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Rezensionsaufsatz

Aktuelle Tendenzen der historischen Kindheitsforschung


Abstract

In recent years, the history of childhood has received new historiographical interest while at the same time historians have extended its thematical scope, geographical foci and methodological variety. This review article surveys recent developments in the field and discusses the ambivalences that characterized childhood in the 20th and 21th centuries. It argues that the history of childhood should not be understood as a separate historiographical sub-discipline. Rather it offers a specific historiographical perspective on broader historical problems and debates. In linking the private with the public, the best works further our understanding of the contradictions of modern history.

Keywords: Rezensionsaufsatz, Kössler, Till, Kindheit, Kindheitsgeschichte, Erziehung, Familie

How to Cite:

Kössler, T., (2019) “Aktuelle Tendenzen der historischen Kindheitsforschung”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00165-6

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-08-10

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Die Satirezeitschrift „Der Wahre Jakob“ 1900 publizierte auf der Titelseite ihrer Neujahrsausgabe im Jahr 1900 eine seitenfüllende kolorierte Zeichnung. Unter der Überschrift „Das neue Jahrhundert gehört uns“ nimmt eine zum Himmel aufsteigende Kinderputte mit Jakobinermütze das Zentrum des Bildes ein, während ein dürrer Sensenmann darunter die betagten Eliten des Kaiserreiches vor sich hertreibt. Es war nicht zuletzt die Verheißung von Verjüngung und Erneuerung, die sich hier unter sozialistischen Vorzeichen Bahn brach, und die damit spiegelbildlich verbundenen Ängste vor Degeneration und nationalem Niedergang, die Kinder und Kindheit am Ende des 19. Jahrhunderts in die Arena von Öffentlichkeit und Politik rückten. In der Gegenwart hat sich der Optimismus gesellschaftlicher Erneuerung verflüchtigt, während Kindheit ihre Selbstverständlichkeit verloren hat. Aufgrund der leichten Verfügbarkeit effektiver Verhütungsmittel stellen Kinder keine unhinterfragte soziale Tatsache mehr da, sondern sind zumindest in den Industrienationen zu einer Wahlentscheidung geworden.1 Zudem sinkt in der westlichen Welt ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung, nachdem Minderjährige zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig mehr als die Hälfte aller Einwohner stellten. Dessen ungeachtet ist die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Kindern vielleicht höher als je zuvor. Gesellschaften „kindgerecht“ zu gestalten erscheint als vordringliche Aufgabe der Gegenwart, während die Geburtenrate, frühkindliche Förderung, Kinderarmut, Kindesmissbrauch, Kinderrechte und andere Kindheitsthemen in der Öffentlichkeit eine hohe Aufmerksamkeit erfahren.

Das wachsende Interesse an Kindheit und Kindern in den Geschichtswissenschaften, das besonders auch in der Zeitgeschichte spürbar ist, muss vor diesem Hintergrund verstanden werden. Insbesondere in den USA ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein bemerkenswerter Grad der Institutionalisierung der Forschung erreicht worden, mit regelmäßigen Großkonferenzen und eigenen Zeitschriften, Buchreihen und Studienprogrammen.2 Doch auch in anderen Teilen der Welt lässt sich eine Expansion des Feldes beobachten, mit einer kaum zu überschauenden Pluralität an Themen und Ansätzen.3 Selbst Gesamtdarstellungen können jeweils nur einen Teil der Forschung rezipieren und haben nicht zuletzt aus diesem Grund zumeist einen länderspezifischen Schwerpunkt. Zudem sind die Grenzen zu verwandten Themenfeldern wie etwa der historischen Familien- und Jugendforschung, der Geschlechter- und Körpergeschichte, der Bildungs- und Sozialstaatsgeschichte oder der Globalgeschichte fließend.4 Auch die disziplinäre Verortung des Feldes zwischen Geschichts- und Erziehungswissenschaft, Sozialwissenschaft und Ethnologie trägt zur Unübersichtlichkeit des Forschungsgebietes bei.

Der folgende Essay beansprucht vor diesem Hintergrund nicht, einen vollständigen Überblick über die aktuelle Forschung zu geben. Vielmehr ist es sein Ziel anhand einer Reihe von Neuerscheinungen aktuelle Entwicklungen der Forschung zu diskutieren. Ausgehend von etablierten Themen der deutschsprachigen Kindheitsgeschichte gilt die Aufmerksamkeit neuen Untersuchungsfeldern, Ansätzen und Deutungen. Das Feld wird dabei räumlich bewusst weit gesteckt, allerdings liegt das Schwergewicht des Interesses auf der deutschen und europäischen Geschichte. Neuerscheinungen zur Vormoderne werden nicht berücksichtigt. Im Einklang mit dem Schwerpunkt der neueren Forschung gilt das Interesse insbesondere dem 20. Jahrhundert. Neuere sozialwissenschaftliche Arbeiten wurden in einer selektiven Art und Weise mit einbezogen.

Eine ausgezeichnete Einführung in die Kindheitsgeschichte bietet ein neues Buch der Osteuropa-Historikerin Martina Winkler.5 Sie liefert einerseits eine souveräne und längst überfällige deutschsprachige Synthese der Forschung seit dem Mittelalter und führt zugleich kenntnisreich in einzelne Teilbereiche der Forschung ein: Kindheitsbilder, Kinderliteratur, Kindheit und Film, Globalgeschichte und Rechtsgeschichte. Das Interesse gilt besonders kulturhistorischen Themen, allein die Kapitel zur Geschichte von Kinderliteratur und Kindheit im Film umfassen mit 40 Seiten fast ein Fünftel des Buches. Demgegenüber werden im weiteren Sinne politikhistorische Themen wie die historische Demografie, Gesundheits‑, Sexual- und Familienpolitik, Kriegskindheiten, aber auch neuere konsumgeschichtliche Perspektiven eher knapp behandelt. Der räumliche Schwerpunkt liegt auf der zentral- und osteuropäischen Geschichte, die umfangreiche Forschung zur USA und Westeuropa gerät vergleichsweise weniger in den Blick. Symptomatisch für die neuere Forschung ist das weitgehende Ausklammern im engeren Sinne bildungshistorischer Themen. Zwischen der auf Bildungstheorien, Schule und formale Erziehung konzentrierten historischen Bildungsforschung und der neuen Kindheitsgeschichte gibt es erstaunlich wenig Berührungspunkte, was durch die – in der Regel – unterschiedliche disziplinäre Sozialisation der Forscherinnen und Forscher in den Erziehungs- und Geschichtswissenschaften nochmals verstärkt wird.

Ein besonderer Vorzug des Werkes liegt in einer konzisen Einführung in Methoden und Ansätze der Kindheitsforschung. Von einer Geschichte der Kinder als marginalisierter Gruppe – parallel zu Arbeitern und Frauen – im Spannungsfeld von Unterdrückung und Emanzipation, Ausgrenzung und Teilhabe hat sich die neuere Forschung hin zu einer offeneren Geschichte des Wechselspiels von Kindheit und Kindern entwickelt. Trotz aller Unterschiede im Einzelnen teilt sie die Überzeugung, dass Kindheit als ein umkämpftes kulturelles und politisches Konstrukt verstanden werden muss, das dem Aufwachsen von Kindern zu unterschiedlichen Zeiten je unterschiedliche Form gab.6 Die Erforschung des Wandels und der praktischen Konsequenzen dieser Kindheitsmodelle steht im Mittelpunkt vieler neuerer Arbeiten. Es ist aber vor allem das Plädoyer Winklers, Kindheitsgeschichte nicht als selbstgenügsame Teildisziplin zu verstehen, sondern als eine Forschungsperspektive innerhalb einer weiter gefassten Gesellschafts- und Kulturgeschichte, die als fruchtbarer Ausgangspunkt zukünftiger Forschung taugt. Die Unterscheidung von „Kindern“ und „Erwachsenen“ bildet eine der grundlegenden Differenzen zeitgenössischer Gesellschaften, und zugleich lassen sich über Kindheit übergreifende politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen und Reformprojekte mit individuellen Lebenswelten und Biografien verknüpfen.

Kriegskindheiten: Psychohistorische Traditionen und gesellschaftsgeschichtliche Neuansätze

Die frühe Kindheitsgeschichte beruhte wesentlich auf dem Impuls, Kinder als Opfer von Macht- und Gewaltverhältnissen kenntlich zu machen und ihnen als vernachlässigten Geschichtssubjekten eine Stimme zu geben. Es ist vor diesem Hintergrund wenig erstaunlich, dass in den meisten europäischen Ländern die Massenkriege des 20. Jahrhunderts einen wichtigen Ausgangspunkt der frühen Forschung bildeten.7 In Deutschland war zeithistorische Kindheitsforschung seit den 1980er Jahren sogar nahezu synonym mit der Erforschung der Kriegskindheiten des Zweiten Weltkriegs, wobei in den letzten beiden Jahrzehnten weniger die Kriegsjahre selbst, sondern die biografisch-individualpsychologische Verarbeitung der Kriegserlebnisse das Interesse auf sich zogen. Neuere Arbeiten befassen sich etwa mit den Auswirkungen von „Vaterlosigkeit“ auf die mentale Konstitution der deutschen und europäischen Nachkriegsgesellschaften.8 Inzwischen liegt eine kaum mehr überschaubare Fülle von wissenschaftlichen und populären Geschichtswerken zu Kriegskindheiten vor, die sich methodisch zumeist in den Bahnen bewegen, die die interdisziplinäre Arbeitsgruppe „weltkrieg2kindheiten“ am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen erarbeitet hatte.9 Mit ihrer Präferenz für einen generationengeschichtlichen und psychohistorischen Zugriff auf der Basis lebensgeschichtlicher Interviews hat diese Gruppe die Form von Kindheitsgeschichte im deutschsprachigen Raum maßgeblich bestimmt.10

In den vergangenen Jahren hat sich die psychohistorische Forschung vermehrt verfolgten und marginalisierten Kindergruppen zugewandt. Eine Gruppe israelischer Historiker und Psychologen hat sich in dieser Perspektive mit Kinderüberlebenden des Holocaust beschäftigt. Auf der Grundlage eines eindrucksvollen Bestands von mehr als 1500 Interviews, die in den frühen 1980er Jahren mit Überlebenden geführt wurden und nun an der Hebräischen Universität Jerusalem zugänglich sind, interessierten sich die Autoren vor allem für Faktoren, die den Kindern ein Weiterleben nach der Katastrophe ermöglichten.11 Die einzelnen Aufsätze arbeiten detailliert Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Kindern in der Bewältigung der extremen Gewalterfahrungen heraus und weisen auf die große Bedeutung stabiler Sozialbeziehungen in der Nachkriegszeit hin. Die Vielzahl von Einflussfaktoren, die das Gewalterlebnis strukturierten, und die sich daraus ergebende Bandbreite an Reaktionen werden nuanciert erläutert. Damit trägt der Band zu einer überfälligen Differenzierung populärer Thesen von Gewalt und Trauma bei und bietet in einer weiteren Perspektive vielfältige Anknüpfungspunkte für aktuelle Fragen des therapeutischen Umgangs mit Kindern nach Kriegs- und Gewalterfahrungen. Demgegenüber interessieren sich die Autoren weniger für politische Kontexte der Befreiung und die nationale (Re‑)Integration der Kinder beziehungsweise für die Frage nach zeitgenössischen therapeutischen Vorstellungen und Praktiken, die den Umgang mit den Überlebenden nach Kriegsende prägten.12

