Lange Zeit galten in der Forschung die Verwaltungen der Länder und Kommunen im „Dritten Reich“ als wenig interessante Studienobjekte. Aufgrund von „Gleichschaltung“ und „Verreichlichung“ erschienen sie als reine Vollzugsorgane reichsweiter Vorgaben ohne eigene Handlungsspielräume und, in fehlverstandener Adaption von Ernst Fraenkels „Doppelstaat“, gar als rechtsstaatlicher Gegenspieler des Terrorapparats von Partei, SS und Gestapo. Neuere Studien kratzen entschieden an dieser Sichtweise und betonen Einflussmöglichkeiten und Eigeninitiativen auch unterhalb der Reichsebene. In diesen Rahmen fügt sich die Dissertation von Paul-Moritz Rabe ebenso wie der Sammelband von Margit Szöllösi-Janze, die sich mit Haushalts- und Imagepolitik der Stadt München zwei zentralen kommunalpolitischen Handlungsfeldern zuwenden.
Auch Rabe betont die teils „erheblichen Ermessenspielräume“ (S. 116) städtischer Akteure, die durch die „stille Macht der Expertise“ (S. 139) die Umbrüche von 1933 wie 1945 oft recht unbeschadet überstanden. Keineswegs hätten diese Verwaltungsexperten nach 1933 in unpolitischen Rückzugsräumen agiert, vielmehr, so wird durch intensive Archivarbeit dargelegt, war die Stadt München ein aktiver, selbstbewusster Akteur (S. 212) und nicht selten ideologischer Impulsgeber nach oben (S. 16). Gerade auf dem lange vernachlässigten Gebiet der Finanzen, wo es um hochpolitische Aushandlungsprozesse und Kämpfe „um das knappe Gut Geld“ (S. 31) geht, kann Rabe zeigen, wie einflussreich und anpassungsbereit die Finanzexperten, allen voran Stadtkämmerer Kurt Pfeiffer, über das Jahr 1933 hinaus blieben (vor allem S. 122–129, 149–155), wie ihre Netzwerk- und Lobbyarbeit auch angesichts neuer, parteipolitischer Akteure gedieh (S. 165–187). Er macht zu Recht aufmerksam auf die Nutzung von Spielräumen im Sinne der NS-Ideologie bei der Mittelvergabe und bei der schärferen Erhebung und Vollstreckung städtischer Gebühren und Abgaben, gerade gegenüber Juden (S. 259–278). Im Einklang mit der neueren Forschung betont Rabe die maßgebliche Rolle der Kommunen bei der Verfolgung der Juden vor Ort, die Rücksichtslosigkeit vieler städtischer Akteure sowie immer wieder vorfindbare antisemitische Eigeninitiativen etwa von Leihamt und Hauptkasse der Stadt München. Hinzu treten die durchaus NS-typischen Erscheinungen von Selbstbedienung (S. 276 ff.), Korruption und Klientelismus (S. 306–316).
Insgesamt zeige sich eine deutliche Tendenz zu aktiv und professionell betriebener Mobilisierung von Ressourcen für den NS-Staat. Durch den Einsatz ihrer fachlichen Expertise trug so auch die untere Verwaltungsebene ihren Teil zur Stabilisierung und mörderischen Effizienz des NS-Regimes bei (S. 360 ff., 372). Rabes Studie gelangt so zu einer differenzierteren Sicht auf Einflussnahme und Einflussmöglichkeiten Münchens in der NS-Zeit. Dies zeigt sich etwa an einem neuen Blick auf OB Karl Fiehler, den Rabe als einen linientreuen, aber überraschend geschmeidigen „Schnittstellenmanager“ (S. 148) zwischen Partei und Verwaltung sieht, der mit seinem Kämmerer Pfeiffer ein ums andere Mal ein eingespieltes Duo in Sachen Finanzpolitik gebildet habe (S. 371 f.).
Trotz eines Themas, das schnell im Verdacht steht, sperrig und trocken zu sein, hat Rabe eine interessante und lesenswerte Studie vorgelegt. Etwas zu kurz kommt dabei vielleicht die Darstellung von Einzelfällen, die ein noch tieferes Eindringen in die Sprache, Denk- und Handlungsmuster – also in die Verwaltungskultur – der städtischen Verwaltungselite erlaubt hätte.
