Das 2018 im Steiner Verlag erschienene Buch von Martin Dinges ist eine umfangreiche Studie, in deren Zentrum der Autor das Verhältnis Bettine von Arnims „zu Krankheit, Gesundheit und dem medizinischen Angebot ihrer Zeit“ (S. 7) gestellt hat. Herausgekommen ist eine annähernd vollständige Revision des vorhandenen Quellenmaterials, bestehend vor allem aus Briefwechseln sowie Äußerungen und Reflexionen Bettine von Arnims zu der von Dinges weit gefassten Thematik der Gesundheit.
Dinges hat seine Studie entlang der Lebensphasen der Schriftstellerin strukturiert. Im ersten Teil des Buches widmet sich der Autor der Frage, „was Bettine über Gesundheit und Krankheit während ihrer Kindheit und Jugend lernen konnte“ (S. 8). Dinges reflektiert hier über den Einfluss der Erziehung etwa durch die Großmutter Sophie von La Roche, die sich selbst als Schriftstellerin über die Erziehung von Mädchen geäußert hatte. Auch die Erfahrungen, die von Arnim als Kind und junge Frau mit Krankheit und Tod in ihrem direkten Umfeld machte, bezieht Dinges in seine Überlegungen ein. Darüber hinaus sind allerdings die Aussagen der jungen Bettine zu Themen der Gesundheit in dieser Zeit äußerst rar. In dem darauf folgenden Lebensabschnitt, als erwachsene Frau, Ehefrau und Mutter sind von Arnims Umgang mit Krankheit und ihre Reflexionen über Gesundheit stark auf ihre Familie, den Erhalt der Gesundheit ihrer Kinder und deren Pflege fokussiert. In dieser Zeit äußerte von Arnim bereits Kritik an der gängigen Medizin, die jegliche Leiden versuchte mit sehr starken und offensichtlich nebenwirkungsreichen Medikamenten zu behandeln. Im Briefwechsel der Eheleute geht es häufig um Alltägliches: Nahrungsmittel, Kleidung, Geldsorgen, die Wahl des Wohnorts, das Wetter und die Erziehung der Kinder. All dies bezieht Dinges mit Verweis auf seinen weit gefassten Gesundheitsbegriff mit ein.
Dinges Forschungsperspektive weitet sich deutlich ab der Zeit, da von Arnim begann, die Homöopathie zu entdecken (1824–1831). Ab dieser Zeit nimmt der Diskurs über Gesundheit und Heilverfahren einen größeren Raum in den Briefwechseln ein. Auch berücksichtigt Dinges ab diesem Zeitraum vermehrt andere Quellen, um den Kontext der Entwicklung der Homöopathie in Deutschland und einzelne Ereignisse, auf die von Arnim in Briefen Bezug nahm, genauer zu beleuchten. Hierdurch ist besonders das fünfte Kapitel in dem sich der Autor dem öffentlichen Wirken von Arnims für die Homöopathie während der Witwenjahre (1831–1847) zuwendet, informativer und dichter im Vergleich zu den anderen Kapiteln, in welchen die Analyse meist sehr nah an den Briefquellen verbleibt.
Letzteres gilt schließlich auch für das sechste und letzte Kapitel vor dem Schlussteil. Hier versucht Dinges unter anderem anhand von Briefwechseln der Kinder und mittels der über Auktionslisten rekonstruierten Familienbibliothek Hinweise über von Arnims Wissen über Homöopathie zu rekonstruieren. Er fragt hier auch, welche Einfluss die Ansichten und Präferenzen der Mutter auf den späteren Umgang mit Gesundheit und Krankheit bei ihren Kindern hatte. So dürfte Dinges Interesse an der Geschichte der Homöopathie, von der seine über zehnjährige Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet zeugt, auch der Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung mit von Arnim gewesen sein.
Die aus historiografischer Perspektive hochinteressante Entwicklung von von Arnims eigener Perspektive auf Krankheit und Gesundheit sind leider durch spätere eigene Editierungen und romantische Verklärungen durch sie selbst immer wieder verfälscht worden. Aus einer anderen Forschungsperspektive, die Dinges hier allerdings nicht anstrebt, hätten diese Zeugnisse der Selbstdarstellung – als Teil gesundheitsbezogener Selbstpraktiken interpretiert – gerade zum Gegenstand einer überaus spannenden Analyse werden können. Überhaupt bleibt Dinges durch die gesamte Studie hindurch recht sparsam bei der historischen Kontextualisierung und Theoretisierung seiner Funde.
Dinges gelingt der Versuch, eine Medizingeschichte aus Sicht der Patienten zu rekonstruieren. Damit kommt er einer bereits seit den 1980er Jahren immer wieder an die Medizingeschichte gestellten Forderung nach (Roy Porter „The Patient’s View“, 1985). Eine wirkliche Medizingeschichte von unten ist Martin Dinges Buch dennoch nicht. Denn von Arnims Reflexionen hinsichtlich der armen Kranken, für die sie sich zeitweilig engagiert und hinsichtlich ihres Personals in der Berliner Wohnung und auf dem Gut in Wiepersdorf zeigen, dass die Teilnahme an Diskursen über gesunde Lebensweise und Wahlmöglichkeiten bei Ärzten und Heilansätzen im 19. Jahrhundert ein Privileg der Oberschicht darstellten. Dinges Funde bezeugen auf faszinierende Weise die Existenz solcher Gesundheitsdiskurse im gelehrten Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa, ohne allerdings deren Bedeutung für soziale Machtbeziehungen zu reflektieren. Darüber hinaus lässt Dinges sich im Schlusswort dazu hinreißen, aus der Studie einen Gesundheitsbegriff zu verallgemeinern, der dem aktuell immer hegemonialer werdenden Verständnis von Gesundheit bestens entspricht. Nach diesem ist Gesundheit gleichbedeutend mit einem geschickten, auf Produktivität ausgerichteten und das ganze Leben umfassenden Selbstmanagement. Dinges bemerkt eher konform hierzu: „dass man die ganze Lebenswelt eines Menschen in den Blick nehmen muss, um das Thema [Gesundheit] angemessen zu erfassen“ (S. 387). Für Gesundheit sei laut Dinges auch bei Bettine von Arnim nicht die „körperliche Funktionstüchtigkeit entscheidend für das persönliche Gleichgewicht […], sondern der erfolgreiche Umgang mit einer daraus hervorgehenden Einschränkung“ (S. 387). Auf diese Weise wirkt Dinges Studie einer kritischen Historisierung aktueller Gesundheitsdiskurse leider eher entgegen, als diese zu fördern.