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Rezensionsaufsatz

1917 – Hundert Jahre Revolution und nur noch Langeweile?


Keywords: Rezensionsaufsatz, Schattenberg, Susanne, 1917, Revolution, Jubiläum, Russland, Lenin

How to Cite:

Schattenberg, S., (2019) “1917 – Hundert Jahre Revolution und nur noch Langeweile?”, Neue Politische Literatur 64(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-019-00157-6

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-08-10

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„Es ist einfach Scheiße! Ich wiederhole: Scheiße!“1 So brach es aus Lenin im März 1917 heraus, wann immer ihn Neuigkeiten aus dem Petrograder Sowjet erreichten, während er noch im Züricher Exil saß und keinen Weg fand, nach Hause zu kommen, um ins Geschehen einzugreifen. So beschreibt es Catherine Merridale in ihrem Buch „Lenins Zug“, das sicherlich eine der besten Neuerscheinungen zum großen Jubiläumsjahr von 1917 ist. Darin erzählt sie die unglaubliche Heimreise des Mannes, der die Geschichte in die Hand nahm und seine Partei zum Oktoberumsturz trieb. Gleichzeitig ist es symptomatisch für die derzeitige Forschungslage: Große neue Thesen oder Erkenntnisse gibt es nicht, alle bewegen sich auf der gleichen „Autobahn“ einer breiten Narration, die inzwischen kaum mehr Unterschiede zwischen den historistischen Erzähler_innen, strukturierenden Sozialhistoriker_innen und diskursanalytischen Kulturwissenschaftler_innen erkennen lässt. Auch die Gewaltgeschichte und die Perspektive der vielen russländischen Ethnien gehören inzwischen zum Standardrepertoire. Nichts scheint mehr übrig von dem einst so erbittert geführten Streit zwischen Totalitarist_innen und sogenannten Revisionist_innen. Während die Vertreter_innen der Totalitarismus-Theorie schon immer darauf beharrten, dass sich mit Lenin eine kleine verbrecherische Clique an die Macht putschte, die das Land danach mit Terror in Angst und Schrecken hielt2, führten die Sozialhistoriker_innen der 1970er und 1980er Jahre aus, dass die Bolschewiki mit Recht vom „Großen Oktober“ als Revolution sprachen, weil eine breite Mehrheit der Arbeitern, Bauern, Soldaten, Frauen und auch nicht russischen Nationalitäten sie unterstützten und später in den 1920er und 1930er Jahren mit ihnen Karriere machten.3 Dieser Streit zwischen „Terror von oben“ gegen „soziale Mobilität von unten“ ist nicht nur mit dem Aufkommen der Kulturgeschichte, sondern auch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 weitestgehend verpufft.4 Heute spricht niemand mehr von der „Oktoberrevolution“ ohne Anführungszeichen, und es herrscht Konsens, dass die Machtergreifung der Bolschewiki am 25. Oktober (alte Zeitrechnung) beziehungsweise 07. November (neuer Kalender) ein Putsch war. Dies ist ein später, kaum kommentierter Sieg der Totalitarist_innen. Ansonsten haben wir es aber mit einer durch und durch integrativen Geschichtsschreibung zu tun, die weder Ereignisse und „große Männer“, noch soziale Verhältnisse und Gruppen, noch Symbole, Rituale oder kulturelle Werte auslässt, allenfalls unterschiedlich akzentuiert. Wer sich davon absetzen will, muss wie Merridale buchstäblich neue Wege beschreiten und seine beziehungsweise ihre Geschichte jenseits der ausgetrampelten Narrationen und Schauplätze ansiedeln. Merridale hat dafür Lenins Zugstrecke nochmals exakt abgefahren.5 Auch das ist typisch für die momentane Historiografie: Das Anekdotenhafte, scheinbar Zufällige, Banale rückt in den Vordergrund, etwa dass Lenins Zugfahrt am katholischen Ostermontag begann und am orthodoxen Ostermontag ihr Ziel, Petrograd, erreichte. Es gibt eine neue Detailverliebtheit in der Geschichtswissenschaft, die in einem favorisierten Reportagestil das „Erleben“ offenbar authentischer gestalten soll. Damit werden auch die Charaktere nahbarer, menschlicher, greifbarer. Die Zeit der Mythisierung oder Dämonisierung Lenins ist längst vorbei, was exemplarisch darin zum Ausdruck kommt, dass der große Revolutionsführer, der sicher einer der gewaltbereitesten Männer des 20. Jahrhunderts war, hilflos in Zürich sitzt und „Scheiße!“ ruft.

Nachjustierungen und Detailfragen

Nachdem „ganze Bibliotheken“ über das Revolutionsjahr 1917 geschrieben worden sind6, scheint alles gesagt zu sein; niemand hat neue Thesen oder Themen, neue Akteur_innen oder Ansätze zu präsentieren. Die vielen Neuauflagen älterer Werke zeugen ebenfalls davon, dass die Verlage teils vergeblich nach neuen Interpretationen gefahndet haben.7 Die Unterschiede sind allenfalls in Detailfragen oder Nuancen zu finden. Das betrifft immer noch in erster Linie die Frage, wie groß die Unterstützung der Bevölkerung für die Bolschewiki war beziehungsweise wie es den Bolschewiki unter Lenins Führung gelang, wirkungsvoll zu agieren und agitieren. Raphael R. Abramovitch, selbst Revolutionsteilnehmer, berichtet in seinem Werk, das erstmals 1962 erschien, dass sich nach dem Kornilov-Putsch immer größere Massen von den Bolschewiki angezogen fühlten (S. 74). Dem schließen sich im Wesentlichen die Historiker_innen an: Angesichts dreier gescheiterter „Provisorischer Regierungen“, des Debakels der Juni-Offensive, der gegenseitigen Demontage von Premier Kerenskij und Oberbefehlshaber Kornilov, der Gewalt auf den Straßen und der leeren Läden hätten die Bolschewiki – mangels Alternative – immer größeren Zulauf gehabt. Bei Stadtparlamentswahlen Ende September/Anfang Oktober in mehreren Städten, darunter Moskau und Petrograd, erhielten die Bolschewiki die Mehrheit, so Altrichter (S. 217 f.). Rex Wade und Orlando Figes erläutern, dass sich die Bolschewiki den Ruf der Straße „Alle Macht den Räten“ zu eigen gemacht hatten und damit Stimmen erzielten, obwohl sie überhaupt nicht vorhatten, die Macht der Räte zu stärken (S. 112). Wie Martin Aust es ausdrückt: „Die Massen waren nicht zu den Bolschewiki übergelaufen, sie unterstützen sie, da die Bolschewiki sich die Forderungen der Menge zu eigen gemacht hatten“.8 Laura Engelstein führt hier einen neuen Begriff aus aktuellen Wahlkampagnen ein: Die Bolschewiki seien sehr erfolgreich mit „grassroot campaigns“ gewesen, sprich: Sie hätten dem Volk „aufs Maul“ geschaut und es verstanden, Stimmungen für sich zu nutzen und auch zu manipulieren.9 So sprechen zwar alle vom Oktoberputsch oder -umsturz, relativieren dies aber einhellig in der Hinsicht, dass die Bolschewiki im Herbst 1917 tatsächlich vielen Menschen als letzter Ausweg oder Rettung aus dem Chaos erschienen. Am deutlichsten sagt es Laura Engelstein: Der Oktober sei beides gewesen: ein Staatsstreich und Ausdruck des Willens der Massen (S. 216).

So gesehen, ermöglicht die neue Nüchternheit auch eine größere Präzision, wenn die widerstreitenden Schulen nicht mehr mit dickem Pinselstrich ihre Thesen darstellen müssen. Das betrifft auch zwei weitere Großereignisse, die als entscheidend für den weiteren Verlauf der Geschichte gelten: die sogenannten Juli-Tage und der Kornilov-Putsch. Erstere galten lange Zeit als erster bewaffneter Umsturzversuch der Bolschewiki10, letzterer als Versuch der Konservativen und Militärs, die Macht zu ergreifen. Inzwischen ist es möglich, beide Ereignisse, die maßgeblich zur Delegitimierung der „Provisorischen Regierung“ beitrugen und den Weg für die Bolschewiki ebneten, leidenschaftslos zu betrachten. Und auch das gehört zur neuen Sachlichkeit: anzuerkennen, dass nicht jedes Handeln im Jahr 1917 intentional, geplant und zielgerichtet war. So besteht größtenteils Einigkeit, dass die bewaffneten Demonstrationen vom 3. bis 5. Juli, die in Straßenkämpfe mit zahlreichen Toten und Verletzten eskalierten, keineswegs vom Zentralkomitee (ZK) der Bolschewiki gelenkt, geschweige denn autorisiert waren.11 Entgegen anders lautender Theorien und Überzeugungen war die Menge fähig, selbstständig zu handeln. Aus Frust über die verlorene Juni-Offensive und den drohenden Marschbefehl, mit dem das unerbittliche Vorrücken der Deutschen im Baltikum aufgehalten werden sollte, gingen bewaffnete Soldaten auf die Straßen. Gegen die Anordnungen des Petrograder Sowjets, Lenins Warnungen und Appelle der Prawda schlossen sich Arbeiteraktivist_innen, Angehörige von Fabrikkomitees und andere Enttäuschte an, um ihrem Unmut über die Lage, die „Kapitulation gegenüber Landbesitzern und Bourgeoisie“12, Luft zu verschaffen. Damit ist überhaupt nicht gesagt, dass die Bolschewiki gegen einen bewaffneten Aufstand waren, nur hielten sie den Zeitpunkt nicht für geeignet. Tatsächlich ließ die Provisorische Regierung die Bolschewiki daraufhin verbieten und die Prawda als ihr Sprachrohr schließen. Die Fokusverschiebungen der jüngeren Forschung lassen nicht nur solche zufälligen, unintendierten Handlungen, sondern auch bisher vernachlässigte Akteur_innen in den Vordergrund treten: die Anarchist_innen. Es waren nämlich keineswegs nur Anhänger_innen der Bolschewiki, die Anfang Juli mit Waffen auf die Straßen zogen, sondern auch die 1917 sehr aktiven Anarchist_innen, die dagegen protestierten, dass die Provisorische Regierung ihr Hauptquartier, das sie in der Villa des ehemaligen Innministers Durnovo bezogen hatten, geräumt hatte. Sie waren es, die zu diesem Zeitpunkt auf den Aufstand hofften, so Dmitri Rublew.13 Und eine weitere Gruppe hatte maßgeblichen Anteil am Geschehen: die Kronstädter. In der Matrosen-Stadt hatte seit dem Februar die Revolution eine eigene Dynamik entfaltet, die mit der Verweigerung des Gebets-Befehls begann, in die dauerhafte Inhaftierung der verantwortlichen Offiziere mündete und einen Kronstädter Sowjet hervorbrachte, der die Provisorische Regierung nicht anerkannte und behauptete, die einzig legitime Macht zu sein. Aus Solidarität mit den vertriebenen Anarchist_innen setzten am 4. Juli 20.000 bewaffnete Soldaten und Matrosen mit Kriegsschiffen nach Petrograd über und legten erst die Waffen nieder, als ihnen am 6. Juli mit Artillerie-Beschuss gedroht wurde. Dieses weniger präsente Bild, das sowohl der Augenzeuge Abramovitch, als auch die russische Historikerin Natalia Smoljanskaja zeichnen, offenbart eine ganz andere Dynamik und Komplexität als es bisher meist vereinfachend mit den zwei Polen Provisorische Regierung vs. Bolschewiki umrissen wurde.14 Es macht plausibel, dass die Bolschewiki die Ereignisse zu diesem Zeitpunkt nicht kontrollierten.

Eine neue Unübersichtlichkeit kennzeichnet auch die jüngste Auseinandersetzung mit dem Kornilov-Putsch. Hier kommen nicht bisher vernachlässigte Akteur_innen ins Spiel; stattdessen verliert sich das bisherige Schwarz-Weiß in unübersichtlichen Grau-Schattierungen: Kerenskij ist nicht mehr der letzte demokratische Verteidiger gegen den Möchtegern-Diktator Kornilov, sondern beide scheinen ein heute kaum mehr zu durchschauendes Spiel miteinander getrieben zu haben, von dem die meisten Historiker_innen inzwischen sagen, dass wohl auf ewig unklar bleiben wird, wer wen hintergangen, benutzt und ausgetrickst hat – oder ob alles nur ein großes, tragisches Missverständnis war. Fest steht wohl, dass Kornilov als neuer Oberkommandierender über die Streitkräfte die Disziplin in der Truppe wieder herstellen wollte, was nichts anderes hieß, als auch Petrograd unter Kriegsrecht zu stellen, um den unseligen „Befehl Nr. 1“ des Petrograder Sowjets, der die Befehlsgewalt der Offiziere über die Soldaten aufhob, zu kassieren; zudem schwebte ihm eine Militär-Diktatur vor.15 Während Altrichter schreibt, Kerenskij sei über letzteres empört gewesen, glaubt Smith, dass Kerenskij und Kornilov sich anfangs durchaus einig waren, in Petrograd wieder die Befehlsgewalt in die Hand und den Sowjet unter Kontrolle bekommen zu wollen.16 Unklar sei, ob sich beide über die dafür nötigen Mittel aussprachen und einigten.

