Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in nahezu allen westlichen Demokratien, der Brexit, die Etablierung autoritärer Herrschaft in Russland, der Türkei, China und nicht zuletzt die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben nicht nur die Gewissheit über „das Ende der Geschichte“ und den Siegeszug der liberalen Demokratie zerstört, sondern auch eine kaum noch überschaubare Menge an politikwissenschaftlichen Studien und populärwissenschaftlichen Abhandlungen hervorgerufen. Diese Literatur hat größtenteils eine therapeutische Funktion. Ihr Ziel besteht darin, das nicht für möglich Gehaltene durch eine Analyse der Ursachen nachvollziehbar zu machen und zugleich auch eine Art Gegengift gegen die populistische Heimsuchung zu liefern. Das Buch von Yascha Mounk, einem an der Harvard Kennedy School lehrenden Politikwissenschaftler mit deutschen Wurzeln, ist geradezu prototypisch für dieses Textgenre.
Das zeigt sich bereits im Aufbau des Buches. Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme der „Krise der liberalen Demokratie“, die sich einerseits in den gängigen Phrasen ergeht, andererseits sich aber insofern vom liberalen Mainstream unterscheidet, als Mounk auch die dezidiert antidemokratischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte benennt. So fasst er die Europäische Union völlig zu Recht unter dem Label „undemokratischer Liberalismus“ (S. 49). Es schließt der Analyseteil an, in dem Mounk drei Hauptursachen für das Erstarken des Populismus ausmacht: die neuen sozialen Medien und die dort verbreiteten Fake-News, „wirtschaftliche Ängste“ infolge von Globalisierung und Digitalisierung und die Bedrohung nationaler Identitäten durch Einwanderungsprozesse. Im dritten Teil geht es schließlich um „Gegenmittel“. Mounk möchte den Nationalismus durch eine neue Integrationspolitik und einen „inklusiven Patriotismus“ (S. 240) zähmen, schlägt eine Resozialdemokratisierung der Wirtschaftspolitik vor und hält es für erforderlich, den „Glauben an die Demokratie [zu] erneuern“, etwa durch die Erziehung zu „mündigen Bürgern“ (S. 279). Das ist alles nicht falsch und doch provoziert das Buch von Mounk Widerspruch.
Im englischen Original lautet der Titel „The People vs. Democracy: Why Our Freedom Is in Danger and How to Save It“. Damit ist die Stoßrichtung des Buches annonciert. Und diese Stoßrichtung ist mehr Teil des Problems als Teil der Lösung. Denn mit ihr wird die populistische Unterscheidung zwischen wir („das ehrliche Volk“) und ihr („die korrupte Elite“) und die damit einhergehende Gut-Böse-Logik schlicht reproduziert. Da befinden sich auf der einen Seite die bösen Populisten, die lediglich vermeintlich „einfache Lösungen“ im Angebot haben und „Hass“ verbreiten, auf der anderen Seite Politiker_innen wie Hillary Clinton, die für „komplizierte“ und teilweise auch „unpopuläre“ Maßnahmen stehen und erkennen, dass „Freihandelsabkommen einen echten volkswirtschaftlichen Nutzen haben“ (S. 93). Die Frage, die Mounk an dieser Stelle jedoch nicht stellt, ist, wem diese Abkommen Vorteile bringen und wem sie eher schaden. Dazu passt, dass er sich bei der Frage nach den Ursachen der populistischen Revolte von der Modernisierungsverliererthese distanziert (S. 184) und im Anschluss an Ronald Inglehart und Pippa Norris auf die stärkere Bedeutung kultureller Faktoren verweist, um dann aber doch nur eine Seite später die These aufzustellen, dass es sich bei den Anhängern des Populismus um jene handelt, die sich „durchaus berechtigte Sorgen“ um ihre wirtschaftliche Zukunft machen (S. 185). Im Widerspruch zur Kritik der Modernisierungsverliererthese steht zudem, dass Mounk bei seinen Therapievorschlägen durchaus bedenkenswerte wirtschafts- und sozialpolitische Reformen vorschlägt, etwa mit Blick auf Deutschland die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems oder eine Bodenspekulationssteuer (S. 260).
Insgesamt handelt es sich aus der Sicht des Rezensenten um ein sehr widersprüchliches und unausgereiftes Buch. Denn zum einen bedient Mounk die gängigen Klischees und Phrasen des weitverbreiteten Antipopulismus, auf dessen Seite er sich durch die ständige Anrufung eines kollektiven „Wirs“ der guten Demokraten stellt. Zum anderen formuliert er aber durchaus einige Überlegungen, die diesen bequemen Rahmen sprengen. Etwa, wenn er die Relevanz des Nationalstaates hervorhebt, die antidemokratischen Tendenzen der Europäischen Union benennt oder auch die politische Problematik des an den US-amerikanischen Universitäten weit verbreiteten dekonstruktivistischen Entlarvungdiskurses – nämlich überall rassistische, heteronormative oder kolonialistische Denk- und Sprachmuster zu wittern – kritisiert.