Fragen der biografischen Kriegs- und Gewaltverarbeitung widmet sich auch ein neuer psychohistorisch orientierter Sammelband zu Besatzungskindern des Zweiten Weltkriegs.13 Zu diesen zählen sowohl mehrere Zehntausend Kinder von Wehrmachtssoldaten in den vom Nationalsozialismus besetzten Gebieten, als auch die etwa 68.000 Kinder alliierter Soldaten in den deutschen und die mindestens 20.000 Kinder in den österreichischen Besatzungszonen, die in der Folge von Vergewaltigungen oder einvernehmlicher Liebesbeziehungen geboren wurden. Als Ergebnis einer in der Regel unerwünschten Verbindung zwischen Besatzungsmacht und besetzter Bevölkerung stellten sie allein durch ihre Existenz die Unterscheidung von Freund und Feind in Frage. Was mit ihnen zu geschehen habe, war deshalb höchst umstritten. Gegen ältere pessimistisch gefärbte Einschätzungen, die die psychischen Verheerungen der Kriegserfahrungen und insbesondere auch das „Drama der Vaterentbehrung“ (Kleinau, Mochmann), als die Besatzungskinder in ihrem späteren Leben belastende Erfahrungen betonen, zeichnen die Aufsätze des Bandes ein differenzierteres und auch optimistischeres Bild, indem sie die auffällige Resilienz – ein Kernbegriff des Bandes – der Kriegskinder gegenüber Anfeindungen und Benachteiligungen hervorheben. Gerade Vaterlosigkeit habe keinen herausgehobenen biografischen Risikofaktor dargestellt, zumal sie viele Kinder auch vor tyrannischen Vätern schützte.14 In dieser Hinsicht liest sich der Band auch als eine Kritik der Kriegskindheitsforschung der vergangenen Jahrzehnte.

In einer weiteren Perspektive lassen sich an dem Buch die Stärken, aber auch die Grenzen eines psychohistorischen Zugangs diskutieren. Auffällig ist zunächst der in gewisser Weise ahistorische Zugriff: Kriegskinder erscheinen vor allem als biografische Fälle von Interesse, mit deren Hilfe sich allgemeine Fragen von Gewalterfahrungen und ihren individualpsychologischen Konsequenzen beantworten lassen. Wechselnde historische Bedingungsgefüge spielen demgegenüber allenfalls eine untergeordnete Rolle. Der Begriff der Resilienz eröffnet in seiner Allgemeinheit in dieser Hinsicht kaum übergreifende historische Deutungsperspektiven. Die Arbeit mit lebensgeschichtlichen Interviews führt zudem dazu, dass viele Einsichten im Konjunktiv formuliert werden müssen. Wendungen wie „es ist zu vermuten“ oder „es ist anzunehmen“ prägen viele Beiträge. Während die psychohistorische Kindheitsforschung den Blick für die Bandbreite individueller Erfahrungen und Lebenswege geschärft hat und das mit Krieg verbundene Leid gerade auch für Heranwachsende aufzeigt, müssen Grenzen des Ansatzes betont werden, wenn es um die Erforschung historischen Wandels geht. Wie biografisches Gedächtnis und Geschichte produktiv in Beziehung gesetzt werden können, hat vor einigen Jahren Michael Heinlein demonstriert. Indem er individuelles Erinnern sowohl als Quelle wie auch als Ergebnis öffentlicher Erinnerung kenntlich macht, platziert er biografische Interviews in einem weiteren kulturellen Wandel. So erlaubte es die Popularisierung des Trauma-Begriffs den Kriegskindern nicht nur, ihre eigene Biografie neu zu denken, sondern schloss diese zugleich an übergreifende Deutungsmuster einer „traumatisierten Nation“ an.15

Jenseits eines psychohistorischen Zugangs haben in jüngster Zeit gesellschafts- und kulturhistorische Arbeiten an Dynamik gewonnen. Diese Erweiterung wurde maßgeblich durch die bahnbrechenden Arbeiten des französischen Historikers Stéphane Audoin-Rouzeau zu Kindheit im Ersten Weltkrieg inspiriert, die allerdings in der deutschsprachigen Forschung bis heute wenig rezipiert worden sind. Im Zuge einer Erneuerung der Kriegs- und Militärgeschichte hat Audoin-Rouzeau seit den 1980er Jahren sowohl die herausgehobene kulturelle Bedeutung wie auch die aktive Rolle von Kindern in der gesellschaftlichen Kriegsmobilisierung nach 1914 herausgestellt. Repräsentationen von Kindern veranschaulichten Kriegsziele, riefen zum Kriegseinsatz auf und verkörperten die Bedrohung der Nation. Zugleich wirkten Kinder an der Heimatfront aktiv an der Ausgestaltung der Kriegsgesellschaften mit.16 Ein Sonderheft der Historischen Zeitschrift, das Beiträge einer Mainzer Tagung aus dem Frühjahr 2015 versammelt, unternimmt wichtige Schritte einer Neufassung des Themas im deutschsprachigen Raum.17 In ihrer vorzüglichen Einleitung plädieren die Herausgeber für eine zeitliche wie auch für eine inhaltliche Erweiterung des Themas. Insbesondere akzentuieren sie Kontinuitäten von Kriegskindheiten seit der Antike. Leider greifen nicht alle Beiträge die Vorschläge der Herausgeber auf, sie werden nur lose durch gemeinsame Leitfragen zusammengehalten. Doch fördern sie im Einzelnen viele weiterführende Erkenntnisse zu Tage. Der Beitrag von Barbara Stambolis bewegt sich einerseits weiterhin in den etablierten Bahnen der deutschen Kriegskindheitsforschung, erweitert diese andererseits aber zeitlich, indem der Umgang mit Kindern im Zweiten Weltkrieg als Resultat von Aushandlungen um Kindheit nach dem Ersten Weltkrieg begriffen wird. Nationalpolitische Interessen an einer mentalen Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Krieg hätten in Deutschland eine angemessene Rezeption gewaltkritischer kinderpsychologischer Studien verhindert und stattdessen eine Pädagogik der Härte befördert. Durch diese sollte die Unterstützung der Heimatfront in einem neuen Krieg gesichert werden. Langfristig erzeugte die Erziehung im Zeichen von Disziplin und emotionaler Kälte jedoch diejenigen psychischen Defekte, die das Aufwachsen der Generation der Kriegskinder vor und nach 1945 mitbestimmten.18 Eine ähnliche Verhärtung von Erziehungsformen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg stellt eine Gruppe jüngerer Mainzer Forscher in einem sehr lesenswerten Aufsatz zu Eltern-Kind-Beziehungen im Zeitalter der Weltkriege fest. Feldpostbriefe lassen erkennen, dass Eltern ihren Kindern nach 1939 deutlicher als im Ersten Weltkrieg als politische Erzieher entgegentraten, die „eiserne Disziplin“ einforderten. Emotionale Zwischentöne, die nach 1914 erkennbar sind, gingen dabei verloren.19 Ähnlich wie Stambolis entwerfen die Autoren implizit die These eines deutschen Sonderweges von Familienerziehung nach 1918. Sie knüpfen dabei an ältere Debatten um eine spezifisch „autoritäre Matrix“ der Familienerziehung im deutschen Kaiserreich an, die in den letzten Jahren allerdings auch Kritik erfahren hat. So hat Carola Groppe jüngst nachweisen können, dass zumindest in bestimmten wirtschaftsbürgerlichen Milieus vor 1914 eine äußerst modern wirkende Gefühlskultur intimer Nähe zwischen Eltern und Kindern existierte, die gerade auch Väter einbezog.20 Die neuere Forschung führt damit eine wichtige ältere Debatte fort, ohne dass sich schon ein Konsens abzeichnen würde. Für die weitere Forschung erscheint eine Ausweitung des aktuellen engen Fokus über Deutschland hinaus als sinnvoll. Eine Einbeziehung etwa der US-amerikanischen Forschung könnte das Verständnis für die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in der Familienerziehung in demokratischen und autoritären Regimen schärfen.21 Darüber hinaus könnten die Einbeziehung weiterer Quellenarten wie Tagebüchern, Elternratgebern, Jugendamtsakten aber auch der populären illustrierten Presse sowie die Verknüpfung mit wissenshistorischen Arbeiten der Debatte neue Impulse geben.22 Die äußerst einflussreiche – und der skizzierten Forschungsdebatte selbst zugrunde liegende – These, dass Kinder für ihre gesunde Entwicklung enge emotionale Bindung an eine Bezugsperson brauchen, ist etwa überhaupt erst von britischen Forschern um John Bowlby im Zweiten Weltkrieg formuliert worden, während sich die internationale Fachöffentlichkeit in der Zwischenkriegszeit vor allem um die materielle Sicherung kindlicher Existenz sorgte.23