Während Rex Wade und Martin Aust glauben, dass Kerenskij Kornilov bewusst in die Falle lockte und ihn zum Putschisten erklärte, als dieser – eigentlich im Einvernehmen – Truppen in Richtung Hauptstadt verlegte (Wade: S. 202 f.; Aust: S. 133), meint Figes, dass Kornilov Gerüchten aufsaß, die Bolschewiki putschten, und daraufhin Truppen entsandte (S. 111)17, um seinen Mitverschworenen Kerenskij zu retten, der dies nicht als Rettung, sondern als Verrat verstand (S. 110). Ausnahmsweise bringen die zahlreichen vorliegenden Quellen keine Klarheit, sondern sehr viel Widersprüchliches zu Tage.18Ex negativo argumentiert Smith: Sollte dies wirklich ein Putsch gewesen sein, dann sei es ein sehr schlecht geplanter gewesen (S. 146); jedenfalls wurden die Truppen Kornilovs vor Petrograd gestoppt und er selbst verhaftet. So unklar das Bild der Kerenskij-Kornilov-Konspiration, so eindeutig erscheint das Resultat: Sowohl die Provisorische Regierung, die darüber erneut zerbrach, als auch das Militär und mit ihm die restaurativen gesellschaftlichen Kräfte hatten sich so diskreditiert, dass die Bolschewiki als die lachenden Dritten daraus hervorgingen.19

Anfang und Ende

Mitunter scheint es, als unterschieden sich die Werke zu 1917 am stärksten in ihrer Datierung. György Dalos beginnt seine Revolutionsgeschichte im Jahr 1815, dem Zenit Russlands, danach sei es nur noch bergab gegangen.20 Mit dieser These steht er allein da, auch wenn die meisten Autor_innen, wie Altrichter, Smith oder Wade, ihre Geschichte im Zarenreich im späten 19. Jahrhundert beginnen lassen, um die soziale, politische und ökonomische Ausgangslage zu umreißen. Doch gerade das Jahr 1905 wird immer wieder als Zäsur und Einstieg gesetzt: zum einen wegen der ersten russischen Revolution und den ersten Gewaltwellen, zum anderen aber als der letzten Chance des Zaren, politisch zu handeln und Parteien, Wahlen und ein Parlament zuzulassen.21 Wenn es Uneinigkeit und Unsicherheit bei Historiker_innen gibt, dann betrifft es die Frage, wie diese letzten Jahre zwischen Revolution von 1905 und Weltkrieg zu beurteilen sind: als Entwicklung Richtung Krise oder Zivilgesellschaft (etwa Steinberg, S. 52). Die wenigsten Historiker_innen zeichnen eine lineare Niedergangsgeschichte. Die optimistische Sicht vertritt Martin Aust, der seine Geschichte im Jahr 1900 mit Russlands Auftritt als Avantgardemacht der Internationalisierung auf der Pariser Weltausstellung beginnt und besonders die Fortschrittlichkeit des Landes herausstreicht (S. 23). Ganz gleich, ob die letzten Reformen des 1911 ermordeten Premiers Stolypin zur Modernisierung des Bauerntums als Befreiungsschlag oder zu spät eingeschätzt werden22, herrscht inzwischen weitestgehend Konsens, dass es ohne den Ersten Weltkrieg nicht zur Revolution gekommen wäre. Laura Engelstein sagt es deutlich: ohne den Krieg hätte sich Russland gutmöglich zu einer kapitalistischen Gesellschaft samt repräsentativem politischem System entwickeln können, und outet sich damit als „Optimistin“ (Engelstein: S. xix). Abramovitch erklärte bereits 1962, ohne den Krieg hätte in Russland unter dem Druck der Arbeiter_innen, Bürger_innen und Intelligenzija ein demokratischer Staat entstehen können (S. xix). Der Krieg, so Bertram Wolfe melodramatisch, war der „Schoß, der die Revolution gebar“23, dem auch Gerd Koenen zustimmt: ohne Krieg kein Kommunismus (S. 886).

Schwieriger als die Frage, wann die Revolutionsgeschichte einsetzt, scheint zu entscheiden, wann sie endete. Sehr kurz greifen Helmut Altrichter, Rex Wade und auch Leonid Mlečin, die ihre Geschichte alle mit der gewaltsamen Auflösung der Konstituante im Januar 1918 enden lassen. Das entspricht der Logik, dass mit dem Auseinanderjagen der freigewählten verfassungsgebenden Versammlung die letzten Reste und das größte Versprechen der Februarrevolution zerstört waren. Gleichwohl herrscht Konsens darüber, dass die Bolschewiki die Macht erst im Bürgerkrieg endgültig errangen, der bolschewistische Sieg also, wie Engelstein es formuliert, eine Kriegshandlung war (S. xxi). Entsprechend lassen sie und Aust ihre Geschichte mit dem Ende des Bürgerkriegs 1921 enden. So richtig es ist, dass die Bolschewiki erst 1921 gesiegt hatten, lässt sich nicht verleugnen, dass mit Beginn des Bürgerkriegs und der Verlegung der Hauptstadt nach Moskau im März 1918 eine neue Dynamik einsetzte, die stark von den Kriegshandlungen geprägt war. Zudem ist es immer noch eine Herausforderung für Historiker_innen, den vollkommen unübersichtlichen Bürgerkrieg zu einer sinnvollen Narration zu strukturieren. Laura Engelstein hat sich unerschrocken daran gewagt, strikt der Chronologie zu folgen und keinen der Interventionsherde und Kriegsschauplätze auszulassen, verliert aber bei all den Kriegshandlungen den Terror, den der Bürgerkrieg für die Bevölkerung bedeutete, aus den Augen (S. 361–468). Auch scheint es bei ihr, als sei der Sieg der Roten vorausbestimmt gewesen; die Dramatik, dass die Bolschewiki 1919 kurz vor dem Aus standen, geht in ihrer linearen Erzählung verloren (S. 464). Diesem Dilemma entgeht Gerd Koenen, indem er den Bürgerkrieg ausschließlich anhand von Memoiren erzählt und sich dabei gar nicht erst die Mühe macht, die Frontverläufe nachzuzeichnen (S. 777–799). Einen ähnlichen, noch knapperen Weg wählt Mark Steinberg, der sich ganz auf Zeitungsberichte von Korrespondenten verlässt, aus denen er ausführlich zitiert, und dabei ebenfalls den Frontverlauf tunlichst ausspart. Martin Aust bleibt seinem gewählten Ansatz treu, Kontrapunkte zur Mainstream-Geschichte zu setzen, und behauptet: „Das Hauptquartier der Weißen lag in Paris“ (S. 158). Dabei sind sich alle einig, dass die zahlreichen ausländischen Interventionen so gut wie keinen Einfluss auf Verlauf und Ausgang des Bürgerkriegs hatten und die verschiedenen Hauptquartiere der verschiedenen weißen Generäle unter anderem in Novočerkassk und Omsk viel entscheidender waren. Überzeugend ist Stephens Smith’ Ansatz, das Bürgerkriegschaos nach Allianzen und internen Problemen der kriegführenden Gruppierungen zu erzählen (S. 152–217). Schließlich, so sehr sich Orlando Figes in der Vergangenheit durch akademisches Fehlverhalten angreifbar gemacht hat, indem er anonym positive Rezensionen zu seinen eigenen Werken im Internet veröffentlichte und Quellenzitate unzulässig abänderte24, und so wenig das leider zu deutschen Verlegern durchgedrungen ist, überzeugt immer wieder seine Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen und eine fesselnde Narration zu entwickeln. Es ist nicht neu, aber von den hier vorliegenden Schriften bringt es keiner so deutlich wie Figes auf den Punkt: Der Bürgerkrieg war für Lenin und Trotzki ein Traum, eine notwendige Phase, keineswegs aufgezwungen, sondern ihr „Erfolgsmodell“ (S. 134, S. 151).

Doch während Smith seine Revolutionsgeschichte 1928/29 mit dem Beginn des Stalinismus enden lässt und Abramovitch die Zäsur nach dem Großen Terror und vor dem Zweiten Weltkrieg 1938 setzt, versteigt sich Figes zu der abenteuerlichen These, der „revolutionäre Zyklus“ habe 100 Jahre gedauert, von 1891, der großen Hungersnot, bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Nicht nur wird seine Erzählung nach dem Bürgerkrieg immer dünner – es ist eine Anmaßung, 100 Jahre russische Geschichte auf 350 Seiten angemessen erzählen zu wollen. Vor allem bleibt bei ihm unklar, was denn dann die Revolution gewesen sein soll, die erst 1991 abbrach: doch wohl nicht die ständige Umwälzung der politischen und sozialen Verhältnisse? die Verteidigung der Errungenschaften der Revolution erst mit Terror, dann mit Krieg, und schließlich womit? tatsächlich das Festhalten am utopischen Ziel einer kommunistischen Gesellschaft mit neuem Menschentyp (S. 10)? Figes Ausführungen sind spärlich und wenig überzeugend.

Die Wiederentdeckung der Widersprüche und Zufälle

Eng verbunden mit der Frage nach dem Anfang der Revolution ist die nach ihren Ursachen und Auslösern, und hier ist gemeint, wie es zur „echten“ Revolution im Februar kommen konnte, als die Frauen am Weltfrauentrag, in Russland nach alter Zeitrechnung der 23. Februar (8. März), auf die Straße gingen, um Brot zu fordern, sich ihnen die Arbeiter der stillstehenden Fabriken anschlossen und sich schließlich auch die Petrograder Garnison mit ihnen solidarisierte. Bis zur Abdankung Nikolaus II. und dem Thronverzicht seines Bruders am 3. März vergingen weniger als zehn Tage, in denen das Zarenreich, das noch 1913 pompös 300 Jahre Romanov-Dynastie gefeiert hatte, kollabierte. Martin Aust bringt es wunderbar lapidar auf den Punkt: „So endeten 300 Jahre Herrschaft der Romanovs in der Eisenbahn auf einem Abstellgleis bei Pskov. Der Zar konnte weder Reich noch Zug kommandieren“ (S. 100). Wie gesagt, in ihren Erklärungsmustern scheinen die großen historischen Schulen eher fusioniert zu sein; die meisten versuchen, eine Gesamtschau aller Faktoren zu präsentieren; niemand würde mehr die Rolle von Einzelpersonen, sozialen Gruppen, kulturellen Symbolen oder Gewaltdynamiken bestreiten. Am stärksten ist die „alte Schule“ der Sozialgeschichte noch bei Helmut Altrichter präsent, dessen Werk erstmals 1997 erschien. Obwohl er postuliert, dass die Revolution nur zu verstehen sei, wenn man die ganze Komplexität von Politik‑, Sozial- und Kulturgeschichte zusammennimmt, ist ein Großteil des Buches mit „Revolutionsgeschichte als Sozialgeschichte“ überschrieben, indem er die Rebellion der Arbeiter, Soldaten, Bauern und Bürger, seltsamerweise aber nicht der Frauen nachzeichnet (S. 259). Das Verblassen der großen Schulen führt aber nicht nur dazu, dass sich inzwischen alle bemühen, eine Art histoire totale zu schreiben. Nicht weniger wesentlich ist, dass die Behauptung klarer Kausalitäten aufgegeben wurde. Vor 1989/91 beanspruchten marxistische Historiker_innen im Osten, die Revolution sei eine wissenschaftlich nachgewiesene, historische Notwendigkeit gewesen; im Westen verwies man auf die Rückständigkeit des Landes und die Reformunwilligkeit des Zaren, die in die Revolution führen mussten (S. 56). Doch die Erkenntnis, dass es in erster Linie der Krieg war, der die Revolution hervorbrachte, bedeutet im Umkehrschluss, dass die alten Kausalerklärungen keine Gültigkeit mehr haben und auf A keineswegs B folgen musste. So streichen immer mehr Historiker_innen die Widersprüchlichkeit von Entwicklungen und Zufälligkeit von Ereignissen heraus (etwa Steinberg, S. 53). Dietrich Beyrau sagt ganz explizit, dass er sich gegen jede Form von „großer Erzählung“ entschieden habe, weil diese notwendigerweise dazu tendiere, „Vielfalt und Kontingenzen, Zufälligkeiten und Ungerichtetheit menschlichen Handelns zu marginalisieren“ (S. 10). Steinberg macht sich die „Ungerichtetheit menschlichen Handelns“ sozusagen zum Leitmotiv, indem er die russische Revolution als „Erfahrung“ und damit als von Individuen erlebte Geschichte erzählt (S. 1 f.). Zwar verweigert sich niemand konsequent einer durchgehenden, ungebrochenen Narration außer Beyrau, dessen Werk ein Sammelband aus größtenteils bereits vorher veröffentlichten Aufsätzen ist, und Steinberg. Aber Aust und Wade sagen zumindest sehr deutlich, dass man inzwischen von einer Vielzahl von Revolutionsgeschichten sprechen muss, die parallel zueinander abliefen, sich also das Geschehen 1917 keineswegs in einer Narration abbilden lässt (Wade, S. 282, Aust, S. 15). Und bei vielen Autor_innen spürt man den Hang, die Zufälligkeit einzelner Ereignisse herauszustreichen und zu sinnieren, ob bei deren Ausbleiben nicht die ganze Geschichte anders verlaufen wäre. Das gilt zum Beispiel für die Abreise des Zaren aus Petrograd am 22. Februar 1917 – einen Tag vor Ausbruch der Revolution. Sechs Wochen weilte Nikolaus, der nach der Ermordung Rasputins im Dezember 1916 nach Petrograd geeilt war, in der Hauptstadt. Warum verließ er sie ausgerechnet am 22. Februar, fragt Dalos (S. 175). Wäre es nicht zur Revolution gekommen, wenn der Zar geblieben und ergo die Garnison nicht gemeutert hätte (Mlečin: S. 46; Abramovitch: S. 12)? Weitere Zufälle streicht Merridale heraus: Weil Lenin sich lieber von den Amerikanern hätte helfen lassen, rief er am Tag vor seiner Abreise noch mal in der US-Botschaft in Bern an, doch da Ostersonntag war, vertröstete man ihn auf den nächsten Tag, und die Geschichte nahm ihren Lauf (S. 171 f.). Zufall war auch, so Merridale, dass die Alliierten, die Lenin an der schwedisch-finnisch/russischen Grenze in Tornio stoppen wollten, letztlich untätig blieben, unter anderem wohl auch, weil niemand Außenminister Miljukov in Petrograd erreichen konnte (S. 171 f.). Rex Wade streicht vor allem die „Glücksfälle“ für die Bolschewiki heraus: die Verkettung von zufälligen, von ihnen nicht zu beeinflussenden Ereignissen, die ihnen in die Hände spielten: das Zerwürfnis von Kerenskij und Kornilov, aber auch die Verschiebung des Zweiten Sowjetkongresses sowie der Auszug der Menschewiki aus demselben. Wade geht so weit zu sagen, Kerenskijs Vorgehen gegen bolschewistische Zeitungen am 24. Oktober hätte mehr zum Erfolg Lenins beigetragen als der Beschluss zum bewaffneten Staatsstreich, denn erst Kerenskij habe damit die Reihen hinter Lenin geschlossen (S. 297). Wie Smith es formuliert: Es war in keiner Weise vorausbestimmt, dass Zarenreich oder Provisorische Regierung zusammenbrächen (S. 375).

Während alte Kausalitäten und liebgewordene Narrationen hinterfragt und aufgegeben werden, hat mit der Gewaltgeschichte eine ganz neue Logik Einzug gehalten. Freilich, auch sie lenkt den Blick weg von Ideen als Motor der Geschichte, aber eben nicht hin zu einer neuen, bunten Willkür von Ereignissen, sondern zu einer anderen postulierten Zwangsläufigkeit: Dass Gewalt stärker als jede andere Kommunikationsform ist und sich früher oder später an Stelle aller anderen Systeme der Machtausübung und gesellschaftlichen Verständigung setzt.25 Allerdings gibt es auch hier nur (noch) wenige, die versuchen, mit der Gewalt das ganze Jahr 1917 zu erklären; die meisten integrieren auch diesen Aspekt in ihre Geschichte (Abramovitch: S. 313, 333; Beyrau: S. 18; Smith: S. 7).

