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Einzelrezension

Bernhardt, Markus u. a. (Hrsg.): Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte, 365 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2018.


Keywords: Review, Bernhardt, Markus, 2018, Zukunft, Erwartungen, Zukunfterwartungen

How to Cite:

Hölscher, L., (2019) “Bernhardt, Markus u. a. (Hrsg.): Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte, 365 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2018.”, Neue Politische Literatur 65(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00171-8

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© The Author(s) 2020 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-10-21

Peer Reviewed

Als Ergebnis der ersten Phase des Essener Graduiertenkollegs „Vorsorge, Voraussicht, Vorhersage“ haben dessen Leiter einen Sammelband herausgegeben, der die Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen vergangener Akteure in verschiedenen historischen Konstellationen erschließen will. Sie gehen dabei, in Abgrenzung zu pauschalisierenden Urteilen in der historischen Zukunftsforschung, davon aus, dass 1. Gesellschaften zu einer Zeit nicht nur jeweils einen, sondern eine Vielzahl von gruppenspezifischen, erfahrungsgebundenen Zukunftshorizonten ausbilden; dass 2. sich diese nicht allein aus den von den Zeitgenossen explizierten Wissensbeständen, sondern auch aus den ihren Handlungen impliziten Strategien und strukturellen Optionen ablesen lassen und dass 3. überhaupt die gängige Meistererzählung von der spezifisch westlichen Kontingenzerweiterung in modernen Gesellschaften auf unzureichenden empirischen Grundlagen beruht.

Die 14 Beiträge loten in Studien, die vom perikleischen Zeitalter im klassischen Griechenland bis in die jüngste Vergangenheit reichen, alternative Vorgehensweisen aus. Im Ergebnis überzeugen sie nicht überall. So erscheint vor allem, im Anschluss an These 1, der Nachweis von gruppen- und situationsbezogener Zukunftsoptionen, etwa im Beitrag von Franziska Klein zu Konversionen von Juden zum Christentum in Mittelalter und früher Neuzeit, fast schon trivial. Ambitionierter sind Beiträge, die, im Anschluss an These 3, die Weite von Möglichkeitshorizonten in vormodernen Gesellschaften auszuloten versuchen. Doch zeigen sich hier auch die theoretischen Fallstricke von These 2: Sofern nämlich die Breite möglicher Handlungsoptionen in einer spezifischen historischen Konstellation in den Quellen nicht explizit selbst ausgelotet wird, erscheint deren nachträgliche Rekonstruktion als ziemlich willkürlich.

Das zeigt sich schon am einleitenden Beitrag von Christian Meier, der am Beispiel der Athener im 5. Jahrhundert und der Römer im ersten Jahrhundert vor Christus die Weitung und Verengung von Möglichkeitshorizonten in spezifischen historischen Situationen nachweisen will: Die Athener, so seine These, seien im Widerstand gegen die eigentlich überlegene persische Armee und im Übergang zu der bislang noch unerprobten demokratischen Staatsform ein Wagnis eigegangen, das von einer enormen Erweiterung ihres Möglichkeitshorizonts zeuge. Umgekehrt hätte sich für die Römer in der Endphase der römischen Republik der Möglichkeitshorizont enorm verkleinert, weil die Kluft zwischen der Notwendigkeit struktureller Veränderungen der Verfassung und der Unmöglichkeit, diese zu verwirklichen, zu groß gewesen sei. Doch fragt sich (aber bleibt unerörtert), was hier als „Möglichkeitshorizont“ angesprochen wird: Sind es die Handlungsmöglichkeiten, welche die Zeitgenossen sahen, oder die Möglichkeiten, die sich dem heutigen Beobachter in einer vergangenen Situation eröffnen? Faktisch gründet sich Meiers These allein auf den Erfolg beziehungsweise Misserfolg politischer Handlungsstrategien, also auf ein expost-Wissen, das historische Möglichkeit mit politischem Erfolg gleichsetzt. Damit ist nichts gewonnen, der Eindruck von erweiterten bzw. verengten Möglichkeitsräumen pleonastisch und trügerisch.

Auch die beiden folgenden Beiträge von Andrew van Ross und Jan Timmer, die der Kontingenzproduktion und -bewältigung römischer Amtsträger zur Zeit der Republik gewidmet sind, zeigen, wie schwierig es ist, die (ex post konstatierte) faktische Offenheit für Kontingenzen mit einem Kontingenzbewusstsein der Zeitgenossen gleichzusetzen. Der Schluss liegt deshalb nahe, dass es bei der historischen Aufarbeitung von Kontingenzen und Möglichkeitsräumen in der Vergangenheit nicht um deren faktischen Bestand (der immer unendlich groß ist), sondern allein um dessen zeitgenössische Wahrnehmung gehen kann.

Die Mehrheit der Beiträger befasst sich allerdings – oft in spannenden historischen Fallanalysen – mit expliziten Kontingenzerfahrungen und Möglichkeitsräumen. So kann etwa Arno Barth anhand der anglo-amerikanischen Vorschläge zu einer neuen Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg die enorme (und letztlich doch nicht erfolgreiche) Anstrengung zur Komplexitätsreduktion von Kontingenzen, Frederike Schotters anhand der französischen Außenpolitik Mitte der 1980er Jahre die erfolgreiche Erweiterung des diplomatischen Handlungsspielraums François Mitterands durch dessen empathische Nutzung möglicher Zukunftsszenarien bei den Gegnern im Kalten Krieg und damit die Bedeutung von Möglichkeitsräumen in der internationalen Politik nachweisen. Man fragt sich dann allerdings: Ist es ein bloßer Zufall, dass diese Beispiele dem 20. Jahrhundert entnommen sind, bestätigen sie am Ende, gegenläufig zu These 3, dann doch die Meistererzählung vom erweiterten Kontingenzbewusstsein in der Neuzeit?

Insgesamt lotet der Band ein breites Spektrum von Kontingenzerfahrungen und Kontingenzspielräumen in der europäischen Geschichte seit der Antike aus. Deutlich wird dabei, dass Kontingenz sowohl als analytische wie auch als Erfahrungskategorie zu allen Zeiten eine große Rolle gespielt hat. Dessen Bedeutung in historischen Darstellungen anschaulich hervorgehoben zu haben, ist zweifellos ein Verdienst dieses Bandes. Wirklich griffig, das zeigen die Beiträge jedoch in überwältigender Eindeutigkeit, wird die Auslotung von Möglichkeitsräumen in der Vergangenheit allerdings nur dort, wo diese auch in den Quellen selbst zur Sprache kommen. Auch wenn man Institutionen und Handlungsstrategien eine zukunftsrelevante Eigenlogik zuerkennt, die sich nicht aus den Äußerungen der Zeitgenossen ablesen lassen, erscheint deren Fülle doch so groß und reflexiv kaum einholbar, dass sich eine Definition von Möglichkeitsräumen in Konstellationen, wo sie von den Zeitgenossen nicht explizit vorgenommen wird, kaum kontrolliert durchführen lässt. In diesem Sinne ist dieses Buch auch dort, wo die Beiträge nicht überzeugen, durchaus hilfreich für die Methodendiskussion auf diesem neuen Forschungsfeld der jüngeren Geschichtswissenschaft.