Neben der Frage von Erziehungsstilen und Familienkulturen hat sich die neuere Forschung vermehrt mit der Rolle von Kindern als Akteuren in den Kriegsgesellschaften des 20. Jahrhunderts beschäftigt. In einem faszinierenden Beitrag verfolgt Colin Gilmour die Widersprüche nationalsozialistischer Mobilisierung anhand der „Autogrammjägerei“ von Heranwachsenden im Zweiten Weltkrieg. Das Regime förderte bei Kriegsbeginn mit großem propagandistischem Aufwand einen Starkult um Ritterkreuzträger und ermutigte Kinder und Jugendliche, sich in Briefen an diese zu wenden. Diese Politik erwies sich jedoch als so erfolgreich, dass sich das Propagandaministerium in der zweiten Kriegshälfte gezwungen sah, die Bemühungen zurückzufahren, da die Tausenden von Autogrammgesuchen den Postverkehr belasteten und damit die Kriegsanstrengungen zu untergraben drohten. Gilmours Arbeit überzeugt auch darin, dass er die Autogrammsammler in einer Grauzone von nationalsozialistischer Begeisterung und popkultureller Schwärmerei verortet.24 Ein ähnlich differenziertes Bild vom Aufwachsen regimeloyaler Jugendlicher bietet das Tagebuch des aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Münchener BDM-Mitglieds Wolfhilde von Königs, das Sven Keller vor kurzem sorgfältig ediert und fachkundig eingeführt herausgegeben hat. Das Tagebuch kann als eine Schlüsselquelle zum Verständnis nationalsozialistischen Aufwachsens im Zweiten Weltkrieg gelesen werden, auf deren Grundlage immer noch virulente Thesen von Zwang und Verführung als Mittel nationalsozialistischer Herrschaftsausübung als unterkomplex zurückgewiesen werden müssen.25 Die Aufzeichnungen von Königs zeigen nicht nur die über die Kriegsniederlage hinaus reichende hohe Identifikation vieler Heranwachsenden mit dem NS-Regime, sondern auch die erstaunlich großen Freiräume, die das Regime systemtreuen Jugendlichen im Krieg gewährte. Von Königs erlebte den Nationalsozialismus nicht als Einschränkung, sondern im Gegenteil als Ermöglichung jugendlicher und gerade auch weiblicher Selbstverwirklichung jenseits von Elternhaus und Schule. Trotz einer sehr engen Beziehung zur Mutter spielten Erwachsene im Leben des Mädchens nur eine nebensächliche Rolle, von einer erzwungenen Unterordnung unter elterliche Autorität oder die Autorität von BDM und Partei kann nur in einem sehr begrenzten Sinne gesprochen werden – was auch auf Grenzen der oben besprochenen These einer „eisernen Erziehung“ hinweist. Zugleich wird sichtbar, wie wichtig Kinder und Jugendliche an der Heimatfront für die Aufrechterhaltung öffentlicher Ordnung und Wohlfahrt sowie nicht zuletzt für die Selbstdarstellung und rituelle Inszenierung des Regimes waren. Eine Aufmerksamkeit auf Kindheit, das machen die neueren Arbeiten und Quellenbände deutlich, vermag unser Verständnis des Zusammenspiels von Regime und Kriegsgesellschaft, von Politik und Privatleben deutlich zu vertiefen.26

Wie sozial randständige Kindergruppen behandelt wurden, ermöglicht ebenfalls wichtige Einblicke in Kriegsgesellschaften im Spannungsfeld von nationaler Mobilisierung und Sozialdisziplinierung. Die Versorgung von obdachlosen Kindern und Kriegswaisen stellte eine der zentralen Herausforderungen vieler Kriegsstaaten dar. Die historische Forschung hat der Sowjetunion, die durch Kriegsgewalt und Massensterben besonders betroffen war, in diesem Kontext bisher die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Eine neue Studie von Olga Kucherenko beleuchtet die Aporien sowjetischer Kindheitspolitik zwischen nationaler Fürsorgerhetorik und Disziplinierungsagenda.27 Während sich das Regime propagandistisch zu einem umfassenden Kinderschutz im Zeichen des Kindeswohls bekannte, war die Fürsorgepraxis durch Unterfinanzierung und eine Dominanz ordnungspolitischer und ökonomischer Interessen gekennzeichnet. Erst nach dem Tod Stalins 1953 lockerte sich die Repressions- und Ausbeutungspolitik gegenüber den marginalisierten Kindergruppen. In jüngster Zeit hat gerade die Osteuropaforschung damit begonnen, die oftmals repressive Sozialpolitik gegenüber Kindern ebenso wie Ansätze humanitärer Interventionen zugunsten von kindlichen Kriegsopfern genauer auszuleuchten, wobei durch die Zuwendung zu Kindern nicht nur akute Not gelindert, sondern immer auch über die Rekonstruktion und Zukunft von Nationen verhandelt wurde.28 Anhand von Kindheit lassen sich Prozesse der Gewaltmobilisierung und -entgrenzung, aber auch der Einhegung von Gewalt und ihrer pädagogisch-therapeutischen Behandlung besonders gut analysieren.29 Das Interesse sollte in Zukunft deutlicher auch außer-europäische Kriege einbeziehen, die zur Zeit vor allem in Forschungen zu Kindersoldaten thematisiert werden.30

Mobilisierung und Ausgrenzung. Nationale und globale Kindheiten

Kinder standen und stehen im Mittelpunkt von Projekten der bürgerlichen Zivilisierung und Nationsbildung und damit auch von Prozessen der Inklusion und Ausgrenzung. Im Anschluss an Philippe Ariés ging es der älteren Kindheitsforschung wesentlich um die Genese bürgerlicher Subjektivität, ihrer Widersprüche und ihrer geschlechtsspezifischen Aufladung.31 In ihrer Habilitationsschrift zur monetären Erziehung im 18. und 19. Jahrhundert erweitert Sandra Maß diese Forschungslinie und bettet sie in eine Geschichte des Kapitalismus ein. Sie untersucht, wie Kinder in Deutschland und Großbritannien über den Umgang mit Geld in die „kulturelle Grammatik“ (S. 3, nach Eva Illouz) des Kapitalismus eingeführt wurden. Die Einübung in den Umgang mit Geld bildete für Pädagogen seit der Aufklärung eine Grundbedingung für die Ausbildung des rationalen, leistungsbereiten Bürgers. Gelderziehung nach den Maßgaben von Sparsamkeit und Zukunftsorientierung nahm im Aufwachsen bürgerlicher wie unterbürgerlicher Kinder einen besonderen Ort ein.32 Maß kann die Annahme widerlegen, bürgerliche Familien hätten ihren Nachwuchs von Wirtschaftsfragen abgeschirmt. Vielmehr zeigt sie eindrücklich die Allgegenwart von Geldpraktiken in Erziehung und Familienkulturen. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts erkennt sie eine „Politisierung der Sparsamkeit“ (S. 246), die in der Einrichtung von Schulsparkassen Ausdruck fand, an denen nicht nur Fragen von sozialer Ungleichheit, sondern auch der Leistungsstärke der Nation verhandelt wurden. Gelderziehung glich sich in Großbritannien und Deutschland, die Gemeinsamkeiten auf diesem Feld waren weit größer als die Unterschiede, so dass von einem gemeineuropäischen Modell gesprochen werden kann.

Die Potentiale moderner Kindheitsgeschichte für eine Geschichte von Zugehörigkeit und Differenz zeigt die sehr anregende Studie von Silke Satjukow und Rainer Gries zum politischen und gesellschaftlichen Umgang mit Besatzungskindern im post-faschistischen Deutschland.33 Die Autoren stellen zunächst überraschende Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Besatzungsmächten fest. Sowohl die Sowjetunion als auch die USA und Großbritannien zeigten wenig Interesse an den Kindern ihrer Soldaten. Ihre Politik zielte primär darauf, Eheschließungen mit deutschen Frauen zu verhindern und ihre Soldaten vor Unterhaltszahlungen zu bewahren. Dazu erzwang sie – sofern es sich um Liebesbeziehungen handelte – eine schnelle Trennung von Vater und Mutter und den Abbruch jeglicher Kommunikation zwischen den Eltern. Auch die französische Militärregierung unterband längerfristige Beziehungen, sah die Kinder jedoch als potenzielle Franzosen an und drängte im Unterschied zu den anderen Besatzungsmächten die Mütter, ihre Söhne und Töchter für eine Adoption nach Frankreich freizugeben. Allerdings sollten nur gesunde Kleinkinder „repatriiert“ werden, kranke und geistig zurückgebliebene Jungen und Mädchen wurden in Übergangsheimen ausgesondert und ihren Müttern, oft gegen deren Willen, zurückgegeben. Diese Unterschiede verweisen auf je unterschiedliche nationale Pfade biopolitischen Denkens, deren Genese und weitere Entwicklung über die Nachkriegszeit hinaus noch genauer zu erörtern wären. Im zweiten Teil des Buches behandeln die Autoren den Einstellungswandel der Behörden und der einheimischen Gesellschaft gegenüber den Kindern. Versuchten die deutschen Stellen in Ost und West zunächst, die Kinder aus dem öffentlichen Raum fernzuhalten und in die Herkunftsländer ihrer Väter abzuschieben, plädierten Experten in der Bundesrepublik in den 1950er Jahren zunehmend für eine schulische und berufliche Integration der Kinder. Die Autoren deuten dies als frühe Ansätze einer gesellschaftlichen Liberalisierung. Im Umgang mit dunkelhäutigen Kindern habe die bundesdeutsche Gesellschaft nach dem Ende des Nationalsozialismus den Umgang mit vorgestellter Andersartigkeit eingeübt, der im Zeitverlauf Vorstellungen einer deutschen Volksnation als biologische Abstammungsgemeinschaft aufgesprengt habe. Der Umgang mit den Besatzungskindern bot eine Möglichkeit, im Alltag ein post-nationalsozialistisches Selbstverständnis einzuüben und Fragen von Schuld und Wiedergutmachung zu reflektieren. Die Kinder wurden zu „Katalysatoren einer neuen Liberalität und einer erneuten Öffnung zur Welt“ (S. 14). Mit ihrer quellengesättigten Darstellung liefern die Autoren einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte der Nachkriegszeit. Gegenüber der Pionierarbeit von Heide Fehrenbach zu dunkelhäutigen Besatzungskindern, die sich Anfang der 2000er Jahre mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigt hat, fällt ihre Deutung deutlich optimistischer aus. Fehrenbach sah alleine im ökonomischen Bereich Anzeichen einer gelungenen Einbindung der Besatzungskinder, während sie ein jahrzehntelanges Schweigen über das Verhältnis von deutscher und „schwarzer“ Identität als verpasste Chance einer wirklichen gesellschaftlichen Öffnung der Bundesrepublik deutete.34 Es erscheint lohnend, diese wichtigen Fragen nach einem Wandel von Zugehörigkeitskonzepten und dem Verhältnis von Biologie und Nation über Fallstudien weiter zu vertiefen und zeitlich bis an die Gegenwart heran zu verfolgen. Auch eine Einbeziehung der nationalsozialistischen Politik gegenüber den Kindern von Wehrmachtssoldaten erschiene in diesem Zusammenhang sinnvoll.