Angesichts der schon etwas älteren Abneigung gegen Universalmodelle und der neueren Entwicklung hin zur integralen, zufallsorientierten Geschichtsschreibung wirkt der Ansatz von Manfred Kossok (1930–1993), 1917 mit seinem „Modell der peripheren Revolution“ zu erfassen, leider aus der Zeit gefallen.26 Das ist tragisch, da er in der DDR als „Titoist“ verfemt war und seine Theorien nicht publizieren konnte, und nach 1989, als dies möglich war, sich kaum jemand dafür interessierte, weil mit dem Ostblock auch die Zeit der Großmodelle verschwand.

„All inclusive-“ und Raum-Geschichte

Angesichts der zahlreichen Werke und vor allem der umfangreichen Memoirenliteratur zu 1917 fragt man sich, warum man überhaupt neue Werke zu 1917 verfassen sollte.27 Schließlich gibt es nicht nur John Reeds berühmte „10 Tage die die Welt erschütterten“ oder das sehr ausführliche Tagebuch des Menschewiken Nikolaj Suchanov, die Memoiren des konservativen Duma-Präsidenten Michail Rodzjanko und Kerenskijs Erinnerungen, sondern zahlreiche weitere autobiografische Schriften.

Unter den nichtbiografischen Schriften möchte ich zunächst auf zwei Sammelwerke eingehen, die das Thema einem breiten Publikum nahebringen wollen. Durchaus gelungen ist der im DIN-A-4-Format, reich bebildert erschienene Band des Geschichtsmagazins „Damals“. Auch wenn er etwas reißerisch mit einem Text zum Zaren-„Mord in Jekaterinburg“ beginnt28, ist die weitere Konzeption des Buches sehr überzeugend; die Einzelbeiträge sind gut aufeinander abgestimmt und anschaulich geschrieben. Kein wesentlicher Aspekt fehlt hier: die Bedeutung der Kulturrevolution29 wird genauso hervorgehoben wie die der Gewalt.30

Viel Anlass zu Kritik bietet dagegen ausgerechnet das UTB-Taschenbuch zur Revolution, das ja gerade den Studierenden ein Thema in seiner ganzen Komplexität nahebringen soll. In Klarheit und Vollständigkeit bleibt die Struktur des Bandes weit hinter dem „Damals“-Band zurück. Die Autor_innen des erstmals bereits 2007 erschienen Werks arbeiten größtenteils mit dem Konzept der Lebenswelten, das grundsätzlich ein gutes Analyseinstrument ist, aber hier für ein kaleidoskopisches, unsystematisches Bild sorgt, da viele Autor_innen sich Einzelschicksale herausgreifen, ohne dass ausreichend deren Relevanz oder Repräsentativität geklärt würde. Wie es passieren konnte, dass im Band weder die Revolution von 1905, noch die Nationalitätenfrage (außer in Einzelschicksalen), weder der Erste Weltkrieg als Katalysator, noch der Bürgerkrieg samt Rotem Terror und Kriegskommunismus thematisiert werden, ist unbegreiflich. Zur Einführung in das Thema ist dieser Band eindeutig nicht geeignet.

Sodann gibt es drei neue Bände, die sich der neuen „all inclusive“ Geschichtsschreibung verpflichtet fühlen. Gut gelungen ist das Buch Stephen Smith’, der kurz und knapp seine Fragen umreißt (Warum scheiterte das Zarenreiche? Warum die Provisorische Regierung? Wie konnten sozialistische Extremisten die Macht ergreifen? (S. 3)) und tatsächlich sehr gekonnt Ereignis- mit Sozial- und Kulturgeschichte zu einem überzeugend analytischen, anschaulich geschriebenen, angenehm leidenschaftslosen Gesamttableau verwebt. Nicht ganz so gut ist die Gesamtgeschichte von Rex Wade geglückt, dessen erster Text bereits von 2000 stammt und hier nur überarbeitet wurde. Selbst schreibt er, dass dies eine ausdrücklich politische Geschichte sei, die jedoch auch den Anspruch erhebe, sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte aufzugreifen. Allerdings sind die Ausführungen zu Sprache, Symbolen und Festen der Revolution ausschließlich in die Zusammenfassung eingearbeitet worden und finden vorher kaum Erwähnung (S. 283 f.).

Wesentlich ambitionierter und nahezu doppelt so dick ist das Buch „Russland in Flammen“ von Laura Engelstein, das äußerlich den Anschein erweckt, als wollte es das dreibändige Standardwerk Richard Pipes ablösen.31 Das Besondere an Engelsteins Werk ist, dass sie mit großer Akribie alle relevanten Ereignisse, Entwicklungen und Personen zusammenträgt und mit einem Detailreichtum aufwartet, der die Schilderungen oft wie eine Reportage wirken und die Leserschaft tief ins dramatische Geschehen eintauchen lassen: „Während die Ereignisse in Petrograd außer Kontrolle gerieten, traf sich die Duma-Gruppe des Ältestenrats wie verabredet um zwölf im Taurischen Palais […]. Um ein Uhr […] erschien ein diszipliniertes Regiment geführt von seinen Offizieren vor der Duma. Um zwei Uhr, als die Vollversammlung begann, war das Taurische Palais vollkommen von Revolutionssoldaten umzingelt“ (S. 113). Die Ereignishaftigkeit, die situative Dynamik und die Zufallsmomente werden dadurch betont. Was aber grundlegend zu kurz kommt, sind Analysen und Interpretationen. Aber selbst wichtige Entwicklungen wie der Rote Terror, die desolaten Lebensbedingungen der Bevölkerung, das Verhalten der Partei der Konstitutionellen Demokraten oder der Intellektuellen gehen bei der Ereignis- und Detailfokussierung verloren. Während Pipes das Hinein- und Heraus-Zoomen aus der Geschichte meisterhaft beherrschte und immer wieder auf übergeordnete Entwicklungs- und Erklärungsebenen wechselte, fehlt das bei Engelstein fast vollkommen. Es ist die neue Detailflut, unter der klare Aussagen und Perspektivierungen verschüttet werden. Die historische Arbeit besteht aber nicht darin, alles bis ins letzte Detail zu erzählen, sondern zu selektieren, zu benennen und zuzuspitzen.

Außerordentlich gut gelingt dagegen Catherine Merridale, das Reportagehafte in den Dienst einer fesselnden Narration zu stellen und im Detail das große Ganze zu offenbaren. Meisterhaft versteht sie es, die Zufälle der Geschichte mit den daraus resultierenden tiefgreifenden Folgen zu kontrastieren. Ohne es zu thematisieren, nimmt sie den spatial turn ernst, indem sie die zentralen Orte wie historische Akteur_innen beschreibt. Das beginnt mit dem schwedisch-finnisch/russischen Grenzort Haparanda/Tornio, den sie in aller Ausführlichkeit vorstellt und erläutert, warum Invasionsängste und Geopolitik verhindert hatten, dass dort die beiden Eisenbahnzweige miteinander verbunden wurden. Das hatte zur Folge, dass hier 1914 der Kaisermutterzug strandete, der erst dank des dicken Eises im Januar 1917 über provisorische Schienen über den Fluss geschafft wurde. Welch Ironie der Geschichte, dass im Januar das Eis übergleist wurde, die Schienen aber zum Zeitpunkt von Lenins Reise längst wieder abgebaut waren (S. 14). Merridale hebt nicht nur die unerhörten Zufälle hervor; sie macht aus ihrer Geschichte auch ein Schmuggler_innen‑, Spion_innen-, und Gauner_innen-Stück und verfremdet damit alles, was uns bisher so geläufig und selbstverständlich erschien. Nicht nur war Haparanda/Tornio ein Ort für Kleinkriminelle, sondern auch für Geheimdienstoffiziere. Sie erzählt die unglaubliche Geschichte Alexander Helphands alias Parvus, der sich vom deutschen Außenamt mehrere Millionen Mark geben ließ, um damit die russische Front zu zersetzen, aber den Hauptteil des Geldes selbst einsteckte (S. 75 ff.). Zusätzliche Dramatik ergibt sich dadurch, dass Merridale abwechselnd die Geschehnisse in Petrograd und Zürich wie in einem Doppelroman erzählt und uns damit an Lenins Ungeduld und Raserei teilnehmen lässt. Sie kontrastiert gekonnt das Banale – wie die Vorschriften, die Lenin seinen Gefährten für die Zugfahrt machte, und die Seekrankheit beim Übersetzen mit der Fähre – mit den Schockwirkungen die Lenins Reden und Thesen bei seinen eigenen Genoss_innen bei seiner Ankunft auslösten (S. 179, 257 und 263 ff.). Auch wenn sich alle einig sind, dass es ohne Lenin den Oktoberputsch nicht gegeben hätte, zeigt Merridale sehr eindrücklich, wie isoliert Lenin war, als er aus der Emigration zurückkehrte und verlangte, die Bolschewiki dürften weder mit der Provisorischen Regierung noch mit irgendeiner Partei kooperieren (S. 260). Merridale macht deutlich, dass Lenin für „seine Revolution“ nicht nur die Rückreise bewältigen, sondern auch mühsam neue Anhänger_innen und seine Partei neu für sich gewinnen musste (S. 267 f.). Sie endet eigentlich mittendrin in der Geschichte, nämlich noch vor dem Putsch. Sie schließt mit zwei Kapiteln über die Mär vom deutschen Gold, das es nie gab, und über das traurige Schicksal von Lenins Gefährt_innen die Stalin fast alle umbringen ließ.

Es ist schade, dass ihr so fulminant begonnenes Buch kein ebenbürtiges Ende hat. Sie zieht eine Verbindung zur Jetztzeit, indem sie anmerkt, was Regierungen anrichten, wenn sie kurzfristige Kriegsziele verfolgen, ohne die mittel- und langfristigen Folgen und Kosten zu kalkulieren. Die Geschichte von Lenins Zug sei „eine Parabel über Großmachtintrigen, und eine Regel besagt, dass Großmächte fast immer Irrtümer begehen“ (S. 20).

Den Ansatz, wichtige Routen und Orte abzuschreiten, um den genius loci einzufangen, haben sich noch zwei weitere Historiker zu eigen gemacht. Karl Schlögel als Doyen der Raumgeschichte schreitet mit uns alle Schauplätze der Revolution in Petrograd ab und liefert auch eine großformatige Karte dazu (S. 66 f.). Als Souffleur benutzt er Suchanovs Aufzeichnungen, nach denen er die Orte schildert: den Finnischen Bahnhof, an dem Lenin ankam, das Palais der Zarengeliebten Kšesinskaja, in dem die Bolschewiki ihr Hauptquartier bezogen, das Taurische Palais, in dem der Sowjet und die Provisorische Regierung tagten, und nicht zuletzt Suchanovs Wohnung selbst, in der sich das ZK der Bolschewiki traf, um am 10. Oktober32 den Beschluss zum Umsturz zu fassen (S. 63–71). Doch bleiben die Orte seltsam tot; es entsteht vor dem Auge des Lesers und der Leserin keine lebendige Geschichte. Das liegt ganz offenbar daran, dass Schlögel die Menschen aus seiner Geschichte ausspart; sie sind nur Wegweiser oder Staffage. Die Schilderung von Lenins Ankunft am Finnischen Bahnhof gelingt Merridale viel plastischer, weil sie die Protagonist_innen auftreten und erzählen lässt (S. 254), während Schlögel nur daran erinnert, dass dies jeweils der Ort ist, an dem etwas geschah. Allerdings ist Schlögel auch nicht angetreten, eine Revolutionsgeschichte zu schreiben, sondern sein Anliegen ist es, für ein musée imaginaire alle Orte und Dinge zusammenzutragen, die das „sowjetische Jahrhundert“ ausmachten (S. 26). Nicht von ungefähr beginnt er mit dem Trödelmarkt im Moskauer Ismajlovskij Park, wo heute wie damals Gegenstände einer untergegangenen Welt verramscht wurden und werden – heute sowjetischer und postsowjetischer Nippes, damals der verflossene Reichtum des Zarenreichs (S. 33). Während die einen Dinge unwiderruflich verschwanden, machten andere seltsame Metamorphosen durch: So wurde aus dem einstigen Parfüm der Zarenzeit „Bouquet Catherine II“ der in der Sowjetunion beliebte und rare Duft „Rotes Moskau“ und mittels des emigrierten Parfumeurs das berühmte „Chanel No. 5“ unserer Zeit (S. 256 f.). 60 solcher faszinierenden Einzelstudien, die Dinge und Orte erfassen, kartografieren, in unser Wissen von der Sowjetunion einschreiben und damit auch kanonisieren, hat Schlögel zusammengetragen. So wichtig dies Archiv der Artefakte ist, so wenig haucht er den Gegenständen Leben ein – es ist eben die Schau von Überresten einer vergangenen Welt.

