Die Globalisierung stellt die Geistes- und Kulturwissenschaften auf zwei Ebenen vor neue Herausforderungen: auf der Ebene der Gegenstände, die zu untersuchen sind, und auf jener der Konzeptionen, mit denen diese sich den Gegenständen nähern. Beide Ebenen verbindet Christoph Asendorf in seiner Untersuchung über Bilder des Raums in vorbildlicher Weise.
Seine Ausgangsbeobachtung ist jene von der Veränderung des Raumes in der Phase der frühen Globalisierung, also vom 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Veränderung betrachtet er unter kunst- und kulturhistorischer Perspektive. Die Untersuchungsgegenstände sind breit gefächert. Malerei und Architektur inklusive Stadtplanung stehen im Vordergrund, werden aber flankiert von Ausführungen zu verkehrstechnischen Austauschwegen sowie von Kommunikationstechnologien bis hin zur Gestaltung von Innenräumen mittels Innovationen im Möbeldesign. Die Raumbilder, die im Vordergrund stehen, werden nicht als ein pures Abbild oder eine reine Darstellung begriffen, sondern als eine Reflexion von Praxis im Umgang mit Raum, die die Untersuchung von Raumvorstellungen, die sich auf der Ereignisebene nur schemenhaft abbildet, aller erst ermöglicht.
Das Buch gliedert seinen Stoff in drei epochale Schnitte: in einer ersten, grob das 16. Jahrhundert umfassenden Periode bildeten sich neue Formationen heraus, was der Autor nicht nur an der Verwendung von Mobiliar und der dinglichen Füllung von echten und malerisch dargestellten Räumen deutlich macht, sondern auch an der zunehmenden rationalen Gestaltung von Stadtlandschaften und der sich wandelnden Repräsentation von Raum im Bild. Als paradigmatisches Beispiel wird Altdorfers Alexanderschlachtgemälde von 1529 vorgeführt. Eine zweite zeitlich abgrenzbare Einheit sieht der Autor etwa um 1600 beginnen und um 1720 enden. In ihr wird der Raum als rational gestaltbar und damit als beherrschbar angesehen. Am Beispiel des Escorials, der Jesuitenarchitektur, barocker Malerei und Philosophie, letzteres am Beispiel von Comenius und Leibniz, wird eine Epoche skizziert, in der Raum als strukturierbar und geordnet konzipiert behandelt wurde. Besonders am Beispiel des Jesuitenordens wird der Globalisierung von Raumkonzepten nachgegangen. Heinz Dieter Kittsteiners Begriff der Stabilisierungsmoderne wird vom Autor als Klammer angewandt, um parallele Entwicklungen in Kunst- und Kulturgeschichte herauszuarbeiten.
Die dritte Phase, mit Reinhart Koselleck als „Sattelzeit“ charakterisiert, wird über ein neues Koordinatensystem im Umgang mit Raum formuliert. Geprägt von Entdeckungen, die das Wissen über den planetarischen Raum erweiterten, wurden mit neuen Technologien wie beispielsweise der Eisenbahn Raumwahrnehmungen verändert, teilweise gar aufgelöst, wie sich entlang der Malerei von William Turner oder den französischen Impressionisten, aber auch früh bereits bei Dichtern wie Heinrich Heine, zeigen lässt. Im Zentrum steht Bewegung im Raum, ein „Space of Flows“ (S. 418), der traditionelle statische Raumbezüge auflöst.
Aber so leicht auf einen Nenner zu bringen sind die drei Epochensetzungen des Autors nicht. Zu breit ist sein Blick, zu spannend die vielfältigen Aspekte, die er herauszuarbeiten versteht. Vielleicht fehlt auch deswegen ein Schlusswort, das Ergebnisse in Gestalt großer dynamischer, den Untersuchungszeitraum des Buches umfassender Prozesse eindeutig formuliert. Und auch die Einleitung ist eher zurückhaltend kurz gehalten. Das Buch entfaltet seine Faszination stärker in der Breite der Themenspektren. Die Bezüge, die der Autor herstellen kann, öffnen den Blick und machen Verbindungen zwischen Gegenständen deutlich, die sonst allzu oft durch disziplinäre Grenzen verstellt sind. Kunst- und Kulturgeschichte wird zur Raumgeschichte. Das ist zwar im Hinblick auf den Spatial Turn kein neuer Gedanke, aber die thematische Breite, die Asendorf hier souverän handhabt, als auch besonders die Tiefe, in der es ihm gelingt, Raumpraktiken und Denkstrategien des Raumes herauszuarbeiten, sind mehr als beeindruckend. Nicht alle behandelten Themen sind neu, aber vieles wird entdeckt oder wiederentdeckt, und vieles in neuer Perspektive diskutiert. Die besondere Leistung aber liegt nicht in diesen Details, sondern in der Fähigkeit des Autors, strukturelle Entwicklungen und Bezüge hinter den Phänomenen herauszuarbeiten. Dies macht das vorliegende Buch zu einer ganz besonderen Leseerfahrung, die paradigmatisch zeigt, was eine kulturwissenschaftliche Betrachtung der frühen Globalisierung zu leisten vermag.