In den vergangenen Jahren sind die Fragen von Kindheit und Zugehörigkeit zunehmend auch für die Erforschung imperialer Expansion und Migration fruchtbar gemacht worden. In ihrer ausgezeichneten Arbeit zu Adoptionen indianischer Kinder durch „weiße“ Familien in den Südstaaten der USA vor dem Bürgerkrieg demonstriert die amerikanische Historikerin Dawn Peterson die weit über den familiären Bereich hinausreichende politische Bedeutung von Adoptionspraktiken und die sehr unterschiedlichen Interessen, die mit ihnen verbunden waren.35 Adoptionen waren im frühen 19. Jahrhundert rechtlich noch nicht kodifiziert, die Grenzen zu anderen temporären Formen der Kindesaufnahme etwa im Zuge der Lehrlingsausbildung waren fließend. In der jungen USA wurde die Aufnahme indianischer Kinder Teil einer territorialen Expansionspolitik, die den indianischen Stämmen zwar die Fähigkeit zum Landbesitz absprach, sie jedoch – anders als afro-amerikanische Sklaven – für prinzipiell in die US-Gesellschaft eingliederungsfähig ansah, wenn auch in einer subalternen Position. Die Adoptionen stellten in dieser Hinsicht soziale Experimente dar, in denen die Fähigkeit der Kinder getestet wurde, ihre Herkunftskultur abzulegen und eine Identität als „Weiße“ anzunehmen. Die imperialistischen Strategen übersahen jedoch, dass die indianischen Herrscherschichten eigenständige Ziele mit der Vermittlung ihrer Kinder in US-Familien verfolgten. Die Heranwachsenden sollten nicht nur die Welt der „Weißen“ studieren und persönliche Verhandlungskanäle etablieren, sondern sich auch Kenntnisse der Sklavenhaltung aneignen, die einige Stämme zu übernehmen gedachten. Aufgrund der für sie unbefriedigenden Ergebnisse der Assimilierungspolitik verabschiedeten sich maßgebliche US-Politiker zunehmend vom Ziel einer indianischen Integration und propagierten eine Politik der Vertreibung. Eine „Mischung“ der Kulturen wurde nun aufgrund vermeintlich unüberwindbarer biologisch-kultureller Differenzen für unmöglich und schädlich erklärt. Der „Indian Removal Act“ von 1830 kodifizierte diesen Wandel in Richtung Abgrenzung und Ausschluss.

Einen anderen, aber nicht minder aufschlussreichen Blick auf das Zusammenspiel von Imperialismus und Kindheit bietet eine Studie von Ellen Boucher zur Migration britischer Kinder nach Australien und Rhodesien. Wohlfahrtsorganisationen schickten mit staatlicher Unterstützung zwischen 1867 und 1967 etwa 100.000 Kinder aus ärmlichen Verhältnissen von den Britischen Inseln in die Kolonien, die sich dort körperlich und moralisch regenerieren und zugleich den Zusammenhalt des Empire stärken sollten.36 Boucher nutzt diesen Fall kindlicher Migration zu einer eindrucksvollen Untersuchung des Aufstiegs und des Zerfalls des Konzeptes imperialer britishness.37 Kolonialpolitiker und imperiale Experten imaginierten die Kolonien am Ende des 19. Jahrhunderts als einen Raum rassischer Zusammengehörigkeit und Erneuerung, in dem die sozialen Probleme und Klassenspannungen des Mutterlandes überwunden werden konnten. Die Platzierung armer Kinder aus dem Mutterland in koloniale Internate und landwirtschaftlichen Lehranstalten sollte es gerade den Unterschichten ermöglichen, ihre Potentiale als Briten zu entfalten und sozial aufzusteigen.

Dieses Modell globaler britishness geriet jedoch mit dem Ersten Weltkrieg in eine tiefe Krise, in der sich der Zerfall des britischen Imperiums im Zuge der Dekolonisation der 1950er und 1960er Jahre bereits abzeichnete. Die weißen Siedler in Australien und Rhodesien entwickelten in dieser Zeit in Abgrenzung zum Mutterland ein radikalisiertes Konzept partikularer, auf ihre jeweilige Kolonie konzentrierter „Weißheit“, das die kindlichen Migranten aus Übersee nur bedingt einschloss. Diese wurden aufgrund ihrer niederen Herkunft zugleich als Bedrohung rassischer Reinheit und kolonialen Herrschaftsanspruchs wahrgenommen. Die kolonialen Sozialadministrationen nutzten geschickt Konzepte und Verfahren der neuen universalen Kinderpsychologie, wie Intelligenz- und Eignungstests, um „minderwertigen“ Kindern die Einreise zu verweigern. Gegen ältere Vorstellungen einer fast grenzenlosen kulturellen Anpassungsfähigkeit von Kindern betonten sie die vermeintlich biologischen, anlagebedingten Grenzen des spezifisch „australischen“ beziehungsweise „rhodesischen“ Nationalcharakters. Nachdem der Zweite Weltkrieg kurzzeitig eine Renaissance der Idee eines imperialen, weltumspannenden britischen Charakters in die Wege leitete, ließen nach 1945 auch Entwicklungen im Mutterland die Verschickung von Kindern in die Kolonien als unzeitgemäß erscheinen. Prominente Kindheitsexperten wie John Bowlby warnten vor den emotionalen Schäden einer Trennung von Mutter und Kind und untergruben damit das Projekt, Kinder als mobile Protagonisten des Empire zu formen. Boucher deutet letztlich den Zerfall des britischen Imperiums nicht nur als das Ergebnis politischer und ökonomischer Krisen, sondern auch als Resultat längerfristigen kulturellen Wandels, der über eine Beschäftigung mit Kindheit plastisch in den Blick gerät.38 Insgesamt erweist sich die Einbeziehung von Kindheit und Kindern somit gerade für globalhistorische Fragestellungen als Bereicherung. Das Spektrum möglicher Themen reicht dabei von klassischen Fragen der Alphabetisierung, der Kinderarbeit oder des Kinderschutzes bis hin zu migrationshistorischen, postkolonialen und konsumgeschichtlichen Problemstellungen sowie dem weiten Feld humanitärer Interventionen im Zeichen von Entwicklungshilfe und Krisenbewältigung.39

Vermessene und bedrohte Kindheiten: Wissen, Sexualität und Gewalt

In den bisher behandelten Studien ist bereits immer wieder die Bedeutung psychologischer Experten und Modelle in der Ausgestaltung von Kindheit sichtbar geworden. Ausgehend von einer Reihe anglo-amerikanischer Pionierstudien zur Geschichte von Kinderforschung und Entwicklungspsychologie haben in den vergangenen Jahren wissenshistorische Zugänge an Bedeutung gewonnen.40 In ihrer Habilitationsschrift über den bedeutenden Psychologen William Stern befasst sich Rebecca Heinemann mit der Verbindung von Kinderforschung und Gesellschaftsreform in der Weimarer Republik.41 Die Arbeit unternimmt eine Rehabilitation der lange Jahre wenig beachteten psychologisch-empirischen Forschung der Zwischenkriegsjahre, in der sie einen wichtigen Ausgangs- und Bezugspunkt liberaler Reformen im Schulwesen, der beruflichen Bildung und im Jugendstrafrecht erkennt. Stern und seine Mitarbeiter am Hamburger Psychologischen Institut propagierten eine „lebensnahe“ und „personalistische“ Kinderforschung, die sie sowohl von älteren philosophischen wie auch von neueren naturwissenschaftlich-anlageorientierten Ansätzen abzugrenzen versuchten. Ein besseres Verständnis der Kinderpsyche, so ihre Hoffnung, könnte Bildung und Gesellschaft zugleich humaner und rational-effizienter machen. Schule und Recht sollten der psychischen Eigenwelt des Kindes mehr Beachtung schenken, während eine psychologisch begründete Berufsauslese die Leistungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft nach der Kriegsniederlage zu stärken hatte. Heinemann seziert sorgfältig Sterns Auffassungen in ihrem Wandel. Der biografische Fokus erweist sich jedoch auch als Limitation, erschwert er doch, Kontinuitäten und Brüche der Kindheitsforschung über die Weimarer Republik hinweg zu verfolgen. Die Untersuchung endet mit der erzwungenen Emigration Sterns im Jahr 1933.42

Die Studie von Heidi Sack zu Jugendgerichtsverfahren in der Weimarer Republik kann als eine komplementäre Arbeit zu der wissenschaftlichen Biografie Sterns gelesen werden. In der Untersuchung der gerichtlichen Aufarbeitung der „Steglitzer Schülertragödie“ von 1927, einem berühmten Mordprozess der Weimarer Republik, geht es wesentlich um Anwendungspraktiken neuen psychologischen Wissens. Der Prozess erregte zeitgenössisch viel Aufmerksamkeit, da er Einblicke in eine der Öffentlichkeit verborgene Welt von jugendlicher Sexualität, Drogen und abweichendem Verhalten zu geben versprach. Anhand einer umfassenden Analyse des Prozesses gelingt es der Autorin, Jugendforschung, Jugendpolitik und sich wandelnde Lebensstile bürgerlicher Jugendlicher zueinander in Beziehung zu setzen.43 Diese eroberten sich nach dem Weltkrieg neue Freiräume, wirkten dadurch auf Erwachsene jedoch ebenso geheimnisvoll wie bedrohlich. Vor Gericht trafen konservative Jugendpfleger, die Aufwachsen auf neue Weise einhegen wollten, auf linksliberale Reformer, die sich gegen eine Idealisierung sittlich „reiner“ Jugend und einen realistischeren Blick auf Jugend aussprachen. Im Gerichtsverfahren spitzten sich kulturelle Auseinandersetzungen um Jugend zu, zugleich wird es als eigenständiger Faktor des Wandels erkennbar, bewirkte der Prozess doch längerfristig eine Ausweitung des Kinder- und Jugendschutzes.44

Angesichts der massiven Missbrauchsskandale in einer Vielzahl pädagogischer Einrichtungen und Organisationen, vom links-liberalen Reforminternat der Odenwaldschule bis hin zu katholischen Bildungseinrichtungen, und einer neuen Aufmerksamkeit auf häusliche Gewalt, haben sich Sexualität und sexuelle Gewalt als zentrale Gegenstände zeithistorischer Kindheitsforschung etabliert. Jenseits von Enqueteberichten stellt sich die Forschungslage jedoch zurzeit höchst uneinheitlich dar. Im Hinblick auf konfessionelle Milieus liegen beispielsweise zwar inzwischen eine Reihe von Studien zur Heimerziehung vor, in denen sexualisierte Gewalt durchaus eine Rolle spielt. Doch existieren davon abgesehen nach wie vor so gut wie keine wissenschaftlichen Studien zu Kindesmissbrauch in der Evangelischen wie Katholischen Kirche und kirchlichen Bildungseinrichtungen.45 Eine Ausnahme bilden sexuelle Gewalt und Pädophilie im links-alternativen Milieu der Bundesrepublik, das – nicht zuletzt aufgrund eines leichteren Zugangs zu Quellen – in den vergangenen Jahren intensiv erforscht worden ist. Ein vorzüglicher Sammelband bündelt und erweitert diese Forschungen und liefert Anregungen für dringend notwendige Untersuchungen weiterer Einrichtungen und Milieus.46 Die Autorinnen und Autoren erörtern zeit- und wissenshistorische Kontexte, die eine Verharmlosung sexueller Gewalt und ihrer Folgen ermöglichten, und besprechen detailliert Haltung und Politik einzelner Organisationen und sozialer Bewegungen, darunter die Partei „Die Grünen“ und die Schwulenbewegung. Weitere Beiträge widmen sich wichtigen Stichwortgebern der Debatten wie Herbert Marcuse und dem Sexualreformer Ernst Bornemann. Schließlich gehen Beiträge auf den Wandel der Sexualwissenschaften und Sexualerziehung und die beginnende Aufarbeitung sexueller Gewalt seit den 1980er Jahren ein. Der Band mündet in eine Diskussion gegenwärtiger Diskurspositionen einer „sexualisierten Entsexualisierung“ (Sophinette Becker) von Kindern, in der sich, so die kritische Beobachtung, eine oberflächliche Distanzierung von Kindheit und Sexualität auf widersprüchliche Weise mit einer Sexualisierung von Kindern in der Medien- und Konsumkultur verbinden.