Auch Mark Steinberg hat zwei Drittel seiner Studie der Raumgeschichte gewidmet – ohne dies zu thematisieren – und schreitet hier vor allem den Petrograder Nevskij-Prospekt als der Straße schlechthin ab (S. 123). Offenbar hat er lange mit sich gerungen oder lange dem Drängen seines Verlegers widerstanden, ein Buch zu 1917 zu schreiben. Es ist der erste Band in einer neuen Reihe „Oxford Histories“, die den ambitionierten Anspruch erhebt, dass sie „etwas Frisches zu sagen“ habe (S. v). Vor diesem Hintergrund und im Bewusstsein, dass schon fast alles über 1917 gesagt wurde, hat Steinberg schließlich die Erfahrungs-Geschichte gewählt. Dabei benutzt er die beiden deutschen Wörter, mit denen das englische „experience“ übersetzt werden kann, und will beides: „Erfahrung“ als lineares, kohärentes, geordnetes Erleben und „Erlebnis“ als vereinzeltes, unmittelbares, momentanes Erleben (S. 3). Im Mittelpunkt steht bei ihm also ganz das handelnde, erfahrende, erlebende Subjekt, daneben die Werte, für die es eintritt und kämpft. Ganz dezidiert hat er sich gegen eine herkömmliche chronologische Narration entschieden und sein Buch in drei Blöcke gegliedert, von denen sich schon der erste „Dokumente und Erzählungen“ wie ein „Lonely Planet“ für die Vergangenheit liest. „Die Vergangenheit abschreiten“ heißt das erste Kapitel, in dem sich Steinberg auf die Suche nach der Erfahrung auf die Straßen Petrograds begibt, dem nahenden Frühling nachspürt, ausgiebige Zeitungslektüre betreibt und damit die Emotionen einfängt, die damals die Presse verbreitete: der erste Frühling Russlands – in doppelter Hinsicht (S. 22). Das Spazieren und Abschreiten bleiben sein Leitfaden, wenn er sinniert, wir hätten sicher auch Maksim Gor’kij in Petrograd und Andrej Belyj in Moskau besucht (S. 36, 38). Nach diesem Schwelgen in O‑Tönen und Impressionen folgt im zweiten Teil „Geschichten“ dann doch eine sehr herkömmliche, lineare Narration der Revolution von 1905 bis zum Bürgerkrieg. Teil drei kehrt auf die Straßen zurück und folgt der These, dass die Revolution von der Straße ausging: die alltägliche Straße 1900–1914, die revolutionäre Straße 1905, die revolutionäre Straße 1917 und die sowjetische Straße als Ort des Schreckens (S. 124, 132, 138 und 148). Schließlich widmet sich Steinberg in diesem letzten Teil noch drei Akteursgruppen: Frauen, nicht-russischen Ethnien und Utopist_innen Er schreibt eine sehr ausführliche Sozialgeschichte der Frauen vom Zarenreich bis zum Bürgerkrieg, der aber der Fluchtpunkt und die Erklärung fehlt, warum sie hier wichtig ist, denn immerhin schließt sich Steinberg der Meinung an, dass Frauen nach dem Auftakt zur Revolution am Weltfrauentag kaum mehr eine Rolle in der Revolution spielten. Es ist verdienstvoll, dass Steinberg versucht, dem Anteil, Wirken oder auch nur Überleben von Frauen nachzuspüren, aber hier wäre wohl eindeutig neue Forschung zu leisten. Unverständlich ist, warum er zwar die Katastrophen des Bürgerkriegs auch in Hinsicht auf die Frauen ausführt, aber kein einziges Wort über Vergewaltigungen verliert (S. 205–215). Die zwei letzten Kapitel, in denen er je drei Protagonisten anderer „Ethnien“ (Zentralasien, Ukraine, Juden) beziehungsweise Utopien (Majakovskij, Trotzki und Kollontaj) vorstellt, erscheinen seltsam willkürlich und lassen die Konzeption des Buches vollends auseinanderfallen. Hier ist leider vieles unausgegoren, nicht bis zu Ende gedacht und nicht schlüssig zusammengebracht.

Protagonist_innen und Zeitzeugen

Damit kommen wir zu den Protagonist_innen und gleichzeitig einem weiteren Versuch, die Geschichte der Revolution aus einer anderen Perspektive zu erzählen: Da es bereits so viele Geschichten zu 1917 gibt, hat sich György Dalos darauf verlegt, den Zusammenbruch des Zarenreichs und die Machtergreifung der Bolschewiki aus Sicht der Romanovs zu erzählen. Dabei macht er von Anfang an sehr deutlich, dass er, anders als es heute in Russland der Fall ist, keineswegs den Zaren als Märtyrer oder sonst in irgendeiner Weise positive Figur sieht (S. 10). Das ist gut und gleichzeitig ein Problem, denn Dalos wird nicht warm mit seinem Protagonisten, gibt sich auch gar nicht erst die Mühe, sein Handeln und Denken zu verstehen, sondern spottet stattdessen, wie es leider Usus ist, über dessen einfältige Tagebucheinträge. Damit bleibt er größtenteils bei bekannten, oberflächlichen Klischees und teilweise auch hinter dem Forschungsstand stehen. Während uns Smith in die Welt des Zaren so einführt:

„Er war ein weltferner, stiller Mann, dessen Welt sich auf seine Frau und Familie konzentrierte. (…) Nikolaj glaubte, dass ihm die autokratische Macht von Gott verliehen worden war und wehrte sich entschieden gegen jeden Versuch, diese Macht durch Gesetz oder Verfassung zu beschränken“ (S. 16), macht sich Dalos über ihn lustig: „Im Dezember 1894 zog ein netter junger Mann in das Winterpalais ein, den sein späterer Ministerpräsident Graf Sergej Witte als ‚unerfahren, aber nicht dumm‘ bezeichnete und über den er in seinen Memoiren sogar zweimal bemerkte: ‚Ich habe nie einen dermaßen wohlerzogenen Menschen kennen gelernt‘“ (S. 20). Wie Steinberg möchte man Dalos fragen, warum er das Buch geschrieben hat, wenn er sich mit dem Gegenstand offenbar so unwohl fühlte. Dazu kommt, dass Dalos eine sehr konventionelle Diplomatiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausbreitet, in die er die dramatischen Ereignisse rund um den jungen, unerfahrenen Zaren platziert. Sehr ausführlich hält er sich bei der Massenpanik auf, die dem Zaren zu seiner Krönung 1896 Hunderte, vielleicht auch über Tausend, Verletzte und Tote bescherte.33 Dalos hält sich wohlweislich zurück, dies, wie so oft passiert, als schlechtes Omen zu deuten, aber warum dann diese Ausführlichkeit? Ausführlich schildert er auch den Russisch-Japanischen Krieg, der eigentlich wenig zum Thema beiträgt, bevor er zur „griechischen Tragödie“ der Romanov-Dynastie kommt: der aus dem englischen Königshaus ererbten Hämophilie, dem Ausbleiben eines Thronfolgers und der schließlichen Geburt Aleksejs als fünftem Kind – mit Bluterkrankheit. Es folgt, was nicht fehlen darf: der angebliche Wunderheiler Rasputin, mit all seinen Skandalen, die er dem Zarenhaus bescherte. So schlingert diese Geschichte zwischen spöttelnder „Homestory“ und historistischer Großmachtpolitik. Dort, wo Dalos über die Revolution berichtet und weiter der Perspektive des Zaren folgt, legt er neue oder zumindest selten erzählte Stränge frei. So stellte der Zar vier Bedingungen für die friedliche Machtübergabe: freies Geleit nach Carskoe zu seiner Familie, dort Sicherheit, bis seine an Masern erkrankten Kinder gesund seien, die Ausreise über Murmansk und nach Kriegsende das Recht, in Livadia auf der Krim zu leben (S. 183). Hier beginnt das eigentliche Drama des Zaren und seiner Familie, die plötzlich zum Spielball zwischen den widerstreitenden Kräften wurden: Kerenskij wollte sie sicher außer Landes schaffen, aber die Öffentlichkeit verlangte einen Untersuchungsausschuss zu den Beziehungen zum Kriegsfeind Deutschland und der Sowjet wollte einfach nur Rache, während die ursprünglich aufnahmebereite britische Regierung plötzlich von ihrer Zusage wieder Abstand nahm, weil sie den Zorn der kriegsmüden eigenen Bevölkerung fürchtete (S. 188 f.). Der Versuch der Provisorischen Regierung, den Zaren im Hinterland vor den schäumenden radikalen Arbeiter_innen in Petrograd in Sicherheit zu bringen, wurde nach der Machtübernahme der Bolschewiki und durch den beginnenden Bürgerkrieg zur tödlichen Falle. Der Jekaterinburger Sowjet wollte offenbar zum Ruhm kommen, Zarenhenker zu sein; doch Lenin stimmte erst zu, als die Tschechischslowakische (nicht Tschechische, wie es im Buch heißt) Legion, eigentlich neutrale k.u.k.-Kriegsgefangene, die sich plötzlich gegen die Bolschewiki erhoben hatten, vor den Toren Jekaterinburgs und damit kurz davor stand, den Zaren zu befreien (S. 201).

Die Ermordung der Zarenfamilie in der Nacht auf den 17. Juli 1918 schlägt bis heute viele in den Bann.34 Von Juri Slezkine erfahren wir sogar, warum die Zarentöchter nicht gleich im Kugelhagel starben und auch das Bajonett gegen sie nichts ausrichtete, so dass sie einzeln mit dem Revolver erschossen werden mussten: Sie trugen diamantene Brustplatten.35

Neben der neuen, leider wenig überzeugenden Geschichte des Zaren haben wir es jedoch hauptsächlich mit alten Werken zu tun, die neu verlegt wurden. Dazu gehört der bereits zitierte Revolutionsteilnehmer Abramovitch, der Stalins Schergen entkam und 1962 ein immer noch sehr lesenswertes, trotz der eigenen Involvierung, analytisches Buch geschrieben hat. Seine Hauptprotagonisten sind die Bauern, die als Soldaten des Ersten Weltkriegs die Bolschewiki unterstützen und ihnen den Sieg brachten, aber in dem Moment, wo sie demobilisiert wurden und sich wieder in Bauern verwandelten, die von der Landumverteilung profitieren wollten, mit den Bolschewiki in Konflikt gerieten. Die Revolutionäre wollten in erster Linie Getreide für die Stadt konfiszieren.36 Erfrischend thesenstark und leidenschaftlich sind auch die Essays von Bertram Wolfe zu lesen, die größtenteils bereits in den 1950er Jahren erschienen.37 Wie Abramovitch war er als junger Mann ein leidenschaftlicher, allerdings amerikanischer Kommunist und Mitstreiter von John Reed. Wie Abramovitch geriet er in Opposition zu Moskau, wandelte sich darüber hinaus aber mit dem Kalten Krieg zum scharfen Gegner des Kommunismus. In seinen Texten prangert er ganz im Geiste des Totalitarismus die Entwicklungen in der Sowjetunion an, tut dies aber nicht dogmatisch, sondern durchaus geistreich und auf Grundlage seines großen Wissens. Er insistiert, dass es mit Sowjet und Provisorischer Regierung nicht nur eine Doppelherrschaft gab, sondern als dritte Macht die „Raserei“ (russ.: stichija), die Macht der Straße zu zählen ist und die vierte Macht Lenins Plan war, diese „Urgewalt der Straße“ als Dynamit gegen die Provisorische Regierung einzusetzen (S. 140–145). Sehr erhellend und theoretisch anspruchsvoll ist auch Max Eastmans Abrechnung mit Lenin von 1926 zu lesen. Ganz ähnlich wie Wolfe war er ein begeisterter Kommunist, bevor er 1923 bei einer Reise durch die Sowjetunion den Beginn der Stalin’schen Machtkämpfe miterlebte. Er war mit Trotzki befreundet und mit der Schwester des sowjetischen, 1938 erschossenen Justizministers Nikolaj Krylenko, verheiratet und unterstützte schließlich Joseph McCarthy bei seinem Feldzug gegen Kommunisten. Eastman versuchte, damals vermutlich als einer der ersten, den Bolschewismus zu sezieren oder besser seine Genealogie aus Hegel, Marxismus, der Funktion des Denkens, wie Freud sie beschreibt, und Darwin’schen Anleihen zu schreiben, bevor er noch die Zutaten Anarchismus und Syndikalismus zum Endprodukt hinzufügt. Wie ein Getriebener geht er mit großer Leidenschaft der Frage nach, wie Lenin den Bolschewismus als extremen und gewalttätigen Dogmatismus kreierte, dem Marxismus alles Humanistische austrieb und die Berufsrevolutionäre hoch über die notfalls zu verstoßende Klasse der Arbeiter stellte (S. 142, 151, 169). Die Erkenntnis, dass Lenin nicht den Marxismus umsetzte, sondern ihn mit Anleihen vor allem bei den Sozialrevolutionären zu einer gewalttätigen, elitären, verschworenen Bewegung formte, gehört heute zum Standardwissen. Eastman bringt es so auf den Punkt: Wenn man einen Fluss überqueren wolle, sei es absurd anzunehmen, dass Stahl und Eisen sich allein zu einer Brücke formen würden und dabei ein Bewusstsein entwickelten; ebenso absurd sei es, eine Diktatur des Proletariats als Brücke zu einer wirklich humanen Gesellschaft einzurichten (S. 141).

Nach diesen drei allein durch die dahinter stehenden persönlichen Schicksale faszinierenden Schriften ist die von Georges Haupt und Jean-Jacques Marie herausgegebene Sammlung von 56 Kurzportraits von Revolutionär_innen leider eine Enttäuschung.38 Das Werk wurde 1969 auf Französisch herausgegeben und erschien 1974 das erste Mal auf Englisch. Die Texte stammen alle aus der siebten Auflage der sowjetischen Enzyklopädie „Politiker der UdSSR in der Oktoberrevolution“, die zwischen 1927 und 1929 in Moskau erschien. Das Positive ist, dass all diese Lexikonbeiträge von den Revolutionären – etwa Bucharin, Kamenev, Lenin, – selbst verfasst oder autorisiert wurden; sie sind also nicht stalinistisch gesäubert oder frisiert. Zudem haben die beiden Herausgeber an jede „offizielle“ Vignette einen ausführlichen Kommentar mit Korrekturen und Ergänzungen gehängt, der allerdings nur schlecht von der Quelle abgesetzt ist – oft sind beide nur durch einen einfachen Absatz getrennt. Das Bedauerliche ist, dass heute mit (der russischen) Wikipedia ein viel ausführlicheres Nachschlagewerk zu den Biografien zur Verfügung steht. Der Verlag Routledge hat sich nicht die Mühe gemacht, jemanden damit zu beauftragen, die Daten, die 1974 noch nicht bekannt waren, und das betrifft viele Todesurteile und -umstände der Revolutionär_innen zu recherchieren und nachzutragen. So bleibt der Informationsgehalt hinter dem Internet zurück, und ob die streng durchstrukturieren Lebensläufe als Ego-Dokumente einen großen Wert darstellen, darf bezweifelt werden.

Einer bislang oft marginalisierten Akteursgruppe hat sich Philippe Kellermann mit seinem Sammelband über Anarchist_inen angenommen.39 Nicht nur in der Sowjetunion, auch im Westen ist man unmerklich der Devise gefolgt, die Sieger schreiben die Geschichte, und hat sich die Geschichte der Weißen, die gegen die Bolschewiki in den Bürgerkrieg zogen, beschrieben, die anderen im weitesten Sinne sozialistischen Gruppen, die die Bolschewiki früher oder später verstießen und vernichteten, aber eher vernachlässigt. Sehr aufschlussreich ist daher der ausführliche Aufsatz von Dmitri Rublew, der das schwierige Verhältnis der Anarchist_innen zu den Bolschewiki schildert. Erstere waren sich keineswegs einig, ob sie die Bolschewiki temporär unterstützen sollten, um damit die dritte, anarchische Revolution, die sie ersehnten, zu beschleunigen, oder aber ob die Bolschewiki zu bekämpfen seien und eine Zweckgemeinschaft verwerflich sei (S. 15). Bereits erwähnt wurde der Schulterschluss der Anarchist_innen mit den radikalen Bolschewiki während der „Juli-Tage“; der Umsturz am 25. Oktober wurde nur von einem Teil begrüßt, während die Auflösung der Konstituante wieder auf ungeteilte Zustimmung stieß, da die Anarchist_innen den Parlamentarismus ablehnten (S. 27, 41). Als die Tscheka im April 1918 die Anarchist_innen entwaffnete, beklagten diese die Rückkehr zur Parteidiktatur. Der Schlingerkurs der Anarchist_innen endete im Bürgerkrieg, so Rublew, als sich die meisten auf die Seite der Roten schlugen, weil sie die Weißen ablehnten (S. 54, 66).

