Spätestens seit dem von Samuel Huntington ausgerufenen „Clash of Civilizations“ Mitte der 1990er Jahre kamen die kulturwissenschaftliche „Identitäts-“ und „Alteritätsforschung“ ebenso in die Kritik wie strukturalistische oder poststrukturalistische Differenztheorien. Auf diese Kritik reagiert der von Anil Bhatti und Dorothee Kimmich vorgelegte Sammelband. Statt auf Begriffe wie „Alterität“ oder „Identität“ zu setzen, stellen Bhatti und Kimmich den Begriff der „Ähnlichkeit“ ins Zentrum der Überlegungen und fragen, ob das Paradigma der Differenz zugunsten einer Philosophie der Ähnlichkeiten überwunden werden könne.
Was aber ist Ähnlichkeit? In ihrer Einleitung umkreisen der Autor/die Autorin den Begriff und weisen ihn in einer bewusst paradoxen Formulierung als „‚eindeutig‘ […] vage […]“ (S. 10) aus. Ähnlichkeit sei weniger ein klar zu definierender Begriff, als vielmehr eine kulturelle Praxis. Wie die postkolonial eingefärbten Begriffe der Hybridität, des third space oder des „Dazwischen“ zielen Bhatti und Kimmich mit dem Ähnlichkeitsbegriff auf die Überwindung von starren Dichotomien und kulturellen Hierarchisierungen. Über diese hinausgehend, beschreiben sie jedoch keine Zustände, sondern markieren gesellschaftliche Prozesse: „Es geht um einen Bewegungsbegriff, der eine Gegenbewegung zu der dominanten Hermeneutik des Eigenen und Fremden konzipiert“ (S. 19). Damit fügt sich der interdisziplinär angelegte Sammelband in das auch in der Geschichtswissenschaft weit verbreitete Anliegen, Verbindungen und Verflechtungen gegenüber den Differenzen und Trennungen stärker zu betonen. So klar das Anliegen in der Kritik und Abgrenzung zu anderen Konzepten konturiert wird, so zutreffend die Schwachstellen des Differenzdenkens und der Dichotomisierung von Identität und Alterität benannt werden, so unscharf bleibt der Begriff der Ähnlichkeit selbst – fluide Ränder mit „einigermaßen stabilen Zentren“ (S. 12). In dieser bewussten Entscheidung zur Vagheit sehen Bhatti und Kimmich die Stärke und das Potenzial des Konzepts. Im ersten Teil des Bandes wird dessen Tragfähigkeit weiter ausgeleuchtet.
Überzeugend kritisiert Albrecht Koschorke postkoloniale Begriffe wie Hybridität, Alterität und Differenz aufgrund ihres dichotomen Charakters. Ähnlichkeit, als post-postkolonialistisches Konzept, beschreibt er wie die Herausgeber_innen als „Kategorie der Entdramatisierung“ (S. 36), welche stringente Grenzziehungen umgehe. Im Gegensatz zu Bhatti und Kimmich hält er an einer Hermeneutik, wenn auch einer „Hermeneutik des Vorläufigen“ (S. 36) fest. Jürgen Osterhammel macht deutlich, dass sich für das empirische, historische Arbeiten durch das Konzept der Ähnlichkeit sehr wenig ändere. Historikerinnen und Historiker würden ohnehin mit graduellen und abschattierten Fällen von Differenz und Ähnlichkeit arbeiten und entzögen sich der dichotomen Praxis von Identität und Differenz. Als „Suchscheinwerfer“ (S. 90) sei Ähnlichkeit geeignet, die relationalen Verbindung historischer Prozesse zu entschlüsseln. Andreas Langenohl sieht Chancen des Ähnlichkeitskonzepts für die Reformulierung der Modernisierungstheorie. Gemein sei dem Differenzierungstheorem in Bezug auf die Modernisierung die „identitätstheoretische Lagerung“ (S. 109). Er betrachtet Ähnlichkeit als radikalisierte Differenztheorie und versucht auf diese Weise den Begriff der Identität ganz zu überwinden. Differenz sei vielmehr als Folge von Verähnlichungsprozessen zu verstehen.
Der empirisch ausgerichtete zweite Teil des Bandes illustriert die Produktivität des Blickwechsels. So zeigt beispielsweise Aleida Assmann eindrucksvoll wie mittels „Empathie-Regimen“ Ähnlichkeits- beziehungsweise Unähnlichkeitsempfindungen emotional gesteuert würden. Das Ähnlichkeitsdenken ermögliche eine „Umperspektivierung“ und schaffe es, als beweglicheres und offeneres Instrument der Differenz zu trotzen. Weit über die Literaturwissenschaft hinausführend, sind auch die theoretischen Ausführungen und Ergebnisse von Kimmichs Studie zum Bürgerlichen Realismus. Sie stellt darin die provokante These zur Diskussion, ob in der Reflexion auf Ähnlichkeit im (literarischen) Diskurs der Moderne eine „gewichtige Opposition gegen das Modell einer Dialektik der Aufklärung“ (S. 199) zu sehen sei. Johannes Feichtinger zieht anhand des Beispiels Habsburg-Zentraleuropas im 19. Jahrhundert die Verbindung von Nationalisierung und die damit einhergehenden Versuche, Ähnlichkeit als fortwährende kulturelle Praxis zu eliminieren. „Ähnlichkeitswissenschaften avant la lettre“ (S. 232) waren ein Versuch staatsferner Wissenschaftler der damaligen Zeit wie Sigmund Freud, Hans Kelsen und Ludwig Wittgenstein, sich der auf Identität und Unterschieden pochenden Verzahnung von Politik, Wissenschaft und Legislative entgegenzustellen. Anregend ist auch der kurze Beitrag von Rudolf Schlögl zu Ähnlichkeit und Differenz der Religion(en) in der Sattelzeit. Schlögl denkt das Konzept der Ähnlichkeit konstruktiv weiter, indem er drei Dimensionen skizziert: eine diskursgeschichtliche, eine epistemologische und eine der sozialen Praktiken (S. 245). So kann er den vermittelnden Effekt der sozialen Praktiken, die auf Ähnlichkeit setzen, im Spannungsverhältnis zu den anderen Dimensionen herausarbeiten.
Resümierend lässt sich sagen, dass sich der Begriff der Ähnlichkeit als „Suchscheinwerfer“ (Osterhammel) als äußerst hilfreich erweist, möchte man den „blind spots“ einer Analyse des „othering“ entgegentreten. Mit diesem Sammelband ist ein wichtiger Schritt der kulturpolitischen Sensibilisierung gegenüber dichotomen Differenz- und Identitätsmodellen sowie Chancen ihrer Handhabwerdung gemacht worden. Ganz auf der Linie der anspruchsvollen Argumentation Bhattis und Kimmichs kann man allerdings gegen das Ähnlichkeitsparadigma einwenden, dass die Abgrenzung von der Differenzforschung nicht vollkommen überzeugen kann. Erst die Erforschung von Ähnlichkeiten und Differenzen mit ihren zahlreichen Graduierungen in Hinblick auf ein Drittes ermöglichte eine konsequente Relationierung von Identität und Alterität. So würde die Konstruktion von Dichotomien und ihrer Zwischentöne gleichermaßen historisiert. Genese und Geltung der analytischen Begrifflichkeit könnten dabei klar unterschieden werden.