Ebenfalls die Kommunalgeschichte, „gewissermaßen das ‚Parterre‘ des NS-Regimes“ mit seinen „eigenständige[n], historisch ausgesprochen interessante[n] Akteure[n]“ (S9) analysiert der von Margit Szöllösi-Janze herausgegebene Sammelband zur Imagepolitik der „Hauptstadt der Bewegung“, der in Zusammenarbeit von Universität und Stadtarchiv München unter Beteiligung von Studenten und Promovenden entstanden ist. Deutlich tritt auch hier zutage, wie sehr Kommunen wie München es verstanden, sich durch Anpassungs- und Leistungsbereitschaft gegenüber dem neuen Regime aktiv Handlungsspielräume zu eröffnen (S. 10). Hier, vor Ort, war die „Volksgemeinschaft“ erfahrbar, wurden In- und Exklusion spürbar (S. 11 ff.). Erwähnt wird in beiden Büchern natürlich auch die Sonderstellung Münchens, wo man sich als „Hauptstadt der Bewegung“ (und der Kunst) „an der Spitze der deutschen Städte“ (S. 15) wähnte und besondere Beziehungen zu Hitler pflegte. Wenn etwa Hitler oder Göring zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt wurden (vgl. Beitrag Daniel Hilgert), war dies zugleich Netzwerkarbeit und, wie bei der Verleihung des Münchner Literaturpreises (Beitrag Alexander Mayer) oder des „Braunen Bandes“ im Pferdesport (Beitrag Paul-Moritz Rabe), Produktion symbolischen Kapitals im Wettstreit der großen Kommunen. Immer auch ging es darum, das Image der Stadt stets aufs Neue zu schärfen, etwa durch das Herausstellen der Leistungen für die Bürger im Film (Beitrag Annemone Christians), im Sport (Beiträge Rabe und Iris Vogeltanz) oder beim Tourismus (Beitrag Julia Gleich). München als attraktiven Lebensraum herauszustellen, war Legitimation gegenüber der Bevölkerung wie anderen Stellen von Staat und Partei.
Zugleich macht der Band auch Reibungsflächen in der Durchsetzung des NS-Herrschaftsanspruchs vor Ort deutlich, so etwa bei der bislang nur wenig beachteten „Hemdenschlacht“ im Juni 1933 (Beitrag Beatrice Wichmann), bei der es um die Verdrängung katholischer Traditionen im öffentlichen Raum ging. Dies betrifft auch die umstrittene Gestaltung und Nutzung des Münchner Marienplatzes (Beitrag Sebastian Lang). Unerwartet findet man darüber hinaus Konfliktpotenzial bei der Bewerbung der Stadt durch einen anspruchsvollen Kulturfilm (Beitrag Gleich): war hier Widerstand und lokaler Eigensinn am Werk oder ging es doch nur darum, ausländische Touristen als Zielgruppe nicht mit einem München-Film im NS-Gewande abzuschrecken? Interessenkonflikte ließen sich eben auch in der angeblich so harmonischen NS-„Volksgemeinschaft“ nicht unterdrücken, erst recht im Krieg. Zwar gerierte sich München als besonders akkurate Dienstleisterin für die „Kriegsgemeinschaft“ (Beitrag Christians), stieß dabei aber rasch an spürbare Grenzen, etwa wenn es um die Organisation kollektiver Bestattungen von Luftkriegsopfern ging (Beitrag Juliane Hornung). Die dabei mit viel Aufwand angestrebte Vergemeinschaftung durch Rituale scheint doch bald brüchig geworden zu sein.
Eine wenig glückliche Hand hatten die NS-Stadtväter wohl auch mit dem stadteigenen Flughafen in München-Riem (Beitrag Mathias Irlinger); Größenwahn lokaler Granden ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal von Diktaturen. Gekünstelt wirkt schließlich die Traditionslinie, die mit viel propagandistischem Aufwand die Erfindung des U‑Boots nach München holen wollte (Beitrag Katharina Edinger/Sebastian Rojek). Exzellenz also auf allen Gebieten: Luftfahrt und Lederhosen, U‑Boot-Werft an der Isar und Ursprungsort des Nationalsozialismus.
Der Band zeichnet so ein facettenreiches Bild der Stadt München als einem Ort, in dem der Bürgerstolz auf die eigene Heimat nicht mehr Gegensatz zu einer preußisch-deutsch imaginierten Nation war, sondern München als besonders lebenswerte und leistungsfähige Kommune ein Vermittler und Erfahrungsraum der NS-„Volksgemeinschaft“ im Kleinen war. Beide Bücher bieten eine neue, interessante Perspektive auf die Kommunen im Nationalsozialismus.