Dass dies keineswegs so eindeutig war, führt Alexander Schubin in seinem Beitrag über die Machno-Bewegung aus. Auch er unterstreicht noch einmal, dass die Anarchist_innen eine viel größere Rolle spielten, als ihnen bisher zugebilligt wurde. 1918 gaben sie 55 Zeitungen und Zeitschriften heraus und schickten 1919 sogar einen Zug mit Getreide für die hungernden Arbeiter_innen nach Moskau.40 Allerdings ist die Machno-Bewegung schon immer als mächtige Kraft, die sich im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki stellte, beschrieben worden. Schubin setzt einen neuen Akzent, indem er zeigt, wie skrupellos die Bolschewiki abwechselnd versuchten, Machnos Truppen zu bezwingen, in die eigenen Reihen einzugliedern, im Kampf gegen die Weißen zu benutzen und schließlich zu vernichten.

Apokalypse und Erlösung

Mit ganz anderen Akteur_innen konfrontiert uns der Herausgeber Ulrich Schmid. Sein Band ist eine von drei vollkommen erstaunlich und unerwartet 2017 erschienenen Geschichtserzählungen, welche die Revolution in ein ganz anderes, biblisch-religiöses Narrativ stellen und von Apokalypse einerseits sowie von Heilsversprechen, Jüngstem Tag und Erlösung andererseits erzählen. „De profundis“ – „Aus dem Abgrund“ ist ein erschütterndes, leidenschaftliches, verzweifeltes Werk, das bereits 1918 gedruckt, aber nur noch unter der Hand verteilt werden konnte. Es gelangte 1922 mit dem „Philosophendampfer“ nach Deutschland und wurde 1967 von YMCA-Press nachgedruckt und zurück nach Russland geschmuggelt. 1991 erfuhr das Buch eine große, kommentierte Auflage und liegt nun erstmals auf Deutsch vor.41 Es ist eine Textsammlung von Autoren, die größtenteils bereits 1909 an dem berühmten Band „Wegzeichen“ mitgewirkt hatten, in dem die Intelligenz dazu aufrief, die gesellschaftliche Ordnung produktiv mitzugestalten, und die Gefahren beschwor, die drohten, falls die Intellektuellen den Staat weiter als Despotie boykottieren und sabotieren würden.42 Karl Schlögel warnt einleitend unnötig vor der Sprache und Denkart, die für uns ungewöhnlich und alles andere als einfach sei: „[…] man mag sich sogar fragen, ob sich die Mühe lohnt“ (S. 10). Sie lohnt sich auf jeden Fall, ist dies doch ein eindrückliches Dokument voller Verzweiflung, Selbstkasteiung und Hoffnungslosigkeit. So unterschiedlich auch einige Positionen sein mögen, stimmen sie darin überein, dass die Religion, nicht als frömmelnde oder eklesiastische Kraft, sondern als Grundlage des gesellschaftlichen Miteinanders, vernichtet wurde und nur deshalb der Bolschewismus siegen konnte. Sie nennen es nicht so, aber sie beklagen den Zusammenbruch der Zivilgesellschaft, an deren Stelle der Mob, die Gewalt der Straße, das Böse schlechthin getreten sei.43 Sergej Askoldow nennt es den Aufstand Luzifers gegen die göttliche Weltkonstruktion (S. 38). Die Einlassungen wirken auch deshalb so erschütternd, weil es in erster Linie Selbstanklagen sind, dass man die Gefahren nicht gesehen oder unterschätzt habe, dass man dem Ende von Religion, Staat und Ordnung selbst das Wort geredet habe, dass man beim Versuch, die traditionelle Herrschaft zu reformieren, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe, dass der idealisierte Humanismus nichts fürs einfache Volk gewesen sei, sondern nur für die Intelligenz, dass man sich immer mehr vom einfachen Volk entfernt habe und zu Čaadaevs berühmten „überflüssigen Menschen“ geworden sei, die das „Tosen des Volkes“ nicht hörten, das nun alles übertöne (S. 63, 80 und S. 322). Alexander Isgojew fasst die bittere Erkenntnis so zusammen: Die Intelligenzija sei ein mächtiges Werkzeug der Zerstörung, nicht der Erschaffung des Staates geworden (S. 250), und Pjotr Struve formuliert es noch drastischer: „Die Revolution erklärt sich aus der einseitig, perversen geistigen Erziehung der russischen Intelligenzija und der Wirkung des Weltkriegs“ (S. 389).

Gleichsam das Gegenstück dazu schreiben Gerd Koenen und Juri Slezkine mit ihren Monumentalgeschichten. Sie stellen sich diametral gegen den oben beschriebenen Trend, die Narration in Einzelgeschichten und Zufälle zerfallen zu lassen. Ganz im Gegenteil unternehmen sie auf je rund 1000 Seiten das ambitionierte Unterfangen, die Oktoberrevolution als Teil einer größeren Heils- und Erlösungsgeschichte zu erzählen und damit neue Kausalitäten, Verbindungslinien und Kontinuitäten herzustellen. Gerd Koenen führt uns mit „Der Farbe Rot“ zunächst auf eine falsche Fährte. Er meint mit rot zwar auch die Farbe des Kommunismus, aber fast noch wichtiger ist ihm das Rot als Farbe des Lebens, des Blutes, das man sieht, wenn man die Augen schließt (S. 13). Ihn interessiert aber auch, wie es zu der, wie er es nennt, „abendländischen Farbenlehre“ kommen konnte, in der „blau“ für die NATO, Europa und den Kapitalismus steht, während „rot“ die „Zweite Welt“ des Kommunismus beschreibt (S. 20). Vier Dimensionen muss man laut Koenen in den Blick nehmen, um die Geschichte des Kommunismus wirklich zu verstehen: 1) die spezifischen Gesellschaftsgeschichten, 2) die Wechselwirkungen mit der kapitalistischen Weltordnung, 3) die vielfältigen Evolutionen der Sozialismen und ganz entscheidend 4) die universal- und menschheitsgeschichtliche Dimension, die er als „Farbe Rot“ zusammenfasst (S. 39). Er wählt diese Breite, weil er eben nicht glaubt, wie es viele Gelehrte früher postuliert haben, inzwischen aber auch kaum jemand noch vertritt, dass sich 1917 allein aus der Idee des Marxismus erklären lasse (S. 35 f.). Er möchte also Idee mit Akteur_innen, Kontexten und Situationen kontrastieren und schreibt so, wie er selbst fröhlich zugibt, „eine ziemlich freihändige Universalgeschichte des Kommunismus von den Uranfängen bis in den Post-Kommunismus“ (S. 1031). Tatsächlich beginnt sein Werk, das er in vier Bücher mit zwölf Blöcken gliedert, in der alten Geschichte mit ihren Urgemeinschaften, Platons Staat und dem Reich Christi. Alsbald folgt er dann der „Entdeckung der Zukunft“, dem Millenarismus und den Zukunftsverheißungen von Kommunismus und Kapitalismus. Nach dem „Zeitalter der Revolution“ widmet er sich der „Geburt der modernen Welt“, um schließlich zu Marx zu kommen. Erst das Dritte Buch und Teil acht thematisieren Russland, in das Koenen mit dem Moskauer Reich und Peter I. einsteigt (S. 480). Auch er beschreibt wie Engelstein, Smith und andere die gesellschaftlichen Entwicklungen als „soziale Gärmasse, aus der die größte und dramatischste Umwälzung der neueren Geschichte entstand“ (S. 513), und postuliert so aber anders als die oben zitierten wieder eine gewisse Zwangsläufigkeit. Koenen schreibt dazu: „Nichts in der Abfolge der Ereignisse dieser Revolution war unausweichlich, aber alles gehorchte einer prozessualen Logik, die im Nachhinein fast zwingend erscheint“ (S. 701). Seine Terminologie ist eng an die aus „De profundis“ angelehnt: „Wetterleuchten – Das Jahr 1905“, „Die Furien von Terror und Gegenterror“, „Menschheitsdämmerung“, „Auferstehung in Rot“. Und tatsächlich geht es Koenen bei aller Analyse und Abgeklärtheit um die katastrophische Dimension des Kommunismus, wie aus der Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit ein Alptraum von weltpolitischem Ausmaß werden konnte: „Sein historisches Momentum hat der Kommunismus weniger aus sich selbst geschöpft, aus seinen großen Ideen und Ideologien, seinem Pathos der Brüderlichkeit oder aus seinen utopischen Allmachtsfantasien und berauschenden Fortschrittsprospekten – als vielmehr aus den Katastrophen des Weltkriegszeitalters, den Krisen und Konflikten des europäischen Imperialismus und Kolonialismus und aus den Krisen und Krämpfen eines global sich durchsetzenden Kapitalismus“ (S. 886). Letztlich sucht Koenen also nach den Sollbruchstellen der (vor-)kapitalistischen Gesellschaften, die den Sieg des Sozialismus sowjetischer Prägung ermöglichten. Ihn treibt sowohl um, wie aus dem friedlichen jungen Mann Pol Pot, der in den 1950er Jahren in Paris studierte, ein grausamer Schlächter werden konnte (S. 30–33), als auch, warum der Sozialismus in China einen solch anderen Weg nahm und bis heute erfolgreich fortbesteht (S. 1003 ff.). In gewissem Sinne schreibt auch er wie Eastman eine Genealogie des Bolschewismus, indem er den historischen Bedingtheiten folgt: „kein chinesischer Kommunismus ohne die Sowjetunion und die Moskauer Internationale, kein Bolschewismus ohne die deutsche Sozialdemokratie und kein moderner Sozialismus ohne den Marxismus“ (S. 1031).

Ist bei Koenen die Idee und Sehnsucht nach einer neuen Gemeinschaft nur eine Dimension von vieren und der Millenarismus nur eine von verschiedenen transzendenten Bewegungen, erzählt Yuri Slezkine die russische Revolution ohne Einschränkung und Zögern als apokalyptische Heilsgeschichte. Es ist ein in jeder Hinsicht überraschendes und für einen amerikanischen Autor ungewöhnlich dickes Werk, das er mit „Das Haus der Regierung. Eine Sage der Russischen Revolution“ vorlegt.44 Anders als Koenen macht er sich gar nicht erst die Mühe, von verschiedenen Faktoren wie „sozialer Gärmasse“, Situationen und Kontexten zu sprechen, sondern legt sich darauf fest – auch ohne irgendwelche anderen Ansätze und Zugänge zu diskutieren – die Bolschewiki als millenaristische Sekte zu begreifen, die sich auf die Apokalypse vorbereitete (S. xii). Dennoch will auch er drei Stränge verfolgen: die Familiensage der Menschen, die in dem berühmt-berüchtigten „Haus am Ufer“ lebten und starben, sodann die Analyse der Bolschewiki als Endzeit-Avantgarde und schließlich die literarische Dimension, womit er all die Werke der Weltliteratur meint, die seine Protagonist_innen rezipierten und sie erst zu ihrer Mission bekehrten. Slezkines Brennglas oder „Versuchskäfig“ ist der „Bonzenbunker“, das Haus, das 1927 in Auftrag gegeben wurde, um endlich genügend Platz für all die Parteikader, Wirtschaftsführer und Regierungsbeamten zu schaffen, und in das 1931 die ersten Bewohner_innen einzogen (S. 318, 377). Es lag direkt gegenüber vom Kreml am Ufer der Moskva, wo es noch heute steht und inzwischen als Luxuswohnraum Neue Russen und andere Großverdiener anzieht. Das Haus war und ist eine Stadt in der Stadt mit 2655 Mieter_innen, an die 800 Dienstbot_innen, einer Cafeteria, einem Lebensmittelladen, einer Klinik, einer Kindertagesstätte, Friseursalon, Post, Wäscherei und Tennisplatz und vielem mehr (Zahlen von 1935; S. xi). So prestigereich es war und ist, hier zu wohnen, so tragisch war das Schicksal vieler Bewohner_innen, von denen in den 1930er und 40er Jahren rund 800 verhaftet und 344 erschossen wurden (S. 11 f.). Slezkine beschreibt die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner_innen von der späten Zarenzeit, als sich hier noch ein Sumpf und ein Markt ausbreiteten, bis in die Nachkriegszeit, als diejenigen, die Lager und Krieg überlebt hatten, zurückkehrten. Wie Koenen teilt er sein Werk in drei Bücher „Unterwegs“, „Zu Hause“, „Vor Gericht“, sechs Teile und 33 Kapitel. Wie Merridale und Steinberg schreibt auch er, ohne es zu thematisieren, ein Stück Raumgeschichte und beginnt sozusagen im Urschlamm mit der geografischen und sozialen Geschichte, wie sich der Sumpf südlich der Moskva gegenüber dem Kreml über die Jahrhunderte entwickelte, was Slezkine mit zahlreichen, fantastischen Fotografien bebildert. Tatsächlich lebten hier viele Personen, die der Geschichtswissenschaft wohl bekannt sind: Nikolaj Bucharin, der hier ebenso aufwuchs und mit Ilja Ehrenburg in dieselbe Klasse ging (S. 27), wie Semen Kanačikov, ein Arbeiter, dessen Memoiren später die Historiker_innen elektrisieren sollten (S. 9). Hier standen nicht nur die Gustav List Metallwerke, in denen Kanačikov arbeitete, sondern auch die Mädchenschule, in der Rachmaninov unterrichtete (S. 13 f.). Aber Slezkine zeichnet nicht nur ein Panorama und die Sozialgeschichte des „Sumpfes“, sondern man muss seinen Untertitel ernst nehmen, dass es sich hier um eine „Sage“ handelt. Eigentlich ist sie die Absage an die klassischen geschichtswissenschaftlichen Verfahren. Doch Slezkine geht es offensichtlich weniger darum, die Nachprüfbarkeit und Wissenschaftlichkeit seiner Geschichte in Frage zu stellen, als um die Möglichkeit, diese Geschichte in einem anderen Modus zu erzählen. Und das tut er, indem er ausführlich, viel ausführlicher, als es sonst in der Geschichtswissenschaft üblich ist, die Lebensgeschichten seiner Protagonist_innen von Anfang bis Ende vorstellt, großzügig aus ihren Briefen und Aufzeichnungen zitiert und dabei der Logik der Lebensgeschichte folgt und nicht da abkürzt, wo für das analytische Argument genug gesagt ist. Mit seinem Untertitel verweist Slezkine auch darauf, dass diese Geschichte zwar nicht fantastischen Ursprungs ist, aber fantastische Ausmaße erreichte und nur zu verstehen ist, wenn man die fantastische Motivation der Bolschewiki als apokalyptische Reiter ernst nimmt. „Millenarismus“ definiert Slezkine als „Rachefantasie der Besitzlosen, die Hoffnung auf ein großes Erwachen in Zeiten einer großer Enttäuschung“ (S. 99).