Dagmar Herzog erörtert in einem erhellenden Aufsatz, wieso deutsche Sexualwissenschaftler dem Thema des Missbrauchs lange Zeit keine Aufmerksamkeit schenkten. In den 1960er Jahren gelangte eine junge Generation auf die maßgeblichen Lehrstühle, die einen offeneren Umgang mit Sexualität als Teil einer gesellschaftlichen Liberalisierung gerade durch eine Infragestellung der Abgrenzung von „normalen“ und „perversen“ Praktiken erreichen wollten. Das Plädoyer für ein weites Verständnis von Sexualität erschwerte es jedoch, sexuelle Übergriffe konzeptionell als solche zu begreifen und sie als Problem zu benennen. Meike Sophia Baader argumentiert in ihrer Analyse links-alternativer Erziehungszeitschriften ähnlich. In ihrem Bestreben beengende sexuelle Tabus zu überwinden und zugleich die emotionale Distanz zwischen den Generationen aufzulösen, ermöglichten links-liberale Pädagogen eine diskursive Entgrenzung von Sexualität und eröffneten ungewollt Pädosexuellen ein „Gelegenheitsfenster“, in dem sie eine Zeit lang sexuelle Gewalt als Teil einer allgemeinen sexuellen Befreiung zu verschleiern vermochten. Mehrere Beiträge zeigen im Detail, wie pädosexuelle Positionen an den Rändern alternativer Bewegungen und Parteien der 1970er Jahre zeitweise Akzeptanz finden konnten. Sie weisen zugleich aber auch auf die deutlichen Grenzen ihres Einflusses hin. In einem autobiografischen Bericht vertritt der Historiker Christian Jansen in Bezug auf die antiautoritären Kinderläden sogar die bedenkenswerte These, dass gerade aufgrund der intensiven öffentlichen Thematisierung von Sexualität die alternativen Einrichtungen für Kinder einen weit sichereren Ort darstellten als viele andere Erziehungsinstitutionen, über die wir aufgrund mangelnder Forschung und fehlender Quellen sehr viel weniger wissen. Insgesamt lassen sich anhand des Themas der kindlichen Sexualität grundlegende Wandlungstendenzen von Kindheit und Gesellschaft im Spannungsfeld von neuen Rechten und Schutzbedürftigkeit nachzeichnen.47 Eine solche Zeitgeschichte der Kindheit kann auch von begriffshistorischen Arbeiten zu Kernkonzepten von Kindheit und Aufwachsen wie etwa Autorität, Begabung und Leistung profitieren. Diese Arbeiten zeigen nicht nur, wie unterschiedlich in der Vergangenheit der Ort von Kindheit in Gesellschaften imaginiert und ausgestaltet wurde, sondern auch wie politische Kräfte versuchten, über die Gestaltung von Kindheit Gesellschaften umzugestalten und gesellschaftliche Probleme wie etwa soziale Ungleichheit zu lösen.48

Verlust der Kindheit? Zeithistorische Deutungsperspektiven

Einige der interessantesten neueren Arbeiten nutzen einen kindheitshistorischen Zugang zu einer kritischen Reflexion gesellschaftlichen Wandels seit dem Zweiten Weltkrieg. Das neue Buch der profilierten amerikanischen Historikerin Paula Fass bietet in dieser Hinsicht eine fulminante Kritik eines Freiheitsverlustes in der US-amerikanischen Gegenwartsgesellschaft.49 Fass beschreibt in ihrer weitgespannten Forschungssynthese Aufstieg und Niedergang eines – so ihre These – spezifisch amerikanischen Modells von Kindheit, das ein partnerschaftliches Generationenverhältnis mit früher Selbstständigkeit und Freiheit verband. Dieses Modell darf nicht mit der Realität des Aufwachsens in den USA verwechselt werden, doch stellte es eine einflussreiche Blaupause dar, an der sich immer wieder neue Generationen von Eltern und Erziehern orientierten. Es entstand im Zuge der amerikanischen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts, als nicht nur politische, sondern auch familiäre Autoritätsverhältnisse in Frage gestellt und Kinder zugleich auf neue Weise als kleine Staatsbürger imaginiert wurden. Auch die einfache Verfügbarkeit von Land und ein damit verbundener hoher Bedarf an Arbeitskraft sowie günstige Erbgesetze und generell eine optimistische Grundhaltung gegenüber der Zukunft trugen zu einer freiheitlichen Gestaltung des Aufwachsens bei. Kinder wurden gebraucht. Das verlieh ihnen Prestige und Selbstwertgefühl und begünstigte offenere, partnerschaftliche Erziehungsformen.

Fass verfolgt anhand der Geschichte dieses Entwurfs die wechselvolle Geschichte amerikanischer Kindheiten über die Zeit von Industrialisierung, Urbanisierung und Masseneinwanderungen, das Zeitalter der Weltkriege und den Kalten Krieg bis in die Gegenwart. In jeder Epoche stellt sie Versuche fest, das freiheitliche Modell von Aufwachsen und Erziehung neu auszugestalten. Eine besondere Bedeutung kam dabei der High School zu, wie sie sich als eine Institution ausformte, in der Freiheit und Selbstständigkeit, nicht Drill und Gehorsam gelehrt werden sollte. Am Ende des 19. Jahrhunderts gewann aber auch eine gegenläufige Bewegung Schwung, die die Verletzlichkeit von Kindern hervorhob und einen Ausbau des Kinderschutzes propagierte. Diese neue Kinderorientierung im Zeichen von Schutz und Bewahrung erreichte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Höhepunkt. Fass sieht diese Entwicklung weniger als zivilisatorischen Fortschritt denn als Ausgangspunkt einer aktuellen Krise amerikanischer Kindheit, in der Freiheit und Selbstständigkeit immer weiter zurückgedrängt würden. Eine Zunahme massenmedial unterfütterter gesellschaftlicher Ängste, ökonomischer Leistungsdruck und wachsende soziale Ungleichheit hätten furcht- und problemzentrierten Kinderbildern zu einer Dominanz verholfen, die Eltern und Erzieher lähmten und den Handlungsspielraum von Kindern einschränkten. Kindheit im früheren emphatischen Sinne als Zeit des eigenständigen Erprobens und demokratischer Teilhabe sei damit an ein Ende gelangt.50

Fass liefert eine äußerst kenntnisreiche Deutung, die weit über den Bereich der Kindheit hinaus eine Deutung der US-amerikanischen Nationalgeschichte zwischen den Polen von Freiheit und Sicherheit liefert. Sie wählt dabei den Erzählmodus des Sonderwegs – europäische, vermeintlich eingeengte und weniger freiheitliche Kindheit dient ihr als eine Negativfolie, vor der das amerikanische Kindheitsmodell an Kontur gewinnt. Diese Deutung wird Kenner der europäischen Geschichte zu Widerspruch reizen, die sich der Vielgestaltigkeit von Entwicklungen auf dem alten Kontinent bewusst sind und zugleich zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Europa entdecken.51 Doch steht außer Frage, dass Fass eine ebenso scharfsinnige wie bedenkenswerte Analyse gesellschaftlichen Wandels in den vergangenen zweihundert Jahren vorgelegt hat.

Eine andere Problemkonstellation moderner Kindheit findet sich in China, wo mit der Ein-Kind-Politik der bisher folgenreichste staatliche Eingriff in Familie stattgefunden hat. Dieses großangelegte Sozialexperiment hat bislang recht wenig historiografisches Interesse erfahren, doch haben in den vergangenen Jahren erste Forschungen Genese und Folgen der Politik näher untersucht. Die Arbeit der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Kay Ann Johnson sticht hierbei durch ihren ethnografischen Zugriff heraus. Ihr Thema sind die „versteckten“ Kinder, jene Heranwachsenden also, die „illegal“ jenseits der Ein-Kind-Quote geboren und von ihren Eltern nicht offiziell registriert wurden.52 Anders als die Mehrzahl der wesentlich auf politische Entscheidungen und demografische Entwicklungen konzentrierten Studien interessiert sich Johnson für die Auswirkungen der Politik auf die ländliche Gesellschaft und hat dazu in einer mühevollen Arbeit mehrere Dutzend Eltern in einer zentralchinesischen Region befragt. Auf dieser Grundlage präsentiert die Arbeit sorgfältig recherchierte Fallstudien, anhand derer die drastischen Folgen der Ein-Kind-Politik plastisch deutlich werden.

Ausgangspunkt der Studie ist eine Kritik populärer kulturalistischer Deutungen Chinas im Westen als eine archaische männerorientierte Gesellschaft, die Jungen gegenüber Mädchen bevorzuge. Gegen diese Deutung kann sie zeigen, dass auch in China das Wunschbild einer Familie mit Kindern unterschiedlichen Geschlechts dominierte und Eltern nur unter extremem Druck dazu bereit waren, sich von ihren Töchtern zu trennen. Es war brutaler staatlicher Repression geschuldet, dass im Zuge der Durchsetzung der Ein-Kind-Politik etwa 120.000 chinesische Kinder für internationale Adoptionen freigegeben wurden.

Das Kräfteringen zwischen Staat und lokalen Gesellschaften gibt der Studie ihre Struktur. Eltern besaßen in den Anfangsjahren einige Mittel um die staatliche Politik zu unterlaufen – Mitte der 1990er Jahre hatten in vielen Regionen etwa 30 % der Eltern unerlaubte Kinder –, doch wurde diese Resistenz mit hohen materiellen und psychischen Belastungen erkauft und im Laufe der Jahre immer schwieriger. Hatte zunächst die Korruption lokaler Beamter einige Möglichkeiten eröffnet, Kinder jenseits staatlicher Vorschriften und Kontrolle aufzuziehen, verschärfte sich der zentralstaatliche Zugriff auf die Familien im Verlauf der 1980er Jahre. Staatliche Verfolgung schränkte insbesondere die Möglichkeit, über das Mittel der Adoption durch Verwandte und Nachbarn Kinder in einem näheren sozialen Umfeld zu behalten, so weit ein, dass vielen Eltern nur mehr der Ausweg einer anonymen Abgabe ihrer Kinder blieb. Johnson zeigt die immensen materiellen wie psychischen Kosten der Ein-Kind-Politik. Die Geburt „illegaler“ Kinder wurde mit empfindlichen Strafzahlungen geahndet, die viele Familien dauerhaft in Armut hielten. Die allgegenwärtige Drohung der Trennung belastete zudem Eltern wie Kinder schwer. Schließlich erzeugte und erzeugt die Ein-Kind-Politik neue soziale Ungleichheiten. Während die „legalen“ Einzelkinder oftmals in kinderzentrierten urbanen Mittelschichtsmilieus aufwachsen und über deutlich bessere materielle und Bildungschancen verfügen als vorhergehende Generationen, sind die „illegalen“ Kinder in der Regel von staatlichen Leistungen und weitergehenden Bildungschancen ausgeschlossen.

