Die beiden Politikberater Dominik Meier und Christian Blum haben mit „Logiken der Macht“ einen doppelten Anspruch verbunden. Einerseits geht es den Autoren um eine ideengeschichtlich fundierte Analyse des Machtbegriffs, andererseits geht es ihnen um die anwendungsorientierte Beschreibung eines Instrumentenkastens zur Nutzung für die Beratungspraxis im Macht-basierten politischen Geschäft. Das Werk ist dabei im Wesentlichen in drei größere Kapitel gegliedert. Zunächst geht es im mit „Das Wesen der Macht“ überschriebenen Kapitel um Definitionen und grundsätzliche konzeptionelle Überlegungen – mit dem zu erwartenden Ritt durch die politische Ideengeschichte von Aristoteles über Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes und Friedrich Nietzsche bis hin zu Max Weber und Robert Dahl. Eine erfreuliche Besonderheit ist dabei, dass auch fernöstliche Denkschulen wie der Daoismus und der Konfuzianismus sowie die politischen Denker des mittelalterlichen Islam auf mögliche Beiträge zu einem besseren Verständnis des Machtbegriffs hin abgeklopft werden. Und auch die strukturalistische Wendung wird gegenüber dem klassischen Weberschen Machtmodell in Stellung gebracht. Anschließend werden einige Facetten – „Grundprinzipien“ – der Macht näher betrachtet, insbesondere die Ursprünge des Machtstrebens in der menschlichen Natur sowie die wichtigen Fragen des Verhältnisses der Macht zur Freiheit, zu Normen und zu Institutionen. Insgesamt ermöglicht dieses erste Kapitel damit einen sehr umfassenden Überblick über die Ideengeschichte des Machtbegriffs – mit allerdings eher wenigen Überraschungen für den ideengeschichtlich informierten Leser.
Im anschließenden Kapitel „Konkretionen der Macht“ geht es um eine „Phänomenologie der Macht“ (S. 73), also einer Analyse davon, wie Macht in sozialen Beziehungen konkret wird – ein ziemlich ambitionierter Anspruch, den die Autoren aber in sehr erkenntnisträchtiger Weise einlösen. Zudem bekommt das Buch dadurch genau die Wendung, die der Leser von zwei eher der Politik- und Beratungspraxis als der akademischen Politikwissenschaft zuzuordnenden Autoren auch erwartet. Besonders lesenswert sind hier der Abschnitt über die symbolische Inszenierung von Machtansprüchen, inklusive der gerade für das deutsche politische System so präsenten und relevanten Erinnerungskultur und deren aktiver Steuerung sowie die Ausführungen zu der Frage, welche Rolle Macht bei der Definition des Gemeinwohls spielt. Das auf Machiavellis Machtanalyse aufruhende Unterkapitel zu Machtressourcen (hier als „Vektoren“ bezeichnet, S. 172) wäre möglicherweise besser im Kapitel zum „Wesen der Macht“ aufgehoben gewesen, sind doch die Gründe dafür, warum – um mit Weber zu sprechen – einer in einer sozialen Beziehung den eigenen Willen durchzusetzen vermag, notwendigerweise Bestandteil des „Wesens der Macht“. Spannend, erhellend und den letzten Teil des Buches sehr stringent vorbereitend ist dagegen die Untersuchung der konkreten Umwelten, in welchen Macht eine Rolle spielt. Offensichtlich nicht nur durch theoretische Expertise, sondern auch durch umfangreiche eigene praktische Kenntnis der Autoren gespeist ist all das, was detailreich und mit vielen Beispielen veranschaulicht über konkrete Machtbeziehungen und -ausübungspraxen im religiösen, im ökonomischen und im politischen (hier gelingt dies besonders gut) Umfeld gesagt wird.
Der Höhepunkt des Buches ist jedoch das dritte Kapitel zur „Praxis der Macht“, in welchem die Autoren in tatsächlich sehr praxisnaher Weise, fast schon wie in einem verschriftlichten Lehrgang, erklären, wie politische Beratung funktioniert. Ausgehend von Modellen wie dem „Macht-Schach-Modell“ oder dem „Vier-Phasen-Modell“ werden teils altbekannte Techniken wie die Netzwerkanalyse, die SWOT-Matrix oder das Stakeholder-Mapping und teils neuere Ansätze wie die „Global Governmental Relations“, die auf das Politikberaten in einer supranational vernetzten und globalisierten Welt abstellen, in einen neuen Nutzungszusammenhang, nämlich die auf Machtstrukturen fokussierte Politikberatung und den von den Autoren auch in der politikberaterischen Praxis angewandten „Power-Leadership-Ansatz“ gestellt. Dabei wird es sehr konkret, bis hin zu Verwendungspraktiken sozialer Medien, zu gezielter Nutzung von Mimik und Gestik und zum Veranstaltungsmanagement. Den vielen Grafiken und Schaubildern sieht man dabei immer die Herkunft der Autoren aus der Beratungspraxis in sehr wohltuender Weise an: Sie sind verständlich, richtig platziert und erzeugen einen echten Erkenntnismehrwert.
Gelegentlich wirken lediglich die Überfülle an Fußnoten (über 600!) und die fast übertrieben gewissenhaften Literaturverweise ein wenig zu bemüht. In diese Richtung zielt auch, dass die gewählten Begriffsdifferenzierungen gelegentlich etwas überkomplex anmuten (was genau sind die konzeptionellen Differenzen zwischen dem, was hier als „Machtform“, als „Machtfeld“, als „Machtvektor“ oder als „Machtprinzip“ daherkommt?). Dies schmälert aber in keiner Weise den großen Wert dieses Buchs, das sowohl für eher konzeptionell-begriffsgeschichtlich interessierte Akademiker als auch für Praktiker (vor allem freilich im Kontext der Politik) eine höchst lehrreiche und spannende Lektüre ist. Der große Bogen von der klassischen Antike zum ganz Konkreten, handlungsleitend Rezepthaften wirkt an keiner Stelle überspannt. Dass dies gelingt und der Text auch sprachlich immer gut lesbar bleibt, ist ein großer Verdienst der Autoren.