Wie Koenen beginnt auch Slezkine auf den Spuren der Propheten des letzten Tages. Ein ganzes Kapitel widmet er dem Glauben und der Religionssoziologie, um zu erläutern, wieso er die Überzeugungen des ersten Sowjetischen Regierungschefs Jakov Sverdlov, Valerian Osinskijs, eines Mitstreiters Bucharins, und des Dichters Vladimir Majakovskij so wie vieler anderer seiner Helden als Glaubensform interpretiert (S. 73). Warum er Religion mit Revolution verknüpft, erklärt er unter Anrufung einschlägiger Autoritäten, die Revolution definieren als „Machtergreifung von ‚delierenden‘ Idealisten, die die Erfüllung einer ‚göttlichen Perfektion‘ erwarten“ (Crane Brinton), als „politische Transformation, die wahrgenommen wird als Übergang von einer korrupten alten Welt zu einer tugendhaften neuen“ (Martin Malia) und als „Kombination eines Regimewechsels mit der Kristallisierung neuer Kosmologien“ (Shmuel Eisenstadt) (S. 121). Lenin war, so Slezkine, der „wahre Prophet, der es vermochte, sowohl sein Volk durch das sich teilende Meer zu führen, als auch sich jeder ihrer launischen Klagen anzunehmen“ (S. 131). Wie Koenen benutzt Slezkine sprachliche Bilder, um diese Interpretation zu untermauern: der „Sumpf“ war zu einer „Flut“ geworden, die in den „Smolny“ schwappte (S. 137). Tatsächlich ist es aber nicht nur seine Wortwahl, sondern auch die Quellensprache, die von einer „Flut“ redet (S. 150, 156). Der erste Schritt nach der Machtergreifung sei es gewesen, die „zwei Armeen von Armageddon“ auszusenden, um neun Gruppen, die Bucharin identifiziert hatte, darunter auch die Romanovs, zu vernichten, so Slezkine (S. 155). Hier wird die Problematik des Ansatzes deutlich, der alles dem apokalyptischen Narrativ unterwirft: Dass es nur der radikale Teil der Bolschewiki war, die den Tod des Zaren forderten, und Lenin lange um diese Entscheidung rang, die er nur als ultima ratio traf, bleibt in dieser Erzählung ausgespart. Es ist Vor- und Nachteil dieses Buches, dass Slezkine seiner „Sage“ treu bleibt und die Geschichte strikt als Sieg der Krieger des Jüngsten Tages schildert, ein, wie er unterstreicht, einmaliges Vorkommnis, denn noch nie zuvor hätte eine apokalyptische Sekte es geschafft, die Kontrolle über ein bestehendes „Heidenreich“ zu übernehmen (S. 180). Diese geschlossene Argumentation führt teilweise zu Vereinfachungen, scheint aber an anderen Stellen wieder zwingend, denn Slezkine kann belegen, dass gleich nach Ende des Bürgerkriegs die Veteranen begannen, diesen als Apokalypse, Kreuzigung oder Exodus zu mythologisieren (S. 195 f.). Auch der einsetzende Kult um Lenin passt ins Bild, der als himmlischer Vater und Sohn zugleich für unsterblich erklärt wurde (S. 213). Mit dem Syndrom des erschöpften Kämpfers, der enttäuscht war, dass der Sieg errungen, aber das Reich von Milch und Honig noch nicht angebrochen war, erklärt Slezkine ein bislang unbekanntes Phänomen: dass zum Ende der 1920er Jahre 68 % der sich in Sanatorien erholenden Parteikader erklärten, psychisch erschöpft zu sein (S. 220 f.). Auch die Abkehr von der traditionellen Familie leitet Slezkine nicht aus dem modernen Marxismus, sondern aus der inneren Logik von Sekten ab, bei denen die Bruderschaft, nicht Familienbande und Geborgenheit, im Vordergrund stehe (S. 228 f.). Doch scheiterte die Theorie an der Praxis, wie Slezkine ausführt: Trotz der propagierten Einzelzellen für jede Person wurde das „Haus am Ufer“ letztlich traditionell in große Wohnungen unterteilt, in die ganze Familien einzogen (S. 346). Sehr ausführlich schildert Slezkine nun, wer wo einzog, nennt die Hausaufgänge, Wohnungsnummern und zitiert die Möbellisten. Auch dies ist Teil der „Sage“: ein komplettes Inventar von Personen und Gegenständen zu liefern. Hier nähert sich Slezkine Schlögels Herangehensweise der Museumsschau an, der das „Haus am Ufer“ ebenfalls in seine Erinnerungsorte aufgenommen hat (dort: S. 703–715). Slezkine gelingt es alsdann, die Kollektivierung der Bauernschaft im gesamten Reich aus Perspektive des Moskauer Hauses zu beschreiben: Seine These ist, dass der Hunger zum großen Teil von den Mietern dieses Hauses organisiert wurde (S. 439). In langen Passagen zitiert er die Berichte aus den Hungerregionen, die beklemmend sind, hier aber eher vom Thema wegführen. „Das Reich der Heiligen“ nennt er den nächsten Teil, in dem er ausführlich auf das Leben der Auserwählten im Regierungshaus, auf ihren Datschen und mit ihren Kindern erzählt. Slezkine zieht dabei die Biografien seiner zahlreichen Protagonist_innen von einem Kapitel zum anderen und verfolgt hier auch das Schicksal des Schriftstellers Jurij Trifonov, der wohl einer der berühmtesten Bewohner des Hauses war. Sein Vater Valentin Trifonov war Kommissar der Roten Armee, der im Bürgerkrieg die Kosakenaufstände am Oberen Don niederschlug (S. 166). Jurii war eins der glücklichen auserwählten Kinder in diesem Haus, bis sein Vater am 21. Juni 1937 verhaftet wurde und die Familie zwei Jahre später ausziehen musste (S. 774, 892). Trifonov ist auch deshalb einer der vielen biografischen roten Fäden, die Slezkine durch sein Buch zieht, weil er mit seinem späteren Roman „Das Haus am Ufer“ genau die Situation im Haus während des Großen Terrors in die Literaturgeschichte einschrieb, und bis heute seine Witwe das kleine Museum zum „Bonzenbunker“ führt.

Das Haus ist auch deshalb ein Erinnerungsort und Gegenstand zahlreicher Reportagen geworden, weil es stellvertretend für den Horror steht, den die Sowjetmenschen 1937/38 erlebten, wenn nachts die „Schwarzen Krähen“ des Geheimdienstes vorfuhren, dumpfe Tritte im Treppenhaus das Unheil ankündigten und schließlich Weinen und Wehklagen verkündeten, wen es diesmal getroffen hatte. In enzyklopädischer Ausführlichkeit erzählt Slezkine auch hier, wen es wann traf, zitiert ausführlich aus den Vernehmungsprotokollen, folgt Bucharin, Rykov und Radek in die Arrestzelle, und erzählt, wie Opfer und Henker Tür an Tür lebten. Er beschreibt auch wie Sergej Mironov, auf den die Einrichtung von Trojkas zur schnelleren Aburteilung und Verhängung der Todesstrafe zurückgehen, in dieser Zeit in das Regierungshaus einzog und hier mit seiner Familie eine wunderbare Zeit verbrachte, bevor auch er Anfang 1939 verhaftet wurde (S. 790, 866 f.). Es versteht sich von selbst, dass Slezkine auch den Großen Terror – ungeachtet aller bisherigen Thesen von Schrecken als Herrschaftsmechanismus, sozialem Aufstieg, Fünfter Kolonne und social engineering – als religiöse Handlung deutet. Um die Funktion des Sündenbockes auszuloten, steigt er erneut tief in die Geschichte hinab, zitiert zahlreiche historische Beispiele und zuletzt sogar einen Fall aus den USA der 1980er Jahre. Entsprechend wählt er auch die Überschriften „Das Jüngste Gericht“, „Das Tal der Toten“. Man muss Slezkines Erklärung des Großen Terrors als Panik in Reaktion auf die Ermordung Kirovs beziehungsweise Massenpanik angesichts der vielen Feinde von außen nicht folgen, um seine Schilderung der Abläufe von der Verhaftung über die Verhöre bis hin zur Exekution beeindruckend und bedrückend zu finden. Auch dies gehört eindeutig in Schlögels Sammlung der Hinterlassenschaft des sowjetischen Jahrhunderts. Das Leben der Hausbewohner, so Slezkine, sei über all die Jahre durch drei Telefonanrufe erschüttert worden: als erstes kam die Nachricht von der Ermordung Kirovs am 01. Dezember 1934, es folgte der Anruf 1937/38, der das Familienoberhaupt unerwartet zur Arbeit rief, von wo es nie zurückkehrte, und schließlich das Schrillen am 22. Juni 1941, das den Überfall durch Deutschland vermeldete (S. 914). 500 Bewohner_innen zogen in den Krieg, fast jede_r Vierte kehrte nicht zurück (S. 924). Slezkine schließt, dass der Bolschewismus Russlands Reformation gewesen sei, der Versuch, die Bäuerinnen und Bauern in Sowjetmenschen zu transformieren und die Sowjetmenschen zu selbstkontrollierten, moralisch wachsamen modernen Untertan_innen zu machen: „Die Mittel waren vertraut: Bekenntnisse, Denunziationen, Exkommunizierung und Selbstkritik, begleitet von regelmäßigem Zähneputzen, Ohrenwaschen und Haarekämmen […]“ (S. 957).

Revolution an der Peripherie und Rezeption im Ausland

So sehr es inzwischen zum Standard gehört, auch von der Revolution an der Peripherie und den Aufständen der Nationalitäten zu erzählen, so bleibt doch Petrograd im Jahr 1917 im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nur hier, erklärt Smith, gab es die Doppelmacht bestehend aus Sowjet und Provisorischer Regierung (S. 107). Dennoch fehlen Geschichten, wie andernorts die Machtübergabe von zarischen Institutionen an die neuen Sowjets erfolgte, wer die Protagonisten, wer die Widersacher waren, wo die Konfliktlinien verliefen. Es gibt die Studien von Tanja Penter und Stefan Karsch oder auch von Donald Raleigh, die dies fernab von Petrograd für Odessa, Voronež und Saratov erforscht haben.45 Aber sie sind nicht neu aufgelegt worden. Erstaunlicherweise befasst sich auch kaum jemand mit den Ereignissen in Moskau, wo das Militär lange Zeit die Provisorische Regierung verteidigte, so dass hier tatsächlich, anders als in Petrograd, mehrere Hundert Revolutionstote zu beklagen waren. Von der Moskauer Schlacht erzählen nur Figes (S. 120), Wade (S. 247) und Slezkine (S. 138), der aber auch für die Schilderung des Revolutionsgeschehens mit einem seiner Protagonisten, Jakov Sverdlov, nach Petrograd wechselt. So erfolgt die Erzählung und Hierarchie meist von innen nach außen: auf die Erzählung um Petrograd folgen die Loslösung Finnlands und des Baltikums, dann der Machtkampf und Krieg in der Ukraine und schließlich die Entwicklungen im Kaukasus und Zentralasien.46 Steinberg setzt die Akzente etwas anders, indem er, ohne die Auswahl zu begründen, sich nur auf Zentralasien und die Ukraine konzentriert, dafür aber mit Isaak Babel die Geschichte des aufgeklärten Judentums erzählt (S. 228 ff., S. 244 f., S. 261 ff.). Im Gegensatz dazu berichtet Engelstein in extenso über die Entwicklungen in allen russländischen Provinzen von der Zarenzeit über 1917 bis ans Ende des Bürgerkriegs und schreibt ein weiteres Kapitel über den „Krieg gegen die Juden“ (S. 245–360, S. 511–540). Nur Aust dreht die Perspektive um und erzählt seine Geschichte als Imperiumsgeschichte konsequent von der Peripherie aus. Das Problem ist hier allerdings, dass in dieser Struktur der Krieg gegen die Bauernschaft, die daraus resultierende Hungersnot und der Rote Terror kaum erwähnt werden (S. 156–201). Der einzige, der es nicht für nötig hält, sich mit der Peripherie und Nationalitäten auseinanderzusetzen, ist Figes, der dieses Thema einfach übergeht.