Über den chinesischen Fall hinaus bietet die Studie von Johnson zahlreiche Anknüpfungspunkte. Insbesondere unterstreicht sie die von der neueren Forschung oft vernachlässigte Bedeutung staatlicher Bevölkerungspolitik und biopolitischer Maßnahmen als wichtige Komponente einer Geschichte der Kindheit. In diesem Sinne erscheint es als eine vielversprechende Aufgabe, Chinas Ein-Kind-Politik in weitere transnationale Kontexte zu stellen, wobei die eugenischen Debatten und Politiken des frühen 20. Jahrhunderts den unmittelbaren Bezugspunkt bilden müssen.53 Darüber hinaus lenken sowohl Johnson als auch Fass die Aufmerksamkeit auf soziale Ungleichheit als ein zentrales Thema neuerer Kindheitsgeschichte. Die Forschung kann hierzu nicht nur an die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Kindheitsforschung anknüpfen54, sondern auch an kulturethnografische Studien. Christine Lareau hat schon vor einigen Jahren eine wichtige Studie zu Erziehungsstilen und Ungleichheit in den USA vorgelegt. Gegen eine verbreitete moralische Abwertung von Unterschichtenerziehung stellt sie unterschiedliche Logiken familiärer Erziehung in Unter- und Mittelschichtfamilien heraus, die wesentlich auf einer ungleichen Verfügbarkeit finanzieller und zeitlicher Ressourcen beruhen. Die Bedeutung ökonomischer Faktoren wird durch die Beobachtung unterstrichen, dass Erziehungsstile sich zwischen ethnischen Gruppen derselben Einkommensklasse kaum unterscheiden.55 Aufwachsen in Mittelschichtsmilieus ist somit nicht sittlich oder kulturell höherwertig – allerdings vielfach unfreier –, wohl aber anschlussfähiger an die Anforderungen des Arbeitsmarktes, der etwa selbstsicheres Auftreten und die Fähigkeit zur Selbstdarstellung prämiert. Unterschiedliche Erziehungsstile wirken damit unmittelbar auf Berufs- und Lebenschancen ein. Die Zeitgeschichte, zumal die europäische, hat sich erst wenig in dieser Perspektive mit ungleichen Familienkulturen beschäftigt, doch erscheint diese Forschung wichtig, um medial zirkulierende Topoi wie etwa der „Hartz-IV Familie“ oder „Migrantenclans“ zeithistorisch zu verorten und über sie hinauszukommen.

Perspektiven der Kindheitsgeschichte

Kindheitsgeschichte hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren von einem thematisch begrenzten Spezialbereich der historischen Forschung zu einem offenen Feld und Ansatz mit vielgestaltigen Übergängen in andere historiografische Bereiche entwickelt. Zwar sind weiterhin Schwerpunkte etwa im Bereich der Kriegskindheiten zu erkennen und neue Kernfelder wie die Aufarbeitung von Gewalt gegen Kinder sind hinzugetreten, doch lässt sich Kindheitsgeschichte kaum als klar abgrenzbare Subdisziplin mit einheitlichen Methoden und Fragen beschreiben. Ein älterer bildungshistorischer Forschungsimpuls, Kindheitsgeschichte hauptsächlich als (gewaltförmige) Sozialisationsgeschichte zu schreiben, hat an Einfluss verloren. Demgegenüber zeigt der Durchgang durch neuere Studien, dass die Potentiale von Kindheitsgeschichte besonders dann aufscheinen, wenn sie nicht nur als Geschichte von Bildung und Erziehung oder als Geschichte einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe verstanden wird, sondern auch und vor allem als ein spezifischer Zugang zu allgemeinhistorischen Themen und Debatten verstanden wird. In diesem Sinne kann eine kindheitshistorische Perspektive zu einem erweiterten Verständnis von Krieg und Gewalt, Nationalstaat und Kolonialismus, Diktatur und Demokratie, Kapitalismus und Konsum, beitragen, um hier nur einige Gegenstände zu nennen. Es ist eine besondere Stärke kindheitshistorischer Ansätze, gesellschaftliche Makro- und Mikroebenen in ihren vielfältigen Verflechtungen in den Blick zu nehmen. Anders ausgedrückt: Kindheitsgeschichte erörtert nicht zuletzt die subjektiven, „privaten“ Dimensionen, Voraussetzungen und Effekte politischer, ökonomischer und kultureller Regime.

Die aktuelle Forschung weist insbesondere zwei weiterführende Perspektiven auf. Erstens erscheint es als grundlegende Aufgabe der Kindheitsgeschichte zur Aufklärung und Aufarbeitung von Gewaltverhältnissen beizutragen, wie sie in politischen Regimen, in Kinderinstitutionen aber auch in gesellschaftlichen Organisationen wie Familien und Religionsgemeinschaften anzutreffen waren und sind. Dies gilt gerade auch in einer globalen Perspektive und umfasst nicht nur sexuelle Gewalt und Ausbeutung, sondern auch Phänomene wie Kinderhandel, erzwungene Kinderarbeit oder die Rekrutierung von Kindersoldaten. In der Fortsetzung älterer Impulse, Kinder als Opfer von Unterdrückung sichtbar zu machen, hat diese Forschungsrichtung zum Ziel, über die historischen Verhältnisse und Bedingungsfaktoren aufzuklären, die Zwangsverhältnisse und Gewalt gegen Kinder ermöglichten, und damit dazu beizutragen, Kindheiten, Kinderinstitutionen und das gesellschaftliche Zusammenleben generell sicherer und humaner zu gestalten.

Eine zeitgemäße Kindheitsgeschichte kann jedoch bei dieser Aufklärungsarbeit nicht stehen bleiben, sondern muss, zweitens, in der Tradition von Philippe Ariés aus historischer Perspektive Defizite und Aporien gegenwärtiger Kindheitsmodelle und der gesellschaftlichen Organisation von Kindheit historisch-kritisch reflektieren. Nachdem lange Jahre vor allem bürgerliche Familiensozialisation sowie das Aufwachsen in totalitären Diktaturen im Mittelpunkt der Forschung standen, erscheint es im Anschluss an Autorinnen wie Paula Fass in der Zukunft wichtig, vermehrt auch Kindheiten in liberalen Gesellschaften sowie in modernen Autokratien zu erörtern. Dies kann etwa spezifische biopolitische Themen betreffen wie Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik, Geburtenkontrolle und Abtreibung, sollte aber auch umfassendere Reflexionen des Wandels von Anforderungen und Zumutungen beinhalten, denen sich Kinder und Erwachsene in unterschiedlichen Gesellschaften ausgesetzt sahen und sehen – etwa im Bereich von Kinderschutz und Sicherheit, Leistung und Mobilität, Individualitätsforderungen und Gemeinwohlorientierung. So erscheint es beispielsweise lohnend, Versuche, Gesellschaften „kindgerecht“ zu gestalten, in ihren Errungenschaften, aber auch in ihren Widersprüchen und nicht-intendierten Konsequenzen genauer zu analysieren. Dabei rücken auch Fragen von Ungleichheit neu in das Blickfeld, die stärkere Aufmerksamkeit verdienen, wenn sich Kindheitsgeschichte als ein Beitrag zur Klärung von Grundfragen der Gegenwart versteht.

Auswahlbibliografie

  • Baader, Meike Sophia u. a. (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968 (Beiträge zur historischen Bildungsforschung 49), 320 S., Böhlau, Köln 2017.

  • Boucher, Ellen: Empire’s Children. Child Emigration, Welfare, and the Decline of the British World, 1869–1967, 302 S., Cambridge UP, Cambridge 2014.

  • Denzler, Alexander u. a. (Hrsg.): Kinder und Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart, in: Historische Zeitschrift, 420 S., Beiheft 68, München 2016.

  • Fass, Paula: The End of American Childhood. A History of Parenting from Life on the Frontier to the Managed Child, 352 S., Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2016.

  • Heinemann, Rebecca: Das Kind als Person. William Stern als Wegbereiter der Kinder- und Jugendforschung 1900 bis 1933, 408 S., Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2016.

  • Johnson, Kay Ann: China’s Hidden Children. Abandonment, Adoption, and the Human Costs of the One-Child Policy, 224 S., Chicago UP, Chicago, IL 2016.

  • Kalb, Martin: Coming of Age. Constructing and Controlling Youth in Munich, 1942–1973, 286 S., Berghahn, Oxford/New York 2016.

  • Kangisser Cohen, Sharon u. a. (Hrsg.): Children in the Holocaust and its Aftermath. Historical and Psychological Studies of the Kestenberg Archive, 278 S., Berghahn, Oxford/New York 2017.

  • Kleinau, Elke/Mochmann, Ingvill C. (Hrsg.): Kinder des Zweiten Weltkriegs. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien, 311 S., Campus, Frankfurt a. M. 2016.

  • Kucherenko, Olga: Soviet Street Children and the Second World War. Welfare and Social Contronl under Stalin, 256 S., Bloomsbury, London/New York 2016.

  • Maß, Sandra: Kinderstube des Kapitalismus? Monetäre Erziehung im 18. und 19. Jahrhundert, 329 S., De Gruyter, Berlin 2018.

  • Peterson, Dawn: Indians in the Family. Adoption and the Politics of Antebellum Expansion, 432 S., Harvard UP, Cambridge, MA/London 2017.

  • Robinson, Shirleene/Sleight, Simon (Hrsg.): Children, Childhood and Youth in the British World, 328 S., Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2015.

  • Sack, Heidi: Moderne Jugend vor Gericht. Sensationsprozesse, „Sexualtragödien“ und die Krise der Jugend in der Weimarer Republik, 490 S., transcript, Bielefeld 2016.

  • Satjukow, Silke/Gries, Rainer: „Bankerte!“. Besatzungskinder in Deutschland nach 1945, 415 S., Campus, Frankfurt a. M. 2015.

  • Winkler, Martina: Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, 240 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.

