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Einzelrezension

Scholl, Stefan (Hrsg.): Körperführung. Historische Perspektiven auf das Verhältnis von Biopolitik und Sport, 335 S., Campus, Frankfurt a. M. 2018.


Abstract

Foucault, Fitness and ‚modern‘ sports

Keywords: Review, Scholl, Stefan, 2018, Körper, Foucault, Sport

How to Cite:

Schlund, S., (2019) “Scholl, Stefan (Hrsg.): Körperführung. Historische Perspektiven auf das Verhältnis von Biopolitik und Sport, 335 S., Campus, Frankfurt a. M. 2018.”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00163-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-09-26

Peer Reviewed

Der von Stefan Scholl herausgegebene Sammelband widmet sich dem Themenkomplex von Sport, Bewegungskultur, Fitness und Gesundheit aus der Perspektive des von Michel Foucault geprägten Konzepts der Biopolitik. Dabei stehen Fragen der Disziplinierung individueller Körper sowie von kollektiven „Bevölkerungskörpern“ im Zentrum der insgesamt zwölf Beiträge. Diese sind mit Überlappungen chronologisch angeordnet, wodurch Kontinuitäten und Kongruenzen biopolitischen Denkens über verschiedene Zeitabschnitte und Gesellschaftsformen sichtbar werden. Dadurch wird dem Sammelband eine angenehme Stringenz verliehen, welche durch die konsequente Anwendung Foucaultschen Vokabulars in allen Beiträgen noch gestärkt wird. Ein übergreifendes Ziel der Publikation ist die Überprüfung der „Verlagerung von Präventionskonzepten und -praktiken auf die Ebene des Individuums in Form des ‚präventiven Selbst‘ […] anhand der Analyseinstrumentarien ‚Biopolitik‘ und ‚Gouvernementalität‘ an sporthistorischen Gegenständen“ (S. 32).

In seinen einleitenden Ausführungen präsentiert Scholl das hierzu notwendige theoretische Instrumentarium. Ausdrücklich hebt er hervor, dass Biopolitik im Sinne einer Regierungstechnik „als Grundkomponente gerade liberaler Regierungstechniken des 18., 19. und 20. Jahrhunderts zu begreifen“ (S. 12) sei, wenngleich sie oftmals mit autoritären Regimen in Verbindung gebracht werde. Somit zeichnet der Herausgeber das Panorama, vor dem sich die einzelnen Beiträge folgend positionieren. Die „Upgradekultur“ als Ideologie der Selbstoptimierung nimmt Rudolf Müllner am Beispiel der Sport-für-alle-Bewegung in Österreich in den Blick. Deren appellativen, und nicht verordnenden Charakter macht er als zentralen Unterschied zwischen fordistischer und postfordistischer Körperpraktik aus, als Übergang von der Fremd- zur Selbststeuerung. Angela Schwarz setzt die Idee, Sport als Instrument der Erhaltung körperlicher Fitness „des Einzelnen wie des Kollektivs“ einzusetzen, in Beziehung zu spätviktorianischen Niedergangstopoi, die um eine generelle Degeneration der britischen Bevölkerung kreisten. Auf der anderen Seite des Atlantiks wurde zur selben Zeit Altern als Problem begriffen, „das nicht nur individuellen Verfall, sondern auch gesellschaftlichen Niedergang signalisierte“, wie Olaf Stieglitz in seinem Beitrag anmerkt (S. 117). Plausibel erklärt Stieglitz anhand der Publikationen der schillernden Figur Bernarr Macfaddens – eine Art Fitnessguru seiner Zeit – den Wandel der Perzeption des Älterwerdens und gesundheitsorientierter Fitnesskultur in den USA unter Berücksichtigung der Kategorie Gender.

Michael Haus Analyse der „Anlagepflege“ in der Zwischenkriegszeit ist der erste von vier aufeinander folgenden Beiträgen, die sich mit biopolitischen Maßnahmen im Nationalsozialismus und der DDR befassen – und mithin stärker auf die staatliche Instrumentalisierung von Körperführung fokussieren. Hau fasst unter „Anlagepflege“ alle Initiativen, „die sicherstellen sollten, dass sogenannte ‚erbgesunde‘ Mitglieder der Gesellschaft ihr naturgegebenes Leistungspotential voll ausschöpften“ – eine Zielsetzung, die nach 1933 in Ideen nationalsozialistischer „Volksgemeinschaft“ integriert wurde (S. 131). Zum Nutzen der „Volksgemeinschaft“ sollte auch die „Körperertüchtigung“ im Rahmen des Werkssports beitragen, den Diana Wendland untersucht. Gesunderhaltung und die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls standen dabei im Vordergrund und verdeutlichen die Zweckorientierung des Werkssports als Teil biopolitischer Selbst- und Fremdführung. Lukas Rehmann schlägt in seiner Analyse der DDR-Sportmedizin als Kontroll- und Regulierungsinstrument die Brücke vom Massensport zum Leistungssport, die beide der „Produktivmachung des Körpers“ und einem „biopolitischen Verwertungsinteresse“ unterworfen waren (S. 183). Mit dem Sächsischen Bergsteigen und Skateboarden stellt Kai Reinhart zwei widerständige Praktiken vor, die eher einer Flucht vor dem biopolitischen Zugriff des Staats entsprachen. Auch derart subversive Phänomene lassen sich jedoch – so Reinhart – mit Foucault fassen.

Scholl ordnet europäische Sport-für-alle-Initiativen der 1960er und 1970er Jahre in die Bekämpfung von „Zivilisationskrankheiten“ und die sinnvolle Nutzung der Freizeit ein, die allerdings über Anreize zur Selbstführung erreicht werden sollte. Ganz diesem Geist entsprach die Gesunderhaltung des „präventiven Selbst“ durch Fitness als Lebensstil, der Gesundheit und Schönheit argumentativ verknüpfte, wie Pierre Pfütsch anschaulich darlegt. Der nahezu zeitgleich in den USA einsetzenden Vermittlung weiblicher Körperideale durch Aerobic-Videos widmet sich Melanie Woitas. Sie kann die Verzerrungen und inneren Widersprüche dieses insbesondere mit Jane Fonda verbundenen Phänomens überzeugend differenzieren. Sandra Günters abschließender Beitrag greift wiederum das Thema Doping auf, ist zeitlich allerdings stärker auf die Gegenwart beziehungsweise gar auf die nähere Zukunft bezogen. Günter plädiert unter Rückgriff auf Foucault und Giorgo Agamben dafür, „Spitzensport als ein mögliches gouvernementales, biopolitisches Instrument“ zu fassen, „in dem die Sportler*innen möglicherweise als biotechnologische Versuchsobjekte der Optimierung und Normalisierung dienen“ (S. 330).

Einer Zielvorgabe des Sammelbandes, „das Analysekonzept der Biopolitik an ausgewählte, recht unterschiedliche Fallbeispiele aus der Sportgeschichte an[zu]legen“ werden die Beiträge insgesamt gerecht. Allerdings wäre an einigen Stellen eine Erklärung des hieraus hervorgehenden analytischen Mehrwerts, oder auch das Aufzeigen der Grenzen des Potenzials Foucaultscher Theorieangebote wünschenswert gewesen. Denn allzu oft begnügen sich die Beiträge mit der der bloßen Bestätigung, dass Biopolitik als Konzept zum jeweiligen Fallbeispiel passe. Nichtsdestoweniger sind alle Beiträge eindrückliche Beispiele (selbst-)disziplinierender Mechanismen in modernen bis postmodernen Bewegungskulturen, die eine breite Rezeption verdienen.