Doch die Revolution blieb nicht an den Außengrenzen des Zarenreichs stehen. Auch wenn die von Lenin erhoffte Weltrevolution ausblieb, erreichten die beiden Revolutionen in mehreren seismischen Schockwellen zumindest Europa und erfassten hier insbesondere Arbeiteraktivist_innen, Sozialist_innen aller Couleur, Anarchist_innen und Gewerkschafter_innen. Wie viel Lenin investierte und wie weit er eingriff, um wenigstens in Deutschland die Revolution herbeizuführen, zeigt Abramovitch sehr ausführlich in einem eigenen Kapitel (S. 232 ff.). Wie sehr die deutsche Linke 1917/18 hinsichtlich ihrer Haltung zum Oktober und den Bolschewiki gespalten war, offenbaren die Dokumente, die Jörn Schütrumpf herausgegeben hat. Rosa Luxemburg hatte 1918 im Breslauer Zuchthaus eine Abrechnung mit Lenin geschrieben, in der sie scharf die Auflösung der Konstituante und den Wahlrechtsentzug für die besitzenden Klassen kritisierte.47 Hier formulierte sie ihr heute berühmtes: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ (S. 38). Doch die moskautreuen Sozialist_innen verhinderten eine Veröffentlichung in den „Spartakusbriefen“, was ein peinliches Nachspiel für Klara Zetkin hatte. Dieser Sammelband druckt Luxemburgs Schrift leider nicht ab, sondern nur die Dokumentation der Publikationsgeschichte sowie Beiträge aus dem „Sozialdemokrat“ 1918, der erst 2016 wiedergefunden wurde, nachdem er in der DDR „sekretiert“ worden war.48 Die „Vorbemerkung“ von nur einer Seite ist leider viel zu knapp als Einführung und scheint eher für Eingeweihte geschrieben.49 Die Texte an sich sind spannend, offenbaren sie die Argumente für und wider die Bolschewiki, wie sie von deutschen Sozialisten, Franz Mehring, Karl Radek und Rudolf Breitscheid auf der einen, Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Heinrich Ströbel auf der anderen Seite vorgetragen wurden.50 In vielen Studien und Quellen zeigt sich, dass die Idealisierung der Revolution nur dort in Europa Bestand hatte, wo niemand ins „gelobte Land“ reiste, um mit der sowjetischen Realität konfrontiert zu werden. Während die französischen51, italienischen52, spanischen53 und deutschen54 Anarchist_innen schnell aufgrund ihrer Erlebnisse begannen, die Bolschewiki und ihre Praktiken zu kritisieren, glaubten die Anarchist_innen in der Schweiz bis 1932, dass Bakunin seine Erfüllung in Lenin gefunden habe – weil sich niemand vor Ort ein Bild gemacht hatte.55

Schließlich ist ein Sammelband mit dem Titel „100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland“ erschienen, der ein Sammelsurium von Texten zu den verschiedensten Themen enthält, nur keinen zum Thema, wie die Oktoberrevolution 1917 auf Deutschland wirkte. Der Titel ist sehr weit ausgelegt worden oder wurde andersherum als Label genutzt für eine Anzahl von sehr heterogenen Texten, von denen die ersten vier – unter dem Titel „Russland im Blick“ – keinen Deutschlandbezug herstellen und auch die folgenden acht oft mehr schlecht als recht unter die Zwischenüberschrift „Deutschland im Blick. Auseinandersetzung mit kommunistischen Herausforderungen“ passen. Es gibt hier einen Essay des Althistorikers Egon Flaig über die Bedeutung der Mehrheitsentscheidung, der sich weder auf die russische noch die deutsche Geschichte bezieht56, staatsrechtliche Überlegungen zum Nationenstaat von Gerhard Simon57, fußnotenlose Ausführungen zu den Dissidenten Michnik, Solženicyn und Maksimov58 sowie Überlegungen von Xuewu Gu, warum China dem Untergangsschicksal der UdSSR entgehen konnte.59 Positiv heraus heben sich die Beiträge von Ekaterina Makhotina die über das Begehen des Revolutionsjubiläums in Russland heute referiert60, und von Anna Kaminsky mit ihrem Plädoyer, die DDR als Teil der Kommunismusgeschichte zu begreifen.61

Russische Historiografie und Erinnerung

Viel zentraler als die Fernwirkungen der Revolution auf Deutschland ist natürlich die Frage nach den Langzeitfolgen und dem heutigen Umgang mit der Revolution in Russland. Hier ist die professionelle Historiografie von der Erinnerungspolitik und -praxis zu unterscheiden, auch wenn Haumann zu Recht auf das große Erinnerungsepos „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak und die Verarbeitung in der Belletristik als eigenes Thema verweist.62 Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand sich die russische Historiografie in einem Dilemma: Die alten Interpretationsmuster des „Marxismus-Leninismus“ taugten nicht mehr und vielen schien jedes Theorem durch den Missbrauch der sozialistischen Theorie diskreditiert. Wer sich aber in neue Ansätze einlesen und auf den Stand der westlichen Forschung bringen wollte, brauchte Fremdsprachenkenntnisse, und diejenigen, die den Blick über den Rand des zerbrochenen Tellers wagten, wanderten in großen Scharen ins westliche Ausland ab. Das heißt nicht, dass in Russland nicht auch hervorragende Historiker_innen zurückblieben. Zwei der wichtigsten neuen Zugriffe auf die Revolution stammen von Boris Kolonickij (Petersburg) und Igor Narskij (Čeljabinsk). Kolonickij hat zusammen mit Orlando Figes 1999 Sprache und Symbol der Revolution untersucht und damit den Blick auf zentrale Werkzeuge der Bolschewiki erweitert.63 Narskij beschrieb unter dem sprechenden Titel „Leben in der Katastrophe“ den Bürgerkrieg aus der Alltagsperspektive der „normalen“ Menschen im Ural.64 Der Titel wurde leider weder ins Deutsche noch ins Englische übersetzt. Es findet sich aber eine Version in dem von Kristiane Janeke herausgegeben Ausstellungskatalog zu 1917.65 Während diese beiden Revolutionshistoriker die internationale Debatte maßgeblich beeinflusst haben, vereinigt Wladislaw Hedeler in seinem Sammelband russische Kolleg_innen, die die Skepsis gegenüber neuen Ansätzen nie überwunden haben, auch auf den Forschungsstand verzichten und allein die Quellen sprechen lassen.66 Das Ergebnis ist weder neu noch ansprechend zu lesen; dafür finden sich im Anhang Quellen zu 1917, die sich gut für den Einsatz in der Lehre eignen.

Neben den Trendsetter_innen einerseits und den Faktograph_innen andererseits gibt es noch die populärwissenschaftliche Beschäftigung mit der Revolution. Es gibt wohl kein sowjetisches Thema, zu dem der nicht unumstrittene Journalist Leonid Mlečin kein Buch geschrieben hätte, und so hat er auch eins zu 1917 auf den Markt gebracht, in dem er erstmal pauschal behauptet, dass wir heute immer noch nicht wissen, was damals wirklich geschah.67 Das ist starker Tobak, sieht man sich die Geschichtswissenschaften an. Mlečin bezieht sich aber auf die öffentliche Diskussion in Russland: Nachdem man jahrelang die gebetsmühlenartigen Erklärungen der Partei ertragen musste, begann nach 1991 die Zeit der Verschwörungstheorien: Erst beschuldigte man den deutschen Generalstab, dann erschienen die Briten als Strippenziehende der internationalen Verschwörung und heute meint man die amerikanische Hand hinter all dem zu erkennen (S. 5). Leider schwankt das Buch zwischen Sensationsgeschichte und ehrlichem Aufklärungsbemühen. Mlečin fügt da längere Exkurse ein, wo ihm das nötig erscheint, um populistische Meinungsmache mit Fakten zu konterkarieren, beispielsweise um der absurden Geschichte, Lenin hätte jüdische Vorfahren und überhaupt sei die Revolution den Juden zu verdanken, jeden Boden zu entziehen (S. 101, S. 203 ff.). So verdienstvoll und wichtig das ist, so sprunghaft und reißerisch sind seine sonstigen Geschichten und Histörchen, die er eigentlich nach Monaten vom Dezember 1916 bis Januar 1918, also von Rasputins Ermordung bis zur Auflösung der Konstituante, strukturiert, dann den jeweiligen Monat aber nur als Aufhänger nimmt, um in der Geschichte wild hin- und herzuspringen. Die von ihm selbst eingeforderte „ernsthafte, tiefgreifende und nüchterne Analyse“ bleibt dabei auf der Strecke, und mitunter scheint es ihm wichtiger zu sein – oder mehr Vergnügen zu bereiten? – zu erzählen, dass Lenin, begleitet von seiner Schwester am Flügel, gern sang (S. 209), anstatt etwas über die sozialen Verhältnisse, die Streiks und Hungerproteste zu sagen. Sein Tenor kommt wohl dem Richard Pipes’ „Jeder hasste jeden“68 und der Diagnose der „De profundis“-Autoren am nächsten, wonach sich alles in Auflösung befand und das Unterste nach oben kehrte: Die Soldaten kämpften nicht, die Generäle dienten dem Zaren nicht, die Duma folgte dem Zaren nicht, die Arbeiter_innen arbeiteten nicht und die Frauen unterwarfen sich nicht mehr ihren Männern und mischten sich plötzlich in die Politik (S. 140 ff.). Implizit sagt Mlečin aus, dass die Bolschewiki nicht siegten, sondern Chaos, Ungehorsam und Abschaum sie nach oben spülten.

So sehr sich Irina Šerbakova als Mitglied von Memorial Moskau von Leonid Mlečin unterscheidet, so stimmt sie doch mit ihm darin überein, dass in Russland seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr die aufklärerische Aufarbeitung von Revolution und Sowjetunion im Mittelpunkt steht, sondern an deren Stelle die Ermordung der Familie des Zaren, dessen Heiligsprechung und Verschwörungstheorien rückten, nach denen ausländische Kräfte für Russlands Sturz in den Abgrund 1917 verantwortlich waren.69 Ihr Beitrag findet sich in einem Band, der im zehn Jahres-Rhythmus Bestandsaufnahmen zu den Revolutionsfeiern in der Sowjetunion und ihren globalen Wirkungen macht. So steht nicht nur im Vordergrund, wie 1927 die Erzählung zum „Großen Oktober“ kanonisiert wurde und 1937 die staatlichen Feiertage im Kontrast zum allgegenwärtigen Terror standen, sondern auch, wie 1947 das Jubiläum von dem Zusammenschmieden des Ostblocks überlagert war, wie 1957 in Ostmitteleuropa die Angst vor der Restalinisierung dominierte und 1967 die „Oktoberrevolution“ die „Dritte Welt“ erreicht hatte. Nach diesem globalgeschichtlichen Schwenk kehrt der Band nach Russland zurück, wo das Jahr 1987 den Anfang der Perestroika und den „Countdown des Sowjetsystems“ markierte.70 Schon Altrichter hatte die Entwicklung des Mythos „Oktoberrevolution“ in seinem Band zusammengetragen und die Feiern zum ersten, zehnten, 50. und 70. Jahrestag analysiert, allerdings ausgerechnet 1937 und 1957 ausgelassen.71

Wie es im Jahr 2017 um die Feiern bestellt war, berichten Jan Plamper und Ekaterina Makhotina. Beide konstatieren eine merkwürdige Diskrepanz zwischen dem Interesse und Erinnern im Ausland und dem „beredten Schweigen“ in Russland.72 Makhotina führt dies auf drei Gründe zurück: die Aversion gegen alles Sowjetische, die aus den 1990er Jahren rührt, die Umorientierung auf die 1000-jährige Geschichte Russlands, in der inzwischen nicht nur der Zar, sondern auch die Weißen und als letzter Retter Russlands der 1911 ermordete Premier Stolypin verehrt werden, und schließlich Putins Abneigung gegen jede Form von Revolution, seien es bolschewistische oder bunte.73 Dazu gesellt sich aber auch eine gewisse Schizophrenie: Einerseits plant Putins Beichtvater, der Archimandrit Tichon, eine neue Kathedrale für die „Märtyrer der Revolution“ (Plamper: S. 286); andererseits ist das Revolutionsmuseum in Moskau bis heute nicht umgestaltet worden (Makhotina: S. 89). Als positiven Bezugspunkt benötigt zudem Putin die sowjetischen Errungenschaften wie den Sieg im Zweiten Weltkrieg und den Flug Jurij Gagarins, um sein Narrativ von der Größe Russlands zu untermauern. Außenminister Sergej Lavrov geht mit seinem Vorschlag noch einen Schritt weiter, 1917 in Anlehnung an die Französische Revolution als Ereignis umzudeuten, mit dem langfristig in Russland der soziale Wohlfahrtsstaat etabliert wurde (S. 89, 93).

Das Ende der Revolution?

Gerade an der stockenden Auseinandersetzung mit der Revolution in Russland merkt man, dass das Thema noch lange nicht abgeschlossen ist. Auch wenn die westliche Geschichtsschreibung stagniert und bei einer versöhnlichen, integralen all inclusive-Geschichte angelangt ist, kommt doch deutlich zu Tage, wo noch Forschungsbedarf wäre: tatsächlich „periphere“ Perspektiven auf 1917, die Untersuchung diverser Akteursgruppen durch die Jahre der Revolution und des Bürgerkriegs hindurch: nicht zuletzt der Frauen und Bauernschaft sowie diverser politischer Gruppierungen; aber auch eine Geschichte nur der ausländischen Interventionen angefangen bei Lenins Zug bis zur Invasion von Amerikanern und Japanern im Fernen Osten im Bürgerkrieg und der dahinterstehenden Kalkulationen könnte eine höchst spannende und sehr aufschlussreiche Geschichte sein. Während in der Historiografie also auf die nächste Phase zu warten ist, stellt sich die Frage, ob die Revolution 1917 als historischer Gegenstand überhaupt abgeschlossen ist, ganz anders – und die meisten Historiker_innen verneinen dies. Sowohl Steven Smith (S. 1) als auch Martin Aust (S. 7) zitieren François Furets Worte, die Französische Revolution sei endgültig zu Ende, und bezweifeln, dass sich das auch über die Russische Revolution sagen lasse. Figes ist überzeugt, dass die Revolution noch weiterlebe, nicht politisch, aber im „Geist jener Menschen, die von ihrem 100-jährigen Zyklus der Gewalt erfasst wurden“ (S. 356). Auch Steinberg hält die Oktoberrevolution für eine „offene und nicht abgeschlossene“ Geschichte (S. 357). Mlečin konstatiert: „Wir leben auch heute noch mit dem Erbe der Revolution“ (S. 5), und wundert sich, wie es sein kann, dass im heutigen Russland bei Meinungsumfragen Lenin und Nikolaus II. gleichauf liegen. Das zeigt sehr gut die Zerrissenheit einer Gesellschaft, die nach Orientierung sucht und zwischen imperialem Glanz und sowjetischen Errungenschaften hin- und hergerissen ist. Abramovitch hat das Problem der Vergangenheitsbewältigung in seiner Gruppe von Emigranten so beschrieben: Es war wie mit den Paläontologen, die auf einer Pazifikinsel prähistorische Eier fanden, die sie dem harmlosen, gigantischen Diplodokus zuordneten, aber nach ein paar Jahren feststellen mussten, dass es sich um eine grausame, fleischfressende Bestie handelte (S. xiv).

Auswahlbibliografie

  • Aust, Martin: Die Russische Revolution. Vom Zarenreich zum Sowjetimperium, 278 S., Beck, München 2017.

  • Behrends, Jan C./Katzer, Nikolaus/Lindenberger, Thomas (Hrsg.): 100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, 350 S., Links, Berlin 2017.

  • Dalos, György: Der letzte Zar. Der Untergang des Hauses Romanow, 231 S., Beck, München 2017.

  • Engelstein, Laura: Russia in Flames. War, Revolution, Civil War, 1914–1921, 856 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2018.

  • Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, 1133 S., Beck, München 2017.

  • Merridale, Catherine: Lenins Zug. Die Reise in die Revolution, 384 S., S. Fischer, Frankfurt a. M. 2017.

  • Schlögel, Karl: Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, 912 S., Beck, München 2017.

  • Slezkine, Yuri: The House of Government. A Saga of the Russian Revolution, 1104 S., Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2017.

  • Smith, Stephen Anthony: Russia in Revolution. An Empire in Crisis, 1890 to 1928, 455 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2017.