Notes

  1. Baader, Meike Sophia: Die reflexive Kindheit, in: dies. u. a. (Hrsg.): Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, Campus, Frankfurt a. M./New York 2014, S. 414–455.
  2. Eine internationale Society for the History of Children and Youth besteht seit 2001, das Journal of the History of Childhood and Youth erscheint seit 2008; siehe weiterhin: Fass, Paula: Encyclopedia of Children and Childhood in History and Society, Bd. 3, Gale, New York 2004; Foyster, Elizabeth/Marten, James (Hrsg.): A Cultural History of Childhood and Family. 6 Bde., Bloomsbury, London/New York 2010.
  3. Stearns, Peter: Childhood in World History, Routledge, London 32016; Fass, Paula (Hrsg.): The Routledge History of Childhood in the Western World, Routledge, London 2013; Morrison, Heidi (Hrsg.): The Global History of Childhood Reader, Routledge, London 2012; Rodríguez Jiménez, Pablo/Manarelli, María Emma (Hrsg.): Historia de la Infancia en América Latina, Universidad Externado de Colombia, Bogotá 2007; Cunningham, Hugh: Children and Childhood in Western Society since 1500, Routledge, London 2005; siehe auch: Fieldston, Sara: Raising the World. Child Welfare in the American Century, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2015.
  4. Marten, James: The History of Childhood. A Very Short Introduction, Oxford UP, Oxford u. a. 2018; Heywood, Colin: New Approaches to European History, Bd. 56: Childhood in Modern Europe, Cambridge UP, Cambridge 2018; ders.: A History of Childhood. Children and Childhood in the West from Medieval to Modern Times, Polity, Cambridge 22018; Robinson, Shirleene/Sleight, Simon (Hrsg.): Children, Childhood and Youth in the British World, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2015; Baader, Meike Sophia u. a. (Hrsg.): Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, Campus, Frankfurt a. M. 2014; Mintz, Steven: Huck’s Raft. A History of American Childhood, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2006.
  5. Winkler, Martina: Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen 2017; Siehe auch die stärker konzeptionell geprägten Überlegungen in: dies.: Kindheitsgeschichte (Version 1.0), in: Dokupedia-Zeitgeschichte 17.10.2016, http://docupedia.de/zg/Winkler_kindheitsgeschichte_v1_de_2016 [Zugriff: 17.03.2019].
  6. Zur umfassenden theoretischen Literatur siehe nur: Honig, Michael-Sebastian: Entwurf einer Theorie der Kindheit, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1999; Ders. (Hrsg.): Ordnungen der Kindheit. Problemstellung und Perspektiven der Kindheitsforschung, Beltz, Weinheim 2009; James, Allison/James, Adrian L.: Constructing Childhood. Theory, Policy, and Social Practice, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2004; Mierendorff, Johanna/Fangmeyer, Anna (Hrsg.): Kindheit und Erwachsenheit in sozialwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung, Beltz, Weinheim 2017.
  7. Als frühe, aber immer noch lesenswerte Darstellung siehe: Preuss-Lausitz, Ulf u. a.: Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, Beltz, Weinheim 42010 (Erste Aufl. 1983). Vgl. auch: Hrabar, Roman Zbigniew: Kinder im Krieg, Krieg gegen Kinder. Die Geschichte der polnischen Kinder, 1939–1945, Rowohlt, Hamburg 1981; Lessing, Hellmut (Hrsg.): Kriegskinder, extrabuch, Frankfurt a. M. 1984.
  8. Seegers, Lu: „Vati blieb im Krieg“. Vaterlosigkeit als generationelle Erfahrung im 20. Jahrhundert. Deutschland und Polen, Wallstein, Göttingen 2013; Stambolis, Barbara (Hrsg.): Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten. Beiträge zu einem historischen und gesellschaftlichen Schlüsselthema, Beltz, Weinheim 2013.
  9. Seegers, Lu (Hrsg.): Die „Generation der Kriegskinder“. Historische Hintergründe und Deutungen, Psychosozial, Gießen 2009; Reulecke, Jürgen (Hrsg.): Kriegskinder in Ostdeutschland und Polen, vbb, Berlin 2008; Fleermann, Bastian/Mauer, Benedikt (Hrsg.): Kriegskinder. Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939–1945, Droste, Düsseldorf 2015. Als populäre Darstellungen, die sehr weitgehend auf Erinnerungsberichten beruhen, siehe besonders: Bode, Sabine: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Klett-Cotta, Stuttgart 2014; Bieback-Diehl, Liselotte (Hrsg.): Geraubte Kindheit. Kriegskinder aus vier Nationen erzählen, Reimer, Frankfurt a. M. 32014. Zu Großbritannien: Susan Goodman, Children of War. The Second World War Through the Eyes of a Generation, John Murray, London 2006.
  10. Fooken, Insa/Heuft, Gereon (Hrsg.): Das späte Echo von Kriegskindheiten. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs in Lebensverläufen und Zeitgeschichte, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014; Radebold, Hartmut u. a. (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen, Beltz, Weinheim 2008; Fooken, Insa/Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Trauma und Resilienz. Chancen und Risiken lebensgeschichtlicher Bewältigung von belasteten Kindheiten, Beltz, Weinheim 2007; Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Erinnerungen an Kriegskindheiten. Erfahrungsräume, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik unter sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Beltz, Weinheim 2006; Müller, Christa: Schatten des Schweigens, Notwendigkeit des Erinnerns. Kindheiten im Nationalsozialismus, im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit, Psychosozial, Gießen 2014.
  11. Kangisser Cohen, Sharon u. a. (Hrsg.): Children in the Holocaust and its Aftermath. Historical and Psychological Studies of the Kestenberg Archive, Berghahn, Oxford/New York 2017; Siehe auch Ruchniewicz, Krzysztof (Hrsg.): Zwischen Zwangsarbeit, Holocaust und Vertreibung. Polnische, jüdische und deutsche Kriegskindheiten im besetzten Polen, Beltz, Weinheim 2007.
  12. Vgl. hierzu Doron, Daniella: Jewish Youth and Identity in Postwar France. Rebuilding Family and Nation, Indiana UP, Bloomington, IN 2015; Zahra, Tara: The Lost Children. Reconstructing Europe’s Families after World War II, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2011.
  13. Kleinau, Elke/Mochmann, Ingvill C. (Hrsg.): Kinder des Zweiten Weltkriegs. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien, Campus, Frankfurt a. M./New York 2016.
  14. Kleinau, Elke/Schmid, Rafaela: Aufwachsen ohne Eltern. Ein Risikofaktor für Besatzungskinder, in: ebd., S. 187–205, hier S. 203.
  15. Heinlein, Michael: Die Erfindung der Erinnerung. Deutsche Kriegskindheiten im Gedächtnis der Gegenwart, transcript, Bielefeld 2010; Ein ähnliches Argument entwerfen bereits: Welzer, Harald u. a.: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Fischer, Frankfurt a. M. 2002.
  16. Audoin-Rouzeau, Stéphane: La Guerre des Enfants 1914–1918, Colin, Paris 1993; Siehe auch: Ragache, Gilles: Les enfants de la guerre. vivre, survivre, lire et jouer en France 1939–1949, Librairie Académique Perrin, Paris 1997; Zu ähnlichen Innovationen in der US-amerikanischen Geschichte: Marten, James Alan: The Children’s Civil War, North Carolina UP, Chapel Hill, NC 1998; ders. (Hrsg.): Children and War. A Historical Anthology, NYU, New York 2002; ders./Honeck, Mischa (Hrsg.): War and Childhood in the Era of the Two World Wars, Cambridge UP, Cambridge 2019. Zu Deutschland siehe die breit angelegte Studie von Stargardt, Nicholas: Witnesses of War. Children’s Lives Under the Nazis, Vintage, New York 2007. Als Versuch, diese Ansätze für den spanischen Bürgerkrieg fruchtbar zu machen: Kössler, Till: Children in the Spanish Civil War, in: Baumeister, Martin/Schüler-Springorum, Stefanie (Hrsg.): „If you tolerate this…“ The Spanish Civil War in the Age of Total War, Campus, Frankfurt a. M./New York 2008, S. 101–132.
  17. Das thematische Spektrum der Beiträge geht dabei über den deutschen Fall hinaus. Denzler, Alexander u. a. (Hrsg.): Kinder und Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart, in: Historische Zeitschrift, Beiheft 68, München 2016.
  18. Stambolis, Barbara: Kindheit in „eisernen Zeiten“. Mentalitätsgeschichtliche und transgenerationale Aspekte von Kriegskindheiten im Ersten Weltkrieg, in: Denzler u. a. (Hrsg.): Kinder und Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart, De Gruyter, Berlin u. a. 2016, S. 273–292; dies.: Aufgewachsen in „eisernen Zeiten“. Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, Psychosozial, Gießen 2014.
  19. Brandts, Julia u. a.: Von Kontinuität und Wandel. Eltern-Kind-Beziehungen in den beiden Weltkriegen, in: Denzler u. a. (Hrsg.): Kinder (wie Anm. 18), S. 245–269. In den vorgestellten Arbeiten finden sich Anklänge an die älteren Arbeiten der Frankfurter Schule zum „Autoritären Charakter“ als Grundlage faschistischer Herrschaft, die es sich lohnen würde weiterzuverfolgen; Vgl. allgemein auch: Gebhardt, Miriam: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert, DVA, München 2009.
  20. Groppe, Carola: Im deutschen Kaiserreich. Eine Bildungsgeschichte des Bürgertums 1871–1918, Böhlau, Köln u. a. 2018; Vgl. weiterhin: Habermas, Rebekka: Parent-Child Relationships in the Nineteenth Century, in: German History 16 (1998), S. 43–55.
  21. S. Stearns, Peter N.: Anxious Parents. A history of Modern Childrearing in America, NYU, New York 2003; ders./Haggerty, Timothy: The Role of Fear. Transitions in American Emotional Standards for Children, 1850–1950, in: American Historical Review 96 (1991), S. 63–94; Grant, Julia: Raising Baby by the Book. The Education of American Mothers, Yale UP, New Haven, CT 1998; Hulbert, Ann: Raising America. Experts, Parents, and a Century of Advice About Children, Vintage, New York 2003.
  22. Inspirierend: Hagner, Michael: Der Hauslehrer. Geschichte eines Kriminalfalls, Suhrkamp, Berlin 2010; Rowold, Katharina u. a.: When is a Babycare Manual an Instrument of National Socialism?, in: German History 31 (2013), S. 181–203. Vgl. weiterhin: Baader, Meike Sophia/Götte, Petra/Groppe, Carola (Hrsg.): Familientraditionen und Familienkulturen. Theoretische Konzeptionen, historische und aktuelle Analysen, Springer VS, Wiesbaden 2013.
  23. Moisel, Claudia: Geschichte und Psychoanalyse. Zur Genese der Bindungstheorie von John Bowlby 1907–1990, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 51–74.
