ihr „salutogenetisches Kapital“ (S. 296) verwalten und praktisch umsetzen.
Im ersten Teil der Studie entwirft Mohan eine Matrix, die vom Widerspruch zwischen Tausch- und Gebrauchswert ausgeht. Der Autor gibt an, sich auf Karl Marx, Max Weber und Pierre Bourdieu zu stützen (S. 23–125). Im zweiten Teil bringt er eine sozialhistorische Entwicklung auf den Punkt, indem er krankenhaushistorische Zäsuren herausstellt (S. 129–174). Die Arbeit schließt mit einer Fallstudie zur Situation des Pflegepersonals in der Gegenwart (S. 177–303); es handelt sich dabei um das Kernstück dieser Dissertation.
Mohan problematisiert als erstes den Begriff der Ökonomisierung, den er letztlich als Strategie der Rationalisierung (S. 13) begreift. Seine Prämisse lautet, die Ökonomisierung lasse sich am besten im Rekurs auf empirische Forschung erklären (ebd.). Daraus leitet er seine Fragestellung ab: Er fragt danach, wie sich die Ökonomisierung in der Krankenhauspflege äußert (S. 17). In methodischer Hinsicht schlägt er ein an Theodor W. Adorno angelehntes „Denken in Konstellationen“ vor. Dieses Vorgehen zeichnet sich durch Multiperspektivität aus und verbindet Gesellschaftstheorie mit Mikrologie (S. 18).
Für historisch interessierte Leser_innen erweist sich der zweite Teil dieser Qualifikationsarbeit als spannend. Hier kristallisiert eine dreistufige Periodisierung heraus: Die Geburtsstunde des modernen Krankenhauses datiert Mohan auf das Ende des 18. Jahrhunderts, als dieses aus der Armenfürsorge hervorgegangen sei. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz aus dem Jahr 1972 markiere eine weitere Etappe; eine dritte habe die Einführung der Fallpauschalen bedeutet. Die beiden letztgenannten Reformen hätten einerseits dazu beigetragen, die Krankenhauspflege zu vereinheitlichen. Der Übergang von den Pflegesätzen zu den diagnosebasierten Fallgruppen habe den Pflegekräften andererseits ein Problem mit der Sichtbarkeit eingebracht (S. 287), moniert Mohan.
Ein zusätzlicher Gesichtspunkt zeigt sich, wenn die Pflege als „Frauenberuf“ fokussiert wird (S. 146–150). Die Krankenschwester habe sich in den 1960er Jahren professionalisiert. Während sie zuvor als „Gehilfin“ eines Arztes aufgetreten sei, habe später eine bessere Ausbildung dazu geführt, das Berufsbild aufzuwerten. „[D]ie chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser“ habe dabei „mit dazu bei[getragen], die ‚Feminisierung der Pflege‘ zu zementieren“, (S. 153) lautet ein an die titelgebende These anknüpfendes Deutungsangebot.
Das Kernstück dieser Studie führt in die Gegenwart. Es zeichnet sich durch einen „explorativen Charakter“ (S. 177) aus. Um herauszufinden, wie sich die Ökonomisierung im Bereich der Pflege äußert, erforscht Mohan zunächst Konflikte, die im Pflegealltag (S. 197–224) auftauchen. Seine Ergebnisse lauten, diese äußerten sich in Personalknappheit, einer hohen Arbeitsbelastung und Zeitdruck. Als Grundlage dienen Mohan neun Interviews mit Pflegekräften. Das Aufgabenprofil der Pflegenden schält sich daraus hervor. Die damit verknüpften Tauschwertbezüge („Abrechnungsregime“) stellt der Autor in einem eigenen Kapitel heraus (S. 225–266).
Im Ergebnis gelangt der Autor auf die Formel, eine „Parallelagenda“ herrsche vor: Neben dem gebrauchswertorientierten Projekt der umfassenden Krankenversorgung habe sich die am Tauschwert ausgerichtete Existenzsicherung der Krankenhäuser etabliert (S. 273). Auf die Pflegekräfte wirke sich der Kostendruck so aus, dass sie sich selbst als Kostenfaktoren verstünden (S. 276–277). Das verleite einen Teil der Pflegekräfte dazu, eine „instrumentelle Arbeitshaltung“ (S. 298) einzunehmen. So geht der Autor davon aus, die berufliche Identität werde sich langfristig verändern (S. 302).
Die drei Teile dieser Studie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sprachlichen Gestaltung. Der Sprachduktus des ersten Teils erweist sich als zäh, da die Begrifflichkeiten unterschiedlicher theoretischer Provenienz vermischt und lange Sätze gebildet werden. Der zweite Teil präsentiert sich als dichte Zusammenfassung sozialhistorischer Forschungsergebnisse, die der Studie als Forschungsstand hätte vorangestellt werden können. Der dritte Teil ist auf lebendigere Art verfasst: Er zieht Gewinn aus den mit Pflegekräften mündlich geführten Interviews. Dem Autor ist es zuletzt gelungen, verschiedene Thesen zu bilden. Er führt diese bei Möglichkeit auf den Widerspruch von Gebrauchswert (Patientenversorgung) und Tauschwert (Existenzsicherung des Krankenhauses) zurück.
Mohan geht im Sinn eines Patchworks relativ unorthodox vor. Während er im ersten Teil eine ambitionierte Theoriediskussion entwickelt, fehlen hier die Verweise darauf, was dies für die im dritten Teil behandelte Pflege bedeutet. Das Ziel der Studie besteht letztlich darin, eine „konkrete Gesellschaftsanalyse“ (S. 80) zu leisten. Das gelingt im dritten Teil der Studie; hier finden sich auch Verweise auf die im ersten Abschnitt entfaltete Ökonomisierungsthese.
Der inhaltliche Erkenntnisgewinn gestaltet sich vielfältig. Die Studie empfiehlt sich für Soziolog_innen, die sich für Krankenhausgeschichte interessieren. Für die Binnenperspektive der Pfleger_innen hält die Monografie viele wertschätzende Situationsbeschreibungen vor. Wer die Binnensicht von Pfleger_innen kennenlernen möchte, dem sei das dritte Kapitel nahegelegt. Dabei kann es sinnvoll sein, einzelne Kapitel – je nach Interessenslage – mehrmals zu lesen. Nebenbei hat sich gezeigt, dass es sich in Bezug auf die Ergebnisse lohnt, der Genderperspektive einen eigenen Platz einzuräumen.