Notes

  1. Merridale, Catherine: Lenins Zug. Die Reise in die Revolution, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2017, S. 158.
  2. Pipes, Richard: 1917 and the Revisionists, in: The National Interest 31 (1993), H. 1, S. 68–79.
  3. Fitzpatrick, Sheila: New Perspectives on Stalinism, in: The Russian Review 45 (1986), H. 1, S. 357–373.
  4. Dies.: Introduction, in: Dies.: Stalinism. New Directions, Routledge, London 2000, S. 1–14.
  5. Merridale: Zug (wie Anm. 1), 172, 244.
  6. Schlögel, Karl: Edition der Carl Friedrich von Siemens Stiftung: Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, Beck, München 2017, S. 59.
  7. Neu aufgelegt wurden: Abramovitch, Raphael R.: The Soviet Revolution. 1917–1938, Taylor and Francis, Florence 2017; Altrichter, Helmut: Rußland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Schöningh, Paderborn 22017; Beyrau, Dietrich: Krieg und Revolution. Russische Erfahrungen, Schöningh, Paderborn 2017; Eastman, Max: Routledge Library Editions. Bd. 1: Marx, Lenin and the Science of Revolution, Taylor and Francis, Milton 2017 [1926]; Figes, Orlando: Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert, Hanser Berlin, München 2015; Wade, Rex A.: New Approaches to European History. Bd. 53: The Russian Revolution, 1917, Cambridge UP, Cambridge 32017.
  8. Aust, Martin: Die Russische Revolution. Vom Zarenreich zum Sowjetimperium, Beck, München 2017, S. 145; Siehe auch: Haumann, Heiko: Das Jahr 1917 in den Metropolen und in den Dörfern, in: Ders.: Die Russische Revolution 1917, Böhlau, Köln u. a. 22016, S. 73–89, hier S. 81.
  9. Engelstein, Laura: Russia in Flames. War, Revolution, Civil War, 1914–1921, Oxford UP, Oxford u. a. 2018, S. 162.
  10. Pipes, Richard: Die Russische Revolution. Band 2: Die Macht der Bolschewiki, Rowohlt, Berlin 1992, S. 145.
  11. Smith, Stephen Anthony: Russia in Revolution. An Empire in Crisis, 1890 to 1928, Oxford UP, Oxford u. a. 2017, S. 122; Altrichter: Rußland (wie Anm. 7), S. 186; Engelstein: Russia (wie Anm. 9), S. 154; Steinberg, Mark D.: Series Advisors: Russian Revolution, 1905–1921, Oxford UP, Oxford u. a. 2016, S. 75.
  12. Engelstein: Russia (wie Anm. 9), S. 154.
  13. Rublew, Dmitri: Die politische Position der Anarchisten in der russischen Revolution 1917–1918, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 11–66, hier S. 25.
  14. Smoljanskaja, Natalja: Die erste Sowjetrepublik. Das revolutionäre Kronstadt im Juli 1917, in: Hedeler, Wladislaw (Hrsg.): Die russische Linke zwischen März und November 1917, Dietz, Berlin 2017, S. 160–174; Abramovitch: Revolution (wie Anm. 7), S. 57.
  15. Altrichter: Rußland (wie Anm. 7), S. 203–206.
  16. Smith: Russia (wie Anm. 11), S. 146.
  17. Hier gibt es allerdings einen gravierenden Übersetzungsfehler. Im deutschen Text heißt es auf S. 110, die von Kornilov entsandten Truppen hätten die Hauptstadt besetzt und die Garnison entwaffnet. Tatsächlich war das nur ihr Auftrag; sie wurden vorher gestoppt, wie es denn auch richtig auf S. 111 heißt.
  18. Steinberg: Advisors (wie Anm. 11), S. 78.
  19. Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, Beck, München 2017, S. 747.
  20. Dalos, György: Der letzte Zar. Der Untergang des Hauses Romanow, Beck, München 2017, S. 11.
  21. Engelstein: Russia (wie Anm. 9); Aust: Revolution (wie Anm. 8); Beyrau: Krieg (wie Anm. 7); Steinberg: Advisors (wie Anm. 11).
  22. Mlečin, Leonid: Stal’noj orator, dremljuščij v kobure. Čto proischodilo v Rossii v 1917 godu, Centropoligraf, Moskau 2017, S. 8.
  23. Wolfe, Bertram: An Ideology in Power. Reflections on the Russian Revolution, Taylor and Francis, Milton 2017, S. 91.
  24. Reddayway, Peter/Cohen, Stephen F.: Orlando Figes and Stalin’s Victims, in: The National Interest, 11. Juni 2012; Booth, Robert/Elder, Miriam: Orlando Figes translation scrapped in Russia amid claims of inaccuracies. Publishers say it would take too long to ‘fix the text’ of historian’s interview-based book on Stalin’s Russia, in: The Guardian, 23. Mai 2012.
  25. Baberowski, Jörg: Die russische Revolution und das Ende des alten Europa. Die neue Diktatur, in: Altrichter, Helmut u. a. (Hrsg.): 1917 – Revolutionäres Russland, WBG, Darmstadt 2016, S. 115–127.
  26. Kossok, Manfred: Sozialismus an der Peripherie. Späte Schriften, hrsg. v. Jörn Schütrumpf, Dietz, Berlin 2016.
  27. Reed, John u. a. (Hrsg.): Zehn Tage, die die Welt erschütterten, Verl. der Kommunistischen Internationale; Carl Hoym Nachf. Louis Cahnbley, Hamburg 21922; Suchanov, Nikolaj Nikolaevič/Ehlert, Nikolaus/Fetscher, Iring (Hrsg.): 1917. Tagebuch der russischen Revolution, Piper, München 1967; Rodzjanko, Michail V.: Erinnerungen, Hobbing, Berlin 1926; Kerenskij, Aleksandr F./Marbach, Otto: Erinnerungen. Vom Sturz des Zarentums bis zu Lenins Staatsstreich, Reissner, Dresden 1928.
  28. Dolderer, Winfried: Mord in Jekaterinburg. Das Ende der Romanovs, in: Altrichter, Helmut u. a. (Hrsg.): 1917. Revolutionäres Russland, WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016, S. 7–10.
  29. Neutatz, Dietmar: Die Kulturrevolution. Erlösung vom Kapitalismus, in: Altrichter, Helmut u. a. (Hrsg.): 1917. Revolutionäres Russland, WBG, Darmstadt 2016, S. 87–100.
  30. Baberowski: Revolution (wie Anm. 25).
  31. Pipes, Richard: Die Russische Revolution, 3 Bde., Berlin 1992.
  32. Fälschlicher Weise heißt es bei Schlögel gleich zweimal, auf S. 62 und 63, es sei der 10. September gewesen.
  33. Die abgebildete Speisekarte des Festbanketts auf S. 25 stimmt leider nicht mit der Menüfolge im Text überein. Das richtige Bild findet sich hier: https://pbs.twimg.com/media/Ban7IkoCYAAU2oS.jpg [Zugriff: 27.02.2019].
  34. Engelstein: Russia (wie Anm. 9), S. 396 f.
  35. Slezkine, Yuri: The House of Government. A Saga of the Russian Revolution, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2017, S. 155.
  36. Abramovitch: Revolution (wie Anm. 7), S. 140, 193.
  37. Wolfe: Ideology (wie Anm. 23).
  38. Haupt, Georges/Marie, Jean-Jacques (Hrsg.): Routledge Library Editions. Bd. 4: Makers of the Russian Revolution. Biographies of Bolshevik Leaders, Routledge, Milton 2017 [1974].
  39. Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017.
  40. Schubin, Aexander: Die Machno-Bewegung und der Anarchismus, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 67–99, 73, 78.
  41. Schlögel, Karl: De profundis, ein Jahrhundert danach gelesen, in: Schmid, Ulrich (Hrsg.): De profundis. Vom Scheitern der russischen Revolution, Suhrkamp, Berlin 2017, S. 7–26, hier S. 7 f.; Schmid, Ulrich: Von der politischen Verantwortung der Intellektuellen. Eine russische Debatte, in: Ders.: De profundis. Vom Scheitern der russischen Revolution, Suhrkamp, Berlin 2017, S. 440–495, hier S. 440 f.
  42. Struve, Pjotr: Vorwort des Herausgebers, in: Schmid, Ulrich (Hrsg.): De profundis. Vom Scheitern der russischen Revolution, Suhrkamp, Berlin 2017, S. 27 f., hier S. 27.
  43. Berdjajew, Nikolaj: Die Geister der russischen Revolution. 84–145, in: Schmid, Ulrich (Hrsg.): De profundis. Vom Scheitern der russischen Revolution, Suhrkamp, Berlin 2017, S. 84–145.
  44. Slezkine: House (wie Anm. 35).
  45. Penter, Tanja: Beiträge zur Geschichte Osteuropas. Bd. 32: Odessa 1917. Revolution an der Peripherie. Zugl.: Köln, Univ., Diss., 1999, Böhlau, Köln 2000; Karsch, Stefan: Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa Geschichte. Bd. 71: Die bolschewistische Machtergreifung im Gouvernement Voronež. (1917–1919). Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss., 2004, Steiner, Stuttgart 2006; Raleigh, Donald J.: Experiencing Russia’s Civil War. Politics, Society, and Revolutionary Culture in Saratov, 1917–1922, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2002.
  46. Hausmann, Guido: Der gärende Vielvölkerstaat. Riesenreich im Umbruch, in: Altrichter, Helmut u. a. (Hrsg.): 1917 – Revolutionäres Russland, WBG, Darmstadt 2016, S. 11–26; Altrichter: Rußland (wie Anm. 7), Teil IV, S. 497–537.
  47. Stein, Alexander: Rosa Luxemburg gegen den Bolschewismus. Eine Besprechung, in: Schütrumpf, Jörn (Hrsg.): Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18, Dietz, Berlin 2017, S. 34–42, hier S. 36 f.
  48. Schütrumpf, Jörn: Vorbemerkung, in: DERS.: Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18, Dietz, Berlin 2017, S. 9, hier S. 9.
  49. Ebd.
  50. Dass.: Zankapfel Bolschewiki, in: Ders.: Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18, Dietz, Berlin 2017, S. 441–448, hier S. 446.
  51. Abidor, Mitchell: Victor Serge und der Anarchismus. Die russischen Jahre, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 128–165; Wolf, Siegbert: „Denn die Revolution […] fließt aus dem Herzen rebellischer Naturen“ (Erich Mühsam). Die russische Revolution 1917 und der Bolschewismus aus der Sicht zweier Anarchisten: Erich Mühsam und Pierre Ramus, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 353–382.
  52. Bertolucci, Franco: Im Osten geht die Sonne der Zukunft auf. Die russische Revolution aus Sicht der italienischen Anarchisten 1912–1922, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 187–249.
  53. Baxmeyer, Martin: Der Bericht des Uhrmachers. Die Kritik des spanischen Anarchosyndikalisten Angel Pestana an der bolschewistischen Revolution, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 250–287.
  54. Kellermann, Philippe: Die Stellungnahmen des deutschen Anarchismus und Anarchosyndikalismus zu russischer Revolution und Bolschewismus im Jahr 1919, in: Ders.: Anarchismus und Russische Revolution, Dietz, Berlin 2017, S. 288–315.
  55. Portmann, Werner: Leninistische Bluttransfusion für anarchistische Adern. Die Wirkung der Oktoberrevolution auf den Anarchismus in der Schweiz, in: Kellermann, Philippe (Hrsg.): Anarchismus und Russische Revolution, Karl Dietz, Berlin 2017, S. 288–315.
  56. Flaig, Egon: Die Mehrheitsentscheidung. Überlegungen zu ihrer kulturellen Bedeutung, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 95–113.
  57. Simon, Gerhard: „Bürgerliche“ Nationen abschaffen – „sozialistische“ Nationen schaffen. Kommunismus und nationale Frage, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 67–84.
  58. Mayer, Tilman: Linkes Denken, Dissidenz und die Bedeutung des Antikommunismus, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 221–232.
  59. Gu, Xuewu: Warum sich die VR China dem Untergangsschicksal der UdSSR und der DDR entziehen kann, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 233–242.
  60. Makhotina, Ekaterina: Hundert Jahre Russische Revolution. Das Jahr 1917 in der aktuellen Geschcihtspolitik Russlands, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 85–94.
  61. Kaminsky, Anna: DDR-Geschichte als Kommunismusgeschichte begreifen. Plädoyer für eine Perspektiverweiterung, in: Mayer, Tilman/Reuschenbach, Julia (Hrsg.): 1917. 100 Jahre Oktoberrevolution und ihre Fernwirkungen auf Deutschland, Nomos, Baden-Baden 2017, S. 243–250.
  62. Haumann, Heiko: Erinnerung an 1917. Sichtweisen der Russischen Revolution, in: DERS.: Die Russische Revolution 1917, Böhlau, Köln u. a. 22016, S. 173–187, hier S. 176.
  63. Figes, Orlando/Kolonickij, Boris Ivanovič: Interpreting the Russian Revolution. The Language and Symbols of 1917, Yale UP, New Haven, CT/London 1999.
  64. Narskij, Igor’ Vladimirovič: Social’naja istorija Rossii XX veka: Žizn’ v katastrofe. Budni naselenija Urala v 1917–1932 gg, ROSSPĖN, Moskva 2001.
  65. Dass.: Die Zerstörung des Landes und der Bauernkrieg. Die Russische Revolution jenseits der städtischen Zentren, in: Janeke, Kristiane (Hrsg.): 1917. Revolution. Russland und die Folgen, Sandstein, Dresden 2017, S. 54–67.
  66. Hedeler, Wladislaw (Hrsg.): Die russische Linke zwischen März und November 1917, Dietz, Berlin 2017.
  67. Mlečin (wie Anm. 22), S. 5.
  68. Pipes, Richard: Die Russische Revolution. Band 1: Der Zerfall des Zarenreiches, Rowohlt, Berlin 1992, S. 340.
  69. Scherbakowa, Irina: 1997. Eine Wende still und leise, in: Behrends, Jan C./Katzer, Nikolaus/Lindenberger, Thomas (Hrsg.): 100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Links, Berlin 2017, hier S. 245–247.
  70. Vatlin, Alexander: 1987. Lasst uns über Geschichte reden! Gorbatschow und die Umwertung des revolutionären Erbes, in: Behrends, Jan C./Katzer, Nikolaus/Lindenberger, Thomas (Hrsg.): 100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Links, Berlin 2017, S. 209–234, hier S. 209.
  71. Altrichter: Rußland (wie Anm. 7), S. 541 ff.
  72. Plamper, Jan: 2017. Erinnerung und Verdrängung der Revolution in Russland. Zwischen Märtyrologie, Konspirologie und starkem Staat, in: Behrends, Jan C./Katzer, Nikolaus/Lindenberger, Thomas (Hrsg.): 100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Links, Berlin 2017, S. 279–294, hier S. 292.
  73. Makhotina: Jahre (wie Anm. 60), S. 85.