  24. Gilmour, Colin: „Autogramm bitte!“ Heldenverehrung unter deutschen Jugendlichen während des Zweiten Weltkrieges, in: Denzler u. a. (Hrsg.): Kinder (wie Anm. 18), S. 131–149.
  25. Keller, Sven (Hrsg.): Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin. Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs 1939–1946, De Gruyter Oldenbourg, München 2015.
  26. In dieser Hinsicht weniger aufschlussreich trotz einer großangelegten Analyse lebensgeschichtlicher Interviews: Rosenbaum, Heidi: „Und trotzdem war’s ’ne schöne Zeit“. Kinderalltag im Nationalsozialismus, Campus, Frankfurt a. M./New York 2014; Vgl. auch als guten Überblick: Schumann, Dirk: Children and Youth in Nazi Germany, in: Fass, Paula (Hrsg.): The Routledge History of Childhood in the Western World, Routledge, London 2013, S. 451–68.
  27. Kucherenko, Olga: Soviet Street Children and the Second World War. Welfare and Social Contronl under Stalin, Bloomsbury, London/New York 2016; siehe auch bereits dies.: Little Soldiers. How Soviet Children went to War, 1941–45, Oxford UP, Oxford u. a. 2011; sowie die eindrucksvolle Synthese: Kelly, Catriona: Children’s World. Growing up in Russia, 1980–1991, Yale UP, New Haven, CT. 2007.
  28. Baron, Nick (Hrsg.): Displaced Children in Russia and Eastern Europe, 1915–1953. Ideologies, Identities, Experiences, Brill, Leiden/Boston, MA 2016; Kind-Kovács, Friederike: The Great War, the Child’s Body and the American Red Cross, in: European Review of History 23 (2016), S. 33–62.
  29. Siehe hierzu etwa auch die umfangreiche Literatur zum Wandel der Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann. Vgl. nur Rudloff, Wilfried: Eindämmung und Persistenz von Gewalt in Heimerziehung und Familie, in: Zeithistorische Forschungen 15 (2018), S. 250–276.
  30. Siehe Rosen, David M.: Child Soldiers in the Western Imagination. From Patriots to Victims, Rutgers, New Brunswick, NJ 2015.
  31. Siehe Budde, Gunilla-Friedericke: Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840–1914, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994.
  32. Maß, Sandra: Kinderstube des Kapitalismus? Monetäre Erziehung im 18. und 19. Jahrhundert, De Gruyter, Berlin u. a. 2018. In weiterer Perspektive immer noch anregend: Zelizer, Viviana: Pricing the Priceless Child. The Changing Social Value of Children, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 1994.
  33. Satjukow, Silke/Gries, Rainer: „Bankerte!“. Besatzungskinder in Deutschland nach 1945, Campus, Frankfurt a. M./New York 2015; Vgl. auch die voluminöse Aufsatzsammlung, die eine deutsch-österreichische Vergleichsperspektive entwirft: Stelzl-Marx, Barbara/Satjukow, Silke (Hrsg.): Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland, Böhlau, Wien u. a. 2015.
  34. Fehrenbach, Heide: Race after Hitler. Black Occupation Children in Postwar Germany and America, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2005, bes. S. 172.
  35. Peterson, Dawn: Indians in the Family. Adoption and the Politics of Antebellum Expansion, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2017. Vgl. in weiterer Perspektive auch: Stuchtey, Benedikt: Solidarity with Children. Towards a History of Adoption, in: Bulletin of the German Historical Institute London 35 (2013), S. 43–56. Das Thema der Adoption hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Gegenstand sowohl der anglo-amerikanischen als auch zunehmend der deutschsprachigen Forschung entwickelt. Siehe jüngst Hitzer, Bettina: Warum lügen? Eine Geschichte der Adoption nach 1945, in: Geschichte und Gesellschaft 45 (2019), S. 70–94.
  36. Boucher, Ellen: Empire’s Children. Child Emigration, Welfare, and the Decline of the British World, 1869–1967, Cambridge UP, Cambridge 2014.
  37. Zum Zusammenhang von Kindheit und Visionen nationaler Erneuerung vgl. auch Olsen, Stephanie: Juvenile Nation. Youth, Emotions and the Making of the Modern British Citizen, 1880–1914, Bloomsbury, London 2014; Auch Olsen setzt an den Reformbewegungen des späten 19. Jahrhunderts an, interessiert sich aber vor allem für die lagerübergreifende Popularisierung von Leitbildern aktiver politischer Maskulinität; Siehe weiterhin: dies. (Hrsg.): Childhood, Youth and Emotions in Modern History. National, Colonial and Global Perspectives, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2015.
  38. Vgl. als wichtige Beiträge zum Thema auch: Pomfret, David M.: Youth and Empire. Trans-colonial Childhoods in British and French Asia, Stanford UP, Stanford, CA 2016; Swain, Shurlee/Hillel, Margot: Child, Nation, Race and Empire. Child Rescue discourse, England, Canada and Australia, 1850–1915, Manchester UP, Manchester 2010; Buettner, Elizabeth: Empire Families. Britons and late imperial India, Oxford UP, Oxford u. a. 2004; Mit einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendorganisationen: Bowersox, Jeff: Raising Germans in the Age of Empire. Youth and Colonial Culture, 1871–1914, Oxford UP, Oxford u. a. 2013.
  39. Vgl. nur Walters, Sarah: „Child! Now you are“. Identity Registration, Labor, and the Definition of Childhood in Colonial Tanganyika, 1910–1950, in: Journal for the History of Childhood and Youth 9 (2016), S. 66–86.
  40. Zur älteren Forschung siehe etwa Carson, John: The Measure of Merit. Talents, intelligence, and Inequality in the French and American Republics, 1750–1940, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2006; Wooldrige, Adrian: Measuring the Mind. Education and Psychology in England, 1860–1990, Harvard UP, Cambridge, MA/London 1994; Ross, Dorothy/Hall, G. Stanley: The Psychologist as Prophet, Chicago UP, Chicago, IL 1972.
  41. Heinemann, Rebecca: Das Kind als Person. William Stern als Wegbereiter der Kinder- und Jugendforschung 1900 bis 1933, Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2016.
  42. Als hervorragende Studie mit teilweise ähnlicher Ausrichtung siehe Geisthövel, Alexa: Intelligenz und Rasse. Franz Boas’ psychologischer Antirassismus zwischen Amerika und Deutschland, 1920–1942, transcript, Bielefeld 2013.
  43. Sack, Heidi: Moderne Jugend vor Gericht. Sensationsprozesse, „Sexualtragödien“ und die Krise der Jugend in der Weimarer Republik, transcript, Bielefeld 2016.
  44. Vgl. hierzu jetzt auch: Crane, Jennifer (Hrsg.): Child Protection in England, 1960–2000. Expertise, Experience, and Emotion, Palgrave Macmillan Basingstoke/New York 2018; Zur Zeit nach 1945 nun auch: Kalb, Martin: Coming of Age. Constructing and Controlling Youth in Munich, 1942–1973, Berghahn, Oxford/New York 2016; der einen Wandel hin zu subtileren Formen sozialer Kontrolle von Jugend nach 1945 erkennt.
  45. Damberg, Wilhelm (Hrsg.): Mutter Kirche – Vater Staat? Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945, Münster 2010; Frings, Bernhard/Kaminsky, Uwe: Gehorsam, Ordnung, Religion. Konfessionelle Heimerziehung 1945–1975, Aschendorff, Münster 2012.
  46. Baader, Meike Sophia u. a. (Hrsg.): Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968 (=Beiträge zur historischen Bildungsforschung 49), Böhlau, Köln 2017.
  47. Vgl. hierzu auch Elberfeld, Jens: Von der Sünde zur Selbstbestimmung. Zum Diskurs „kindlicher Sexualität“ (BRD 1960–1990), in: Bänziger, Peter – Paul u. a. (Hrsg.): Sexuelle Revolution? Zur Geschichte der Sexualität im deutschsprachigen Raum seit den 1960er Jahren, transcript, Bielefeld 2015, S. 247–284.
  48. Kohns, Oliver u. a. (Hrsg.): Autorität. Krise, Konstruktion und Konjunktur, Fink, München/Paderborn 2016; Reh, Sabine/Ricken, Norbert (Hrsg.): Leistung als Paradigma. Zur Entstehung und Transformation eines pädagogischen Konzepts, Springer VS, Wiesbaden 2018.
  49. Fass, Paula: The End of American Childhood. A History of Parenting from Life on the Frontier to the Managed Child, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2016.
  50. Eine quellenreiche aber nicht unproblematische kulturkritische Analyse einer vermeintlichen Infantilisierung von Männern seit 1945 liefert Cross, Gary: Men to Boys. The Making of Modern Immaturity, Columbia UP, New York 2010; Eine ähnliche These einer zunehmenden Einhegung und „Verhäuslichung“ von Kindheit in pädagogisch gestalteten Räumen ist in der deutschsprachigen Forschung bereits in den 1980er Jahren im Anschluss an Philippe Ariés entwickelt worden: Zinnecker, Jürgen: Vom Straßenkind zum verhäuslichten Kind. Kindheitsgeschichte im Prozeß der Zivilisation, in: Behnken, Imbke (Hrsg.): Stadtgesellschaft und Kindheit im Prozeß der Zivilisation. Konfigurationen städtischer Lebensweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Leske + Budrich, Opladen 1990, S. 142–162; Zeiher, Helga: Ambivalenzen und Widersprüche der Institutionalisierung von Kindheit, in: Honig, Michael-Sebastian (Hrsg.): Ordnungen der Kindheit. Problemstellungen und Perspektiven der Kindheitsforschung, Beltz, Weinheim 2009, S. 103–126.
  51. Ausführlicher hierzu: Kössler, Till: How Americans Raise Their Children. A Comment, in: Bulletin of the German Historical Institute 54 (2014), S. 21–25.
  52. Johnson, Kay Ann: China’s Hidden Children. Abandonment, Adoption, and the Human Costs of the One-Child Policy, Chicago UP, Chicago, IL 2016.
  53. Siehe hierzu auch die hervorragende Längsschnittstudie zu einer eugenischen Mustersiedlung in Straßburg von Rosental, Paul-André: Destins de l’eugenisme, Seuil, Paris 2016.
  54. Siehe nur Bühler-Niederberger, Doris/Mierendorff, Johanna: Ungleiche Kindheiten – eine kindheitssoziologische Annäherung, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Heft 4 (2009), S. 449–456; Bühler-Niederberger, Doris: Kindheit zwischen fürsorglichem Zugriff und gesellschaftlicher Teilhabe, Springer VS, Wiesbaden 2010; Mierendorff, Johanna: Kindheit und Wohlfahrtsstaat. Entstehung, Wandel und Kontinuität des Musters moderner Kindheit, Beltz, Weinheim 2010.
  55. Vgl. in einem weiteren Kontext jetzt auch: Heinemann, Isabel: Wert der Familie. Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts, De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2018; Dies. (Hrsg.): Inventing the Modern American Family. Family Values and Social Change in 20th Century United States, Campus, Frankfurt a. M./New York 2012.